Schneehühner

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Willy Zeller.

Frühling will 's werden im Bergland, Frühling I Sonnengesprüh flirrt über den Hängen, die nicht genug bekommen vom neckischen Flimmertanz und mit den Strahlenkobolden Fangball spielen. Erleichtert sinkt das Auge zu den indigoblauen Schattenwürfen in der Mulde. Sommertags ist hier ein hartes Steigen. Grobklotzige Granitquadern haben die Urweltskräfte durch-einandergeschleudert. Mürrisch nur klettern die Flechten über die splittrigen Kanten. Doch jetzt kuscheln sich allenthalben die Schneekissen darüber, und keine Seele ahnt das trotzige Wesen des verborgenen Grundes.

Über die schmeichelnd geschwungene Kuppe jenseits der Schattenmulde fingert ein Wirrsal von kleinen Spuren. Trippelnde Schrittchen reihen sich zur Kette, von links steigt ein zittriges Ebenbild. Dann finden sie sich, verschlingen sich zu lustiger Rätselschrift und brechen unvermittelt ab. Doch da und dort und überall übertupfen die fröhlichen Schrittchen den Hang und klettern schliesslich gegen die Südhalde, aus der die Sonne die ersten goldfarbenen Aperstellen gezaubert hat. Und wie über deren eine ein blitzend weisser Federball kugelt und gleich darauf ein zweiter, geht uns ein Licht auf, wem die Trippelschrittchen gehören. Schneehühner sind 's.

Ja, Lenz ist 's geworden. In dem stämmigen Schneehahn mit dem koketten Kohlenstreif durch das Auge und den mohnroten Rosen darüber fängt es zu rumoren an. Aus dem argwöhnischen Einsiedler vom Vorherbst ist ein schmucker, feuriger Galan geworden. Der reizenden Junghenne will es fast angst werden, wie er plötzlich ganz anders ist als sonst, sie mit graziös geöffneten Schwingen umtänzelt und nicht von ihrer Seite weicht. Was hat er denn nur? Ja, schön ist er wohl, am schönsten noch in seinen Fliegerkünsten. In reissendem Schwung geht es tannenhoch in den seidenweichen Berghimmel, dann öffnet er weit die blitzenden Flügel, und in wunderschönem Zitterflug senkt er sich zu seinem zarten Schneefräulein. Das ist ganz andächtig stehen geblieben, weiss gar nicht, wie ihm zumute ist, weiss nicht, dass es reizend aussieht, wie es so mit leichtgedrehtem Köpfchen auf-blickt und in bangem Harren das eine Füsschen hebt. Aber der Schneehahn weiss es, und wer will 's ihm verdenken, wenn er, kaum ist er in meisterhaftem Gleitflug gelandet, auf die Kleine zurennt und ihre Liebe im Sturm erobern will. Aber es wird nichts draus, denn die zierliche Henne erschrickt vor so viel Männlichkeit, flitzt wie ein Schneeball durch den silbrigen Frühglanz, und das wonnige Spiel beginnt von neuem.

Aber nicht immer ist eitel Sonnengold und Lebenslust im Bergland. Über den frühmorgendlichen Harschschnee schnürt der Fuchs, der alte Adler streicht um die Höhen, und hie und da steigt auch jemand aus dem Dorfe unten durch die Einsamkeit. Einmal, als sich aus den Schwingen schon die braunen Sommerfedern zu schieben begannen, hätte es dem Schneehahn schlimm gehen können. Friedlich pickte er in der Quellenmulde die vorjährigen Preiselbeeren aus dem Kraut und merkte nicht, wie sich ein fremdartiges Etwas langsam über den Grat schob. Zuerst war da ein verwetterter Berglerhut, dann ein breitnasiges Menschengesicht und ein langes, blitzendes Ping. Aber die Morgensonne funkelte so lustig darüber hin, dass der Schneehahn plötzlich hinsehen musste, zusammenschrak und davonschnurrte, während ein mörderischer Krach und ein ekliges Sausen hinter ihm herfuhren. Der plumpe Zweibeiner hatte es bös gemeint, aber der Schneehahn war hinten zu kurz, und so pfefferte die ganze Ladung in die ozonreiche Alpenluft.

