Skiabfahrt der Superlative am Everest Von der Herbstsaison 2000 an den Bergen Nepals.

Im Herbst 2000 gelang den Österreichern Hartmut Gföllner und Martina Bauer ein Blitzabstieg vom Tilicho (7134 m): In einem Tandem-Gleit-schirmflug schwebten sie von diesem Siebentausender in der Annapurna-Region hinunter auf das Flugfeld von Jomosom. Einen schnellen Abstieg absolvierte auch Davo Karnicar: Der Slowene befuhr erstmals die Normalroute des Everest auf der Nepal-Seite mit Ski.

Slowenische Bergsteiger haben in den letzten Jahren im Himalaya immer wieder für Schlagzeilen gesorgt wie Tomaz Humar im Herbst 1999 mit seiner Monstertour durch die Dhaulagiri-Süd-wand. Ein Jahr später überwand der 37-jährige Skilehrer Davo Karnicar als Erster eine vollständige Aufstiegsroute im Abstieg mit Ski – die Route über den Südostgrat auf der Nepal-Seite des Everest.

Am 7. Oktober 2000 schnallte Davo Karnicar um acht Uhr morgens seine Ski auf dem Everest-Gipfel an. Da es sehr kalt war und er «einen klaren Kopf» wünschte, verwendete er – wie schon beim Aufstieg – beim ersten Teil seiner Abfahrt bis zum Südgipfel (8748 m) Sauerstoff aus der Flasche. Bereits um 8.40 Uhr war er zurück im Südsattel (7900 m), wo er eine drei Kilo schwere Kamera an seinem Helm montierte. Entlang der Route waren weitere Kameras angebracht. In Camp 2 auf 6500 m hielt er einen Moment an, um etwas zu trinken, bevor er kurz vor Mittag Camp 1 (6000 m) und um 12.40 Uhr das Basislager auf 5350 Metern erreichte – vier Stunden und vierzig Minuten für die Abfahrt über 3500 Höhenmeter!

Nicht der sehr steile, felsige Hillary Step war für Karnicar die schwierigste Stelle, sondern die steile Passage gerade unterhalb des Hillary Step. Er musste dort seitlich, Schritt für Schritt, mit den Ski an den Füssen, absteigen. Mit Ski unbe-fahrbar war natürlich auch der Khumbu-Eisfall, jener Gletscherabschnitt zwischen Camp 1 und Basislager voller gigantischer Spalten und riesiger, wackliger Eistürme. Hier wählte Karnicar eine objektiv sehr gefährliche Route: Er fuhr, ständig gefährdet durch die Séracs über ihm, am äussersten rechten Rand des Gletschers, gerade unterhalb der Everest-Südwestwand und des Lho-La-Passes durch. Seine Freunde wiesen ihm von Camp 1 aus per Funk die Abfahrtsroute an, da er sie von seinem Standort aus gar nicht mehr einsehen konnte.

Karnicar war aber nicht der Erste, der den Abstieg vom Everest mit Ski hinter sich bringen wollte: Im Mai 1996 befuhr Hans Kammerlander die Nordseite des höchsten Berges der Welt, wobei er weder im Aufstieg noch während der Abfahrt Sauerstoffflaschen verwendete. Der bekannte Südtiroler Bergsteiger musste seine Latten aber zwischen 8500 und 8000 Metern auf einigen längeren Passagen gegen Steigeisen eintauschen. Im Nordsattel auf 7000 m wechselte er Schuhe und Ski und fuhr dann bis zum vorgeschobenen Basislager auf 6400 m ab.

Weniger gut als Karnicar erging es sechs jungen spanischen Studenten, die den Manaslu (8163 m) besteigen wollten – ohne Erfolg. Sie wurden Anfang September beim Anmarsch zum Basislager von bewaffneten Rebellen bedrängt, die sie zur Herausgabe ihres Geldes zwangen. 1

Anders erging es einer Gruppe von vier Briten und einem Schweden, die den Shringi Himal (7187 m, auch Chamar genannt) nordöstlich vom Manaslu und unweit der tibetischen Grenze zum Ziel hatten. Mit der Bewilligung der nepalesischen Behörden für die zuvor unbegangene Westwand wurden sie – einen Tag vor dem Basislager unterwegs in Richtung Berg – von einer Gruppe buddhistischer Mönche aufgehalten.

