Situationswahrnehmung und Angstentstehung im Bergsport und didaktische Konsequenzen für das Training

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Lorenz Radlinger, D-Kerpen/CH-Bern; Roland Seiler, D-Köln/CH-Huttwil Mit stetiger Regelmässigkeit erscheinen in den Alpinistikzeitschriften und den Jahrbüchern der Alpenklubs Statistiken über Bergunfälle. Ihr Hauptanliegen ist, anhand der Unglücksfälle auf alpine Gefahren aufmerksam zu machen und somit zur Unfallverhütung beizutragen. Alle Unfallberichte aber setzen sich ausschliesslich mit den externen Tatsachen der Unfallursache ( Sturz im Fels, Stein- und Eisschlag, Selbstüberschätzung usw. ) auseinander. Über einen Punkt, die innerpsychischen Vorgänge und Gefährdungsmomente, die unter Umständen mit zum Sturz führen, liegen meist keine Informationen vor. Gerade aber die internen Prozesse in Gefahrenmomenten ( Stressresistenz ) sind oft von ausschlaggebender Bedeutung und schwerwiegend in ihren Folgen.

Das Ziel dieses Artikels besteht darin, die internen psychischen Abläufe in den Situationen der Gefährdung zu beschreiben und ihren Einfluss auf alle weiteren Handlungen darzulegen. Anschliessend werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie diese von vorneherein vermieden werden können.

Jeder Bergsportler, ob Skifahrer, Bergsteiger oder Sportkletterer, wird schon die Erfahrung gemacht haben, dass nicht nur die sportmotorischen Fertigkeiten ( bergsportliche Technik und Kondition ) den Erfolg garantieren, sondern ebenso psychische Bedingungen; z.B. mag ein Bergsteiger vielleicht einen ( Fünfer ) im Nachstieg gut klettern, aber klettert er ihn auch vor, besonders wenn die Hakenabstände mal grösser sind oder sonstige ungünstige Bedingungen wie z.B. nasser Fels, brüchiges Eis oder schlechtes Wetter herrschen? Betrachten wir zur Erläuterung folgenden Modellfall:

Ein Felskletterer befindet sich in einer ihm unbekannten Kletterroute. Er klettert vom letzten Standplatz 7-8 Meter vor in eine an seiner Leistungsgrenze liegende Passage. Der nächste Haken befindet sich noch 2-3 Meter über ihm. Plötzlich kommt er weder vor noch zurück, da er keine Möglichkeiten zur Bewältigung dieser Passage sieht. Seine komplette ist schon ausgeschöpft, ohne dass es zum Erfolg geführt hat. Seine Lage ist für ihn hoffnungslos und wirkt auf ihn total über-lastend. Er sieht voraus, dass seine konditionellen Reserven sich sehr bald erschöpfen, dass er loslassen muss, stürzen und sich schwer verletzen wird. Ein überaus unangenehmes Gefühl breitet sich in ihm aus: Angst. Angst im Bergsport entsteht aus einem Missverhältnis zwischen der wahrgenommenen Aufgabenschwierigkeit und den sich selbst zugetrauten Fähigkeiten zur Bewältigung ( Bewältigungskompetenz ).

Es würde kaum jemand von ihm behaupten, er sei grundsätzlich sehr ängstlich, aber hier ist er vielleicht sogar lebensgefährlich bedroht, und diese Möglichkeit sieht er voraus.

Diese durch die widrige Situation entstandene Angst hat einen direkten Einfluss auf seine Wahrnehmung, Denkprozesse, physiologische Abläufe, Bewegungsverhalten und somit auf sein situationsspezifisches Handeln.

Einfluss der Angst auf die Wahrnehmung Zunächst einmal hat unser Kletterer 2 Griffe und 2 Tritte, denen er vertraut und die vorläufig Sicherheit bieten. Infolgedessen wird er sich zunächst ausschliesslich zu diesen orientieren. Unter Angst, so haben Untersuchungen in anderen Sportbereichen ergeben, verändert sich die Wahrnehmung. So sehen Griffe und Tritte kleiner und der Weg zum nächsten Haken weiter aus, als sie es in Wirklichkeit sind und bei ( normalen ( angstfreier ) Wahrnehmung auch wären. Das Konzentrieren auf wenige Haltepunkte durch eine angestrebte Sicherheit und veränderte Wahrnehmung erschwert eine Orientierung zu neuen Griff- und Trittmöglichkeiten, die einfach nicht gesehen oder als nutzbar erkannt werden.

