Sicherer klettern im Steileis

Das Steileisklettern hat sich in den letzten 20 Jahren enorm entwickelt. Verbesserten damals im Alpenraum nur vereinzelte, besonders ambitionierte Alpinisten ihre Eistechnik auf gefrorenen Wasserläufen, war in Schottland die Eistechnik bereits eine selbstständige Sportart. Heute meiden die «Cracks» die überfüllten Eiskaskaden und hangeln auf der Suche nach einem noch unent-deckten Eiszapfen mit spitzigen Eisgeräten über trockene Felsaufschwünge - «dry tooling» genannt.

Jeder talentierte Hallenkletterer kann sich heute, falls ihn die heissen Bilder aus der kühlen Arena (vgl. ALPEN 2/99) dazu animieren, Spitzen-eisgeräte kaufen. Besitzt er dazu noch handwerkliches Geschick und ist körperlich dazu in der Lage, kann er dem fotografierten Spitzenathleten und Idol gleich das Schwerste versuchen. Möglicherweise hat er sogar Erfolg - wenn alles stimmt und ihm das Glück beiseite steht -, ohne dass er über die Materie Eis auch nur das Geringste weiss. In den bestens abgesicherten Hallen- und Klettergartenrouten hat er die Angst vor dem Sturz abgelegt und kann voll loslegen. Die angegebene Haltekraft der Eisschrauben vermittelt eine trügerische Sicherheit, der Glaube an sich selbst und die fehlenden Kenntnisse der Variabilität der Eisfestigkeit machen blind für mögliche - vorhandene -Gefahren.

Die Oberfläche ist manchmal genügend weich, sodass Pickel und Steigeisen hervorragend «beissen» und wir sicher steigen können. Ein anderes Mal ist sie hart wie Glas, sodass die Eisgeräte entweder abrutschen oder ganze Teile explosionsartig zum Splittern bringen. Die Plastizität ( Verformbarkeit ) des Eises folgt dem Verlauf der Temperatur verzögert.

Ideal ist ein Temperaturanstieg gegen 0 °C. Die Eisoberfläche wird dann plastisch und das Klettern leicht. Gefährlich hingegen sind sowohl ein Wärmeeinbruch, beispielsweise bei Föhn, der das Schmelzen und Zusammenkrachen ganzer Gebilde bewirkt, als auch ein grosser Temperatursturz. Dann dehnt sich die Oberfläche mehr aus als der Kern, sodass Säulen oder Zapfen spontan zerspringen können.

Viele Wasserfälle befinden sich unterhalb von Lawinen sammelnden Trichtern, ja selbst die Anmarschwege führen durch winterliches Gebirgs-gelände abseits gesicherter Pfade und setzen hohe Kenntnisse in der Lawinenkunde voraus.

Die Qualität des Eises kann ganz unterschiedlich sein. Sie hängt von der Art des Wachstums des Eisfalls ab und wie bereits erwähnt vom vorangehenden Temperaturverlauf und der aktuellen Temperatur. Entsprechend müssen die Eisgeräte in einem bestimmten optimalen Winkel und mit genau dosierter Kraft geschlagen werden. Weiter muss man wissen, wo das Eis springt und wo die Spitzen Halt finden. Auch das Setzen der Steigeisen und das Platzieren der Eisschrauben will geübt sein. Letzteres kann z.B. in Bodennähe in verschiedenen Stellungen erfolgen.

Die Fachpresse versucht uns immer wieder in Staunen zu versetzen. Sie porträtiert Spitzenkönner in erhabenen Momenten, wie sie scheinbar mit Leichtigkeit spektakuläre Taten vollbringen. Dabei wird verschwiegen, wieviel Aufwand dahinter steckt: das Eis über Jahre kennen lernen, zögern, umkehren, Misserfolge hinnehmen und analysieren und die vielen Trainings körperlicher, technischer und mentaler Art. Diese scheinbare Leichtigkeit, gepaart mit einer die Gefahr verniedlichenden Ausdrucksweise, verleitet zu blindem Draufgängertum und erhöhter Risikobereitschaft.

Die Zahl der Eiskletterer wächst, und bei ungünstigen Verhältnissen steht immer gleich wenig brauchbares Eis fürs Klettern zur Verfügung.

Die grössere Dichte von kletternden Leuten führt zu neuen Problemen, denn jedes fallende Eisstück wirkt wie ein Stein: Wer getroffen wird, ist höchstgefährdet.

Schon eine Zweierseilschaft muss sich klug verhalten, vorausdenken und geschützte Standplätze wählen, mit Vorteil unter Felsvorsprüngen, denn Eisstücke springen unglaublich weit.

- Gewöhne dir an, das Gelände mit Blick für Sicherheit und mit Verantwortungsgefühl auch für die anderen Eiskletterer zu studieren.

- Blindes Draufgängertum und stures Verfolgen von vorgefassten Zielen führt immer wieder zu gefährlichen Situationen. Wenn du aber flexibel und stets bereit bist, auf Grund der Situation vor Ort ein neues Ziel zu suchen oder auch umzukehren, kannst du das Eisklettern wirklich geniessen.

- Je mehr Kletterer und Kletterinnen gleichzeitig am selben Ort hochkommen wollen, desto mehr Verantwortungsbewusstsein und Klugheit sind notwendig. Je näher man gleichzeitig nebeneinander klettert, desto kürzer müssen die Anstiege sein; denn, von je höher Eisstücke herunterfallen, desto weiter springen ihre Splitter.

Eine einzige kletternde Person kann, wenn sie zu hoch steigt, mit Leichtigkeit 20 Leute gefährden und sie so egoistisch wegjagen. Deshalb sollten Projekte, die über anerkannten Kursausbildungsplätzen liegen, unter der Woche angegangen werden.

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