Skiabenteuer Piz Sesvenna

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HORST H. THER, ULM

Mit 3 Bildern ( 98-100 ) Friedlich plätschert der Dorfbrunnen von Scuol-Sura. Aber es ist kein gewöhnliches Wasser, das hier der Röhre entflieht. Mineralquellen sprudeln in den Brunnentrog - Säuerlinge von herbem, prickelndem Geschmack. Merkwürdig. Warum verirren sich diese mineralisierten Wasser ausgerechnet ins ozonreiche Unterengadin? Wer hat ihnen die ideale Zusammensetzung verschiedenartiger Wirkstoffe verabfolgt? Was für ein Phänomen hier im Tal des blutjungen Inns, in dieser mit herrlichen Hochgebirgsszenerien gesegneten Landschaft!

Der Kirchturm von Scuol-Suot schlägt die zwölfte Stunde. Mittag im Unterengadin. Ein Mittag, schon vom Hauch des Sommers berührt. Über die schmale, holprige Strasse von Scuol-Sura springt leichtfüssig ein junges Mädchen, eilt hinüber zum Brunnen, füllt einen Krug mit perlendem Nass. Wirr und zerzaust hängt ihr das dunkle Haar ins Gesicht. Mag sein, dass sie noch nie einen Friseur gesehen hat oder vielleicht gar keinen Wert darauf legt - die achtzehnjährige Tochter eines verwurzelten romanischen Bauern. Welch naturverbundene Erscheinung! So steht sie da am Brunnentrog, formt ihre feingliedrigen Hände zu einer Schale, hält sie unter den Wasserstrahl, schlürft ihn mehrmals beinahe gierig in sich hinein. Und dann erwidert sie unseren Gruss mit einem fröhlichen « Allegra », fasst ihren Krug und verschwindet hinter dem Rundbogen eines kalkigen, geduckt dastehenden Engadiner Hauses...

Oben ragt der Piz Lischana in die Wolken, grell leuchtet der Firn, weisse Schneeschleier zeichnen sich vor dem dunklen Grün des hoch emporbrandenden Nadelwaldes ab, wehen langsam in nördliche Richtung davon. Bleierne Schwüle lastet über dem Unterengadin. Fahl und kahl liegen die Wiesen. Und auch der sonst anmutige Inn schäumt merkwürdig grollend und schlecht gelaunt - sein sonst freundlicher, hellgrüner Schimmer scheint erloschen. Vereinzelte Tropfen fallen auf die Strasse von Scuol-Sura - verdunsten rasch. Nein, es wird nicht regnen, die Wolkendecke wird sich nicht entlasten, hier im niederschlagsarmen Unterengadin.

Auf der gegenüberliegenden Talseite verschwindet die Clemgiaschlucht in der Schroffheit des Unterengadiner Dolomits; dort windet sich die Strasse durchs wilde Val S-charl am Rande des Nationalparks hinauf nach S-charl. Ja, wir sind wieder zurückgekehrt aus Windharsch, aus peitschenden Schneestürmen am Piz Sesvenna, hinab in den lauen Mai des Unterengadins. Vor zwei Tagen sind wir aufgebrochen, sind auf vielgewundener Strasse durch freigefräste, mit zerfetzten Baumstrünken gespickte Grundlawinenreste emporgekurvt, vorbei an den hässlichen Begleiterscheinungen eines gewaltigen Druckstollenprojektes, hinauf in die Unberührtheit und Einsamkeit des Val S-charl. Der malerische Weiler S-charl war verrammelt und wie völlig ausgestorben. Dichtgedrängt stehen hier die paar Häuser in ihrer charaktervollen Unterengadiner Steinbau-weise. Geradezu furchterregend schön entragen die Berge dem Talgrund: Piz Mingèr, Pisoc, Madlain, d' Immez...

