Steilwandabfahrten in den Glarner Alpen

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Ein Rückblick auf einige Ski-Erstbefahrungen A.Schmidt-Schenk, EngilGI.

Bilder i bis g « Steilwandabfahrten erfordern weniger Kühnheit als vielmehr Mut zum Vorstoss ins Unbekannte, weniger Verwegenheit als Freude am Wagnis und weniger Heroismus als grossen Willen und Selbstsicherheit. Es braucht dazu auch nicht skiartistische Akrobatik, jedoch eine exakte Skitechnik, gute Kondition und grosse Sicherheit in der Fahrweise, um jedem Schnee und grosser Steilheit gewachsen zu sein. Verlangt werden von der Ausrüstung nicht auf die Spitze getriebene Finessen wie im Skirennsport, aber sehr gute und erprobte Materialien, die freilich auf die speziellen Anforderungen solcher Skifahrten ausgerichtet sein müssen. Nur wer hervorragende Kenntnisse des winterlichen Hochgebirges - der Lawinensituation, der Schnee- und Felsbeschaffenheit, der Routenwahl - mit dem feinen Gespür des erfahrenen Routiniers für das Unwägbare und Mögliche verbinden kann, darf sich an derartige Steilabfahrten wagen. Wer diese Forderungen erfüllt, muss zudem ein ausgezeichneter Kletterer sein, und so ist das Befahren von felsdurchsetzten Schneeflanken die kühne Synthese von Extremalpinismus und alpinem Skilauf.

Es gibt viele Gründe, die zu solchen Leistungen anspornen; erwähnen wir hier nur einen der wesentlichsten, der vielleicht allgemeine Gültigkeit erlangt: Erstmalige Skiabfahrten sind eine Suche nach den letzten in einer Zeit, in der der Skisport längst zum Massenbetrieb geworden ist und immer weitere Teile unserer Bergwelt mit Technik und Hektik überflutet. Eine Suche nach den letzten unberührten Flanken und Rinnen, die, selbst dem Tourenfahrer entzogen, nur den Wagemutigen gehören, die sich den eigenen Gesetzen und den Elementen 45 schneebedeckter Wandfluchten ausliefern. Die einsamen Spuren aber, die sich dann vom wächtengekrönten Gipfelgrat, aus sonniger Höhe hinabziehen zum schattigen Saum des Berges, zeugen für kurze Zeit von Stunden tiefster Verbundenheit mit dem Hochgebirge. » Indem ich diese Worte an den Anfang meines Berichtes stelle, muss ich den Leser der « Alpen » um Toleranz bitten, weil ich sogleich beifügen muss, dass dies mein eigener Text ist, ein Ausschnitt aus einer Photoreportage für eine Tageszeitung. Es ist nicht Überheblichkeit, wenn ich mich selbst zitiere; es bedeutet nur, dass ich diese Sätze auch für eine alpine Zeitschrift nicht anders formulieren möchte. Ob für Tagespresse oder alpines Schrifttum, stets versuche ich, an eine Veröffentlichung den gleichen Massstab an Objektivität zu legen, denn es ist nicht einzusehen, weshalb der Leser einer Zeitung weniger verant-wortungsbewusst über ein alpinistisches Unternehmen unterrichtet sein soll als der « Fachmann ». Insbesondere gehört dazu die Forderung nach äusserster Sachlichkeit in der Darstellung der Schwierigkeiten, die es zu bewältigen galt; einerseits soll die erbrachte Leistung nicht geschmälert werden, andrerseits wird jegliche Übertreibung der Gefahren vom Kenner des Metiers mit grossem Unmut bedacht.

So hoffe ich, dieses Bemühen sei auch aus dem einführenden Text ersichtlich, geht es mir dabei doch in erster Linie darum, das Befahren von Steilwänden mit Ski in den « Alpinismus » einzuordnen und dieser Art Alpinismus den richtigen Stellenwert zu geben. Damit bin ich auch vom ab-schweifenden Problem der Veröffentlichung alpiner Berichte zum ursächlichen Thema zurückgekehrt, denn dieses Einordnen, Zuordnen heisst, die Beweggründe für solche Skifahrten zu kennen und anzuerkennen, zu wägen und zu vergleichen.

