Spanische Bergwanderungen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Walter Lent.

I. Berge im Süden.

Es sollten nur ein paar Bummeltage werden, mit der Hoffnung, in abseitigen Tälern noch ein bisschen « Wildwest » zu finden. Denn das Land des S.A.C. ist kaum noch Gelände für Abenteuer. Dazu kam, dass uns der Motor — oder war es die alte Sonnensehnsucht des Nordländersweiter und weiter südwärts zog, bis an das Mittelmeer.

Einfach unrühmlich umkehren war ausgeschlossen.

Als ich die Sierra Nevada und die Picos de Europa erwähnte, war die Weiterfahrt beschlossen. Vor zwanzig Jahren hatte die Bergsteigerei da unten noch etwas Expeditionscharakter, und gerade das suchten wir ja.

Um die Enttäuschung vorweg zu nehmen: alles wickelte sich ganz glatt ab.

Mit wehenden Fahnen schnurrte der Wagen durch Südfrankreich.

An der spanischen Grenze erwarteten uns weder Banditen noch Stierkämpfer oder Carmencitas mit Granatblüten im Haar, sondern zwei wackere Zöllner und ein halbes Dutzend Tankstellen. Der Grenzübergang dauerte knapp 12 Minuten. Auf guter Strasse mit Vollgas nach Barcelona und hoch über der Felsenküste oder, wo die Strasse die zahlreichen Landzungen schneidet, durch fleissig bebautes Land nach Süden. Landwärts begleiten uns Höhenzöge von 1400—2000 m, kahl, braun, abends in unwahrscheinlichen Farben erglühend und verdämmernd. Schnell ändert das Land sein Gesicht. Die Palme, in Barcelona noch Garten- und Schmuckbaum, ist längst aus den Gärten herausspaziert und hat sich zu graziösen Wäldern zusammengefunden. Statt Ulmen und Pappeln säumen Kaktus, Aloe und 4 m hohes Riedgras die Strasse. Die Ortschaften werden afrikanischer: horizontale Dächer ruhen auf einstöckigen, fast fensterlosen Häusern; Vorhänge ersetzen die Türen. Wir nächtigten in Provinznestern und Fischerdörfern; die sehr schlichten Gasthöfe, oft nur Ausspannungen, sind alle sauber und bewohnbar.

Hinter Garrucha, dem Nachbarstädtchen eines unserer Freilager, stand die Sierra Cabrera orangerot im blassgrünen Abendhimmel. Wir wurden ihr Opfer, gebraten im Höllenofen südspanischer Sonne. Die Entfernungen täuschen enorm, mehr wie bei uns. Stutzig machte allerdings die Angabe, diese handnah und als Hügel erscheinenden Berge seien im Winter, wenn an der Küste Regen fiele, tagelang weiss. Wir gingen und gingen und standen erst nach langem Wandern durstig am Fuss der Berge. Ich sehe schon das mitleidige C. Lächeln, wenn ich die Höhe mit 1400 m und die Besteigung als gar nichts erfordernd angebe! Aber diese bescheidene Höhe erringt man in brennender Sonne bei völliger Trockenheit. Der Durst sprang uns viel schneller und gründlicher an als bei langer Gletscherwanderung. Von früh bis nachmittags trafen wir nur einen alten Ziegenhirten mit fellumwickelten Beinen. Reichlich erstaunt, aber mit unvergleichlicher Würde wünschte er uns alles Gute.

Milch konnte er uns nicht geben, denn sie gehöre ja nicht ihm, sondern seinem Herrn im Tal. Welch prachtvolle EhrlichkeitAlpenziegen sind sicherlich bescheidene Wesen. Aber aus was ihre spanischen Vettern Milch herstellen, blieb uns ein Rätsel. Am Strand z.B. frassen sie trockenen Seetang, Steine, Sand, auch unser Zahnpulver und Zeltpflöcke.

Stunde um Stunde verging, bis der Berg uns endlich doch gehörte. Frischer Gipfelwind? O nein! Als heisse, blaue Glasschale steht der Himmel über uns. Die Luft zittert über fusshohen, vertrockneten Zwergpalmen und verkrüppeltem Ginster. In einer halben Stunde kann man den schönsten Sonnenstich haben. Und doch dachten wir nicht daran; dieser kleine Berg gab uns dieselbe Freude wie ein Hochgipfel, denn jeder Berg ist schön. Den halben Blickkreis schliesst das blaue Meer ein, dessen Horizont verblüffend hoch erscheint. Als feine weisse Linie läuft die Brandung heran.

