Spitzbergen-Expedition 1975

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Markus Liechti, Liebefeld

Abenteuer an der Pforte zum Mordpol Bilder ¢i bis 47 Spitzbergen ist das einzige wirkliche Polarland Europas. Es gehört zu Norwegen, ist aber nur mit einer dreitägigen Schiffsreise oder neuerdings auch mit dem Flugzeug zu erreichen. Nebst einigen Kohlengruben und Funkstationen hat der Mensch dort nichts verloren. Oder doch?

Wir hatten uns entschlossen, zu sechst in diesem arktischen Gebirge umherzustreifen. Ohne Verbindung zur Aussenwelt haben wir in fünf Wochen ein Land kennengelernt, von dem man sein Leben lang begeistert ist. Über 500 Kilometer wurden mit Ski und Schlitten zurückgelegt; zwei Dutzend Gipfel haben wir unterwegs zum Teil als erste bestiegen, ein Leben geführt ohne Zeit - im ewigen Tag, ohne Gesetz -, nur der Natur gehorchend. Ohne all die angenehmen Errungenschaften unserer Zivilisation, aber auch ohne deren Nachteile. Doch nur einmal um Mitternacht bei tiefstehender Sonne und absoluter Stille in einen grünblauen Fjord hinunterblicken zu dürfen entschädigt für die grössten Strapazen und Entbehrungen.

Unser Basislager stand auf einer steinigen Halbinsel im Magdalenenfjord, im äussersten Nordwesten des Landes. Der Fjord war anfänglich noch halb zugefroren, was uns ermöglichte, ihn auf Ski zu überqueren. Nach einigen Besteigungen in der Nähe des Fjordes wurden drei lange Inlandtouren von 6—io Tagen unternommen, jedesmal in eine andere Richtung. Diese ausgedehnten Schlittenreisen brachten uns nicht nur zu anderen Gebirgszügen, sondern auch an ferne Fjorde. Wären wir nur auf Gipfelbesteigungen ausgegangen, hätte sich ihre Zahl ohne weiteres verdoppeln können. Das Leben im Inlandeis war entbehrungsreich, phantastisch und mühsam zugleich. Umso mehr genossen wir die Erholungspausen im gutausgebauten Basislager. Seine wahre Bedeutung äusserte sich wohl am deutlichsten dadurch, dass wir jeweils vom « Nachhause-kommen » sprachen, auch wenn es nur flatternde Zelte waren.

Der Aufenthalt in diesem arktischen Gebirge unterscheidet sich grundsätzlich in zwei Punkten von demjenigen in den Alpen: Da ist einmal -natürlich nur im Hochsommer — der ewige Tag. Er bringt praktisch nur Vorteile - wenn man nicht zum Schlafen hergekommen ist. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, ein Ziel « vor dem Einnachten » zu erreichen. Eine Tour kann beliebig fortgesetzt werden - bis man vor Müdigkeit umfällt. Wir sind mehrmals länger als 24 Stunden, ja sogar bis zu 40 Stunden ohne Schlaf ausgekommen.Auch die Schneebeschaffenheit bleibt konstanter.

Der zweite Punkt ist die geringe Höhe. Die Gipfel liegen meistens um die 1000 Meter über Meer. Man kämpft weniger um Sauerstoff und ist auch in den Gipfelregionen noch leistungsfähiger. Und da die zu überwindende Höhendifferenz in der Regel nicht so gross ist wie in den Alpen, konnten wir an einigen Tagen bis zu drei und sogar vier Gipfel besteigen. Auf diese Art sind wir doch auch auf i 800 Meter Aufstieg pro Tag gekommen. Dieser scheinbar enorme Vorteil wird dafür durch die riesigen Distanzen beeinträchtigt.

Das eigentliche Bergsteigen unterscheidet sich nicht wesentlich von demjenigen in den Alpen. Die Gipfelaufschwünge sind grösstenteils sehr steil, ausgesetzt und demnach nicht mit Ski zu begehen. Eine beachtliche Gefahr bilden die zahlreichen losen Granitblöcke, welche oft mit Leichtigkeit aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnten und scheinbar anderen als den üblichen physikalischen Gesetzen gehorchen.

Die Gletscher, auch die kleineren, sind fast durchwegs mit dem grossen Aletschgletscher zu vergleichen. Einige sind noch beträchtlich grosser. In den Abbruchzonen sind sie auf einer Strecke von einem Kilometer und mehr landeinwärts sehr zerklüftet und fast nicht zu überqueren. Um so kompakter trifft man sie dafür im Inland.