Wir hatten unser unbequemes Zelt verlassen, hatten unser Gepäck geschultert und sind über verblichene Samtrasen emporgestiegen zum Kiefernwald. Gefrorene, funkelnde Schneepolster193 verharrten im Schatten weitausladender Äste und geduckt dahockender Krüppelkiefern. Monoton rauschte der Bach über klobiges Geröll. Am Rand einer längst verwachsenen Seitenmoräne zieht sich der Weg hinauf zur Alp Sesvenna, stets im Angesicht des Piz d' Immez. Was für eine angenehme und zugleich eindrucksvolle Promenade! Was für ein märchenhaftes und zugleich wildromantisches Tal, das emporstrebt zu den verschneiten Moränen am Fora da l' Aua! Val Sesvenna. Drüben, jenseits des Baches, lag bleicher, geschlossener Schnee im Lee der Nordwestseite. Ja, dachte ich mir, dort werden wir unsere Ski zurückmanövrieren zwischen Felsblöcken, Kiefern und Gestrüpp, um auf kümmerlichen Altschneeresten einen allerletzten Fersenschub zu tun. Über der Pisocgruppe war eine Wolkenfront heraufgezogen; bewegungslos klebte sie am äussersten Horizont. Aber was für ein strahlender Tag, der emporgestiegen war! In abgrundtiefer, kri-stallischer Transparenz leuchtete der Engadiner Himmel, eine unbeschreibliche Bläue beherrschte den Zenit. Verlassen lag die Alp in Sonnenglast. Kein menschlicher, kein tierischer Laut war zu vernehmen; nur irgendwo aus der Tiefe hörte man das gedämpfte Brodeln ungestümer Gletscherwasser. Das Tal schwenkt nach Osten, verschmälert sich zur Schlucht. Schäumend tost der Bergbach zwischen der geborstenen Schneedecke hindurch, stürmt temperamentvoll talauswärts. Schwach angedeutete, von der Maisonne herausmodellierte Skispuren führten uns vorbei an schlanken, hochgewachsenen Lärchen und hinein in die grenzenlose Einsamkeit des Val Sesvenna. Es war ein mühseliger Treck durch dieses beinahe topfebene Trogtal. Kein Lüftchen regte sich, die Sonne stach wie mit tausend Nadeln, und die Stille war unheimlich. Aber dann pfiff jemand plötzlich grell und befehlerisch, dass ich erschrocken zusammenfuhr. Nein, es waren nur die Murmeltiere, die aus ihrem Winterschlaf erwacht waren, sich zur Schneeoberfläche einen Stollen gegraben hatten, um sich dort in den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne zu aalen. Drüben stand das Tierchen, wie zu Stein erstarrt, neben seiner Öffnung im Schnee. Ja es schien erstaunt zu sein, um diese frühe Jahreszeit hier Menschen zu entdecken, die sich mit solch merkwürdigen Brettern an den Beinen durch diese unwirtliche Gegend plagten. Ich spurte auf der Nordseite des Mot da l' Hom. Aber es nützte nichts; die Sonne blieb erbarmungslos. Im Talschluss warf ich den Rucksack ab und setzte mich erschöpft auf einen Felsbrocken. Die Wolkenfront über der Pisocgruppe hatte beängstigende Formen angenommen, und auch über dem Mot da l' Hom drängte sie drohend herein. Selbst am Piz Cristannes begann es zu brodeln, und dunkle Wolkenschatten zogen träge an den gleissenden Firnhängen von Blaisch Gronda dahin. Plötzlich war in mir die Freude am Tourenskilauf gewichen. Ich hätte am liebsten die Felle abgezogen und kehrtgemacht. Aber dann ahnte ich wieder den Gipfel, spürte den erwartungsfrohen Optimismus des Freundes neben mir. Und dann nahm ich den Rucksack, spurte hinein in die Lautlosigkeit glänzender, konturloser Firnflächen. Wir zogen vorbei an der bläulichen Eisdecke eines gefrorenen Sees, hinauf zur unendlich einsamen Fuorcla Sesvenna. Makellos strebte der Gletscher empor. Er hatte sich mit dem widerlichen Durcheinander wild wogender Nebelschwaden vereinigt, brandete irgendwo dort oben gegen unsichtbare, verwehte Felsen. Wo war der Gipfel des Piz Sesvenna? Wo war die abgrundtiefe Bläue des Engadiner Himmels? Nein, nichts war mehr übriggeblieben von der kristallischen Transparenz des frühen Vormittags. Kalt blies der Wind über die Gratsenke. Bedeutungslos, lächerlich, fast sinnlos ragte der Grenzstein aus der blankgefegten Grasnarbe. Was hat hier dieses Symbol politischer und topographischer Prinzipien zu suchen, hier, in dieser erbarmungslos weissen Öde, die doch keinen Unterschied kennt zwischen hüben und drüben? Wir gingen über den Schneerücken zum Piz Rims ( 3050 m ), überschritten einen namenlosen Grathöcker. Monoton bleigrau wölbte sich der Himmel. Ein bissiger Wind trug den Schnee aus der Tiefe empor, umhüllte den Grat des Piz Rims so erbarmungslos, dass ich 194 meinem Pessimismus treublieb Die Sonne würde nicht mehr durchbrechen, sie würde die Berge nicht mit ihrem gleissenden Licht überfluten. Der Piz Sesvenna würde vergraben bleiben hinter einem Inferno peitschenden Schneestaubs. Wir würden die hängenden Gärten der Semiramis nicht mehr erblicken. Und ich hatte recht. Der Piz Sesvenna blieb verborgen, so sehr ich meine Augen auch anstrengte.