In der breiten Küstenniederung liegen viele Ortschaften, aufgereiht an die weissen Fäden der Landstrassen. Erstaunlich ist das unvermittelte Nebeneinander von Fruchtbarkeit und Dürre; wo Wasser dem Boden zugeführt werden kann, gedeiht alles in unerhörter Üppigkeit, daneben herrscht völlige Öde. Westlich erblicken wir einen ganz fernen Höhenzug mit ein paar weissen Flecken! Wolken konnten es nicht sein. Aber der Gedanke: dort, wenn auch 100 km entfernt, liegt Schnee, und hier unter uns springen wir morgens, mittags und abends in ein 25° warmes Wellenbad, war so grotesk, dass es Minuten brauchte, um diese scheinbare Unmöglichkeit zu begreifen. Das konnte nur die Sierra Nevada sein, mit Neuschnee geziert.

Unbezähmbare Bergluftsehnsucht packte uns. Fort von dieser Back-ofengegend!

Noch am selben Nachmittag lief der Motor am Fuss der Sierra Cabrera entlang nach Motril und Granada. Neben uns zischten blaue Funken durch die Nacht: die Überlandbahn, die in Durcal am Südfuss der Sierra Nevada endet. O Maultier- und Postkutschenromantik, du bist elektrisiert worden!

Auch der hartgesottenste Alpinist kommt nicht an der Alhambra vorbei. Sie hielt uns drei Tage fest.

Unsere Erkundungsversuche für die Sierrafahrt verliefen überraschend: in Granada besteht ein Alpenklub, der auf 2250 m ein Schutzhaus, ganzjährig unter der Obhut eines Wärters, besitzt. Zum Nordfuss der Sierra führt eine Elektrische; sie dringt durch die wilde Genilschlucht bis nach Quejar 1a Sierra, dem nordseitig höchsten Sierradorf auf 1150 m. Am Südhang liegen die Ortschaften Capileira und Trevelez noch 300 m höher. Und auf 1350 m steht ein elegantes Sommerhotel! Der sehr liebenswürdige Obmannstell-vertreter des Klubs gab uns einige Zeilen an den Hüttenwart, dessen Frau wir in Quejar erfrügen.

Bei etwa 1500 m bleibt mit den letzten Edelkastanien der Baumwuchs zurück.

In dreieinhalb Stunden war das Schutzhaus erreicht. Es gleicht einer Sternwarte! Zwei grosse Kuppeln ( 9 m hoch, 7 m breit ) flankieren den Mittelbau, an den zwei Seitenflügel anschliessen. Alle Räume und Dächer sind steingewölbt. Die Schlafräunie enthalten gute Betten mit vorzüglichen Decken. Die Kuppeln bilden die Wohnräume. Man kocht am offenen Kamin auf dem üblichen Dreifuss. Als Brennstoff war Wacholder, der hier die Legföhre ersetzt, auf dem Marmorfussboden aufgestapelt. Ausser dem Geschirrschrank mit gutem Inhalt sah ich noch zwei Marmortische und viele ganz niedrige, hochlehnige Strohstühlchen. Zu erwärmen war der Raum, der sofort das « Planetarium » getauft wurde, bei 0° Aussenwärme natürlich kaum. Aber es hockte sich doch sehr gemütlich vor dem rauchenden Kamin. Ein offenes ÖUämpchen versuchte hoffnungslos, aber mit sehr viel Qualm, etwas Licht zu geben. Der Hüttenwart brachte herrliche Kartoffeln, im Oktober soeben frisch geerntet auf ganz kleinen, der Wacholderwildnis abgerungenen Äckern. Bis auf 2200 m wird Getreide und Kartoffel gebaut, mühsam bewässert aus kilometerlangen, aus den Seitentälern herangeführten Gräben.

Westlich vom Haus stehen als felsiger Kamm die Penones de San Francisco, eine harmlose, über Schutt und kleine Kletterstellen leicht zugängliche Gipfelreihe, 2570—2700 m, die ich zur Erkundung besuchte, denn die in Granada erhältliche Karte — ein Kroki im Masstab 1: 200,000, mit offensichtlich beliebig eingetragenen Gipfelformen — ist unbrauchbar.

