Skitouren in der Expressversion
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Skitouren in der Expressversion Sektionen setzen auf sportliche Touren

Schnell und leicht unterwegs sein: Der Temporausch erfasst längst nicht mehr nur Skitourenrennläufer. Einige SAC-Sek­tionen bieten nun Speedtouren an. Kritiker stehen dem Leistungsdruck in den Bergen skeptisch gegenüber.

Eine Begegnung wie diese könnte einiges infrage stellen: Weit unten im Hang laufen sechs Skitourengänger. Scheinbar weit weg. Doch kurze Zeit später haben sie aufgeholt, ziehen frisch wie junge Steinböcke vorbei und lassen einen etwas ratlos zurück. Wie ist das möglich? Liegt es am Material? Oder hat man selber einfach keine Kondition? Wahrscheinlich nichts von alldem. Vielleicht hat man nur gerade Bekanntschaft mit der Skitourenrenngruppe der Sektion Montana-Vermala gemacht. Während Normaltrainierte auf ihrer Tour 1000 Höhenmeter aufsteigen, macht die Gruppe in der selben Zeit das Doppelte.

Beim Touren trainieren

Begegnungen dieser Art könnten sich in Zukunft häufen. Mehrere Sektionen planen derzeit, solche Gruppen zu gründen. Als Vorreiter gilt ebenjene der Sektion Montana-Vermala, die vor vier Jahren vom ehemaligen Skitourenrennfahrer Kevin Bagnoud gegründet wurde. «Damals hatte ich an einer SAC-Skitour teilgenommen, aber das Tempo war mir zu gemächlich», erzählt er. «Aus diesem Grund wollte ich eine Truppe auf die Beine stellen, die etwas engagierter unterwegs ist, um auch neue Mitglieder zu gewinnen.»

Mittlerweile gehören an die 15 Personen zur Gruppe, fast ausschliesslich Männer zwischen 20 und 60 Jahren. «Im Vergleich zu einer klassischen Skitour bewältigen wir mehr Höhenmeter in einem schnelleren Tempo und mit weniger Pausen. Ausserdem suchen wir nach diffizilerem Gelände, wie zum Beispiel steileren Hängen und schmalen Graten. Oder wir bezwingen zwei Gipfel an einem Tag», erläutert Kevin Bagnoud weiter. «Aber ansonsten herrscht bei uns eine entspannte Atmosphäre, niemand will mit dem Kopf durch die Wand.» Der Walliser organisiert fünf bis sechs derartige Touren pro Jahr, so auch eine Haute Route in den Jahren der Patrouille des Glaciers (PDG).

«Abgesehen vom Unterschied an Höhenmetern ist es mehr ein Freundeskreis als eine Wettkampftruppe», bekräftigt der Präsident der Sektion Montana-Vermala, Xavier Robyr, der auch schon an einigen Touren teilgenommen hat. Der Aspekt des Trainierens bleibt jedoch bestehen. «Die Hauptidee ist es, Rennläufern abseits der präparierten Skipisten die Möglichkeit zur Wettkampfvorbereitung zu geben», fügt er hinzu.

Genuss trotz Anstrengung

Generell hat die Sektion Montana-Vermala einen starken Bezug zum Wettkampf. Sie organisiert auch das Skitourenrennen Défi des Faverges. Aus diesem Grund stiess die Idee der Trainingsgruppe auf Anklang. Die Mitglieder sind nicht der Ansicht, dass das höhere Tempo der Freude an den Bergen und der Landschaft abträglich sei. «Wenn man besser trainiert ist, steigt man schneller und profitiert schliesslich davon. Ich glaube nicht, dass jemand durch die Anstrengung beim Aufstieg seine Tour nicht mehr genies­sen kann», schliesst Kevin Bagnoud in einem Fazit.

Zürcher Versuchsreihe

Diese Entwicklung ruft eine Debatte über die Existenzberechtigung der Alpen-Clubs auf den Plan. Die Zürcher Sektion Uto organisiert seit diesem Jahr die «Fast&Fun-Touren», mit dem Ziel, Mitgliedern schnellere Touren und eine Möglichkeit zur Vorbereitung auf die PDG anzubieten. Im Vorstand schlug dies anfänglich hohe Wellen: «Einige befürchten, dass wir uns in ­einen Wettkampfverband verwandeln», erzählt der Cheforganisator der Uto-Touren Michael Beglinger. Er sieht das anders: «Ich sehe meine Aufgabe darin, ein erweitertes Angebot für die Mitglieder zu schaffen. Sie sollen die Bandbreite des Bergsports wahrnehmen können, dazu gehört auch die PDG.»

2015 sind zehn «Fast&Fun-Touren» mit 500 bis 600 Höhenmetern pro Stunde geplant. Auch diejenigen, die keine superleichte Ausrüstung besitzen, können teilnehmen. «Wir haben Routen mit dem Schwierigkeitsgrad WS gewählt, damit wir uns mehr auf die sportlichen Aspekte konzentrieren können und der Aufwand für die Sicherheit überschaubar bleibt, betont der Projektinitiator David Leuenberger. Noch befindet man sich in der Ver­suchs­phase. Das Angebot wird danach evaluiert und je nach Bedarf abgeändert. «Bis jetzt gab es deutlich weniger Teilnehmer als bei einer klassischen Tour. Es scheint, als ob die Mehrheit der Uto-Mitglieder das gemächlichere Tempo bevorzugt», stellt er fest.

Kameradschaft statt Leistung

Nicht alle Sektionen sind für einen derartigen Schritt bereit. Die Sektion Dia­blerets hat zurzeit keine Pläne, was Skitourenrennen angeht. «Das gehört nicht zu unseren Prioritäten», sagt der scheidende Präsident Luc Anex. «Wir konzentrieren uns mehr auf den Sport als Spassfaktor. Manchmal gibt es schwierigere Routen, aber nie im Kampf gegen die Stoppuhr.»

Ähnlich tönt es auch bei der Sektion Pilatus. «Diese Entwicklungen sind nicht unvereinbar mit der Idee des SAC, aber wir haben nicht vor, sie zu unterstützen», erklärt der Sektionspräsident Bruno Piazza. «Wir legen mehr Wert auf Kameradschaft und die Berge. Es braucht nicht noch einen zusätzlichen Leistungsdruck. Davon erleben wir im Alltag schon genug.» Beide Sektionen betonen jedoch, dass sie auf Wunsch der Mitglieder zu einem Meinungsumschwung bereit wären.

Die Neuenburger Sektion hingegen überlegt sich, diese Art von Angebot ab 2016 einzuführen. Tatsächlich existieren schnellere Touren schon länger, aber bis anhin waren sie kein öffentliches Diskussionsthema. «Es waren PDG-Anhänger, die den Anstoss dazu gegeben haben, und ich finde es eine gute Idee», sagt Präsident Heinz Hügli: «Der SAC ist ein Bergsportclub. Es gibt für alle einen Platz.»

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