Skibergsteigen in den Dolomiten. Ein geschichtlicher Rückblick

Ein geschichtlicher Rückblick

Skibergsteigen in den Dolomiten

Bis vor 20 Jahren waren sich die meisten Führerautoren darin einig, dass sich die Dolomiten wegen ihrer zerrissenen Topografie und des Mangels an Gletschern nicht gut zum Skifahren eignen. Trotzdem erreichte das Skibergsteigen in den Dolomiten in den letzten 25 Jahren grosse Popularität, und kein einziges ihrer 50 Massive wurde von Extremskifah-rern, Skiwanderern und -alpinisten abseits gelassen.

Über das Skibergsteigen in den Dolomiten gibt es heute viele Führerwerke. Als erster grosser Autor schrieb Ettore Castiglioni, einer der exzellentesten Kletterer der Dreissigerjahre, über das Skibergsteigen oder das « Skifahren hors piste ». Tausende von Alpinisten benutzten aber die von Antonio Berti bis zu den Fünfzigerjahren erstellten Zusammenfassungen. Sie erschienen in den vom « Vater der Bergsteiger des Veneto » bearbeiteten Führern ( die letzten Ausgaben über die östlichen Dolomiten, Dolomiti Orientali, gehen auf die Jahre 1971 und 1972 zurück ). Obwohl sie manchmal poetisch, zum Teil überholt und strittig sind, haben sie in vielen Aspekten nach wie vor Gültigkeit. Darin steht auch der Satz: « 1907 besteigt Oberleutnant Richard Loschner den Hochebenkofel mit Ski. » Dies ist die erste Anmerkung überhaupt über das hochalpine Skibergsteigen in den Dolomiten.

Erste Skitouren mit militärischem Hintergrund Loschner, Oberleutnant im kaiserlich-königlichen Heer, war ein hervorragender Kletterer, der bei seinen Touren wahrscheinlich den damaligen 5. Grad streifte und viele neue Routen eröffnete. Der erwähnte Gipfel, der Hochebenkofel, ist auch heute noch ein anspruchsvolles Skitourenziel in den Sextner Dolomiten, nur einen Schuss weit von der Grenze zwischen Italien und Österreich entfernt. Loschner führte weitere Skierst-begehungen auf andere grenznahe strategisch bedeutungsvolle Gipfel aus. Man kann also vermuten, seine Skibesteigun-gen seien eher die Folge eines militärischen Erkundungsauftrags gewesen. Die Verwendung von Ski oder « pattini da neve » ( Schneeschuhen ), wie sie damals in Italien genannt wurden, gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück: In Italien wurden sie im November 1896 in Turin von einem italienisch-schweizeri-schen Ingenieur, Adolfo Kind, eingeführt. In der damaligen Zeit musste jede Verschiebung mit Ski als Skitour oder Skiwanderung bezeichnet werden, da es keinerlei mechanische Aufstiegshilfen gab. Das kuriose nordische Gerät hielt aber auch in Frankreich und Österreich Einzug. 1909 wurden in Bardonecchia die ersten Skiwettkämpfe ausgetragen.

Die Monti dell'Alpago in den östlichen Dolomiten weisen oft spektakuläre Schneehöhen auf.

Die Dolomiten bergen eine Vielzahl von Hochtälern, die mitunter schwer zugänglich sind. Das Val d' Arcia, am Fuss der berühmten Nordwand des Monte Pelmo.

Fo to s: Cl au dio Cim a, Bell uno DIE ALPEN 1/2002

Sie umfassten Wettbewerbe in Langlauf, Springen und Abfahrt und standen nur militärischen Patrouillen offen. Offensichtlich fühlte sich nicht nur Loschner von den Möglichkeiten der Ski als Fortbewegungsmittel für militärische Missionen angezogen.

Kriegsfront als Skigelände 1915, als Italien in den Krieg eintrat, eröffnete sich plötzlich über die 800 Kilometer lange Gebirgsfront vom Ortler über den Adamello zu den Dolomiten und den Karnischen und Julischen Alpen ein « Spielplatz », auf dem mit den neuen Geräten experimentiert werden konnte. Das zeigen historische Fotografien manchmal mit überdeutlicher Offen-kundigkeit: Ganze Soldatentruppen oder -patrouillen, in weisse Tarnanzüge gekleidet, bewegen sich mit Ski auf Gletschern und durch verschneite Täler fort. Niemand hielt die damaligen Skierst-begehungen fest: Man erreichte einen Gipfel, einen Gratrücken und setzte dabei, natürlich auch bei der Abfahrt, alles daran, nicht von einem Schuss eines Scharfschützen durchbohrt zu werden. Nach Kriegsende wurde in Italien das Skibergsteigen in grossem Stil – vergleichbar einem Arnold Lunn in der Schweiz – und auf Viertausender in erster Linie von Aldo Bonacossa, Graf von Vallepiana, und verschiedenen Turiner Akademikern gefördert.