Entschliesst man sich, seine Tourentätigkeit in diese Richtung zu erweitern, geschieht es eben nicht zufällig, sondern man lässt sich durch Beweggründe leiten - Gründe, die wieder einen Schritt weiter führen können zu einer ganz per- sönlichen Verwirklichung des Bergsteigens. Wenigstens kann ich dies für meinen Teil behaupten, und ich glaube, dies trifft auch für meine Kameraden zu, die mich auf solchen Fahrten begleiten.

Doch nun genug der einführenden Theorie; die praktischen Probleme dürften den Tourenfahrer weit mehr interessieren als längere Betrachtungen zur « Ideologie von Ski-Erstbefahrungen ».

Zur Praxis gehört jedoch — dies weiss jeder Alpinist - die geistige Auseinandersetzung mit dem Berg, das Kennenlernen der Schwierigkeiten und Anforderungen vor dem eigentlichen Beginn der Tour. Für unsere erste Wandabfahrt hatten wir uns in dieser Hinsicht gründlich vorbereitet, und so wurde uns schon zum voraus deutlich bewusst, wie sehr hier ein Gegensatz zur üblichen Praxis des Berg-Aufsteigens besteht. Es gehört zum wichtigsten Teil der Vorbereitung, sich eine Vorstellung vom Abfahren über eine Wandroute machen zu können. Das heisst, im Aufstieg durch eine Eiswand sich die Situation auf Ski vorzustellen: nicht mehr der Flanke zugewandt, sondern von ihr wegschauen, die Tiefe vor sich; nicht mehr auf die Sicherheit der scharfen Steigeisenzacken vertrauen können, sondern auf den schnellen Ski stehend; nicht mehr den Eispickel als sichern Halt benützend, sondern die Skistöcke als Balance und Stütze. Dieses Neue, Andersartige ist stark genug, um eine solche Skifahrt durchaus als Bruch mit der Tradition zu empfinden; es bedingt wirklich eine Neueinschätzung, eine andere Einstellung zum Berg und trägt damit bei zur Faszination, die diese Form Skialpinismus auf uns ausübt. Vielleicht ist es sogar der Grund, weshalb sich so wenige Skifahrer auf diese Abenteuer einlassen...

Die Clariden-Nordwand, die ich mit Freund Hans zu unserem ersten Unternehmen auserkoren hatte, schien uns für eine Skiabfahrt geradezu prädestiniert. Die gleissende, von Fels- und Eisabbrüchen durchsetzte, goo Meter hohe Firnwand hoch über dem grünen Hochtal des Urner Bodens erfreut sich seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit beim anspruchsvolleren Hochtouristen, ist sie doch leicht zu erreichen, relativ sicher und stellt im Aufstieg nicht allzu grosse Schwierigkeiten entgegen. So nahm ich einen Alleingang im Sommer 1971 zum Anlass, die Wand auf eine Ab-fahrtsmöglichkeit hin zu begutachten.

Zum Entschluss, das Neue zu wagen, trug nicht zuletzt der Umstand bei, dass der Clariden jedes Frühjahr das bevorzugte Ziel von vielen tausend Skitouristen ist und doch offenbar noch niemand jemals eine Abfahrt über die Nordwand hinunter unternommen hatte, obschon sie sich, lockend und herausfordernd, jedem skibegeisterten Besucher aus den verschiedensten Perspektiven zeigt.

Dieses Unternehmen und das Abenteuer am Fruttstock wird nun mein Bergkamerad Hans Marti beschreiben, während ich mich den Fahrten am Hausstock und am Tödi zuwende.