Die Orientierung bietet bei guter Sicht keine Probleme. Einen fast tierischen Spürsinn verlangt sie dagegen bei dem recht oft herrschenden undurchdringlichen Nebel. Die Karte im Massstab r :500000 kann natürlich keine Details enthalten; mit dem Kompass lässt sich hingegen mit einiger Übung ganz gut arbeiten. Allerdings sind die einzelnen Kompassstrecken nicht selten länger als 5 Kilometer, Auffanglinien sehr selten und Abweichungen daher nicht zu vermeiden. Man muss sich von der 100-Meter-Genauigkeit lösen können und auf eine 1-Kilometer-Genauig-keit umstellen.

Was uns ab und zu ganz schwer zu schaffen machte, waren die ausgedehnten Gletschersümpfe und -bäche. Auf dem ebenen und geschlossenen Eis kann das Schmelzwasser nicht abfliessen. Es sammelt sich in seichten Mulden, weicht das Eis auf und bildet sogar grosse Seen, welche durch reissende Bäche verbunden sind.

Recht schnell gewöhnten wir uns an die sehr ausgeglichene Temperatur von wenigen Graden über und unter dem Gefrierpunkt. Im Inland stieg das Thermometer einmal auf gute + to Grad, was schon als « abscheuliche Hitze » empfunden wurde.

Noch schneller verloren wir jedes Zeitgefühl und amüsierten uns oft göttlich darüber. Im ewigen Polartag gab es weder Morgen noch Abend, weder Stunden noch Tage, nur Zeit - unglaublich viel Zeit! Und gerade dies dürfte das Grossartigste sein für uns Zeitsklaven aus dem vorprogram-mierten Tagesablauf unserer Zivilisation. Zogen wir um Mitternacht mit dem Schlitten über einen endlosen Gletscher, so erinnerten wir uns an den Wirtschaftsschluss zu Hause, und legten wir uns morgens früh schlafen, so dachten wir an den Arbeitsbeginn...

Fast ebenso freuten wir uns an dem intensiven Tierleben zu Land und zu Wasser. Die Zutrau- lichkeit der Tiere war ergreifend, und die Natur lehrte uns, mit welch genialer Anpassungsfähigkeit auch in diesem scheinbar lebensfeindlichen Gebiet sie sich die Existenz sichern.

Ein Ausschnitt aus meinem Tagebuch möge den Lesern unser an keinen « Fahrplan » gebundenes Leben auf Spitzbergen vor Augen führen und begreiflich machen, wie schwer man sich nachher wieder in der Zivilisation zurechtfindet.

Samstag, 5.Juli: Der Tag beginnt mit einer wunderbaren Stimmung. Um t Uhr früh gibt es Nachtessen. Der ganze « Morgen » wird nachher verschlafen. Um i i Uhr nehmen wir das Frühstück ein, reinigen dann unsere Schuhe und erledigen verschiedene kleine Arbeiten. Mit Beat rudere ich zur Insel unweit unseres Lagers. Wir erhoffen eine reiche Eierbeute und sind denn auch nicht enttäuscht, als wir die vielen Enten sehen. Das Landen bei Ebbe bietet allerdings einige Schwierigkeiten. Kaum sind wir an Land, werden wir von brütenden Küstenseeschwalben angegriffen; die Eiderenten aber bleiben still auf ihren Nestern sitzen, bis wir auf etwa zwei Meter heran sind. Sie verlassen sich oft so sicher auf ihre Tarnung, dass wir manchmal fast auf sie treten und erschrecken, wenn sie aufgeregt davonflattern. Es ist ein eigentliches kleines Paradies. Mit einer Anzahl Eier kehren wir ins Lager zurück. Auf der Ruderfahrt werden wir von einer meterhohen Welle überrascht, welche von einem ins Wasser gestürzten Eiskoloss an der Gletscherfront verursacht wurde. Mit knapper Not gelingt es mir, zwischen zwei kleine Inseln zu steuern und dort Schutz zu finden. Nach bangen Minuten geht die Fahrt weiter. Mit Hallo werden wir im Lager empfangen, und ich gehe gleich ans Omeletten-backen. Mehr als eine halbe Stunde stehen Fritz und ich am « Herd » und bringen zwölf Stück zustande. Es ist ein richtiger Festschmaus, mit vielen Witzen und Lachsalven garniert. Bei solchen Gelegenheiten breitet sich eine sorglose Fröhlichkeit aus, und die Phantasie kennt zuweilen keine Grenzen. Nach dem Mittagessen - um 6.30 Uhr abends - stechen Fritz und ich mit dem Gummiboot in See Richtung Brockebreen, um auf den Inseln davor nach unseren « Hühnern » zu sehen. Es ist ein wunderschöner Abend. Sanft gondeln wir über die leichte Dünung. In der Mitte des Fjordes geraten wir in eine Zone mit ganz kleinen Treib-eisstücken. Beim Rudern klingt es ganz vertraut, etwa wie wenn man in einem Whiskyglas rührt. Auf der Insel begnügen wir uns mit Beobachten und Photographieren; nachher nehmen wir Kurs auf die verschneite Insel am Ausgang des Fjordes. Es ist eine lange Fahrt bis dorthin, etwa fünf Kilometer. Unterwegs wird es ordentlich kalt. Eine phantastische Stimmung entschädigt uns aber dafür. Wir photographieren ausgiebig den mitternächtlichen Himmel hinter den bizarren Formen der schmelzenden Eisberge. Auch die verschneite Insel beherbergt eine Schar Enten, welche aber noch nicht brüten und ins Wasser flüchten, als wir das Land betreten. Von hier aus geniesst man eine einzigartige Rundsicht auf den ganzen Fjord. Um Mitternacht landen wir auf gleicher Höhe am nördlichen Ufer und treffen dort Toni und Walter.