Die Sierra Nevada ist, roh bezeichnet, ein Riesenrücken von 30 km Nordsüdbreite und 60 km Westostlänge, der allseitig ziemlich gleichmässig aus Tälern von 500 bis 700 m zum Mulhacen, 3481 m, aufsteigt. Die Gipfel zeigen nicht die kraftvollen Formen, die wir bei einem fast 3500 m hohen Gebirge erwarten. Einige aus der weiten Westflanke aufragende Felsgruppen ( wie z.B. die Peñones de San Francisco ) von 2300 bis 2600 m bringen wohl etwas Abwechslung in das Bild, aber der starke Eindruck von dieser Landschaft entspringt den grossen wagrechten Linien. Die wildere und uns mehr ansprechende Schönheit der Sierra liegt versteckt. Der höchste Teil des Kammes von der Veleta, 3428 m, dem Cerro de los Machos, etwa 3200 m, und dem Mulhacen bis zum Pico del Cuervo, 3172 m, erscheint wie zu einem ungeheuren, nach Norden offenen Kessel eingestürzt. In seinem Grunde führen drei Flüsse ihre Wasser zum Genil. Eines dieser Täler, im Oberlauf « Höllental » genannt, ist fast 1000 m tief eingerissen; es endet unter der 300 m hohen Nordwand der Veleta. Schnee und Firn, ja ein Gletscherlein, decken den Talschluss.

Eiskristalle hingen noch am Brunnen, als wir zur Veleta aufbrachen.

Wer Glück hat, findet dicht beim Haus im Wacholder eine Wegspur. Sie leitet zu einem Sattel, etwa 2500 m, des Rückens, der vom Südgrat der Penones de San Francisco in ununterbrochener Linie zur Veleta führt. Die Pflanzenwelt ist denkbar dürftig; der Wacholder bleibt bei etwa 2800 m zurück. Ab und zu fristet noch ein igelförmiger Zwergginster ein kümmerliches Dasein. Am Sattel eine zweite, von Granada kommende Spur: mehr als tausendjähriger Gebrauch trat sie ins Geröll. Camino de los Neveros, Weg der Schneeholer, ist ihr Name, der in die Zeit der Araber zurückführt. In langen Nachtmärschen brachten hier Sklaven den Mauren kühlenden Schnee zur Alhambra. Aus dieser Frohn entstand die Kaste der Schneeholer, deren Beruf erst schwand, als man in neuster Zeit in Granada eine Eisfabrik baute.

In allmählichem, dreistündigem Steigen folgten wir dem endlos scheinenden Rücken, bis er am oberen Rand des Höllentales in den Nordwestgrat der Veleta übergeht. Eine vierte Stunde brachte uns über Riesenblöcke, Grob-geröll, Schuttfelder und Firnflecke zum Gipfel. Der Steinmann trägt ein kleines, weisslackiertes, fast elegantes Blechkästchen für die Besucherkarten. « Allmächtiger, hier oben ist ja ein Briefkasten! » sagten wir wie aus einem Munde und fühlten uns fast noch weniger alpin wie auf der Sierra Cabrera.

Wohl brennt auch hier die Sonne und hat den Neuschnee, der sich nur auf den Gesimsen und Bändern der Nordwände hält, verzehrt. Aber welche Frische der Luft im Vergleich zur Mittelmeerküste!

Nach Westen sinken in schwachem Gefäll kahle Flächen nach Granada hinab, dessen grüne Fruchtbarkeit — 28 km entfernt und 2800 m unter uns — scharf vom Gelb und Braunviolett ferner Höhen absticht. Im Süden hing der Mittagsdunst der See, Horizont und Himmel verschleiernd. Östlich fällt der Kamm zum Cerro de los Machos und zieht dann etwa 3100 m hoch, von einigen nach Norden steil abbrechenden Pässen gekerbt, zum Mulhacen, dem höchsten Punkt Spaniens. Das Kroki zeigt etwa 5 km Luftdistanz für Veleta-Mulhacen, ich schätze sie aber etwas grösser. Eine Höhenangabe etwa 10 km südwestlich der Veleta ist unleserlich; 3226 wäre viel zu hoch, 2226 zu niedrig; das Mittel dürfte zutreffen. Beim Mulhacen wendet der Kammverlauf scharf nördlich zum Pico del Cuervo und läuft dann langsam abfallend wieder östlich. Auf 30 km sind dann weder Höhenangaben noch Gipfelnamen eingetragen. Drei Pässe sollen in diesem Teil die etwa 15 bis 22 km voneinander entfernten südlichen und nördlichen Bergdörfer verbinden. Die Einsamkeit der Sierra zeigt folgendes: das Kroki umfasst etwa 2200 Quadratkilometer; von diesen ist der mittlere Teil, fast 1100 Quadratkilometer, völlig frei von Dörfern oder ständigen Siedlungen.