CLARIDEN-NORDWAND 5juni 1972 Diesmal blieb der Gipfel-Handschlag aus. Mein Kamerad Bert Schmidt und ich prüfen, kaum auf dem Gipfel des Clariden ( 3268 m ) angelangt, die Schneeverhältnisse für die Einfahrt in die Nordwand. Nur der oberste Teil ist vom Gipfel einzusehen; er weist nicht gerade prächtigen, aber immerhin akzeptablen Schnee auf. Ob es uns heute gelingt, diese gleissende Eiswand erstmals mit Ski abzufahren?

Im März scheiterte unser erster Versuch. Damals schimmerte die Gipfelkalotte in grünlichem Eis, viele apere Felsen traten hervor, und der übrige Schnee war zweifellos steinhart. Selbst die gewöhnliche Abfahrtsroute war vom langen Föhnsturm zu einer zerrissenen Fläche geformt, mit Bruchharsch, Windharsch, und vereist. Der kühle Mai mit Regen und Nassschneefällen schuf dann bessere Voraussetzungen, und nach dem schönen Sonntag vom 4. Juni beschlossen wir, am Montag wieder einen Versuch zu wagen.

Ein schöner, klarer Morgen umgibt uns bei der sonnenwarmen Gipfelrast. Ein hohes Nebelmeer deckt den Hüfifirn fast vollständig zu und treibt teilweise sogar über das Chammlijoch herüber. Eine ausgeprägte Föhnmauer über den Sernftaler Bergen kündet eine unliebsame Wetterlage an. Nach der Rast fahren wir uns im Sulzschnee des Osthanges etwas ein.

Ohne Seilsicherung starten wir um neun Uhr zu unserem Skiabenteuer. Wir sind gut vorbereitet, sind wir doch schon von Jugend an über steile Hänge gefahren und haben Hunderte von Touren gemacht. Besonders Bert ist einer der vielseitigsten, technisch besten Alpinisten, die ich kenne, und hat mit über 500 Gipfelbesteigungen aller Schwierigkeitsgrade grosse Erfahrung in Eis und Fels. Trotzdem - zuoberst hier in dieser Wand, die goo Meter tiefer unsichtbar endigt, verspüren wir ein bisher unbekanntes Gefühl der nervlichen Anspannung, der Belastung vor dieser Erprobung unseres Mutes und unseres Könnens.

Gesetzter, aber rauher Pulverschnee lässt uns gute Schwünge in den ersten steilen Hang unter dem Gipfelgrat fahren. Dieses kurze Vergnügen endet nach der obersten Terrasse im grossen Steilhang auf einem eisigen, harten Deckel, der von einer dünnen Schicht schuppigen Schnees verdeckt ist. In einem eindrücklichen Schuss fällt die Flanke über den Eisabbruch in den zentralen Trichter ab.

Durch diesen gewaltigen Tiefblick gehemmt, fahren wir vorsichtig zur zweiten Terrasse und anschliessend über einen Firngrat zum Felsturm über dem senkrechten östlichen Abbruch der Wand. Erleichtert nach dieser eisigen Traverse, schnallen wir unsere Kurzski ( Länge 185 cm ) auf den Rucksack. In verdankenswerter Weise hat uns die Firma Rossignol das Spitzenmodell « Haute Route » für dieses und weitere Unternehmen zur Verfügung gestellt.

Ein paar Biscuits, ein Schluck Tee und eine Orange - und schon klettern wir nach diesem kleinen Imbiss auf den Steigeisen zu einem zweiten Felsturm, queren unter die Eiswand und steigen über Felsen und eine Verschneidung in den Trichter ein.

Um die Ski besser anschnallen zu können, hackt Albert einen Sims heraus. Unheimlich rasch hat sich die graue Wolkenwand am Gipfel vergrössert. Bereits fällt in scharfen Stössen der Föhn in den Trichter. Wir trauen dem weichen Schnee nicht so recht; doch zwischen einer Lawinenbahn und dem Weichschnee finden wir eine etwa zehn Meter breite Stelle, die relativ gut zu befahren ist.