Sonntag, 6.Juli: Zu viert streifen wir am Ufer entlang und finden viele angeschwemmte Gegenstände: Bootsausrüstung, Fischerzeug und anderes - ein richtiges Kunterbunt. Viele Baumstämme liegen am Strand und auch eine Menge Walfischknochen. Oft hält man die riesigen Gebeine für Bretter oder sonstige Holzstücke und stellt erst beim näheren Überprüfen fest, dass es Knochen sind. Die Rippen sind grosser als wir selber, und die Rückenwirbel geben stattliche Hocker ab. Toni und Walti schnallen je einen solchen 15 Kilo schweren Klotz auf den Rucksack und marschieren heimwärts. Fritz und ich fahren mit dem Boot und nehmen unterwegs noch einen Baumstamm und einige angeschwemmte Bretter ins Schlepptau. Um 2.30 Uhr kommen wir im Lager an. Es gibt ein Nachtessen, das sich ordentlich in die Länge zieht. Um 4 Uhr guckt die Sonne hinter dem Alkekogen hervor und erhellt mit ihren Strahlen unser Lager. Von uns vieren scheint noch niemand Lust zum Schlafen zu haben. Wir sind einstimmig der Meinung, dass es schade wäre, dieses schöne Wetter zu verschlafen, und beschliessen, gleich noch einen Materialtransport für unsere nächste grosse Tour zum Nürnbergpass zu machen und anschliessend gerade noch den Tyskersjjellet zu besteigen. So schnell wie möglich stelle ich die Lebensmittel für eine ganze Woche zusammen.