Die Angst in unserem Beispiel bewirkt, dass der Kletterer seine konkrete Umwelt durch die beschriebenen Reaktionen bewusst bzw. unbewusst verändert, d.h. er nimmt sie nicht entsprechend den Realitäten wahr. Durch diese veränderte Wahrnehmung schleichen sich Bewegungsfehler bei den zaghaften Weiterkletterversuchen sowie gedankliche Fehler ein.

Einfluss der Angst auf Denkprozesse Die Angst belastet unseren Kletterer; seine übermässige Konzentration auf die unbedingte Lösung der Schwierigkeiten verhindert eine Bewusstseinsentlastung, wie sie in gut zu bewältigenden Kletterpassagen vorliegt: das Klettern geht hier fast ohne zu denken, sozusagen automatisch. Jetzt allerdings sucht er krampfhaft in der Kürze der Zeit nach Tritten, Griffen, er versucht den Sturz zu verhindern und orientiert sich zum nächsten Haken bzw. Ruhepunkt. Dies alles soll in kurzen Momenten gedanklich von ihm verarbeitet werden.

Eine leistungsbeeinträchtigende Wirkung haben auch aufgabenirrelevante Gedanken. Hierunter wird die gesamte gedankliche Auseinandersetzung des Kletterers verstanden, die ( angstbedingt ) nicht unmittelbar mit der Bewegungsaufgabe zusammenhängt: ( Schaffe ich es noch zum nächsten sicheren Punkt? Hoffentlich hält die Standplatzsicherung, wenn ich stürze! Bin ich aber nervös !) usw.

Durch diese eigentlich unnützen Gedanken verliert die Planentwicklung zur Lösung des Problems die Möglichkeit der Entfaltung. Es entsteht eine uneffektive gedankliche Zeitnut-zung. So wird der Kletterer bei der andauernden gedanklichen Zentrierung auf die antizi-pierten verletzungsgefährlichen Folgen des Sturzes seine Gedanken ausschliesslich auf dieses Phänomen richten und sich nicht dem zur ( Rettung ) unbedingt notwendigen Bewegungsablauf widmen. Eine Ausführung des Lösungsplanes, Erfassen der veränderten Situation und eine Bewegungskorrektur werden so erschwert. Auf diese Art schleichen sich auch unnötige Fehler ein: Abrutschen von den bestehenden Griffen und Tritten, dauernde zaghafte Versuche, die aber nur angesetzt und nicht vollendet werden, Ruf- und Blickkontakt zum Seilpartner usw.

Die Angst bewirkt ein extremes Sicherheitsbedürfnis, so dass sich der Kletterer ausschliesslich zum Haken hin orientiert. Dabei vernachlässigt er vollkommen seine Bewegungsaufgabe: die Beine sind nicht gestreckt, und das zu nahe Heranziehen an den Griff der linken Hand verunmöglichen ihm das Erreichen des Hakens.

Ein typisches Anzeichen für eine psycho-physische Überlastung ist die ( Nähmaschine. Hier erkennbar an der Bewegungsunschärfe des rechten Beines.

Die Angst der jungen Frau zeigt sich an ihrer gehemmten Haltung ( eng anliegende Arme, umfasster Daumen der linken Hand, enge Bein-stellung ), dem vorgestreckten Kopf, einem sicheren Abstand zum Spaltenrand und der Nähe zum Partner.

Einfluss der Angst auf physiologische Prozesse Durch die Ausschüttung von Stresshormo-nen zeigen sich z.B. , Schwitzen, Muskelzittern ( Nähmaschine ) usw. als Zeichen psychischer und physischer Überlastung. Sie begleiten die Angstsituation und veräusserli-chen die Angst des Kletterers.