Für den Seilzweiten ist das Abfahren in Kurzschwüngen heikel. Oft wird das Seil überfahren oder es verfängt sich in den Skispitzen. Doch bei sorgfältiger Routenwahl gelingen uns hie und da schöne Schwünge.Vor der Trichterverengung halten wir nach rechts in einen kurzen Steilhang, der in den grossen Felsabsturz übergeht, und schnallen beim kleinen Felsturm an der tiefsten Trichterstelle die Bretter wieder auf den Rucksack. Bei starkem Föhn mühen wir uns beide angeseilt über die steil abwärts hängenden Bänder, auf denen, über Wassereis und Geröll, ein halber Meter Nassschnee liegt.

Sobald wir draussen sind, ziehen wir trotz Steinschlaggefahr die Ski an. In steilem Schuss fällt der Hang zum Wandfussgletscher hinab. Vorsichtig durchfahren wir zuerst zugeschneite Spalten, überqueren in aller Eile eine Eislawine in der Fallirne der Chammlijoch-Gletscherabbrü-che und beenden unsere geglückte Abfahrt nach vier Stunden mit einigen schönen Schwüngen im Nassschnee. Freudig schütteln wir uns die Hände und klopfen uns auf die Schultern.

FRUTTSTOCK-COULOIR I2.januar 1975 Im Vorsommer entdeckten wir auf der Suche nach unbekannten Abfahrtsmöglichkeiten ein Couloir, das unser Herz sogleich höher schlagen liess. Dort, wo sich das abgelegene Brunnital, das weite Gletscherfeld auf der Ostseite des Oberalp- Stockes entwässernd, zwischen dessen Massiv und dem Gr. Düssi hindurchzwängt, um ins hintere Maderanertal einzumünden, reckt sich eine gezackte, dunkle Felsenburg in die Höhe. Es ist der Fruttstock ( 2838 m ), der östliche Ausläufer des Oberalpstockes. In seine verwitterte Granitflanke hat sich eine tiefe, gewaltige Kerbe gefressen.

Im Sommer erkundeten wir die Zustiegsroute, und bald einmal verhiessen anfangs Winter Neuschneefall und eine nachfolgende Schönwetterlage Erfolg für das gesteckte Ziel.

Der Aufstieg zur kleinen Hinterbalmhütte von Dominik Tresch hat es schon in sich. Nachdem wir bei fast aperer Strasse bis hinter Bristen mit dem Auto gefahren sind, beginnt der weite, aber abwechslungsreiche Weg über die untersten Alpstafel des Maderanertal es. Dort, wo der Wegweiser rechts Richtung Brunnital weist, beginnt für uns drei Bergkraxler der strenge und nicht ungefährliche Aufstieg. Hartschnee und Windharsch erfordern in dieser folgenden Steilhalde unsere ganze Kraft. Ungefähr dem Sommerweg folgend, queren wir vorsichtig schneebrettverdächtige Bacheinschnitte und abschüssige Hänge und erreichen beim Einnachten nach dreieinhalb Stunden Aufstieg die heimelige Hütte.

Nur ungern verlassen anderntags Bert Schmidt, Fritz Hauser und ich den warmen Hort. Erstmals erweitert Fritz Hauser unser bewährtes Zweigespann. Fritz, als Extremalpinist und Bergführer, ist nicht nur ein brillanter Kletterer, er beherrscht auch die Technik des Skifahrens.

Ein kühler Wind, der von den Graten herunterstreicht, lässt uns erschaudern. Über dem stillen Hochtal beginnt es langsam Tag zu werden, die Sterne versinken in der unendlichen Weite des Alls, dieweil wir wortlos unsere Spur durch den teils verharsteten Schnee ziehen. Am Fusse des Brunnifirns tauchen wir vom schattigen, kalten Tal ins gleissende Sonnenlicht und steigen, rechts haltend, über die Südflanke zum Gipfel ( 3V2 Std. ).

Hier oben, inmitten einer im Sonnenglast des prachtvollen Tages erstrahlenden, in winterlicher Stille ruhenden Bergwelt, beginnt für uns nach ausgedehnter Rast und Vorbereitung die Fahrt in das enge, kalte Couloir.

