Serial spitters Die Gebrüder Remy – ein Leben fürs Routenbauen

Unermüdlich richten sie seit 1970 eine Route nach der anderen ein. Eine internationale Auszeichnung würdigt nun den aussergewöhnlichen Beitrag der Remy-Brüder zum modernen Klettersport.

In der Kletterhalle von Saint-Légier präsentiert sich Claude in seinem ewig schwarzen Pullover mit dem Logo der Hardrockband Motörhead. Als ob die Zeit an ihm spurlos vorübergegangen wäre. Sein Bruder Yves wird im März ebenfalls dem Club der Sechziger beitreten. Und jetzt? «Bestimmt kein Grund nachzulassen», scherzt der mit 63 Jahren ältere der Remy-Brüder. «Heavy Metal inspiriert uns nach wie vor, und unsere Leidenschaft fürs Klettern wird nicht schwächer. Routenbauen ist unser Leben!»

Die Seilschaft der Remys ist einzigartig. Wegen ihrer Langlebigkeit und des Umfangs ihres «Werks». 46 Jahre bohren sie schon Routen ein, eine lange Zeit. Bedeutete eine Knieoperation, der sich Yves im Mai unterziehen musste, das Ende? Mitnichten! Der Kletterer erholt sich lediglich von einem bösen Sturz auf dem Glatteis, mitten in der Stadt ...

Ein Stück Klettergeschichte

Claude und Yves Remy sind ein Stück lebende Geschichte des modernen Klettersports. Als Lemmy Kilmister 1975 die Band Motörhead gründete, wüteten die Brüder an den Wänden in der Schweiz und in Frankreich. Die Bohrhaken setzte man mit dem Hammer: 20 Minuten im Kalk und 45 Minuten im Granit. Zehn Jahre später änderte der Akkubohrer die Lage. Überall sprossen die Bohrhaken aus den Wänden und sicherten die Kletternden. «Zwischen 1975 und 1985 setzten wir per Hand an die 600 Bohrhaken pro Jahr. Von 1986 an waren es dank unserer Freundin Hilti (eine Bohrmaschine, Anm. d. Red.) mehr als 2000», verrät Claude. Das Duo hat sich im Lauf der Jahre entwickelt: «Am Anfang war die Devise, so wenig Sicherungspunkte wie möglich zu setzen», erzählt Yves. «Unsere Routen waren ein einziges Risiko und die Kletterei ein Abenteuer. Seit den 1990ern platzierten wir tendenziell alle drei Meter einen Bohrhaken. Mit der Sicherheit kommt das Vergnügen, und das ist gut so.»

Routen in allen grossen Wänden

Saint-Loup, Les Diablerets, Sanetsch, Grimsel, Gastlosen oder die Wendestöcke: keine grosse Wand in der Schweiz, bei der sie nicht haltgemacht haben. In jüngerer Zeit haben die Brüder Griechenland entdeckt. Zwischen Meer und Sonne eröffnen sie den Winter über eine Route nach der anderen auf der Insel Kalymnos oder Leonidio auf dem Peloponnes, wo der Klettertourismus gerade stark im Kommen ist.

Seit 20 Jahren sanieren die Unermüdlichen ihre Routen auch immer wieder. Es ist eine unterschätzte Arbeit, aber wertvoll für alle Kletterer.

Und als es darum ging, die vom Bankrott bedrohte Kletterhalle von Saint-Légier zu retten, waren sie zur Stelle und engagierten sich freiwillig neben ihrem 50-Prozent-Job. «Manchmal ist es richtig mühsam», gibt Claude zu. «Aber sobald wir klettern, sind wir wieder glücklich.»

Die King Albert I Memorial Foundation hat nun beschlossen, «ihren ausserordentlichen Beitrag zum Klettersport» auszuzeichnen. Im September werden die Remys den Preis der Stiftung entgegennehmen, der alle zwei Jahre verliehen wird. Als Szenekenner begrüsst Hans Grossen die Entscheidung: «Mehr als alle anderen Kletterer haben die ­Remys dazu beigetragen, das Sportklettern in der Schweiz einem breiten Publikum zugänglich zu machen.»

Von Desmaison zu Edlinger

Woher kommt diese Sucht, Routen zu eröffnen? Auslöser war 1969 ein Vortrag von René Desmaison. Claude und Yves, damals jugendliche Bewunderer des berühmten französischen Alpinisten, konnten die Hand ihres Idols schütteln. Seine Worte wurden zu ihrer Devise: «Eine Route als Erster zu eröffnen, ist besser. Die Routen anderer kann man später immer noch nachklettern.» Von 1965 an nahm sie ihr Vater, Angestellter der SBB, mit in die Berge. Schon bald langweilten sie sich auf den klassischen Touren und fanden eher Gefallen am Klettern.