Hauptzweck unseres Veletabesuches war die Erkundung des Mulhacen-weges. Er lag klar vor uns, etwas abweichend von dem in Granada erfragten. Anstatt die Veleta west-südlich zu umgehen — was vor dem Bau des Klubhauses, wenn man von Granada kam und westlich der Veleta ein Freilager bezog, üblich und zweckmässig war —, wollten wir zuerst dem Veletaweg folgen, dann in den Höllentalkessel absteigen, diesen unter der Veletanordwand queren und zum Cerro de los Machos aufsteigen. Von dort ist dem Kamm südseitig zu folgen. Die oberen Endmulden einiger nach Süden ziehender Täler sind dann zu queren, bis mit dem Mulhacenwestgrat der letzte Anstieg erreicht wird. Wir haben diesen Weg, vom Klubhaus wohl der kürzeste, auch eingehalten.

Aber das Haus schien uns bei der späten Jahreszeit und dem vielen Auf und Ab des Weges als Stützpunkt etwas zu weit entfernt. Wir wollten nicht riskieren, in diesem zwar leichten, aber ermüdenden und bei Nebel oder Schnee völlig orientierungslosen Gebiet in die Nacht zu kommen, die hier viel schneller als bei uns einsetzt. Also bestellten wir den Hüttenwart und sein Tragtier und formierten eine etwas groteske Karawane: vorne wir mit Eispickeln — ein altmodischer Alpenstock wäre besser gewesen — Strandstrohhüten und Halbschuhen mit Gummisohlen, dann das Caballo, garniert mit Zeltsack, Rucksäcken, Wassereimern und einem Strohpompadour mit Kartoffeln, als Schluss der Hüttenwart Don Pasquito mit einem mächtigen Schiessgewehr. Letzteres keineswegs gegen wilde Banditen, sondern zur Rebhuhnjagd. Es stiegen wohl einige Hühner auf, aber keines landete in unsrer Bratpfanne. Sicherlich hielt uns Pasquito für völlig verdreht, das Haus mit dem Zelt zu vertauschen. Aber dies spanische Volk hat eine so erstaunliche, tief eingewurzelte Kultur, dass es sich nichts anmerken lässt. Schweigsam und verständig beobachtete er den Aufbau des Zeltes — in 2800 m Höhe und 2 1/2 Stunden oberhalb des Hauses — und verschwand mit guten Wünschen heimwärts.

In einem verfallenen Lager sommerlicher Hirten fanden wir dürres Holz zu einem erfreulichen Feuerchen und bereiteten in der kälter werdenden Nacht unter klaren Sternen Bratkartoffeln und Tee. Welch ein Gegensatz zu Gar-rucha! Dort ruhig rauschende Wellen in lauer Luft und der Sang der Zikaden, hier lautlose Stille und ein paar Grad unter Null. Gut, dass Pasquito uns die Decken mitgegeben; denn am Morgen war fingerdickes Eis auf den Wasser-eimern.

Das Drum und Dran des Zeltlebens verzögerte den Aufbruch bis Sonnenaufgang. Wir gingen wieder mit Gummisohlen, die hier bequemer als Ge-nagelte sind; nur muss man sehr sorgfältig und trittsicher gehen, um bei dem aussergewöhnlich lockeren Gestein die Knöchel nicht zu verletzen.

Nach anderthalb Stunden betraten wir den Firn unter der Veletanord-wand. Ich kenne wenige Orte von solcher Einsamkeit wie diesen Talschluss. Selbst die bis hier erkennbare Spur des « Weges der Schneeholer » erweckt keine Verbindung mit der Aussenwelt. Schwarzes Blockwerk, herabgestürzt von den Veletawänden auf toten, hellgrauen Schutt; keine Spur von Grün, auch nicht talaus. Noch beinhart gefrorene, aber rauhe Schneezungen erleichterten den mühsamen Anstieg zur runden Kuppe des Cerro de los Machos. Welch ein Ausblick heute! Endlos sinkt das Dach der Sierra nach Süden, klar glänzt das Mittelmeer.

Drei Täler mussten, mit etwa 300, 100 und 200 m Höhenverlust und Gegenanstieg, gequert werden, bis wir vor dem letzten Anstieg standen. Hübsch sind die kleinen Seen in den oberen Talmulden; besonders schön ist der steile Tief blick auf das dunkle Auge der Laguna de Calatreta am Fuss des Mulhacen. Aber diese unter praller Sonne reglosen Wasserflächen bringen kein Leben in das Bild; tot und still liegen sie im Geröll, kein Grün säumt ihre Ränder.

