Santina da Fusio Ein Leben für und mit der Natur

Wo die karge Bergwelt für harte Bedingungen sorgt, hat sich Santina da Fusio ein paradiesisches Universum geschaffen. Ein Tessiner Paradebeispiel für Mut, Kreativität und Durchhaltevermögen.

Intensive Düfte. Noch schlummert alles. Jetzt, wo die Morgensonne ihre ersten Strahlen sendet, steht der Garten Eden in Flammen, die Farben strahlen um die Wette. Dolden des Rittersporns glitzern wie durchsichtiger Lapislazuli. Kissen aus Edelweiss liegen da, als ob Sterne vom Himmel gefallen wären. Ein Meer Goldmelisse lässt die Rotschöpfe leuchten. Damaskusrosen recken ihre zartrosa Blüten zum Himmel. Fingerhut, Türkenbund, Lavendel wiegen sich im Wind. Der Garten ist voller Schmetterlinge.

 

Keine Chemie, keine Treibhäuser

So sieht es aus auf der kleinen Terrasse oberhalb Fusio. Hier, wo man sich wie am Ende der Welt fühlt, ganz zuhinterst im Valle Lavizzara, einem Seitental der Maggia, schwärmen die Bienen aus. Sie suchen Nektar und löschen den Durst an einer grossen Wasserschale. Santina da Fusio – die Santina von Fusio, wie sie genannt wird – hat die Schale mit Blüten und Steinen dekoriert. Sie sitzt auf der Bank. Ruhig und entspannt lässt sie die Schönheit und Kraft der Natur auf sich wirken, bevor sie an die Arbeit geht.

Das ist auch nötig: Die Früchte sind reif, ihr Gewicht biegt die Sträucher. «So viele Früchte gab es noch nie», sagt sie. Die Hitze im Frühling 2011 hat den ganzen Naturzyklus beschleunigt. Sie muss sich beeilen, denn im Juli wird das Tal immer wieder von sintflutartigen Regenfällen geplagt. Das setzt dem reifen Obst zu, sodass Santina manches Kilo nicht mehr auf dem Markt verkaufen kann. Dienstags in Ascona, donnerstags in Locarno. Es ist ihre wichtigste Einnahmequelle.

Santina verzichtet auf Kunstdünger, chemische Schädlingsbekämpfung, Treibhäuser oder sonstige Hilfsmittel. Sie setzt ganz auf biodynamisch, pflanzt und erntet nach dem Thun’schen Kalender1, der sich an den Mondphasen orientiert. Das haben schon ihre Vorfahren so gemacht.

 

Wenn der Frauenmantel «schwitzt»

Tautropfen glitzern auf Frauenmänteln. Wasser, das von der Alchemilla, wie der lateinische Name lautet, aktiv ausgeschieden wurde. «Alchimisten haben diese Tropfen früher gesammelt, weil das von der Pflanze gefilterte und gereinigte Wasser für sie ein kostbares Destillat darstellte», erklärt Santina. Schon die Druiden sollen das wertvolle Nass zur rituellen Reinigung bei kultischen Handlungen genutzt haben. «Wenn der Frauenmantel ‹schwitzt›, dann kommt Regen», weiss sie. Und sie wird recht behalten. Ob an Dachfirsten und Fenstern aufgehängte Frauenmantelkränze gegen Blitzschlag schützen, sei dahingestellt, doch von diesem Glauben rührt der Beiname «Gewittergras».

 

In Fusio ist es wie im Himalaya

Von Weitem wirkt Santina da Fusio wie ein Mädchen, zierlich und drahtig, erst aus der Nähe sieht man ihre wind- und wettergegerbte Haut. Ihre Grossmutter stammt von den Walsern ab. Die sollen in Fusio Spuren hinterlassen haben. Von oben seien sie gekommen, denn vom Maggiatal her gab es kein Durchkommen. Erst seit 1871 windet sich von Peccia ein Haarnadelsträsschen die Steilrampe herauf. Eine Zeit, in der auch die Auswanderung dem Tal zusetzte.

Als Santina zur Schule ging, gab es noch eine Klasse, in der auch ihre Geschwister und Cousins sassen. Ein Jahr nach ihrem Abgang 1982 wurde die Gesamtschule geschlossen. Nach einer Landwirtschaftslehre erkundete Santina die Welt. Der indische Himalaya faszinierte sie. Von den Buddhisten habe sie viel gelernt. Mit wenig glücklich zu sein und die Heimat zu lieben. Ihre Heimat sind die Berge. «Und in Fusio ists wie im Himalaya», findet Santina.