Vorsichtig fahren wir unangeseilt über eine eisig-harte Rampe in den obersten, steilsten Teil ein. Noch zwingt uns eine Hartschneedecke zu einer langsamen Fahrweise; doch nach kurzer Zeit wird die Schneebeschaffenheit fast ideal. Tiefer, gut gesetzter Pulverschnee füllt die riesige Rinne aus. In Hochstimmung zaubern wir, trotz einer Oberflächenkruste, ganze Girlanden von weiten und engen Schwüngen ins unberührte Weiss.

Unsere erste Beklommenheit in diesem von beiden Seiten durch hohe Wände gesäumten und fast erdrückenden Couloir ist gewichen. Eifrig wird photographiert, um die verschiedenen Stilarten einzufangen. Bert fährt seine eleganten, manchmal fast tänzerischen Hoch-Tief-Schwünge; Fritz hingegen praktiziert einen kraftvollen Stil, wobei er in engeren Schwüngen gerne anspringt. Als dritte Variante bevorzuge ich das Rücklagefah-ren und Schleudern.

Hier in dieser Rinne kommt ein Gefühl der Geborgenheit in mir auf. Im Vergleich zu einer Wandabfahrt fehlen die Ausgesetztheit und weitgehend auch die physische und psychische Belastung. Ein Sturz, zumal bei diesen Schneeverhältnissen, würde keine schwerwiegenden Folgen nach sich ziehen.

Nach einer Stunde schwingen wir unten bei der Aufstiegsspur zur Hütte ab, stützen uns ausser Atem auf die Skistöcke, und aus unseren Gesichtern lacht die Freude über diese gelungene tolle Erst-Abfahrt.

HAUSSTOCK-NORDOSTFLANKE 1. Skiabfahrt am 25. März 1973 Der Hausstock ( 3158 m ) schliesst das Sernftal gegen Südwesten ab und ist das Wahrzeichen seines letzten Bergdorfes. Auf dem Dorfplatz von Elm, der von den stattlichen, dunkelgebräunten Holzhäusern und der einfachen Kirche umgeben ist, öffnen sich der Einblick in den hintersten Teil des Bergtales und die Sicht auf die mächtige Pyramide des Hausstocks mit seinen markanten Flanken und Graten, die sich hoch über Wiesen und Wälder recken. Als höchster Gipfel unseres Tales war er uns von mancher Tour her ein guter alter Bekannter, und so faszinierte uns natürlich auch der Gedanke, über die steile Nordwandflucht mit Ski abzufahren. Das Bild, welches sie dem Betrachter bietet, wird meistens durch ihr makelloses Schneekleid bestimmt; nur im Spätsommer apert die Wand für kurze Zeit ganz aus und legt damit ihre verwitterte Felsstruktur frei. Dies macht deutlich, dass die nahezu iooo Meter hohe Flucht eine Felswand ist, was uns vor grundsätzlich andere Probleme stellt als bei der Befahrung einer Firn- und Eiswand.

Ein Problem, das Teil unserer Überlegungen war, möchte ich kurz anführen, nämlich dasjenige der Lawinensituation. In dieser Flanke, die ohne die geringste Unterbrechung zum Wandfuss abfällt, mussten wir unbedingt vermeiden, in einen Schneerutsch oder ein Schneebrett zu geraten. Dies war eine lebenswichtige Sache, und technisch vollwertige Lawinengeräte gab es damals noch nicht, doch hätten uns solche hier auch keinen Schutz geboten. Wie aber konnten wir die Verhältnisse beurteilen, solange wir nicht in der Abfahrt drin waren? Jeder Skibergsteiger weiss um die heimtückische, nur allzu oft bestehende Lawinengefahr auf gewöhnlichen Skirouten; muss nicht bei solch extremen Fahrten die Gefahr in noch viel stärkerem Masse vorhanden sein?Muss sie nicht proportional zur Neigung zunehmen?