Der Westgrat des Mulhacen ist ein ausgesprochener Schuttschinder von 4—500 m Höhe. Am Gipfel, den wir 1430 Uhr erreichten, erinnern Mauerreste und eine verfallende Kapelle an die einst hier alljährlich gelesene Messe zu Ehren « Unsrer lieben Frau im Schnee ». Jetzt liegen im leeren Altar die Karten weniger Besucher und ein Abreissblock, von dem man als Beweis, hier gewesen zu sein, eine Karte dem Klub in Granada senden soll. Wir unterliessen es aus Versäumnis und weil die Besteigung alpinistisch doch sehr einfach ist.

Ganz anders als die Alpen wirkt diese Landschaft nicht durch ihre Formen. Sie liegt unter uns ohne Grenzen. Denn der Verstand empfindet den Meereshorizont nicht als Begrenzung, und im Norden zieht die unendliche Folge hintereinander geschichteter Bergketten die Gedanken immer weiter in das Innere des Landes hinein. Dazu kommt ein verwirrendes Gefühl: es fehlt in der unbarmherzigen Klarheit das Entfernungsempfinden, es fehlen all die uns geläufigen Tiefenmerkmale, die Baumgrenze, die grünen Matten, die Schneegrenze unsrer Berge. Wir fühlen uns wie frei im Baum über einer masstablosen Welt. Erst kühles Überlegen erschliesst dies Schauen. Man muss nachdenken, um jene scheinbar senkrechte blaue Wand als wagrechte Meeresfläche zu begreifen. Jene gelbe Linie trennt die See vom Land, fast dreieinhalbtausend Meter unter uns und 70 km entfernt. Der weisse Faden der Küste entlang, verschwindend und wieder erscheinend, muss die Brandung sein. Unwillkürlich erwartet man das Unmögliche, ihr Rauschen zu hören. Viele hundert Kilometer folgt das Auge dem Wechsel der Buchten und Kaps. Es ist bei solchen Bergen nicht die Formenschönheit der Natur, es ist die Natur selbst, die uns beherrscht. Man empfindet sie als ein räum- und zeitloses Etwas, das uns und alles durchdringt. Ich weiss nicht, ob ich das, was ich sagen möchte, verständlich machen kann: ich habe die Natur auch gefühlt im dichten Nebel eines Hochgipfels und im Dunkel sternloser Nacht. Vielleicht ist das, was wir als Natur zu begreifen versuchen, eine Art Wellen-erscheinung, eine Emanation, und wir sind stärker oder schwächer empfänglich dafür, je nachdem unser Empfinden, fade gesprochen, ein simpler Detektor oder ein Fünfröhrenapparat ist.

Gegen 16 Uhr mussten wir den Heimweg antreten. Bei Einbruch der Nacht stiegen wir aus dem Veletakessel zu dem Rücken hinauf, jenseits dessen unser Lagerplatz war. Fast instinktiv fanden wir das Zelt, das schatten-gleich kurz nach 21 Uhr im Dunkel auftauchte. Das fast pausenlose Geröll-wandern hatte müde gemacht. Tee, Schokolade und als Brotaufstrich eine halbe Dose spanische Kondensmilch — dies wunderbare Produkt aufzulösen, hatten wir längst als hoffnungslos aufgegeben —, und dann konnte der Nachtwind noch so sehr am Zelt zerren, wir spürten nichts davon.

Ja, und am Morgen packte uns solche Sehnsucht nach Bergen « zum Handanlegen », dass wir uns den ganzen Hausstand aufhalsten, schon um 9 Uhr Pasquito beim Klubhaus überraschten und mittags beim Wagen waren. Und dann nordwärts.

II. Berge im Norden.

Ich weiss, ich müsste eigentlich diese Nordfahrt verschweigen, solch eine Barbarei war es. Kaum liessen wir uns Zeit, vor Toledos Sonnentor, dem schönsten Bauwerk der Mauren, zu halten und in Madrids Prado-Museum die unvergleichlichen Goyas zu sehen. Über Burgos'Kathedrale, von rheinischen Künstlern geschaffen, kämpfte ein Geschwader von 11 Militärflug-zeugen schwer gegen den Südsturm. Vor dem nachsetzenden Regen flohen wir nordwärts, doch er fing uns in den Pässen des kantabrischen Küsten gebirges. Die Luft roch nach Schnee.