Die Angst bewirkt aber auch eine zu hohe Muskelspannung ( Verkrampfung z.B. der Unterarmmuskulatur oder der Gesamtkörperbe-wegung ). Ebenso werden zu viele Muskeln aktiviert, d.h. zu viele überflüssige Nebenbewegungen stören den Gesamtablauf; die schnellere konditionelle Erschöpfung ist die unbedingte Folge dieser Vorgänge.

Einfluss der Angst auf das Bewegungsverhalten Die eingeschränkte Wahrnehmung, uneffektive Denkprozesse und die physiologischen Reaktionen haben letztlich alle ihren Einfluss auf das Handeln des Kletterers und somit auf sein Bewegungsverhalten. Unser Kletterer geriet durch seine missliche Situation in einen Handlungszwang. Doch zu selten war er in einer solchen Lage, um eventuell auf Erfahrungen zurückgreifen zu können, die ihm nun helfen könnten: er besitzt für diese Situation keine Bewältigungskompetenz. So zeigt er jetzt durch seine Überlastung ein Verhalten, als hätte er niemals geklettert. Die Bewegungen gleichen jenen, die er früher bei seinen ersten Kletterversuchen hatte:

- er hält sich krampfhaft festdie Bewegungsqualität und -quantität sind gehemmt ( Bewegungshemmung durch Angster zieht sich zu nahe an den Fels herandie Füsse suchen schabend ohne Blickkon-trolle und Bewegungspräzision einen neuen Tritter bereitet einen Griffwechsel vor, führt ihn dann aber doch nicht auser lässt überhaupt keine zweckgerichtete Koordination mehr erkennenschliesslich reagiert er in seiner für ihn aussichtslosen Situation nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip und springt eventuell einen Griff als letzte Rettungsmöglichkeit an ( Be-wegungsenthemmung durch Angst ).

Die Angst hat verursacht, dass der Kletterer den Weg zu einer aufgabenadäquaten Problemlösung durch situationsspezifisch optimal anforderungsgerechte Aktivitäten nicht fand.

Objektive Situation, z.B. Felsklettern - Subjektive Wahrnehmung und Bewertung der Gefahrenmomente - Subjektive emotionale Reaktion, z.B. Angst Abb. 1. Angstentstehung durch Situationswahrnehmung und Bewertung Fassen wir noch einmal zusammen; Abb. 1 veranschaulicht folgendes:

das Felsklettern stellt die Gefahr dar, die mit der objektiven Reizeigenschaft unserer beispielhaften Klettersituation verbunden ist. Das heisst diese Kletterstelle ist durch bestimmte Kennzeichen festgelegt ( z.B.: kleine, feste, trockene Griffe an einer senkrechten Wandstufe, die aber weit auseinanderliegen ), die sie objektiv beschreibbar und mit anderen Kletterstellen vergleichbar macht. Somit ist auch objektiv das Gefährdungsmoment, das diese Kletterstelle beinhaltet, bestimmbar.

Die subjektive Wahrnehmung und Bewertung der Gefahrenmomente beinhaltet die persönliche Konfrontation und Auseinandersetzung des Kletterers mit der Klettersituation. Die Bewertung hängt davon ab, inwieweit der Betroffene über Bewältigungsmöglichkeiten verfügt ( Klettertechnik, Kondition, Taktik ). Ebenso spielen die vorhergesehene Bedeutsamkeit und Wahrscheinlichkeit negativer Handlungskonsequenzen und die allgemeine Neigung zur Angst eine wichtige Rolle.

Werden keine Bewältigungsmöglichkeiten erkannt, entsteht die situationsbezogene akute Angst, durch die die beschriebenen Einflüsse auf Abläufe verursacht wird.

Es wurde gezeigt, dass die Angstentstehung als ein Prozess verstanden werden kann, in dem die Wechselwirkungen zwischen den wahrgenommenen Anforderungen der Umwelt ( Aufgabenschwierigkeit ) und den sich selbst zugetrauten technischen, taktischen und konditionellen Fähigkeiten und psychi- sehen Faktoren ( Bewältigungskompetenz ) zu einem Kontrollverlust führen. Es handelt sich dabei um ein subjektives Gefühl, das, beeinflusst von individuellen Veranlagungen und Erfahrungen, langsam oder plötzlich auftreten kann und dessen reale Existenz sich in den beschriebenen Reaktionen des Körpers zeigt.