Nun, im Vorwort zu diesem Beitrag findet sich ein Hinweis als Antwort auf solche Fragen. Es heisst dort, in den Steilwänden herrschen eigene Gesetze, und das bedeutet, dass die Gefahren nicht unbedingt übersteigert zu sein brauchen, wenn man sich strengstens an die Spielregeln hält, die der Berg diktiert und die auch der erfahrene Alpinist zuerst erarbeiten und dann auch konsequent einhalten muss.

:'49 Indem wir uns vorbereitend auf die Hausstock-Abfahrt mit dieser Problematik gründlich auseinandersetzten, fiel mir auf einmal ein merkwürdiger Umstand ein: Ich konnte mich nicht erinnern, in all den Jahren, in denen wir in der Bergwelt um Elm Skitouren gemacht hatten, in der Hausstockwand im Hochwinter Lawinenabgänge beobachtet zu haben. Wenn nach Neuschneefällen aus den steilen Flanken des Segnes-und Vorabmassivs Lawinen ins Tal donnerten, wenn das Lawinenbulletin Schneebrettgefahr anzeigte, nie hatte man dort den Anriss eines Brettes gesehen, das sich selbst gelöst hätte, oder die Bahn eines Oberflächenrutsches ( ausser natürlich zur Zeit der Schneeschmelzestets lag die Wand unberührt da, eingehüllt in ihren dichten Schneemantel.

Also mussten hier irgendwelche Faktoren zusammenspielen, die es zu unserm Vorteil auszunutzen galt. Was aber war die Ursache? Nach einigem Nachdenken fanden wir bald eine Erklärung, die wir indessen für uns behalten möchten, da es sich dabei durchaus nicht um eine allgemeingültige Tatsache handeln muss.

Sonntag, 25. März, 5 Uhr morgens: In der einfachen, kleinen Schutzhütte auf der windumbrausten Panixer Passhöhe haben wir eine gute Nacht verbracht, wohl die bessere als das russische Heer von General Suworow im frühen Winter des Jahres 1799, an dessen Feldzug die bronzene Tafel an der Aussenwand erinnert. Wir schlüpfen aus den wärmenden Schlafsäcken. Draussen liegt noch die schweigende, kalte Winternacht unter einem funkelnden Sternenhimmel. Um 6 Uhr brechen wir in der Dämmerung auf und ziehen in der einsamen Hochgebirgslandschaft durch den klaren Morgen unserem Ziel entgegen. In ruhigem, zügigem Lauf geht es zum Meergletscher, wo uns schon die Sonne begrüsst.

Allmählich wird der gut zugeschneite Firn steiler, der Aufstieg anstrengender. Im obersten Steilhang zum Gipfeldach ist der Schnee zu hart, und wir packen die Ski auf die Rucksäcke. Ohne anzu- halten, mit der Regelmässigkeit einer Maschine, steigt Hans den Hang hinauf. Trotz der guten Treppenspur, die er mir hinterlässt, folge ich etwas langsamer, denn die Sonne brennt auf die Bergflanke, und die Last drückt auf die Schultern. Um 8 Uhr 45 sind wir auf dem Gipfel, es ist warm und windstill.

Gespannt, voller Erwartung machen wir die letzten Schritte hinüber zur Gratkante. Im seitwärts einfallenden Sonnenlicht liegt die Wand unter uns. Und wie steht 's mit dem Schnee? Der mächtige Schild ist aufgerauht, voller kleinster Wellen, die das Werk eines leichten Fallwindes sind, doch scheint die Beschaffenheit gut zu sein. Wir sind erleichtert, haben wir doch auf der Aufstiegsroute die weitaus schlechteren Verhältnisse angetroffen. Also wollen wir es wagen!

Vorerst geniessen wir aber die sonnige Rast auf dem Gipfelgrat mit der weiten Schau über die unzähligen Bergspitzen Graubündens; die Sicht reicht sogar vom Ortler bis zu den Berner Alpen. Ganz in der Nähe beherrscht jedoch hinter dem Kessel des Limmernstausee die wuchtige Tödigruppe das Bild.