Wieder änderte Spanien, dies Kaleidoskop Europas, sein Gesicht: durch freundliche Orte, grüne Täler, rauschenden Flüsschen entlang rollte der Wagen zum grauen Atlantik hinab, der donnernd an der Steilküste aufsprang.

Schwer, Nordspanien zu charakterisieren: etwa St. Gallerland mit Tessiner Häusern und einem brausenden norwegischen Einschlag, den der oft tief ins Land eindringende Ozean hereinbringt.

Wir folgten westwärts der Küste und bogen dann kurz nach Süden ab, wieder dem Gebirge zu. Bei Espinama, 900 m, dem höchsten « befahrbaren » Bergdorf der Picos de Europa, endet die Strasse. 1700 m über uns stehen die Zacken und Wände der Pena Vieja. Ein Wiedersehen nach langer Zeit. Noch ein zweites und drittes Wiedersehen gab es: in der fonda, dem kleinen Gasthof, erkannten mich die Leute noch — vor zehn Jahren war ein Turist ein seltenes Wesen, das ausschliesslich als Erzsucher galt — und mit ihnen Don Lino, Vertrauensmann der Zinkgruben und Bärenjäger: hochaufgerichtet steht in seinem Zimmer ein Riese, den er mit dem Messer erlegt hat!

Aus den Picos kommt das reichste Zinkerz der Welt; die schönsten Stücke gleichen Topas. Die kleinen Minen liegen bis 2000 m hoch; sie werden nur im Sommer betrieben, da die Furcht der Einheimischen vor Schnee die Winterarbeit verbietet. In einem der casetons ( Arbeiterhäuser ) bekamen wir im Gebiet von Llorroza, bei 1800 m, Unterkunft. Man war in den Vorbereitungen zum winterlichen Stillstand. Die Decken waren schon grossteils zu Tal geschafft. Aber unser Gastgeber, Don Francisco, ein Vorarbeiter, gab uns mit selbstverständlicher und unablehnbarer Freundlichkeit drei seiner fünf Decken, fragte, ob wir genug Lebensmittel hätten, und versorgte uns mit Eiern und Kartoffeln, all dies ohne das bekannte Schielen nach dem Trinkgeld. In diesem Land ist der einfachste Mann ein Caballero. Nichts Unangenehmes und nichts Lächerliches ist hier zu erleben. Gewiss, der Küstenwächter, der die Flinte in seine Schlafdecke eingewickelt spazieren trägt, oder der Nachtwächter mit Laterne und Hellebarde, heute noch zwischen Lichtreklamen und Autos die Stunden aussingend, muten uns drollig an. Aber überall steht die ruhige Würde des Volkes als Schutz vor jeglicher, ver-zerrender Komik. Ein Land, in dem eine einfache Bauernfrau den Strassen-jungen leise — damit wir es nicht hören sollen — sagt, es sei keine gute Erziehung, über unser wohl etwas seltsames Spanisch zu lachen, und die Jungens sind dann auch wirklich still — solch ein Land kann man nicht ins Lächerliche ziehen wollen.

Nordspanien ist Regenland; und so erfand man dort den hölzernen Gummischuh, Modell Holländer-Pantine, aber mit drei 5—6 cm hohen Beinchen. Der Wissenschaft halber probierten wir die Dinger, fielen aber kläglich um, während die Eingeborenen damit sogar im Gebirge gehen.

Die Picos sind Kalk- und Dolomitgebirge. Das Landschaftsbild von Aliva, einem von Espinama nordwärts nach Sotres führenden, etwa 1700 m hohen Pass, ähnelt etwa der Seiseralm. Aus weiten Matten, in welche die Arme grauer Schuttströme greifen, steigt 800 m hoch die Ostwand der Pena Vieja, 2615 m, empor. Unter ihrem Südpfeiler führt der Minenweg westlich über ein vorgelagertes Joch nach Llorroza, in eine völlig pflanzenlose Welt.

Der karstartige Boden dieser Hochterrasse ist unglaublich zerrissen. Zu wörtlich messerscharfen, handhohen bis meterhohen Platten und Blättern ist das Gestein ausgewaschen, dazwischen oft fussbreite und viele Meter tiefe Klüfte. Es ist kein sanftes Gehen auf diesem Boden, nichts für Gummisohlen; die Genagelten kamen zu ihrem Recht.