Didaktische Konsequenzen Aus diesen Gedanken heraus lassen sich einige didaktische Konsequenzen für Ausbilder, Bergführer und JO-Leiter ableiten. Nicht weiter eingegangen werden soll auf den Umgang mit Angst z.B. bei Extremkletterern, wo eine gewisse psycho-physische Erregung zum Er-zielen hoher Leistungen als notwendig angesehen wird.

- Der Leiter, selbst meist ein routinierter Berggänger, muss Angst bei seinen Schützlingen wahrnehmen lernen. Das erfordert eine Sensibilisierung für Fragen der Angst. Dazu gehört unter anderem, Körperreaktio-nen wie Zittern oder Verhaltensweisen wie sich an den Fels drücken, richtig zu deuten.

- Der Leiter muss die Angst, die verbal geäussert wird oder die er selbst feststellt, ernst-nehmen. Er muss sich vor Augen halten, dass jeder die Anforderungen einer Aufgabe und die damit verbundene subjektive Gefährdung vor dem Hintergrund der Fähigkeiten beurteilt, die er sich selber zutraut. Diese Selbsteinschätzung kann beim Unerfahrenen total unrealistisch sein, von massiver Überschätzung ( Draufgänger ) bis zu starker Unterschätzung, bei der Angst entstehen kann.

- Bei in den Augen des Leiters unangemessener Angst werden oft Zurufe wie

- Verzögerungen bei schwierigen Passagen durch ungeübtere Seilschaftsmitglieder können zu unnötigen Zeitverlusten und dadurch zu einer Gefährdung z.B. durch Wetterumstürze oder Einbruch der Dunkelheit führen. Zu recht werden deshalb in der Aus- bildung technische und taktische Fähigkeiten und konditionelle Voraussetzungen verbessert. Ursache für Verzögerungen ist aber oft das Auftreten von Angst. Aufgabe des Lehrers ist es darum auch, in der Schulung und Ausbildung Situationen zu schaffen, in denen ein angstfreies Training möglich ist und somit die Bewältigungskompetenz erhöht werden kann. Solchen Situationen soll das letzte Kapitel gewidmet sein.

Jede Handlung wird in der Regel durch drei Komponenten bedingt: Die Person, die Umwelt und die Aufgabe ( vgl. Abb. 2 ). Die Bedingungen können dabei objektiver oder subjektiver Natur sein. Objektive Bedingungen werden auch dann wirksam, wenn sie von der handelnden Person nicht wahrgenommen werden ( z.B. Wetter, Vereisungen im Fels, unbewusst und automatisch ablaufende physiologische Prozesse ). Auf die bewusste Hand-lungsregulation, aber auch auf das Entstehen von Angst haben diese objektiven Faktoren keinen Einfluss. Erst durch Wahrnehmung und subjektive Bewertung entstehenden subjektiven Handlungsbedingungen werden die Handlungen beeinflussen. So wird der Kletterer erst in dem Moment, wo er feststellt, dass der Fels vereist ist, eine erhöhte Gefahr für sich antizipieren und seine Bewegungen anpassen. Genau so kann in dem Moment Angst auftreten, wenn die Situation neu ist und keine angepassten Bewegungstechniken verfügbar sind, die eigene Bewältigungskompetenz also als nicht ausreichend angesehen wird.

Abb. 2 Komponenten der Handlungssituation ( nach Nitsch und Hackfort. 1981. S.278 ) Im Training und in der Ausbildung geht es nun darum, die objektiven Handlungsbedingungen so zu gestalten, dass der Übende, wenn er die Bedingungen wahrnimmt, keine negative Bewertung vornimmt, die unter Umständen Angst entstehen lassen kann.