Ich weiss nicht, war es der Freund, der mich insgeheim dazu zwang, oder hatte ich mich selbst überwunden? Plötzlich waren wir doch unterwegs zum Piz Sesvenna. Wir hatten den Piz Rims verlassen, waren zurückgekehrt zur Fuorcla Sesvenna, räkelten uns auf einer schneefreien Gneisplatte, die, wie geschaffen für eine Rast, fast horizontal aus dem Steilhang herausragte. Sonnenflecke eilten über den Vadret da Sesvenna, näherten sich und entfernten sich wieder, verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren. Aber oben am Piz Sesvenna, da war etwas im Gange. Dort hatte sich der Gletscher des Nebels entledigt, und manchmal sah man den Gipfelgrat, schwarz und schemenhaft. Also nichts wie hineingetaucht, schräg emportraversiert über die riesige weisse Fläche des Vadret da Sesvenna! Ich wusste nicht mehr, seit wieviel Stunden wir nun schon auf den Beinen waren; aber immerhin, es herrschte bereits drohender Spätnachmittag. Mechanisch, unermüdlich arbeiteten meine Gehwerkzeuge, die doch sonst meist das Gaspedal treten oder sich verschränkt unterm Schreibtisch befinden. Es war ein mühsamer Weg. Die Felle waren vereist, dicke Schneestollen klebten an der Lauffläche. Aber verbissen setzte ich einen Ski vor den andern, zog meine einsame Spur durch das monotone Einerlei des Vadret da Sesvenna, und dicht hinter mir folgte der Freund. Endlos wölbte sich der Gletscher, brandete gegen die Gneisfelsen des Muntpitschen ( 3162 m ). Und dann standen wir plötzlich im peitschenden Schneestaub am Firnsattel westlich der Foratrida ( 3135 m ). Unfassbar! War es Pan, der über die Grate raste, der seinen wilden, unwiderstehlichen Akkord in die Atmosphäre trieb? Wollte er uns einen panischen Schrecken einjagen, damit wir fluchtartig die chaotische Einöde am Piz Sesvenna verliessen? Unermüdlich jagte der Sturm seinen eisigen Atem aus den Tiefen des Val Müstair empor, stöhnte und jaulte am Gipfelgrat und führte in den zerfetzten Gneiszak-ken des Muntpitschen seinen Hexentanz auf. Draussen lag der Vintschgau in mattem, diffusem Abendlicht; schmutziggrün schimmerten die abgrundfernen Wiesen und Wälder unter einer blinden Dunstglocke. Mich fror. Wäre es nicht herrlich gewesen, in einer Meraner Schenke vor einem Glas rubinroten Weines zu sitzen? Nein, wir würden uns zwischen blühenden Obstgärten ergehen, dort, wo es warm und windstill ist, in bequemen Strassenschuhen, frischem Hemd, gewaschen und rasiert. Verrückte Gedanken! Waren wir nicht am Piz Sesvenna, am Gipfel der Verheissung? Düster und plattig ragte der Ostgrat. Unaufhörlich preschte der Schneestaub darüber hinweg. Was