Schweizer Erfolg an der «Hummingbird» Begehung eines grossen Grates am Mount Logan

Von der Öffentlichkeit unbeachtet gelang den Schweizer Bergführern Werner Stucki und Christian Zinsli im Juni 2000 in Kanada eine feine Leistung: die teilweise zweite, teilweise dritte Begehung der Hummingbird Ridge, eines extrem schwierigen Grates am höchsten Berg des Landes, dem Mount Logan.

«Auch wir haben den ‹Logan-Effekt› erlebt, den einer der Begeher der Hummingbird beschrieb: Alles, was du siehst, ist in Wirklichkeit viermal länger, viermal steiler und viermal schwieriger.» Ohne grosses Aufheben erzählt Werner Stucki, ein Experte in Sachen Bergsteigen in Alaska und Kanada, von der Tour, die er im Juni 2000 mit Christian Zinsli unternahm.

Der Mount Logan ist mit 5959 Metern der höchste Berg Kanadas. Seine Ausmasse sind riesig; allein sein Gipfelplateau erstreckt sich über 30 km. Er bildet das Herz der St. Elias Range und liegt auf 60 Grad nördlicher Breite im Yukon-Territorium nur 50 km vom Pazifik entfernt. Seine Höhe, die oft arktisch kalten Temperaturen, die Abgeschiedenheit und die unberechenbaren Stürme, die vom nahen Golf von Alaska an den Berg prallen, machen alle Routen am Mount Logan zu ernsten Unternehmungen. Bereits die klassische «King Trench»1 – technisch einfach, kann sie doch fast bis zum Gipfel mit Ski begangen werden – erfordert einen mehrtägigen Aufstieg im Expeditionsstil.

Alle anderen Aufstiege sind anspruchsvoll bis extrem, insbesondere die Hummingbird Ridge2, die in der Alpingeschichte Nordamerikas wegen ihrer Länge und ihrer Ausgesetztheit einen besonderen Platz einnimmt: ein messerscharfer und überwechteter ungefähr 21 km langer Grat, der auf ca. 1800 m im Seward Glacier seinen Anfang nimmt. 1965 wurde er – ohne die ersten sechs Kilometer, die sich wenig vom Gletscher abheben – in einem epischen Unternehmen, das 34 Tage und rund 8400 Meter Fixseile erforderte, von Allen Steck, James Wilson, John Evans, Richard Long, Frank Coale und Paul Bacon erstbegangen. 1990 schafften Geoffrey Creighton und David Nettle die «Thunderbird Variation», die den Grat auf ca. 4200 m erreicht.

Diese Variante wählten auch Christian Zinsli und Werner Stucki: Sie umgingen damit den ersten Teil der Hummingbird, die «Shovel Ridge», einen horizontalen, mehrere Kilometer langen und wegen seiner Wechten überaus gefährlichen Gratabschnitt, der von den Erstbegehern nur in tagelanger Schinderei und viel Glück unfallfrei gemeistert worden war. Als Zweitbegeher der Thunderbird-Vari-ante konnten Stucki und Zinsli den zu begehenden Grat auf gut 5 km verkürzen; die Höhendifferenz zwischen Lager I (2400 m) und dem Gipfel beträgt trotzdem 3600 Höhenmeter – mit grossen Unternehmungen im Himalaya vergleichbar.

Anfang Juni 2000 wurden Christian Zinsli (Jahrgang 1968) und Werner Stucki (1960) von Buschpilot Paul Claus auf 1800 m unter der gigantischen Logan-Südwand abgesetzt. Als «kleine» Eingehtour folgte ein Couloir in der Ostwand des noch unbestiegenen Mount Teddy – eine elegante Erstbesteigung, deren Krönung erst noch folgte: Die zwei Bergführer mussten die 1300 Höhenmeter wieder auf den Frontzacken im Couloir absteigen, da ihnen die anderen möglichen Routen als zu gefährlich erschienen. Am Abend des 3. Juni (in Alaska sind die Mittsommernächte so hell, dass man keine Lampe benötigt) stiegen Stucki und Zinsli von Lager I in die Thunderbird ein. Ihre Taktik: möglichst leichte Rucksäcke, keinen Schlafsack, kein Zelt, Verpflegung für fünf Tage und ein Minimum an technischer Ausrüstung für eine «Nonstoppbegehung» über den Grat hin und zurück. Ein Stil, der sehr viel Erfahrung und Mut verlangt, insbesondere an so abgelegenen Bergen, wo eine Rettung kaum möglich wäre.

