Seltsame Begegnung in der Matterhorn-Nordwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

René Arnold f, Zermatt

Der weit über Zermatt hinaus bekannte Bergführer René Arnold ist im Mai letzten Jahres an den Folgen eines tragischen Skiunfalls gestorben. Im nachstehenden Bericht, in dem er seine Begehung der Matterhorn-Nord-wand schildert, kommen die menschlichen Qualitäten René Arnolds, seine kameradschaftliche Einstellung, seine Zuverlässigkeit und sein feiner Humor besonders deutlich zum Ausdruck. Zugleich gelingt es ihm hier, uns in seiner direkten, unkomplizierten Art sein Berg- und Naturerleben näherzubringen.

Mein Haus steht in Winkelmatten oberhalb von Zermatt. Von diesem idyllischen Ort aus geniesse ich einen der schönsten Blicke aufs Matterhorn. Besonders die Nordwand zeigt sich in ihrer ganzen Schönheit. Ein kühn in die Höhe gestelltes Dreieck von gigantischer Grosse, das ist der erste Eindruck, welcher die Wand dem Beschauer bietet.

In den frühen Morgenstunden des Sommers, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Wand ertasten, hat man das Gefühl, einem natürlichen Kunstwerk von einmaligem Wert gegenüberzustehen. Und doch wiederholt sich dieses Schauspiel von Licht und Schatten, Wärme und Kälte immer wieder. Ist sie heute von einem weissen Samtmantel umgeben, entreisst ihr in den nächsten vierundzwanzig Stunden ein kräftiger Nordwind das schützende Kleid, und alsbald verwandelt sie sich in eine von tiefen Eisrinnen durchfurchte abweisende Wand. Gerade weil sie ständig ihr Gesicht ändert, finde ich sie schön, faszinierend schön. Stundenlang beobachte ich an freien Tagen mit meinem Fernglas dieses sich ständig ändernde Naturwerk, durchsteige mit den Augen die grauen Platten, beobachte Seilschaften, die an diesem Bollwerk in die Höhe klet- :»fi tern. Besteigen müsste man die Wand. Einmal war ich schon mitten drin, dreihundertunddreis-sig Meter wurden damals der Grindelwaldner Bergführer Ruedi Kaufmann und ich an Stahlseilen in dieses Inferno von Fels, Eis, Schnee und Steinschlag hinuntergelassen. Unsere Aufgabe war eine traurige, wir mussten einen Toten bergen. Aber die Wand, ja die Wand die gefiel mir...

Heute habe ich nun das seltene Glück, dass Bruno, ein hervorragender Alpinist, mein Gast ist, wenn man einen solchen Prachtskerl überhaupt als « Gast » bezeichnen darf. Den ganzen Winter hindurch hat Bruno ein sehr hartes Konditionstraining betrieben, so dass er sich jetzt für die Besteigung der Matterhorn-Nordwand in bester Form befindet.

Am 28.Juli 1968 ist es soweit. Die Verhältnisse scheinen gut zu sein, und im Radio ist für mindestens zwei Tage schönes und kaltes Wetter angekündigt worden, wobei vor allem letzteres einen wichtigen Faktor darstellt. « Jetzt oder nie », sage ich Bruno am Telefon, und schon eine halbe Stunde später findet er sich bei mir ein. Allerdings wirkt er noch nicht so überzeugt. Er wisse nicht recht, was er sagen solle. Zudem verspüre er in seiner Magengegend eine komische Leere. Wohl besitzt er das nötige Zeug, um die Matterhorn-Nordwand zu besteigen, aber da er als mein Gast mitkommt, überlasse ich es ihm, die Entscheidung zu treffen. Dass diese alsbald positiv ausfällt, freut mich natürlich. Hätte sein Entschluss anders gelautet, wäre ich ihm nicht böse gewesen, höchstens etwas enttäuscht. Somit werden wir uns also am Nachmittag an der Schwarzseebahn treffen.

Seit einer halben Stunde warte ich nun hier, und Bruno ist nirgends zu sehen. Da endlich, gegen siebzehn Uhr erscheint er auf seinem Fahrrad, wo aber ist seine Ausrüstung? Was ist geschehen? Hat er es sich plötzlich anders überlegt? Ist seine Frau dagegen? « Bruno, was ist los? » « Meine Hausgäste haben den Wohnungsschlüssel mitgenommen; ich kann meine Ausrüstung nicht holen. » Was tun? Die letzte Kabine fährt in einer halben Stunde! Da Bruno trotz allem noch hofft, rechtzeitig zu seiner Ausrüstung zu gelangen, will er etwas später nachkommen.