Um 6.30 Uhr sind wir abmarschbereit. Mit schweren Rucksäcken erreichen wir nach eineinviertel Stunden den 570 Meter hohen Nürnbergpass. Das Steigen war trotz der grossen Last eine wahre Freude auf dem hartgefrorenen Schnee. Die Lebensmittel werden in einen Biwaksack gesteckt und in ein Schneeloch versenkt. Zuerst über Geröll und dann über eine hohe Schneeflanke erreichen wir in weiteren drei Viertelstunden den über 1000 Meter hohen Gipfel. Wir fühlen uns « topfit », obschon wir seit bald 24 Stunden wach sind. Eine einzigartige, unbeschreibliche Aussicht belohnt uns da oben. Kein Wölklein am Himmel; nur weit im Süden verhüllt eine tiefe Wolkenschicht die niederen Gipfel, wogegen die hohen darüber hinausragen. Dabei ist auch der Munken, in dessen Nähe wir unser nächstes Lager aufschlagen wollen. Bei dieser Gelegenheit können wir gleich einen grossen Teil des Weges dorthin verfolgen und stellen fest, dass die Karte teilweise überhaupt nicht stimmt. Im Norden fällt der Blick auf den Smeerenburgfjord, die Dänen-und Amsterdaminsel und die Vasahalbinsel. In 30 Kilometer Entfernung lassen sich leicht einige hohe Gipfel erkennen, welche wir letzte Woche bestiegen haben. Der Tiefblick in unseren Fjord ist unsagbar schön und übertrifft alle Vorstellungen. Mit dem Feldstecher können wir sogar Resli und Beat im Lager erkennen. Die beiden mussten unten bleiben, Resli wegen einer Bindehautentzündung und Beat wegen seiner lädierten Ferse. Ungern verlassen wir diesen herrlichen Gipfel und steigen zügig über das lange Schneefeld ab. Auf dem Nürnbergpass beginnt eine ganz tolle Abfahrt über den gefrorenen Gletscher. Am Mit- tag sind wir schon wieder im Lager und feiern den Erfolg mit Spaghetti alla bolognese und Fruchtsalat. Es ist so warm in der Sonne, dass sich einige sogar dazu verführen lassen, mit nacktem Oberkörper draussen zu sitzen. Es zieht uns immer noch nicht in die Zelte zum Schlafen. Lange schreibe ich, draussen auf meiner Schaumgummimatratze liegend, ins Tagebuch. Dann steige ich noch zu den Gänsenestern auf und kann wunderbare Aufnahmen von den frisch geschlüpften Jungen machen. Erst um 4 Uhr nachmittags, nach 29 Stunden, schlüpfe ich im Freien in meinen Schlafsack. Es ist einfach allzu schön, um ins Zelt zu gehen. Ab und zu erwache ich und höre die Wellen hinter mir sanft ans Ufer plätschern. Die Sonne scheint mir warm ins Gesicht, und in mir breitet sich eine geniesserische Lebensfreude aus. Fast glaubt man hier eher in einem Ferienlager zu sein als auf einer Expedition. Solche Momente sind aber doch eher die Ausnahme. Erst um 9 Uhr abends, als die Sonne hinter dem Alkekogen verschwindet und es kalt wird, verziehe ich mich in mein Zelt und schlafe dort weiter. So ein herrlicher Tag kompensiert eine ganze Woche Schlechtwetter.

Montag, y.Juli: Um 1.30 Uhr stehe ich auf und schreibe im Aufenthaltszelt ins Tagebuch, das in letzter Zeit in Rückstand geraten ist. Kein Wunder, bei dem schönen Wetter! Es ist mir einfach nicht ums Schreiben, zumal es nie an Beschäftigung fehlt. Wirklich, uns ist noch keine Minute langweilig geworden. Im Gegenteil, fast hat man zu wenig Zeit, um all die kleinen Dinge zu erledigen, so dass auch die mitgebrachten Bücher kaum angerührt worden sind. Jassen ist bald ein Fremdwort für uns, und dabei haben wir gemeint, nie wäre mehr Zeit dazu als hier. Beim Schreiben werden meine Finger klamm; das Wetter ist zwar schön, aber doch unangenehm kalt, und nachts liegt die Temperatur immer um einige Grade tiefer als tagsüber, auch wenn die Sonne scheint. Dabei steht sie doch nur wenig tiefer als am Mittag.

Um 3 Uhr beginne ich zu kochen; so wird es endlich etwas wärmer. Geweckt durch mein Hantieren, stehen die andern allmählich auf, und nach dem Morgenessen beginnt das Zusammenpacken für unsere zweite lange Inland tour. An vieles ist noch zu denken, bevor wir starten können. Um 7 Uhr ist es dann endlich soweit, und bei bewölktem Himmel verlassen wir das Basislager. Bevor wir mit den Schlitten losziehen können, müssen noch die Kufen abgeschliffen werden; sie sind zu kantig und machen die Schlitten fast un-lenkbar. Diese Arbeit nimmt nochmals mehr als eine Stunde in Anspruch. Doch um 9.30 Uhr geht 's endgültig los. Der sehnlichst erhoffte Hartschnee beginnt erst auf halber Strecke zum Nürnbergpass hinauf. Es ist wiederum eine unheimliche Schinderei, die schweren Schlitten dort hinaufzuziehen. Umso glücklicher sind wir, dass dort oben ideale Verhältnisse herrschen. Beim Materialdepot wird haltgemacht und nochmals etwa 60 Kilo, hauptsächlich Lebensmittel, aufgeladen. Das Wetter ist schön und verspricht einen angenehmen Weitermarsch. Auf gutem Hartschnee geht es mit leichtem Gefälle hinüber zum Smeerenburgbreen. Gespannt erwarten wir, bei der letzten Ecke unseren Weiterweg zu sehen, der sich dann auf dem unendlichen Gletscher mit leichten Steigungen dahinzieht. Erst nach zwei Stunden machen wir wieder halt. Es ist frisch, der Himmel bewölkt, und vor uns auf dem Satellitenpass erwartet uns eine Nebelwand. Dennoch freuen wir uns über die lange Strecke, die wir in so kurzer Zeit zurückgelegt haben. Es ist doch ein ganz anderes Gehen mit den Schlitten, wenn der Schnee gefroren ist. Frisch gestärkt geht es weiter. In einer Stunde ist der 71 to Meter hohe Übergang erreicht, wo uns, wie erwartet, der Nebel verschluckt. Ich stelle den Kompass auf die östlichste Ecke des Wegenerfjellet. Nur noch halb so schnell, das heisst sehr langsam, kommen wir jetzt voran. Immer nach hundert bis zweihundert Metern muss angehalten und die Richtung kontrolliert werden. Die ausgeprägten Kufen haben in diesem Hartschnee doch einen Vorteil, laufen schön gerade und hindern uns, wesentlich von der Route abzuweichen.