Dreissigerjahre: Skifahren wird populär Der erste « harte Kern » der skifahrerischen Entwicklung bildete sich Anfang der Dreissigerjahre in Cortina d' Ampezzo: Vielleicht wegen der Nähe zu Österreich erlernten die Bergführer dieses Ortes bald auch den neuen Sport und wurden Skilehrer. Das Skifahren selbst wurde durch die vom Arlberg « importierten » Techniken verfeinert – wobei die Bewohner des Tals von Cortina noch die ganzen Fünfzigerjahre hindurch auf

Spuren im traumhaften Pulver unweit des Marmolada-Gletschers In den Karnischen Alpen findet jedes Jahr im Mai das Valentin-tal-Rennen statt, in dem die Italiener mit den Österreichern um die Wette laufen. Die Nordwand des Cogliaus von der österreichischen Seite.

Unterwegs in der Gruppe der Pale di San Martino DIE ALPEN 1/2002

einen rudimentären Telemark-Stil zurückgriffen. Die ersten mechanischen Aufstiegshilfen wurden « Slittovie » genannt: Grosse, an Kabeln befestigte Schlitten beförderten die Skifahrer zum höchsten Punkt. Richtige Skilifte entstanden erst 1932 in Kanada.

War man also in jener Zeit mit Ski über Stock und Stein unterwegs? Sicher, aber nur ein paar unerschrockene einsame « Wölfe », meistens Deutsche, und nur in Gebieten nahe bei Zentren von touristischer Bedeutung wie Cortina oder das Grödnertal. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel des Unfalls des Füh-rerautors Ettore Castiglioni: 1937 durchquerte Castiglioni allein das Sellaplateau – zu jener Zeit eine schwierige Skiunter-nehmung –, verletzte sich dabei an einem Bein und konnte sich nicht mehr bewegen. Die Rettung kam erst, als plötzlich ein Grüppchen von Deutschen auftauchte.

Castiglioni: Kletterer und Skipionier Castiglioni war der Erste, der in seinen Führern, wie heute üblich, Beschreibungen von « gite sciistiche e sci-alpinistiche » ( Möglichkeiten für Skiwanderungen und -touren ) anfügte. Er krönte das Ganze 1942 mit einem kompletten Skiführer über die Dolomiten, der Guida scialpinistica delle Dolomiti, der von der Brenta bis zum Tal des Piave reichte. Davon hat Castiglioni sicher einen grossen Teil der Routen selber begangen. Castiglioni starb im Alter von nur 36 Jahren am Passo del Muretto, als er vor Schweizer Gendarmen flüchtete, die ihn 1944 auf dem Malojapass festgenommen hatten: Der überzeugte Antifaschist hatte nach dem Sturz Mussolinis die Ausreise einiger Widerstandskämpfer und Juden ins Aostatal ( Fenêtre Durand ) und, in der Zeit kurz vor seinem Tod, nach Chiareggio organisiert.

Von der ersten « Haute Route »... Unmittelbar nach dem Krieg dachte man vor allem an den Wiederaufbau. Der « normale » Wintertourismus entwickelte sich nur zaghaft: 1956 konnte man einzig in Cortina, wo die Olympiade stattfand, von Tourismus sprechen. Der Anlass wurde wegen mangelnder Infra-

Ein wahres Kleinod: das Val di Zoldo in den südlichen Dolomiten Im lang gezogenen Lagorai-Massiv finden sich wunderbare Täler, in denen man bis zum Ende des Frühlings Ski fahren kann.

Unweit von Cortina d' Ampezzo hält die Überschreitung des Col Cristello ( 2822 m ü. M. ) eine fantastische nordorientierte Abfahrt von 1400 m Höhendifferenz bereit.

DIE ALPEN 1/2002

Schutz der Gebirgswelt

La difesa dell'ambiente

Protection de la montagne

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