UmweltbedingungenSoziale Umwelt: Kleingruppenarbeit kann durch ein positives Gruppenklima die Ko-operationsbereitschaft fördern und beim einzelnen ein Zugehörigkeitsgefühl bewirken. Nähe, emotionale Zuwendung und Körperkontakt schaffen ein Gefühl von Sicherheit. Die Möglichkeit zur Kommunikation in der Gruppe lässt den Ängstlichen mit seiner Angst nicht allein, es kann darüber gesprochen werden. Ängstliche können durch Beobachtung von weniger Ängstlichen lernen. Das setzt voraus, dass nicht zu viele Ängstliche in einer Gruppe sind und die Anforderungen von allen bewältigt werden können. Innerhalb der Gruppe nimmt der Leiter eine besondere Stellung ein: seine fachliche Kompetenz verleiht seinen Aussagen Gewicht. Durch Anerkennung und Bekräftigung und das Unterlassen von verbaler oder nonverbaler Bestrafung kann er ein Klima der emotionalen Wärme in seiner Gruppe schaffen, in dem die Angst weniger schnell aufkommt.

- Materiale Umwelt: Der Leiter soll die Umwelt für die Schulung so wählen, dass nicht schon Angst entsteht, bevor eine Aufgabe gestellt wird. Eine sanft abfallende Alpweide unter einer Abseilstelle gibt z.B. ein Gefühl von Sicherheit und erleichtert die Orientierung. Die ersten Abseilversuche sollten nicht über einer steilen Geröllhalde oder einem Abgrund enden. Erleichterte Übungsbedingungen in geeignetem Gelände und guter Fels geben Vertrauen in die Fähigkeiten. So lassen sich z.B. schwierigste Kletterpassagen oft in 50 cm ab Boden an Felsblöcken und Felsbändern üben. Die Gewissheit, notfalls abspringen zu können und das schon erwähnte Orientierungsge-fühl verhindern auch hier das Entstehen von Angst. Gute Ausrüstung und Sicherungstechniken, die vom Übenden verstanden werden, gehören ebenfalls hierher. Das Nachsichern via Umlenkung erlaubt eine direkte Kontrolle und Hilfe des Ausbilders und stellt eine entscheidende methodische Massnahme gegen das Aufkommen von Angst dar.

Aufgabenbedingungen Der Schwierigkeitsgrad ( Höhe, Ausgesetztheit, Vorstieg, Verhältnisse usw. ) der gestellten Aufgaben soll allmählich erhöht werden. Nur erfüllbare Aufgaben vermitteln ein Erfolgserlebnis und erhöhen die Bewältigungskompetenz und die Bewältigungsgewissheit. Bei der Auswahl der Aufgaben muss der Leiter nicht nur die Könnensgrenze beachten, sondern ebenfalls das individuelle Anspruchs-und Bereitschaftsniveau sowie die Angst-grenze. Das bedeutet nicht, dass keine hohen Anforderungen mehr gestellt werden sollen; das gelegentliche Erfahren eigenen Ungenügens und dessen Überwindung sind Voraussetzungen, um das Bewusstsein von Bewältigungskompetenz zu entwickeln. Ängstliche sollten jedoch nicht mit Risikoaufgaben belastet werden, wie sie z.B. das Vorklettern darstellt. Das plötzliche Bewusstwerden der höheren Gefährdung kann so starke Angst auslösen, dass weder ein Vor noch Zurück mehr möglich ist.

Personenbedingungen - Somatische Faktoren: Die Wahrnehmung körperlichen Ungenügens kann in einer Handlungssituation Angst auslösen. Es ist deshalb wichtig, die konditionellen und technischen Voraussetzungen zu verbessern. Gezieltes Techniktraining und Konditionstraining erhöhen auch die subjektiv wahrgenommene Aufgabenbewältigungs-kompetenz.

Üben in ermüdungsfreiem Zustand führt eher zum Erfolg und erhöht damit wieder das Selbstwertgefühl. Die Beurteilung der eigenen Fähigkeiten wird positiver, die Anforderungen werden realistischer einge- schätzt und unangemessene Angst entsteht weniger leicht. Psychische Faktoren: Der ängstliche Übende muss lernen, mit seiner Angst umzugehen und sie zu akzeptieren. Das gelingt vor allem in einem angenehmen Gruppenklima ( s. o. ). Wenn er sich gegen die Angst wehrt, entstehen noch mehr hemmende Blockaden, die sein Bewegungsverhalten beeinträchtigen.