Nach zwei Stunden wird an einem Hang, den wir schon lange angesteuert haben, angehalten und die Lage besprochen, bei einer Sichtweite von to Metern! Wir vermuten, uns nahe der angestrebten Auffanglinie zu befinden, aber das Ganze erscheint uns doch etwas merkwürdig. Darum steigt Fritz allein mit dem Kompass den Hang hinauf und kommt nach einer Viertelstunde zurück; er hat die untersten Felsen des Wegenerfjellet gefunden. Also sind wir richtig! Bald stossen wir auch auf der Kompassroute zu den Felsen. Der Kurs wird hier leicht geändert. Plötzlich bricht unsere Flanke mit einer scharfen Kante in einen Steilhang ab. Fritz und ich sind in dem dichten Nebel unvermittelt darüber hinausgelau-fen und versuchen nun krampfhaft, den Schlitten zu bremsen. Aber nach wenigen Metern liegen wir beide auf dem Bauch, und die ganze Bagage kippt um. Mit einigen Flüchen und grosser Mühe können wir uns aus den Zugseilen wickeln und aufrappeln. Im rechten Winkel fahren wir nun den Hang hinunter, bis dieser in ebenes Gelände ausläuft.

Da bricht plötzlich wie ein Wunder der Nebel auf! Für ganz kurze Zeit können wir das rechte Ufer des Lillienhöökbreen sehen -dann umgibt uns wieder eintöniges, nervenzermürbendes Weiss. Unser Standort ist nun aber gewiss, und ich kann mit gutem Gewissen den Kompass auf den südlichen Ausläufer des Munken stellen. Wiederum etwa 5 Kilometer trennen uns von diesem Anhaltspunkt, und weiter geht es im dichten Nebel auf dem flachen Gletscher. Ein eisiger, scharfer Wind weht von Süden. Nach einer Stunde machen wir halt und essen etwas. Dieser Gletscher kommt uns auch gar unendlich lang vor; dabei überqueren wir ihn ja nur! Mit gesenkten Köpfen kämpfen wir uns gegen den Wind durch diese Monotonie, wobei in regelmässigen Abständen die Richtung korrigiert werden muss. Ohne Kompass wäre es überhaupt unmöglich, nur hundert Meter geradeaus zu gehen. Ringsum ist nichts als weiss in weiss. Wie die Betrunkenen torkeln wir vorwärts, einzig einer kleinen Metallna- del gehorchend. Wie verloren der Mensch allein doch sein kann! Allmählich beginnt nun das Gelände ganz sachte wieder anzusteigen. Nach einiger Zeit halten wir an, und ich gehe allein, ohne Schlitten, nach dem Kompass weiter. Wir vermuten, dass wir nun das Massiv des Munken erreicht haben. Der Hang steigt immer mehr an, und plötzlich stehe ich dicht vor den ersten Felsen. Nachdem deren Verlauf festgestellt ist, kehre ich zu den andern zurück, indem ich mich von einem Stockeinstich zum andern auf dem steinharten Schnee vorwärtstaste. Mit den Schlitten queren wir unterhalb der Felsen nach Süden. Die ständige Unsicherheit, wo wir sind und wohin wir gehen, macht uns ganz konfus, denn die Orientierung anhand einer fehlerhaften 5Oooooer-Karte ist doch höchst problematisch. Man geht stundenlang, ohne einen Fixpunkt zu erreichen, wo man sagen kann: hier sind wir. Meist lässt sich das bloss vermuten. Nach der Traversierung eines Steilhangs beschliessen wir, hier endlich unser Lager aufzuschlagen. Es ist 8.30 Uhr abends. Elf Stunden sind wir unterwegs, davon sieben im unendlichen Nebel, und alle froh, dass das Gehen in die Unsicherheit ein Ende gefunden hat. In kurzer Zeit stehen die Zelte, und wir schätzen ein schützendes, wenn auch flatterndes Dach über dem Kopf. Bald summen die Kocher, und nach dem wohlverdienten Essen legen wir uns um 23.30 Uhr schlafen. Wir sind hier etwa 30 Kilometer vom Basislager entfernt, aber doch nicht ganz so weit gekommen, wie wir uns vorgenommen haben. Erst eine gute Woche später, bei einem zweiten Anlauf, sollten wir feststellen, was für einen herrlich gelegenen Lagerplatz wir hier « blindlings » gewählt hatten.