Neben mir sitzt Hans Marti auf seinen Ski und säbelt an Brot und Speck herum. Wie immer ist er unbeschwert und guter Dinge. Wir machen nicht allzu viele Touren miteinander, denn wir beide haben in den Bergen und neben dem Bergsteigen noch andere Interessen. Dennoch — an Tagen wie heute hat jeder absolutes Vertrauen in den andern, ein Vertrauen, das eine harmonische Einheit aus unserer Seilschaft macht und die sichere Grundlage bildet für aussergewöhnliche Touren und Fahrten. So bedarf es auch jetzt keiner vielen Worte, und ruhig treffen wir unsere Vorbereitungen. Um g Uhr 30 sind wir bereit.

Nach einer kurzen Fahrt entlang dem Grat geht es über die Kante und in den obersten schattigen Teil des Nordgrates. Die Tiefe der mächtigen Steilflanke zieht uns in ihren Bann! Vorsichtig fahren wir in kurzen Schwüngen den Gratrücken hinunter. Eine Stelle schimmert in blauem Eis, aber sie lässt sich umfahren.

Dort, wo wir in die Wand hineinqueren müssen, seilen wir uns an. Denn zuerst geht es darum zu erfahren, ob die Schneeverhältnisse nicht nur gut, sondern auch sicher sind. Wir schneiden in den Hang, Felsen als Standplatz benützend -nichts rutscht, der Schneeaufbau ist hervorragend! Bald sind wir in der Mulde unter den Gipfelfelsen. Tiefer, gut gesetzter und leicht windver-blasener Pulverschnee. Mit dem Zutrauen in das weisse Element wächst unsere Freude; wir bewegen uns gelöster und lockerer und legen schöne Schwungreihen in die unberührte Steilmulde. Doch nun verengt sie sich allmählich zu einem Couloir und wird damit zu einer für das Gelingen unseres Vorhabens entscheidenden Stelle. Die Steilheit nimmt zu. Bis zur engsten Passage, wo sich das grosse Felsenband vom Nordgrat hineinzieht, haben wir den gleich guten Tiefschnee. Sehr vorsichtig müssen wir hier auf den Ski einen scharfkantigen Felsriegel überqueren. Darunter verbreitert sich das Couloir wieder, und ein makelloser Schneehang fällt mit Schwung in die Tiefe. Er ist zwar verdächtig glatt, und wir sehen schon von oben, dass er vom Wind poliert ist und somit schwierig zu bewältigen sein wird. Mit Schrägfahrten geht es in äusserster Konzentration über das eisigharte Brett hinunter. Wir weichen ihm schliesslich aus und fahren auf eine Rippe zu, wo der Schnee besser ist und wir die Richtungsänderungen wieder anspringen können; aber leicht zugeschneite Felsen in dieser Ausgesetztheit verlangen grosse Vorsicht und schnelle Reaktion.

Unter uns liegen nun die breitgelagerten Flanken der unteren Wandhälfte. Da sie zuunterst über dem felsigen, senkrechten Gürtel des Wand-unterbaus ausmünden, fühlen wir uns wie auf einem riesigen Steildach. Doch die Fahrt ist begeisternd; Schwung an Schwung reihen wir in der Fallirne, bis brüchiger Windharsch ein Ausweichen nach rechts empfiehlt, wo wir wieder eine Hanglage finden, in der bester Pulverschnee liegt. Einige Partien sind traumhaft schön, und fleissig wird photographiera Später stellt sich dann heraus, dass das Ergebnis in Hans'Kamera gleich Null ist... aber skifahren kann er hervorragend! Er hat ja auch die Schalenschuhe mitgenommen und demonstriert damit die neue OK-Technik. Wenn er dies auch seinem Ruf als Skilehrer schuldig ist, stelle ich doch fest, dass diese Technik der gleichmässigeren Geschwindigkeit wegen auch für Steilwandfahrten die bessere ist.

