Schnellsein in den Bergen Trailrunner verdrängen zu oft die Gefahren

Die Leistungen der Trailrunning-Elite inspirieren auch viele Hobbysportler. Nicht selten laufen Letztere aber Gefahr, die Risiken des Sports zu unterschätzen.

Unter dem Grat angekommen, gönnen sich Luc und Sté­phane nach drei Stunden Aufstieg eine kleine Pause auf ihrer Hochtour. Als sie weitergehen wollen und sich vergewissern, dass ihr Klettergurt richtig sitzt, sehen sie sie: einen Mann und eine Frau in Shorts und Turnschuhen, unangeseilt, auf geradem Weg zu ihnen. Was sie zuerst für verirrte Touristen halten, entpuppt sich als Trailrunner im Training.

Trailrunning boomt. Das wirft die Frage auf, welche Gefahren der Modesport mit sich bringt, wenn er im Hochgebirge ausgeübt wird. Weil man sich schneller bewegt, gleicht die Ausrüstung eher derjenigen fürs Joggen als jener fürs Wandern: Laufschuhe, leichte Bekleidung, winziger Rucksack. Doch die Geschwindigkeit, mit der die Trailrunner unterwegs sind, schützt nicht vor Gefahren: «Man darf nicht vergessen, dass, auch wenn man sich schneller bewegt, die Gefahren die gleichen sind wie für einen Wanderer», sagt Bernhard Hug, Nachwuchsverantwortlicher Skitourenrennen beim SAC und selbst Trailrunningfan.Deshalb seien vertiefte Kenntnisse der Verhältnisse im Gebirge unverzichtbar. Dazu gehöre etwa, dass man eine Karte, ein GPS, einen Kompass, eine Notapotheke, regenfeste Kleider und ausreichend Verpflegung dabeihabe.

Bernhard Hug geht davon aus, dass Trailrunner in der Regel andere Bergsportarten ausüben und Kenntnisse hinsichtlich Wetter und Orientierung haben. Er stellt aber auch fest, dass ein Teil der Sportlerinnen und Sportler aus reinen Joggern besteht, die sich an die Eroberung von Pässen und Gipfeln machen, ohne sich der Risiken bewusst zu sein. «Sie eifern oft Vorbildern wie Kilian Jornet nach, der den Mont Blanc in kurzen Hosen und Turnschuhen besteigt. Aber man darf nicht vergessen, dass Kilian ein Profi ist. Er hat nicht nur ein Team, das ihn bei seinen Rekordläufen unterstützt, sondern auch die körperlichen und technischen Fähigkeiten, schnell wieder abzusteigen, wenn sich das Wetter verschlechtert.»

In Turnschuhen in die Nordwand

Mehrere Bergführer verweisen im Übrigen auf die Verantwortung der Trailstars. Ihrer Meinung nach animieren sie zu wenig trainierte und ungenügend ausgerüstete Amateure dazu, sich an Unternehmungen zu wagen, denen sie nicht gewachsen sind. Die Rennleiterin des Ultra-Trail du Mont-Blanc, Catherine Poletti, sagt: «Unser Rennen finishen, das ist der Traum von vielen, die bei uns starten. Manchmal vergessen sie, dass Sicherheitsvorschriften zu beachten sind.»

Mehrmals zu diesem Thema befragt, gab der spanische Spitzenathlet Kilian Jornet zu bedenken, dass die Berge einer der letzten Freiräume für den Menschen seien und dass es an jedem Einzelnen sei, Verantwortung zu übernehmen.

Er und die schwedische Trailrunnerin Emelie Forsberg (S. 48) waren im September 2013 selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten: Während sie die Nordwand der Aiguille du Midi im «leichten Stil», das heisst in Turnschuhen und mit einem Minimum an Ausrüstung erklommen, wurden die beiden Trailrunning-Ikonen von schlechtem Wetter überrascht. Beide mussten per Helikopter gerettet werden.

Strengere Kontrollen

Ein solcher Irrtum bei der Beurteilung der Wettersituation ist bei der Elite rar, aber bei den Amateuren komme er viel zu häufig vor, sagt der Rennleiter des Mountainman, Florian Spichtig. «Vergeblich erinnern wir vor jeder Austragung daran, dass unser Rennen nicht im Disneyland stattfindet und jeder und jede gut vorbereitet sein muss, aber die Botschaft erreicht nie alle. Zum Glück machen wir Materialkontrollen.»

Die Stimmen mehren sich, die verlangen, dass diese Kontrollen vor dem Rennen strenger gehandhabt werden. «Es reicht nicht, am Vortag rasch einen Blick in den Rucksack der Teilnehmenden zu werfen», sagt Bernhard Hug. «Es ist wichtig, dass vor dem Startschuss ein Briefing stattfindet, bei dem die Teilnehmenden mit den Wetteraussichten des Tages versorgt werden.»

Training ist wichtig

Beim Trailrunning ist die Zeit weniger wichtig als bei anderen Laufdisziplinen. Viele Läuferinnen und Läufer meinen deshalb, man brauche weniger Training als für einen Marathon. «Das ist zwar vielleicht richtig», räumt Ryan Baumann ein, Verantwortlicher für Sport bei der Stadt Siders und begeisterter Trailläufer. «Allerdings setzt man bei einem Traillauf mit einer gewissen Länge Körper und Geist einer happigen Belastung aus. Nicht selten hat man es mit Magen- und Muskelschmerzen zu tun oder einem Abfall des Blutzuckerspiegels.»

Wer bis zur Ziellinie kommen und gleichzeitig Verletzungen vermeiden will, muss sich gründlich vorbereiten. Der Walliser trainiert während elf von zwölf Monaten im Jahr. «Von November bis April mache ich wöchentlich zwei Einheiten mit Krafttraining und Übungen zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur im Kraftraum sowie zwei Ski- oder Langlauftouren.» Ab Mai erweitert Ryan Baumann sein wöchentliches Programm um einen oder zwei Läufe von 30 bis 40 Kilometern, wobei er gleichzeitig bei den anderen Touren die Distanzen und die Höhenunterschiede erhöht. Sein Geheimnis? «Damit ich nicht nach ein paar Jahren kaputt bin und um den Spass zu bewahren, habe ich beschlossen, mich auf fünf Rennen pro Jahr zu beschränken, davon zwei Ultratrails von 80 bis 100 Kilometern Länge.»

Nicht selten hat man es mit

Magen- und Muskelschmerzen zu tun.

Feedback