Inzwischen verabschiede ich mich von meiner Frau und meinen Kindern. Rasch bringt mich die Gondel zum Schwarzsee hinauf. Zu Fuss geht 's dann gemütlich weiter zu der höher gelegenen Hörnlihütte, und tatsächlich trifft auch Bruno kurz nach mir ein. Hier erfahren wir, dass heute morgen der französische Bergführer Jacques San-gier in die Wand eingestiegen ist, um sie im Alleingang zu bezwingen. Etwas übermütig necke ich daraufhin Bruno: « den werden wir morgen bald einholen ». Nach einer kurzen Plauderei mit ein paar anwesenden Führerkameraden gehen wir zu Bett.

Lange finde ich keinen Schlaf. Kaum bin ich endlich eingeschlummert, rasselt schon der Wecker und mahnt zum Aufstehen. Vor der Hütte lässt sich das Geräusch von Schritten vernehmen. Es sind Japaner, welche sich beim Abstieg verspätet haben und nun erst zurückkommen. Wortlos sitzen wir vor unserem Frühstück. Mit den Gedanken sind wir schon in der Wand. Werden wir wie geplant in einem Tag durchkommen? Doch ich bin zuversichtlich, zumal wir uns beide in guter Form befinden.

Die klare Nachtluft empfängt uns, als wir um ein Uhr ins Freie treten. Eine gute Spur im knietiefen Schnee lässt uns zügig vorankommen, so dass wir bereits um zwei Uhr den Einstieg erreichen. Trotzdem kostet es uns beide etwelche Überwindung, den ersten Schritt in die steile Eiswand zu tun. Doch rasch gewinnen wir in den frischen Stufen an Höhe. Hier im unteren Wandteil sind die Verhältnisse so gut, dass wir gleichzeitig gehen können. Warum aber — so fragen wir uns bald — treffen wir nach jeweils 40 Meter auf ausgehackte Standplätze? Wenn Jacques allein in der Wand wäre, hätte er wohl kaum in so regelmässigen Abständen Standplätze angelegt. Es müssen sich demnach andere Bergsteiger in der Wand aufhalten. Plötzlich kollert eine brennende Zigarette an mir vorbei; da muss sich jemand sogar ganz in der Nähe befinden! Wer könnte noch in der Wand sein? Schneller als wir glauben, erfahren wir, wer die anderen Anwärter sind. Noch im Eisfeld, etwa zweihundert Meter oberhalb des Bergschrundes, treffen wir auf zwei an Eisschrauben angebundene Engländer, die in dieser Stellung bestimmt keine gemütliche Nacht verbracht haben. Nach kurzem Wortwechsel setzen wir unseren Weg fort.

Am Biwak der Engländer hört leider die wegweisende Spur auf. Die Schneeschicht wird zunehmend dünner, und bald bewegen wir uns nur noch in blankem Eis und eisüberzogenen Felsen. Seillänge um Seillänge steigen wir empor, nur auf unsere Steigeisen vertrauend.

Bei gleichbleibendem Tempo werden wir unseren Zeitplan einhalten können und bei Tagesanbruch den Beginn der heiklen Traverse erreichen, welche in den Schrägriss führt. Endlich weicht die Nacht, und zum erstenmal sehen wir, wie hoch wir uns schon in der Wand hinaufgearbeitet haben. Zugleich bestätigt sich nun mein Eindruck, die Wand steile sich mit zunehmender Höhe noch auf. Wir stehen am Beginn des Übergangs vom Eisfeld zum Schrägriss. Die Querung in diesem erschreckend abschüssigen Gelände macht keinen verlockenden Eindruck. Doch wie zur Aufmunterung überrascht uns jetzt die aufgehende Sonne mit einem unbeschreiblichen Farbenspiel. Während im Westen über der Dent Blanche noch die Sterne glitzern, steigt sie über dem Rimpfischhorn aus dem rotglühenden Horizont auf und überzieht unser Eisfeld mit einem goldenen Schimmer. Beide fühlen wir uns glücklich, in dieser Wand zu sein und dies alles erleben zu dürfen. Leider verbleibt uns keine Zeit, dieses Naturschauspiel lange zu geniessen, denn mit den Sonnenstrahlen lösen sich in der Regel auch die ersten Steine.