 

Mehr Mineralien, mehr Vitamine

Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren – die Kisten für den Markt füllen sich. Das beschädigte Obst wird zu Konfitüre verarbeitet oder an Freunde verschenkt. Schnell kann das pralle Obst Schaden erleiden, wenn sich die Himmelsschleusen öffnen und dem Tal Regen bescheren in einer Stärke, wie man sie nur von den Tropen her kennt. «Deshalb sind biodynamische Produkte teurer, weil der hohe Ausschuss mit einkalkuliert werden muss. Aber das verstehen viele nicht», sagt Santina ein wenig ärgerlich und fährt fort: «Geschmack und Inhaltsstoffe einer Gebirgserdbeere sind einer gedüngten Treibhauserdbeere aus dem Flachland weit überlegen. Gleich ist es mit dem biodynamischen Gemüse: mehr Mineralien, mehr Vitamine, mehr Energie.» Salate, Kohl, Randen, Rüebli, Zwiebeln, Bohnen, grüner Spargel bilden mit den Blumen- und Kräuterinseln ein hübsches Mosaik. Die Vielfalt ist überwältigend.

Nicht selten tönt es oben vom Wanderweg «Gott, wie ist der Garten schön», und dann klicken die Fotoapparate. Ja, es ist erstaunlich, eine solche Fülle dort anzutreffen, wo sonst eher Steine und raue Flanken regieren. Hier, wo viele Einheimische Reissaus nahmen vor den harten Bedingungen, ist Santina geblieben.

Eine Stallruine wurde zum Rustico und aus dem Brachland drum herum wurde der Garten. Sie und ihr Lebenspartner Giordano bewohnen ein winziges Häuschen. Die Stube mit Küche ist vier auf vier Meter gross, das Schlafzimmer liegt unter dem Dach, eine Falltür mit einer Leiter führt hinauf. In einem kleinen Anbau ist das Bad, und im Keller lagern die Gartenschätze. Santina kommt ihr Reich gross vor, weil sies gewohnt ist. «Früher war es ganz normal, so zu leben. Meine Grossmutter teilte sich mit einer 20-köpfigen Familie ein paar Quadratmeter.» Zwei Solarpanele reichen für den Strom, weil weder Fernseher noch Kühlschrank vorhanden sind. Santinas Wohnzimmer sind der Garten und die Natur.

 

«Wenn du ausgeglichen bist, sind auch die Bienen ruhig»

Wenn sich im Sommer die Arbeit häuft, weil vieles gleichzeitig reif ist, nimmt Giordano Santina das Blütenpflücken ab. Aus den Blüten werden Potpourris, die getrocknet als Tee verkauft werden. Eigentlich sind die Bienen Giordanos Leidenschaft. Die Stöcke reihen sich am Rand des Gartens. Einmal im Jahr erntet er den Honig, er lässt den Völkern genug, damit sie ohne Zuckerwasser über den Winter kommen. Meist kommt Giordano ohne Schutzkleidung aus. «Wenn du harmonisch und ausgeglichen bist, dann sind auch die Bienen ruhig. Sie fühlen sofort deinen Seelenzustand», sagt er. Nur in der Zeit vor Gewittern müsse man sich in Acht nehmen. Ab und zu setzt es einen Stich. Dagegen sind die beiden längst immun, nicht einmal eine Schwellung zeigt sich mehr. Ob es viel Honig gibt oder wenig, hängt vom Wetter ab. Bei Regen können die Bienen nicht ausfliegen. Im Durchschnitt seien auf zehn Jahre zwei gute dabei.

 

Die Natur ist ein Spiegel unserer selbst

Santina ist kein Mensch vieler Worte. «Die meisten Menschen reden zu viel, aber sie verstehen nicht», sagt sie. «Die Natur ist ein Spiegel unserer selbst. Wenn die Gesellschaft immer extremer wird in Konsumzwang, Freizeitrausch und Naturentfremdung, dann kommt das in der Natur eben zurück», erklärt sie die zunehmenden Überschwemmungen und Murgänge.

Santina kennt die Natur. Freunde holen gerne Rat. Dann greift sie in ihre Schatztruhe, empfiehlt Goldmelisse, die die Wundheilung fördert. Als Tee wirke sie beruhigend, helfe bei Erkältung, Schlaflosigkeit und Kopfweh.

 

Im Winter näht Santina die «Pedüü»

Der Winter: «Das ist die Zeit des In-sich-Gehens und der Reflexion. Den meisten Menschen fehlt diese Zeit des Ruhigwerdens. Sie leben in einem ewigen Wettkampf. Das meiste wird nicht von Herzen getan, sondern um gegenüber anderen grösser zu wirken, besser dazustehen, Aufmerksamkeit zu erheischen.» Santina liebt es, wenn der Schnee die Geräusche verschluckt und die Welt in Watte kleidet. Wenn Santina nicht Schnee schaufelt oder spazieren geht, sitzt sie an ihren «Pedüu». Das sind Finken aus Stoffresten, die sie anfertigt, wie das schon die Walser getan haben. Längst hat sich die Qualität ihrer warmen Hausschuhe herumgesprochen und mitunter ertrinkt sie fast in den Bestellungen, die am Marktstand eingehen. Doch ihr Zuhause kennen nur die Insider, und das soll auch so bleiben.

Porträt auf Italienisch

http://la1.rsi.ch → cherca → Santina da Fusio

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