für ein Inferno! Was für ein Kontrast gegenüber der verschwenderischen Vegetation des Val Venosta! Ich querte unmittelbar unter den Felsen der Nordseite gipfelwärts. Eine steile Traverse! Es mögen vielleicht noch 150 Meter Horizontaldistanz zum höchsten Punkt gewesen sein, als es plötzlich dicht vor meinen Skispitzen dumpf knirschte. Ein hässlicher Riss begann sich schlangenhaft und unheimlich durch die Schneedecke zu zeichnen. Und im nächsten Moment brach auch schon der Hang, zischte donnernd in den Kessel des Vadret da Sesvenna. Pan raste wieder über den Grat, peitschte den Schnee in die Atmosphäre, und der Piz Sesvenna war verschwunden wie ein Spuk. Wo waren sie, die strahlenden Gipfel des Nationalparks, wo war der Piz Plavna Dadaint, der Piz Quattervals? Pan war stärker! Konturlos wälzte sich der Gletscher hinab zum Lai da Sesvenna, diesem zauberhaften Bergsee, der dort unten in einem farblosen Abend verdämmerte. Wir verstauten unsere schneeverklebten Felle, kratzten das Eis von den Laufflächen und liessen uns auf den Ski dicht neben unserer Aufstiegsspur hinaustreiben in Richtung der schwarzen, vereisten Felsen des Muntpitschen, schwangen tastend hinab in die trostlose Monotonie des Vadret da Sesvenna, hinein in die rasch aufziehende Dämmerung eines tristen Maitages, der so verheissungsvoll begonnen hatte. Es war ein Kampf mit knochenstrapazierendem Bruchharsch dort unten im Val Sesvenna, mit grässlichem Bruchharsch, der sich unterhalb der Baumgrenze in saftig schmatzenden Sulzschneemorast verwandelte, in dem man samt Ski bis zu den Waden versank. Im letzten Tageslicht kämpften wir uns durchs Unterholz. Mit blindwütigem Fanatismus suchten wir uns den Weg über schmutzige Altschneereste, schoben eine letzte Ferse, stiegen abschliessend samt Ski und Rucksack befriedigt in den schäumenden Bach, wuschen uns Dreck und verkrusteten Schweiss herunter, so gut es eben ging. Wo war der Piz Sesvenna? War es möglich, dass wir uns viele Stunden lang durch sein eisiges Reich bewegt hatten - in Sonne und Schneesturm, Hitze und Kälte? Fuorcla Sesvenna, Piz Rims, Muntpitschen, Foratrida... Scharten, Gipfel, Grate in unendlicher Einsamkeit! Wir hatten sie erlebt, sie sind uns zu einem Begriff geworden.

Nun sind wir zurückgekehrt aus dem wilden Val S-charl. Einförmig plätschert der Brunnen von Scuol-Sura, hinterlässt eine rostrote Spur im Brunnentrog. Das junge Mädchen ist verschwunden. Od und verlassen liegt der holprige Dorfplatz von Scuol-Sura. Dichtgeschart verharren stilvolle Häuser am Abhang von La Clozza. Die engen Gassen sind wie leergefegt...

Feedback