Seilfrei durch «Excalibur». Soloklettern in den Wendenstöcken

Seilfrei durch « Excalibur »

Im Juli 2004 hat der 28-jährige Berner Ueli Steck den 230 Meter hohen Klet-terklassiker « Excalibur », VII/6b, in den Wendenstöcken free solo, das heisst allein und seilfrei, begangen. Zuvor hatte er bereits in den Engelhörnern ( Silberfinger, VII/6b ) ) und im Klettergarten Lehn in Interlaken ( Schweizerhalle, IX-/7b+ ) Routen ohne jegliche Sicherung geklettert.

Die Schönheit der Route « Excalibur » hatte es Ueli Steck angetan, nicht ihre Schwierigkeit. In der grauen Südwand-flucht der Wendenstöcke sticht der Exca-libur-Pfeiler hervor: Aus einem wuchtigen Vorbau beeindruckend aufstrebend und spitz gegen oben zulaufend, lenkt er den Blick auf sich. Die den Pfeiler durchziehende gleichnamige Route ist hier nicht die längste und schwierigste, aber die schönste. Seit Ueli Steck « Excalibur » vor einem Jahr das erste Mal kletterte, liess ihn der Gedanke nicht mehr los, das majestätische Bollwerk über diese elegante Linie durchgehend free solo hochzusteigen – « clean climbing » in Perfektion, will heissen: ohne Haken und Seil, 230 Höhenmeter in steilstem Fels, nur auf sich selbst gestellt.

Tradition des Solokletterns

Solosportklettern ist in Bergsteigerkreisen wegen seines Risikos umstritten. Dabei wird oft vergessen, dass Sologänge bei Expeditionen oder Nordwand-Durchsteigungen seit je akzeptiert und in den Anfängen des Alpinismus auch im Fels verbreitet waren: Legendär etwa die Soloabenteuer des Österreichers Hermann Buhl, der als Erstbesteiger der Himalaya-Achttausender Nanga Parbat und Broad Peak Geschichte schrieb. Im Februar 1953 bewältigte er in nächtlichem Alleingang die Watzmann-Ostwand in den Berchtesgadener Alpen über den schwierigen Salzburger Weg. Auch Reinhold Messner unternahm vor seiner « Expeditionszeit » in den Dolomiten zahlreiche Kletter-Alleingänge. Höhepunkte im europäischen Solo-Klettern setzte der Deutsche Alex Huber, der 2001 die Nordwand der Grossen Zinne in den Dolomiten über die achtzehn Seillängen zählende Hasse-Brandler-Route ( VIII+/7a+ ) und 2004 den Einseillängen-Hammer « Der Kommunist » am Schleierwasserfall im unglaublichen zehnten Schwierigkeitsgrad bezwang. Der Franzose Alain Robert bewegt sich im Fels in ähnlichen Bereichen ( 8a+ ), hat dann aber nicht zuletzt durch seine weltweiten Fassadenklettereien an Wolkenkratzern eine gewisse Berühmtheit erlangt. 1 All dies käme für Ueli Steck nicht in Frage: « Ich klettere nicht alleine um der hohen Schwierigkeit willen, sondern wegen des Erlebnisses » – und dieses ist in Mehrseil-längen-Routen ungleich intensiver. 1 Free Soloing wird auch ausserhalb Europas praktiziert. So z.B. durch den Amerikaner Dean Potter an den Granittürmen der patagonischen Anden.

Der nach der « Excalibur-Route » benannte Excalibur-Pfeiler östlich der Pfaffenhut-wand in den Wendenstöcken ( BO ) Fotos: Rober t Bösch

Minutiöse Vorbereitung – Rückzug unmöglich

Ueli Steck arbeitete monatelang auf die Durchsteigung hin. Im Klettergarten übte er das Sologehen. Die Route selber, die nicht steinschlaggefährdet ist und durch generell eisenfesten Kalk führt, erkundete er während mehrerer Tage allein, jedoch mit Seil. Jeden wichtigen Zug der neun Seillängen speicherte er minutiös im Kopf ab. Gefährliche Griffe und Tritte hatte Ueli Steck mit einem Hammer ab-geklopft, heikle Stellen markiert und Seil und Klettergurt auf dem Gipfel deponiert, wobei Letzteres zusätzliche Probleme brachte: Mäuse hatten das Seil angefressen, was die Abseilaktion mit behelfsmässig zusammengeknotetem Seil zu einer – ungeplanten – Nervenprobe werden liess. Der Entschluss einzusteigen ist im Solo-Klettern endgültig: Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, der Weg hinauf ist absolut zwingend, Abklettern meist unmöglich. « Man muss überzeugt sein, dass man es schafft. Kein privates Problem darf ablenken, alles muss stimmen », fasst Ueli Steck diesen alles entscheidenden Moment zusammen.