Daneben muss auch die Bewegungsvorstel-lung verbessert werden durch Beobachten ( Observatives Training ), Verbalisieren oder Aussprechen ( Verbales Training ) oder sich Vorstellen ( Ideomotorisches Training ) des Bewegungsablaufes oder der Aufgabe. Durch bewusstes Lenken der Aufmerksamkeit im Techniktraining kann die Bewegung kognitiv vorbereitet werden. Dabei kann sowohl der Trainierende selber ( erst ab Fort-geschrittenenstadium ), der Leiter oder ein erfahrenes Gruppenmitglied die Instruktion übernehmen; z.B. soll die Aufmerksamkeit auf das bewusste unbelastete Antreten eines neuen Trittes gelenkt werden.

Die angeführten Massnahmen sollen alle die Handlungsbedingungen im Bergsporttraining verbessern. Dadurch, dass die Bedingungen, wenn sie wahrgenommen werden, nicht negativ bewertet werden, sollen sie verhindern, dass im Training Angst aufkommt. Der Trainierende erhöht seine Fähigkeiten, er gewinnt Erfahrungen. Wenn er dann, wie der Kletterer in unserem am Anfang erwähnten Beispiel, in eine missliche Lage kommt, wird er die Situation weniger bedrohlich wahrnehmen und seine eigenen Fähigkeiten eher als ausreichend ansehen, die Situation zu meistern. Es wird ihm dann gelingen, gezielt nach Bewältigungsmöglichkeiten zu suchen. Sollte er keine Bewältigungsmöglichkeit erkennen, so wird er dies antizipieren, bevor er sich in eine aussichtslose Lage begibt.

Weiterführende Literatur Allmer, Henning: Angst und Bewegungsverhalten. In: Kirkcaldy, Bruce D. ( Hg ): Individual Differences in Sport behavior. Köln: bps-Verlag, 1982, S.224-241. ( Betrifft Psychologie und Sport, Sonderband 2. ) Hackfort, Dieter; Schwenkmezger, Peter: Angst und Angstkontrolle im Sport. Köln: bps-Verlag, 1980. ( Betrifft Psychologie und Sport, Sonderband 1. ) Heitzelhofer, Karin.Zur Bewältigung der Angst bei Risikosportarten. Eine Analyse des Verhältnisses von Begeisterung und Furcht vor, während und nach einer riskanten sportlichen Betätigung. In: Gabler, Hart-mutet al., ( Hg ): Praxis der Psychologie im Leistungssport. Berlin, Bartels & Wernitz, 1979, S. 329-336. ( Trainerbibliothek Band 19. ) Hongier, René: Stress und Angst im Sport. Magglingen: ETS, 1982. ( Trainerinformation Nr. 16. ) Meyners, Eckart: Die Angst im Sport. In: ( Magglingen ), 40, 1983, 8, 4-11.

Nitsch, Jürgen R./ Hackfort, Dieter: Stress in Schule und Hochschule - eine handlungs-psychologische Funktionsanalyse. In: Nitsch, Jürgen R. ( Hg ): Stress. Theorien, Untersuchungen, Massnahmen. Bern. Huber, 1981, S. 263-311.

Radlinger, Lorenz; Iser, Walter; Zittermann, Hubert: Bergsporttraining. Kondition, Technik und Taktik aller Bergsportdisziplinen. München: BLV, 1983. ( Blv-sportwissen 408. ) Schwenkmezger, Peter: Untersuchungen zur kognitiven Angsttheorie im sportmotorischen Bereich ( state-trait-anxiety ). In: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, 27, 1980, 4, 607-630.

Ulich, Dieter: Angstbewältigung und kognitive Kontrolle: Neue Perspektiven der Angstfor-schung und ihre praktische Bedeutung. In: Psychologie, Erziehung, Unterricht, 27, 1980, 349-356.

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