Und die Henne? Ja, es muss doch Hochzeit geworden sein. Wie allenthalben Aurikeln und Anemonen blühen, huscht sie geschäftig durch die knospenden Alpenrosenstauden, erstarrt beim leisesten fremden Laut und ist unsichtbar. Das schneeige Winterkleid hat sie längst ausgezogen. In ihrem schlichten, braunwelligen Hausfrauengewand verschwimmt sie mit der warmfarbenen Halde. Und eines Tages hat sie gefunden, was sie suchte. In eine seichte Vertiefung legt sie sorgsam ein paar fahlbraune Hähnchen, kuschelt sich darein und presst mit weichem Druck die Nestmulde.Viel Arbeit braucht es ja nicht. Schon anderntags liegt ein Ei darin, schön ockergelb wie das Nestbettchen. Aber das Schönste sind doch die dunkelsamt-braunen Flecken darauf. Das Schönste und das Praktischste. Wenn die Sonne Goldstaub darüber streut, so kommt keiner Seele in den Sinn, dass dieses fleckige Ding etwas anderes sein könnte als die wuchernden, schimmel-farbenen Flechten ringsum mit ihren tiefen Schatten. Und nach zwei Wochen liegt die huschige Schneehenne vom Frühlenz mäuschenstill auf ihrem Schatz. Aber langweilig ist es eigentlich gar nicht. Man kann sich so schön in der Sonne räkeln, verdöst die Halbstunden, sieht den klirrend jauchzenden Alpendohlen ein wenig zu, dann kommt ein toUpatschiger Alpenmolch, stolpert knapp handbreit am Nest vorüber und fährt gewaltig zusammen, wie die Henne warnend nach ihm stösst. Noch ein ganzes Weilchen sieht sie ihm belustigt nach, wie er sich aus der unheimlichen Gegend fortrappelt. Allemal, wenn es der brütenden Mutter fast zu heiss wird, erhebt sie sich ganz sachte, trippelt unter den Steinrosenstrauch dort unten, schüttelt sich erst einmal gehörig und pickt dann schnell zusammen, was der liebe Berg an Schätzen bietet, Käfer, Spinnen, kleine Räupchen und hie und da eine saftige Knospe oder ein paar Beeren. Aber schnell muss es gehen, denn die Sonne kann eine seidenweiche Schneehuhnmutterbrust halt doch nicht ersetzen.

Und dann geschieht das Wunder. Ein feiner Riss zickzackt über das erste Ei. Ein zartes Schnäbelein hilft nach, und schliesslich kommt der ganze kleine Mann ans Licht. Die junge Mutter aber steht daneben und weiss sich gar nicht zu helfen vor lauter Glück. Nicht lange geht 's, so ist die ganze zehnköpfige Jungschar beisammen. Und kaum sind sie recht trocken, so suchen die Kinderlein mit ungeschickten Stolperschrittchen den Weg ins Leben. Und Mutter kommt mit. Ja, wenn Mutter nicht wäre! Wenn sie etwas gefunden hat, ruft ihr glucksendes Stimmchen den ganzen Kindergarten herbei. Dann zeigt sie, wie man die nachtstarren Fliegen erwischt, den zarten Räupchen den Garaus macht, die feinen Blättchen von der Zwergweide und dem Heidekraut knabbert. Aber einen Heidenspass gibt es allemal, wenn Mutter einen Bergameisenhaufen entdeckt. Mütterchen scharrt, dass die Brocken nur so spritzen und die dicken, saftigen Puppen ans Tageslicht purzeln. 0, dann wissen sich die Kleinen schon zu helfen. Man braucht einfach zu picken und zu schlucken. Ganz müde sind die Kleinen jedesmal nach so einem Erlebnis. Mütterchen aber trippelt unter einen übergreifenden Felszahn und nimmt ihre Kinder unter die sonnenwarmen Flügel, wo sie sich eng aneinandergeschmiegt ausruhen, bis der Übermut erwacht und sie wieder etwas anderes wollen.