Das Oberhaupt der Mönche erklärte den erstaunten Bergsteigern, sie dürften in diesem Tal nicht weiter aufsteigen, sondern müssten es vielmehr unverzüglich verlassen: Die Westwand des Shringi sei der Sitz der Götter. Und sollten die Bergsteiger den Befehlen der Mönche nicht Folge leisten, würden Letztere Gewalt anwenden. Alle Versuche des Be-gleitoffiziers und des Sirdars des kleinen Teams, die Mönche in mehrere Tage dauernden Gesprächen zu besänftigen, blieben erfolglos. Die Alpinisten waren gezwungen, auf eine andere Seite des Berges auszuweichen. Die angegangene Route erwies sich in der Folge aber als so gefährlich, dass sie schon bald umkehren mussten. Bei der Rückkehr zu ihrem Lager mussten sie zu allem Überdruss entdecken, dass Ausrüstung und Material im Gegenwert von rund 5000 Dollars entwendet worden waren!

Ein Team von Franzosen – geleitet von Nicolas Terray, dem Sohn des bekannten Alpinisten Lionel Terray, der an den Bergen Nepals in den Fünfziger- und Sechzigerjahren unterwegs war – glaubt, an der Annapurna I (8091 m) eine objektiv sichere Route gefunden zu haben. Der bisher als Normalroute gebräuchliche, komplexe Aufstieg über die Nordflanke des Berges gilt als (objektiv) sehr gefährlich und ist konstant Lawinen und Séracs ausgesetzt. In dieser gewaltigen Flanke sind mehrere Bergsteiger und Bergsteigerinnen ums Leben gekommen. Die von den Franzosen – darunter der hervorragende Bergsteiger Christophe Profit – angegangene Route führt über die Ostseite der Nordflanke zum Ostgipfel; von dort könnte man über dem oder gerade unterhalb des Hauptkamms nach Westen zum Zentral- und zum Westgipfel traversieren, die beide höher sind als der Ostgipfel. Allerdings gelang es Profit nicht, der zusammen mit einem Sherpa namens Dorje unterwegs war, die Route zu vervollständigen: Die zwei wurden auf 7400 m durch einen Sturm zur Umkehr gezwungen.

Am Cho Oyu (8201 m) war einmal mehr eine grosse Zahl von Gruppen unterwegs: Der sechsthöchste Berg der Welt wird – ganz im Gegensatz zur Annapurna – von vielen so genannt kommerziellen Expeditionen angegangen. Im Herbst 2000 waren es nicht weniger als 31 mehr oder weniger grosse Teams. Einer der bekanntesten Expeditionsleiter an Everest und Cho Oyu, der Neuseeländer Russell Brice, gab einem tibetischen Yaktreiber die Chance, einen Achttausender zu besteigen: Karsang, ungefähr 42 Jahre alt und auf der Nordseite von Cho Oyu und Everest wohnhaft, liess sich diese Chance nicht nehmen und stand am 24. September zusammen mit Brice, fünf seiner Kunden und drei nepalesischen Sherpas auf dem Gipfel des Cho Oyu.

Im Juli 2000 gelang es einer Gruppe von Japanern, den Nalakankar (6062 m) im äussersten Nordwesten Nepals an der Grenze zu Tibet erstmals zu besteigen. Die Besteigung des abgelegenen Gipfels über seinen Nordgrat erwies sich als leicht. Die Japaner unternahmen darauf weitere Erkundungen und Klettereien in einem Gebiet, wo vor ihnen nur eine knappe Hand voll Expeditionen unterwegs gewesen waren und wo sie die Berge für sich allein hatten. Ganz anders erging es da einer ganzen Schar von Alpinisten an der Ama Dablam: Dieser formschöne Berg im Khumbu-Gebiet war auch im Herbst 2000 Ziel von nicht weniger als 25 verschiedenen Teams! Das Höhenbergsteigen scheint, wie übrigens alle Bergsportdisziplinen, eine eigene Dynamik in der Kreation von Prestigegipfeln und «Musts» entwickelt zu haben.

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