Über Blankeis und glasierte Platten traversieren wir rechts aufwärts, um so dem Weg der Erstbegeher zu folgen. Eigentlich müssten wir jetzt Jacques Sangier, den Alleingänger aus Frankreich, sehen. Richtig! Da oben am Beginn des Schrägrisses hebt sich etwas Blaues von der grauen Umgebung ab. In der Folge nimmt dieses Etwas die Gestalt eines Menschen an, es ist tatsächlich Jacques. « Hallo, bist du nicht René », ertönt es jetzt von oben. « Ja », antworte ich. Seltsam, vor einigen Jahren wollte er mit mir diese Tour unternehmen, und heute treffen wir uns an dieser eher ungewöhnlichen Stelle, er allein, ich mit einem Gast.

« Ich warte hier, bis du bei mir bist, und gehe dann mit euch weiter », ruft mir Jacques zu. Diese Meldung ist mir nicht besonders angenehm, benötigt doch eine Dreierseilschaft bedeutend mehr Zeit, was wiederum unser Vorhaben, ohne Biwak durchzukommen, in Frage stellen muss. Zunächst steigen wir zu ihm hinauf, dann werden wir weiter sehen können. Die letzten zwei Seillängen hinüber zum Schrägriss gehören zu den schwierigsten der ganzen Wand. Heute bieten sie aber schöne Kletterei. Ich empfinde es als einen wahren Genuss, Schritt um Schritt an diesen steilen Platten hinüberzuqueren. Bruno folgt leicht und elegant.

Kurz bevor wir Jacques erreichen, durchführt mich noch ein unangenehmer Gedanke. Weiter unten, etwas abseits unserer Aufstiegsroute, haben wir ein fixes Seil bemerkt. Hat vielleicht Jacques sein Seil dort zurückgelassen? Nun erreichen wir den Alleingänger, der sich gerade anschickt, seine Sachen zusammenzupacken. Sofort erkundige ich mich: « Hast du das Seil noch? » Seine Antwort: « Nein, meines ist weiter unten in der Wand. » Damit bestätigen sich leider meine Befürchtungen. Zugleich wundere ich mich, dass ein derart erfahrener Bergführer sein Seil zurücklässt, besonders in einer solchen Wand, wo dieses für einen eventuellen Rückzug von lebenswichtiger Bedeutung sein kann; denn wie sollte er ohne Seil hier herauskommen? Viele offene Fragen! Eines steht jedoch fest, wir beide müssen Jacques an unser Seil nehmen. Ich teile ihm deshalb mit, er könne sich anschliessen, jedoch würden wir uns beeilen müssen, denn morgen hätte ich einen andern Gast zu führen. Fünf Meter vor Bruno ( ,o knüpft sich jetzt Jacques ans Seil, womit mir ein Spielraum von etwa dreissig Metern bleibt. So sollte es mir eher gelingen, einen Standplatz zu erreichen. Im weiteren gibt diese Anseilart uns auch die Möglichkeit, schneller vorwärtszukommen, da die zwei Gefährten jeweils gleichzeitig nachklettern können. Meine Stimmung sinkt, und das bisherige Hochgefühl, mich in dieser Wand aufwärts bewegen zu dürfen, ist verflogen und hat einer gewissen Sorge Platz gemacht. Angesichts der prekären Sicherungsmöglichkeiten belastet mich jetzt das Wissen, für zwei Menschen die Verantwortung zu tragen. Anfangs vermag Jacques unser Tempo nicht ganz mitzuhalten. Wo ich, mich nur auf die Frontzacken meiner Steigeisen verlassend, emporsteige, schlägt er mit seinem Pickel zusätzliche Stufen. Allmählich aber gewinnt Jacques mehr Selbstvertrauen, und wir kommen besser voran.

Um zehn Uhr haben wir den etwas brüchigen Schrägriss hinter uns gebracht und erreichen eine Eisrippe, die mir von der letztjährigen Bergungsaktion noch in guter Erinnerung ist. Hier hoffe ich im angrenzenden Fels einige damals von uns belassene Sicherungshaken vorzufinden. Leider werden meine Erwartungen enttäuscht. Die Haken sind alle weg. Sei es, dass die Sprengwirkung des Eises und Temperaturschwankungen die Felsritzen so erweitert haben, dass sie von selbst herausgefallen sind oder dass sie von vorhergehenden Seilschaften mit Leichtigkeit herausgenommen werden konnten. Immerhin gestattet uns eine andere gute Sicherungsmöglichkeit eine kleine Verschnaufpause. Ein Blick hinüber zur Solvayhütte zeigt mir, dass wir uns bereits über viertausend Meter befinden.