Aber es kommen böse Tage. Eklige Schlackschneefetzen platschen an die Felswände, Regenfluten fahren über den Hang und eisige Windstösse keuchen um die Höhen. Die guten Bissen verkriechen sich in die unzugänglichsten Schlupfwinkel, und man muss sich ganz auf Vegetarierkost einstellen. Zwei der Kleinchen werden krank und liegen eines Morgens still neben den Geschwistern. Mutter ruft mit den feinsten Tönchen, aber es ist alles umsonst, die Glanzäuglein bleiben geschlossen. Doch auch die Sonnentage fliessen nicht ohne Not. Einmal fegt der Sperber über den Blumenhang und nimmt eines der Kleinen mit, ein andermal fährt der Kolkrabe in die Trippelschar, und es ist wieder um eines geschehen. Aber die andern wachsen fröhlich in den Sommer hinein und lernen jeden Tag etwas Neues. Längst wissen sie, dass man bei Mutters Warnruf sogleich auseinanderstiebt und sich irgendwo verbirgt. So läuft alles gut ab, wie eines lichtsprühenden Sommertags plötzlich zwei Blumensucher unter der Schar stehen. Die Kleinen sind im Nu nicht mehr da, und Mutter ist auf einmal krank, schrecklich krank. Mit hängenden Flügeln schleppt sie sich über den Flechtenhang, stösst ängstliche Töne aus und lässt sich ohne Mühe mit den Händen fangen. Aber nur beinahe. Jedesmal, wenn einer der Riesen die arme Schneehenne zu haschen meint, weiss sie geschickt auszuweichen. Schliesslich kommen die Drei unbemerkt in die Quellenmulde, und auf einmal ist der Vogel gar nicht mehr krank, sondern schnarrt in die nächste Bodensenke, und die beiden Blumensammler sehen sich mit dummen Gesichtern an und haben in der Aufregung ihre halbe Blumenpracht verloren. Mütterchen aber ist längst bei den Kleinen, sammelt sie mit kosenden Rufen und führt sie in sichere Weite.

Dann pudern die ersten Fröste Silberstaub über den Berg. Aber noch ist keine Not. Überall leuchten Beeren aus dem warmfarbenen Kraut. Ein endloses Blau liegt über den Bergen, und das Gold der sterbenden Hänge lodert auf in der klaren Herbstsonne. Da kommt eines Tages Besuch zu Mutter. Aber sie tut gar nicht ängstlich, sondern führt stolz ihre nun bald erwachsene Kinderschar bergan und kümmert sich wenig um den zurückgekehrten Vater, der sich ganz verdutzt umschaut und über den kalten Empfang nicht allzusehr erbaut ist. Mag er — es hat ihn ja niemand geheissen, den lieben langen Sommer herumzustrolchen und Mütterchen allein für den Haushalt sorgen zu lassen. Aber es bleiben doch alle beieinander, suchen gemeinsam die letzten Beerchen zusammen, wie schon die Flocken tanzen, und trennen sich den bösen, langen Bergwinter nicht, sondern bleiben auf den windverblasenen Gräten, wo immer etwas zu finden ist, graben sich in der Not einen Gang in das bauschige Federbett, und wenn es gar zu grimmig über die Höhen tost, lassen sie sich einschneien und sind gutes Muts, denn noch allemal ist es ja Frühling geworden.

Corrigendum.

Das Bild „ Buffalora " ( Augustheft, Seite 289 ) stammt nicht von H. Langen, sondern von Rudolf Grass in Zernez.

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