Sie erschlossen drei Routen an der Dru in Chamonix. Danach verlegten sie ihre Bergsteigerkenntnisse auf die reine Sportkletterei. 1975 besucht das Duo Verdon, das damalige Klettermekka Europas. Yves erinnert sich mit leuchtenden Augen: «Wir kamen dahin und konnten uns ohne Weiteres mit den Besten messen. Es war für alle eine ziemliche Überraschung.» Die Brüder liebten die Schnelligkeit und schlugen die Rekordzeiten an der Paroi Rouge und am Pilier ­Gousseault. Aber ihr eigentliches Ding war das Routeneröffnen, meint Claude. Es entstanden enge Freundschaften in der Provence, zum Beispiel mit Patrick Berhault und Patrick Edlinger.

Komplementäre Naturelle

Yves trainiert intensiv und ist der Leistungsstärkere. Er macht den Vorstieg, der Bruder sichert. Sie haben sich nie als Rivalen gesehen. Was ist der Schlüssel für ihre Harmonie? Sie ergänzen sich und teilen die gleichen Werte. Claude, der Instinktive und leicht Chaotische, sagt: «Wir versuchen, uns das Leben nicht zu verkomplizieren, wir sind einfache Jungs.» Der nachdenklichere, aber nicht weniger entschlossene Yves meint: «Wir lieben es, zum Wesentlichen zu kommen: Wir verbinden Schnelligkeit und Effizienz, um unsere Ziele zu erreichen.»

Über die Jahre ist auch die Leidenschaft gewachsen, Wissen weiterzugeben. Die Fotos, Skizzen und Kommentare ihrer Routeneröffnungen sind Claudes Sache. Die ersten Kurzvorträge der Brüder wurden über den Bauer Verlag veröffentlicht, danach erschienen auch Artikel im Ausrüstungs­katalog von Mammut, wo sie bis heute als Berater tätig sind. Und schliesslich folgten Kletterführer. Als Letztes erschien diesen Frühling beim SAC-Verlag ein Führer, der sich den schönsten Mehrseillängenrouten in der Zentralschweiz widmet.

In der Bergsteiger- und Kletterszene steht man unter Beobachtung. Die Brüder Remy mussten viel Kritik einstecken. Als hyperaktive Wegbereiter schlug ihnen gelegentlich Neid entgegen, wenn sie ausserhalb ihrer Basis, den Waadtländer Alpen, absahnten. Claude wurde vom Bergführer Michel Piola des Plagiats bezichtigt und von einem Gericht wieder reingewaschen. Für Bergführer und Kletterer Denis Burdet gibt es trotz seiner Bewunderung für das Werk der Remys auch gewisse Grenzen: «Sie haben ihre Routen dermassen schnell und in Serie eröffnet, dass es manchmal an Sorgfalt fehlte – es ging eher um Quantität als Qualität.» Einige ihrer Routen aus den 1980ern wurden auch als zu exponiert kritisiert. Sie sind inzwischen besser abgesichert. «Wenn unsere Routen fehlerhaft waren, dann war das prägend und hat die Entwicklung im modernen Klettersport der Schweiz gefördert», verteidigen sich die Brüder. So zum Beispiel Motörhead, ihre Vorzeigeroute im Klettergebiet «Eldorado», das sie am Grimselpass entdeckt haben. Die Route hat sich zum Ultraklassiker gemausert. Sie ist von Tausenden Kletterern begangen und ins Pantheon der schönsten Kletterrouten der Welt aufgenommen worden.

King Albert Mountain Award 2016

Die King Albert I Memorial Foun­dation verleiht Anfang September vier Goldmedaillen. Neben den Brüdern Remy wird auch das ita­lienische Bergsteigerduo Nives Meroi und Romano Benet für ihren beispielhaften Teamgeist ausgezeichnet. Nives und Romano haben zusammen 13 Gipfel über 8000 Meter erstiegen.

Michael Krautblatter, Professor für Hangbewegungen an der technischen Universität München, erhält eine Auszeichnung für seine innovative Arbeit im Bereich Hangstabilität im Zusammenhang mit Permafrostböden. Die vierte Medaille geht an das slowenische Alpinmuseum für die Förderung des Bergsports und der Bergkultur in Slowenien.

www.king-albert.ch

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