Die Gewaltstour führte durch das bis zu 60 Grad steile Thunderbird-Couloir mit Hängegletschern, Steinschlaggefahr und Schnee- und Eisstufen zum Bergschrund unter dem Grat, wo ein Depot angelegt wurde. Den überwältigenden Ausstieg auf den Grat beschreibt Werner Stucki so: «1400 Meter Tiefblick auf beide Seiten, die beinahe unbegehbar scheinende Shovel Ridge hinter uns und ein ausgesetzter, verwechteter Grat, wie ich es selten gesehen habe, vor uns Richtung Gipfel!»

Und dann folgte Grataufschwung um Grataufschwung; stark ausgesetzte Abschnitte mit oft mehreren Metern überhängenden, schmalen Wechten, die, um weiterzukommen, manchmal weggeschaufelt werden mussten; zwei Passagen mit Felskletterei bis zum sechsten Schwierigkeitsgrad. Meist stiegen die beiden Bergführer gleichzeitig auf, gesichert wurde nur selten. Um 9 Uhr morgens erreichten sie schliesslich auf 4200 m ein flacheres Gratstück, wo sie realisierten, dass der einfachere Weg nun nicht mehr wie geplant zurück über den Grat, sondern über den Gipfel führen würde – der «point of no return» war überschritten! Damit hatte auch das Depot im Thunderbird-Couloir seine Bedeutung verloren: Der Abstieg würde nun über den für sie unbekannten Ostgrat des Mount Logan führen, verbunden mit einem 40-Kilometer-Marsch über endlose Eisfelder zurück zum Basecamp. Und so stiegen Stucki und Zinsli weiter – mit einem kläglichen Rest an Proviant.

Schritt für Schritt arbeiteten sich die Alpinisten höher. Um 19 Uhr stiegen sie in die 55 Grad steile Gipfelflanke ein. Und dann nach 26 Stunden fast pausenloser Kletterei endlich der Gipfel: «Kalt, hart und unbarmherzig der Gipfelgrat! Kein Handschlag, keine Foto – bei diesem Wind durften wir uns der Kälte nicht lange aussetzen.» Erst im Abstieg unter dem Ostgipfel richteten sich die beiden für ein Biwak ein; doch dann schlug das Wetter um. Bei Nebel und Schneetreiben stiegen sie über den Ostgrat ab, dessen Fuss sie am dritten Tag der Tour – und ohne Verpflegung – erreichten.

Was nun folgte, war eine 40 km lange Tortur über flache, schneebedeckte Gletscher ohne Ski oder Schneeschuhe. In der Hoffnung, dass der weiche Schnee gefrieren würde, brachen die beiden erst um Mitternacht zu ihrem mühseligen Gang auf: «Zwölf Stunden später bewegten wir uns wie Schnecken auf dem Seward Glacier, als wir unser Ziel, die Ausläufer der Hummingbird in rund 20 Kilometer Entfernung, schwach erkennen konnten. Die Sonne heizte die endlose Gletscherweite auf, und die Wärme und der weiche Schnee raubten die restlichen Kräfte. Wir hatten beide Halluzinationen.» Und dann, überraschend, das abrupte Ende aller Leiden: Paul Claus landete mit seinem Flugzeug plötzlich neben den zwei Bergsteigern, nahm sie auf und setzte sie bei ihrem Basecamp ab. Dort blieben Werner Stucki und Christian Zinsli drei Tage lang, um das Erlebnis zu verarbeiten und sich gebührend vom Berg zu verabschieden.

Statistisch gesehen gelangen Werner Stucki und Christian Zinsli vom 3. bis 6. Juni die zweite (im unteren Teil, Thunderbird-Variante) bzw. dritte (ab dem Ausstieg auf den Grat) Begehung der Hummingbird Ridge am Mount Logan – wo vor ihnen schon einige bekannte Alpinisten erfolglos blieben. Sie benötigten 26 Stunden für die 3600 Höhenmeter vom Basislager zum Gipfel – eine grossartige Tour in einem abgeschiedenen Gebiet und in einem eleganten, leichten Stil gelungen.

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