Llorroza ist ein trümmerbedeckter Riesenzirkus, in dessen Mitte eine kahle Felskuppe den Erzreichtum birgt. Überall sieht man die Mäuler neuer und alter Stollen. Sekundäre Kessel und Kuppen und das Fehlen ausgesprochener Täler machen bei Nebel die Orientierung fast unmöglich, trotz der vielen kleinen Wegspuren der Grubenarbeiter. Nach Süden zu, hoch über dem Tal von Espinama — an einer Stelle bricht die Stufe von Llorroza 700 m senkrecht ab — geöffnet, umschliessen den Zirkus die Hauptgipfel der zentralen Picos, im Westen Altaiz, Lombrion und Torre Pidal, gegen Norden der versteckt liegende Torre Cerredo, 2642 m, höchster Gipfel, und der Westkamm der Pena Vieja ( die als Hauptgipfel, wenn auch etwas niedriger als Cerredo und Lombrion, gilt ), und nach Osten deren mächtige Westwand. Weit im Westen, erst vom Anstieg zur Pena Vieja sichtbar, ragt die Pefia Santa. Ich halte sie für höher als den Cerredo; einen Besuch verhinderten das Wetter und die restlos zur Neige gehenden Gelder.

Beim Aufbruch zur Peña Vieja hingen Nebel in den nassen Wänden. Ein guter Steig, zu Jagd- und Grubenzwecken erbaut ( die Picos sind königliches Gemsgebiet; da jahrelang kein Schuss fällt, sahen wir Rudel von über 80 Stück ), führt durch den Canal Ingles, eine Fels- und Schuttrinne, in etwa 2 1/2 Stunden zu einer von roten Türmen flankierten Scharte. Sie vermittelt auf etwa 2450 m den Zugang zum Norddach der Pena Vieja und durch den Canal de Vidrio einen mühsamen Übergang nach Aliva.

Wir hatten Wetterglück. Die Sonne siegte, und an den erwärmten Felswänden verzehrten sich die Wolkenfetzen. Auch der stete Nachschub, den eine typische Föhnwand von Süden herandrängte, zerfloss schon auf der Terrasse von Llorroza. Der Anstieg zum Gipfel ist leicht. Wir « verschönten » ihn etwas, indem wir nördlich ausbogen und über hübsche Felsen den Grat etwa 200 m nordöstlich des höchsten Punktes gewannen. Wenige Minuten später — 4 Stunden von Llorroza — standen wir am Gipfel.

Die Aussicht ist phantastisch. Wieder umschliesst das Meer einen Grossteil des Umkreises, aber diesmal war es der Atlantik, vor dessen blauschwarzer Wand blendend weisse kleine Wölkchen schwebten. Klar erkennbar war der Aufbau des Gebirges von der Küste bis zu uns herauf. Draussen musste hoher Seegang stehen und der Wind von Westen kommen, während es bei uns noch gründlich von Süden her blies. Der tags darauf einsetzende Wetterumschlag bestätigte unsere Annahme, die wir aus der hoch aufspringenden Brandung schlossen. Deutlich sah man die gelbe Sandbarre der Bucht von San Vicente de 1a Barquera, das vielfältige Grün der vorgelagerten niederen Ketten und weit draussen im Nordost die Steilküste bei Santander. Im Westen stehen, den kahlen Kessel von Llorroza umrandend, die rauhen Gipfel des Cerredo und Lombrion; als schöngeformtes Horn erscheint die Peñia Santa. Anders der Blick nach Süden. Wolkenmassen füllten die Täler; nur die höchsten Erhebungen ragten aus diesem weissen wogenden Meer herauf, aus dem der Südsturm flatternde Fahnen emporriss, aufgefangen und im Nu zerstört von den Strahlen der Sonne. Gerade dies Wolkenmeer erleichterte die Erkennbarkeit der vielen Höhenzüge, die allmählich verflachen und in die innerspanische Hochebene überleiten.

Man steht der Natur fröhlicher gegenüber, wenn man einen Berg, sei es auch nur in leichter Kletterei, zwischen den Fingern gehabt hat; man ist dann so unbescheiden, sich weniger klein zu fühlen. Mein Kamerad fand: « Diese Aussicht ist eine Unverschämtheit. Viel zu lehrhaft; das ist ja ein Geographiebuch. Seite eins bis drei: die Küstenformationen, Fjorde; der Kampf zwischen Wasser und Festland. Bitte umblättern: die subalpine Stufe, Mittelgebirge. Nächste Seite: Kettengebirge, Beispiele aus dem Karst, dem Karwendel, den Dolomiten — und so weiter! » — Er hatte nicht so unrecht; die Formenfülle war verwirrend. Es war recht frisch, im Schatten reichlich unter Null. Wir freuten uns auf heissen Tee, und 2 1/2 Stunden darauf sassen wir im caseton vor unsres Gastgebers Kamin. Bis spät am Abend liessen wir uns Jagd- und Minengeschichten erzählen.