Zuversicht und Moral kehren zurück. Die Wand gefällt mir, und ich bin überglücklich, mit zwei so prächtigen Kameraden diese Tour erleben zu dürfen. Warum nur wird die Matterhorn-Nordwand von übereifrigen Schreiberlingen als tödlich, schrecklich und düster bezeichnet. Selbstmörderisch und vor allem verantwortungslos verhalten sich bloss diejenigen, welche, ohne über die notwendigen Voraussetzungen zu verfügen, sich an eine solche Tour heranwagen, einzig um nachher mit Stolz aufihre Leistung verweisen zu können.

Über leichteres Gelände gelangen wir zu einem plattigen Wulst. Hier muss irgendwo ein Haken stecken, den noch der bekannte Bergführer Hermann Steuri geschlagen hat. Er war es ja auch, der als erster diese Wand als Führer mit einem Gast in einem Tag durchstieg. Tatsächlich, hier ist er, ein gutsitzender Ringhaken, der beste in der ganzen Wand. Wir bewegen uns nun in den grauen Platten, welche im jetzigen trockenen Zustand ausnahmsweise Genusskletterei bieten... wenigstens in ihrem ersten Teil. Im letzten Abschnitt treffen wir nämlich noch auf vereiste Felsen. Die 50-Meter-Traverse über die mit einer trügerischen Glasur bedeckten Plattenschüsse erfordert heikle Gleichgewichtsarbeit. Eine Stunde später liegen die Schwierigkeiten hinter uns. Es ist jetzt eine halbe Stunde nach Mittag. Wir legen eine kleine Rast ein, um etwas zu essen. Drüben am Hörnligrat befinden sich immer noch Menschen im Aufstieg. Sie werden für die Normalroute beinahe mehr Zeit benötigen als wir für die Nordwand. Allerdings haben auch wir den Gipfel noch nicht erreicht. Wohl neigt sich die Wand jetzt etwas zurück, aber dadurch blieb der vor drei Tagen gefallene Neuschnee liegen. Stellenweise knietief und pulvrig, bedeckt er die Felsen. Der Weiterweg ist mühsam und anstrengend.

Endlich, kurz nach fünfzehn Uhr, erreichen wir den Italienergipfel des Matterhorns. Wir gratulieren uns. Bruno sagt mir, er könnte vor Freude weinen. Auch Jacques ist glücklich, dass seine Besteigung einen so erfolgreichen und guten Abschluss gefunden hat. Über fünfzigmal habe ich diesen Gipfel nun schon erklommen, und immer scheint er mir anders zu sein. Unwillkürlich erinnere ich mich an das Biwak, welches ich mit Paul Etter und Herbert Maeder auf diesem Gipfel erleben durfte. Oder an jene Tour, wo ich zusammen mit Sepp Graven über verschiedene Routen zweimal am selben Tag hier oben stand. Leider fehlt uns aber die Zeit, um all den schönen Erlebnissen nachzusinnen.

Wir beginnen mit dem Abstieg und erreichen um neunzehn Uhr müde und zufrieden die Hörnlihütte. Ich telefoniere sofort mit meiner Frau, die mir etwas erstaunt mitteilt, sie hätte geglaubt, wir seien schon frühmorgens im unteren Teil der Wand umgekehrt. Das aber waren die Engländer, die bei Tagesanbruch ihr ungemütliches Biwak verlassen und den Rückzug angetreten hatten.

Für Bruno und mich ist mit dieser grossen Tour ein schönes Erlebnis zu Ende gegangen. Zurück bleibt die Erinnerung an eine Besteigung, die Erinnerung, dass wir die Matterhorn-Nordwand erklettert, nicht aber bezwungen oder gar besiegt haben. Man kann keine Wand, auch wenn sie noch so schwierig ist, bezwingen oder besiegen, man kann eine Wand nur besteigen. Es ist Grössenwahn, zu glauben, einen Berg « besiegen » zu können. Es gibt im Bergsteigen nur einen Sieg, den Sieg über sich selbst, über seine eigenen Schwächen, nicht aber über den Berg.

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