Dienstag, 8. Juli: Um I Uhr nachmittags stehe ich auf und beginne zu kochen. Dieses « Geschäft » lässt sich hier nicht mehr vom Schlafsack aus tätigen, denn wir haben den Innenraum vor den Zelten ausgeschaufelt, damit wir bequem auf dem Zeltrand sitzen können. So kommt auch weniger Schnee herein. Nach dem Morgenessen schlüpfe ich wieder in den Schlafsack und schreibe ins 41 Lähmende Stille, gepaart mit totaler Einsamkeit, in den unberührten Gebirgen Spitzbergens 42 Mitternächtlicher Marschhalt angesichts der Pyramiden des Topskarvet 43 Das Basislager vor der mächtigen Front des Waggenway-breen im Magdalenenjjord 44 Erinnerungen an den Biancograt werden wach bei den letzten Metern zum Lapparent Ryggen Tagebuch. Draussen herrscht nach wie vor starker Nebel, und es geht ein scharfer Wind. Da wir immer noch nicht wissen, wo wir sind, wäre es bei diesen Voraussetzungen äusserst riskant, eine Tour zu unternehmen. Man wüsste überhaupt nicht, wohin man ginge, und würde mit grosser Wahrscheinlichkeit das Lager nicht mehr finden, bis der Nebel verschwindet. Und das kann ohne weiteres noch einige Tage dauern... Am Abend jassen wir in unserer engen Behausung, was uns aber schnell verleidet, denn bei der unbequemen Stellung, die man zu viert in einem Zweierzelt einnehmen muss, schläft einem bald ein Bein, bald ein Arm ein. Wald und Toni errichten nachher eine Toilette im Schnee. Währenddessen hebt sich die Nebeldecke ein klein wenig, und man kann weit entfernt knapp einige Bergschründe sehen. Die beiden Latrinenarchitekten starten gleich auf eine kleine Rekognoszierungstour, um mit Karte und Kompass unseren genauen Standort auszumachen. Wir andern schlafen, während sie unterwegs sind.

Eigentlich spielt es keine grosse Rolle, wo wir genau sind, denn man kann von jedem Lagerplatz aus etwas Interessantes unternehmen. Es ist bloss die Ungewohnheit, nicht zu wissen, wo man ist, welche an den Nerven nagt. Nach der Karte kann man sich höchstens auf 500 bis 1000 Meter genau orientieren, und das ist für uns, die wir an unsere Präzisionskarten gewöhnt sind, mehr als mangelhaft und macht uns eben unsicher. Allerdings ist zu sagen, dass es hier meist auch keinen grossen Unterschied ausmacht, ob man sich einen Kilometer mehr östlich oder westlich, nördlich oder südlich befindet. Die Landschaft ist viel weiträumiger gegliedert als in den Alpen. Trotzdem dürfte und könnte die Karte besser sein. Die Umrisse der Berge oder ganzen Massive sind sehr oberflächlich und grob dargestellt oder stimmen überhaupt nicht, und nach der Höhe kann man sich schlecht orientieren, denn die Höhenkurven liegen too Meter auseinander. Dazu ist die Beschaffenheit des Geländes aus der Karte überhaupt nicht ersichtlich - und trotzdem finden wir 45 Unterwegs auf dem Smeerenburgbreen in Richtung Satellitenpass 46 Überqueren eines reissenden Gletscherbaches auf dem ebenen Monacobreen 47 Blick über den riesigen Lillienhöökbreen vom Lager am Munken Photos Markus Licchti, Liebefeld uns erstaunlich gut in diesem unbekannten Gebirge zurecht. Nur eben, solche Tage verlangen rein psychisch einiges von uns, während bei Sonne und klarer Sicht mehr die physischen Kräfte in Anspruch genommen werden...

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