Dann kam der Wetterumschlag. Bei grauem Himmel gingen wir den Lombrion an und wurden abgeschlagen; Nebel und Hagel trieben uns zurück. Der normale Anstieg aus dem letzten Kessel des Llorrozabeckens ist nicht schwer, das Gelände bis dort ist aber so zerschnitten, dass bei Nebel jede Orientierung aufhört. Deswegen waren wir gleich die lange Ostwand angegangen, deren markanteste Stellen von der Pena Vieja gut erkennbar waren. So wussten wir wenigstens immer, wo wir uns befanden. Die Querung der Ostwand in halber Höhe, wohl der schwierigste Teil, lag schon hinter uns, als jede Hoffnung auf Besserung des Wetters schwand. Hagel setzte ein, und die Felsen begannen in ganz kurzer Zeit zu vereisen. Wir mussten vernünftig sein und umkehren; riskieren darf man hier nichts. Sicherlich, Don Francisco, unser Gastgeber, hätte im Notfall versucht, uns zu helfen, aber vermutlich erfolglos, wenn uns das Geringste passiert wäre. Die Einheimischen lieben ihre Berge wohl ebenso stark wie bei uns, aber ich glaube kaum, dass sie irgendwelche alpine Erfahrung haben.

Der nächste Tag begann etwas freundlicher. Wir wollten zum Naranjo de Bulnes, 2516 m. Aber schon bei der Canal Ingles-Scharte flogen Nebelfetzen vorüber. Wettlauf mit dem Wetter ist immer Unfug, und doch tut man es immer wieder. Wir querten über eine Scharte in das oberste Bulnestal. Was wir anfänglich für Steigspuren hielten, waren ausnahmslos Gemswechsel. Vom Atlantik stiegen schwarze Wolken herauf, füllten schon die vorgelagerten Täler. Nassblank und abweisend standen links von uns die Wände des Cerredo. Dass der Naranjo jetzt nicht zu machen sei, war uns längst klar; nicht umsonst gilt er als schwerster Berg der Picos. Aber sehen wollten wir wenigstens seine Westseite noch, nachdem ich einst unter den Überhängen der Ostwand gestanden und umkehren gemusst, weil ich die spanischen Berge unterschätzt und ohne jede Ausrüstung aufgesucht hatte. In hetzender Eile liefen wir weiter. Noch war der Kamm, in dem der Naranjo stehen musste, klar, aber an der Peña hingen schon Regenfahnen.

Wir hielten uns möglichst an der rechten Talwand; lieber die Gratrippen überklettern, als dauernd diese endlosen Schutthalden queren. Da drüben auf jenem Querriegel musste der Blick frei werden auf den bösen Burschen! Fast im Trab eilten wir hinauf, denn in den Wänden rauschte schon der stärker werdende Wind; die ersten Hagelkörner knallten in das Geröll. Fast vierhundert Meter schiesst die Naranjowestwand lotrecht aus dem kahlen Hochtal auf. Es gibt wilder aussehende Türme in unseren Alpen, aber keinen einsameren. So kam es uns wenigstens vor, als wir ihn erblickten. Einen Augenblick nur. Dann brandeten die Wolken ins Tal und schlugen am Naranjo empor... Regen, Hagel und schliesslich Schneegestöber begleiteten den Heimweg. In der Dämmerung betraten wir das gastliche Haus; Don Francisco wollte schon Ausschau nach uns halten.

Und dann kam, am Tage darauf, der endgültige Rückzug in fusshohem Neuschnee. Im Regen der Küste entlang zur Grenze, im Regen quer durch Frankreich. 10,000 km hatte mein Kamerad, Frau von Imhof, ihren Wagen glänzend gesteuert, als er bei Lörrach wieder über den Rhein ging. Die Bummel-tage waren vorbei.

Bergsteigerisch war die Ausbeute gering. Lombrion, Ceiredo und Naranjo waren uns entgangen. Nur die harmlose Pena Vieja, die kleine Sierra Cabrera und die Sierra Nevada hatten wir erleben dürfen. Aber wir haben das Land und seine Bewohner und seine Berge liebgewonnen und wollen sie wiedersehen.

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