Sucht nach dem Endorphinkick?

Was macht die Faszination von Solo-Gängen aus? Ist es die Sucht nach dem Endorphinschub? Nach dem Adrenalin-kick zuvor oder dem Flow-Feeling während des konzentrierten Kletterns? Für Aussenstehende ist das Phänomen nicht begreifbar. Und auch Ueli Steck weiss darauf keine Anwort. Das ungesicherte Klettern widerspricht allen Urinstinkten: der Angst vor der Höhe und vor dem Sturz, dem Wunsch nach Sicherheit, dem Urgefühl eines jeden Alpinisten, nicht stürzen zu dürfen. Rationale Überlegungen zur objektiven Schwierigkeit überdecken solche Urängste nicht. Während des Kletterns verdrängt der Solo-Kletterer den Abgrund unter seinen Füssen, die Gefährlichkeit seines Tuns, die Möglichkeit des Versagens. Konzentriert setzt er Zug an Zug, denn jeder birgt die Möglichkeit des Absturzes in sich. Alle Sinne sind geschärft, die Bewegungen haben etwas Automatisches – es Ueli Steck in voller Konzentration am Einstieg – und mit dem gesamten Klettermaterial: Kletterschuhe und Magnesium-sack. Weder Schlingen noch Klettergurt oder Karabiner sind dabei.

Nach zehn Metern gibts nur noch eine Richtung: den Weg nach oben.

Die Route erfordert in vielen Passagen anspruchsvolle Fusstechnik.

230 Meter senkrechter Fels warten auf Steck.

Vor allem die plattige erste Seillänge erfordert technisch schwierige Kletterei.

gibt keine Grenze zwischen Handlung und Handelndem, beides verschmilzt. « Als eine Art von Meditation » beschreibt Ueli Steck diesen Flow-Zustand. Der Kletterer ist in seiner eigenen Welt, alles was er wahrnimmt, sind die nächsten Griffe und Tritte.

Neun Seillängen

Der Fels in den Wendenstöcken ist plattig. Vor allem die ersten Seillängen sind schwierig, weisen heikle Einzelstellen auf, die Griffe sind nur millimeterbreite Leisten oder feine Risse. Eine schwierige Route, um sie solo zu klettern, heikel, immer ausgesetzt und vor allem lang. Neun Seillängen, ohne einen Ort zum Erholen. Ab und zu schmiegte sich Ueli Steck auf einem schuhbreiten Podest an die Wand, um die Arme auszuschütteln. Wie lange die Durchsteigung dauerte, weiss er nicht. Das Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. An die Ankunft hingegen erinnert er sich genau: « Wenn du oben ankommst, machts ‹tack›, die Anspannung weicht, der Tunnelblick öffnet sich, der Film ist zu Ende. » Die majestätische Bergwelt tritt in Erscheinung, der Titlis im Osten, Eiger und Mönch im Westen. Und dann durchströmt ihn ein unendliches Glücksgefühl: wieder ein Ziel erreicht, etwas geschafft. Ähnlich wie bei der Durchsteigung der Eiger-Route « La vida es silbar » oder bei einer Erstbegehung am Mount Dickey in Alaska.

Kalkulierbares Risiko

Ueli Steck weiss, dass ihn viele für verrückt halten. Er selber bezeichnet sich als Rationalisten, sein Tun als kalkulierbares Risiko. « Wäre ich nicht 100 Prozent sicher, dass meine Fähigkeiten für die Route ausreichen, würde ich es nicht machen. » Ueli Steck klettert sonst im X. Schwierigkeitsgrad. Er hat es längst aufgegeben, anderen die Philosophie des Solokletterns zu erklären: « Entweder man versteht es, oder man versteht es nicht. » Ob ihn nochmals die Lust auf Sologänge packt, weiss er noch nicht. « Excalibur » jedenfalls ist abgeschlossen und verarbeitet. a Jacqueline Schwerzmann, Zürich No-hand-rest. Da Ueli Steck keinerlei Klettermaterial dabei hat, ist ein Ausruhen an einem Haken unmöglich.

Eine der Schlüsselseillängen. Dabei bleibt keine Zeit, um die herrliche Umgebung zu geniessen.

Fotos: Rober t Bösch

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