Viel zu schnell erreichen wir den markanten Felssporn, der die Verbindung zum Wandfuss herstellt. Er gebietet unsern Ski Halt. Wir klettern mit den Steigeisen über den verschneiten Felsen hinunter. Eine kurze Rast auf dem Wächtengrat -dann schwingen wir schnell über den letzten grossen Hang hinunter zum Wandfuss auf 2200 Meter. Zwei Stunden sind seit dem Start auf dem Gipfel in 3158 Meter Höhe vergangen.

In gelöster Fahrt geht es nun über die weiten Hänge des Alpli. Bald sind wir im engen Grabensystem des Leiterbergbaches, das, tief eingeschneit, einer riesigen Bobbahn gleicht. Aus seinen Felswänden flüchtet ein Gemsrudel in die Höhe. Sonnseitig haben wir Sulzschnee, am Schattenhang kalten, windgepressten Pulver. Jeder Schwung von der einen in die andere Hanglage verlangt eine Anpassung. Nach einem Steilabfall öffnet sich das Bachtobel, und über die im glänzenden Licht des Mittags liegenden Hänge sausen wir in schönstem Sulzschnee talwärts, vorbei an den Alphütten von Oberwichlen.

Unten am Nesslenboden erwartet uns meine Frau, die unsere Fahrt mit dem Fernglas beobachtet hat. Übermütig springt mir mein kleiner Sohn entgegen und trollt zur Begrüssung durch den Schnee. Er gibt sich nicht weiter mit mir ab; für ihn ist es noch selbstverständlich, dass ich wieder da bin. Denn jetzt hat der kleine Mann Hunger, und da ist es wichtiger herauszufinden, ob der Papa etwas Essbares mitbringt.

Während wir von unserer Abfahrt erzählen, schauen wir dem Kleinen lächelnd zu, wie er, auf seinem Schlitten sitzend, im grossen Sack kramt. Dann bekommt er seinen Platz auf meinen Schultern — und Kollege Hans dafür zwei Rucksäcke. Jauchzend geniesst der kleine Bub die an- schliessende Schussfahrt hinab zum Auto. Der Fahrtwind kühlt unsere sonnenheissen Gesichter, und es durchströmt mich ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit. Von unten schauen wir nochmals mit dem Fernglas hinauf zu unserem grossen weissen Berg, über dessen leuchtenden Schneeschild sich langsam die Schatten breiten und wo zwei feine Skispuren von einem unvergesslichen Erlebnis künden...

TÖDI-OSTFLANKE 1. Skiabfahrt am 19. Mai 1975 Nachdem wir begonnen hatten, in unserer heimatlichen Bergwelt nach Steilwandabfahrten Umschau zu halten, erinnerten wir uns schon bald der Ostflanke am Glarner Tödi. Die Route führt im unteren Teil durch den sich aufsteilen-den Sockel des Massivs bis hinauf zum Grünhorn — dem Endpunkt eines vom Gletscher heraufziehenden Felsgrates - und in der oberen Hälfte über den steilen Hängegletscher, der, vom Gipfel abfallend, mit einem mächtigen Eisabbruch über einer verwitterten Felsflanke endigt. Freund Victor hatte die Ostflanke als « schönsten und kürzesten Aufstieg auf den Tödi » bezeichnet, wovon wir uns eines Sommertages selbst überzeugen konnten. Hier liesse sich doch eine tolle Abfahrt eröffnen! Bei unserem Aufstieg hatte sich Nebel um den Berg gelegt, der die Ausgesetztheit des Gletscherhanges unserer Beurteilung entzog, so dass trotz dieser Besteigung noch viel Unbekanntes über einer Skibefahrung lag, zumal ja winterliche Verhältnisse ohnehin ganz anders sein würden.

Nun zerbrach ich mir den Kopf vielmehr des Zugangs als der Abfahrt wegen. Wir mussten die Fahrt über ein kurzes Wochenende unternehmen und wollten nach unsern Erfahrungen dazu Pulverschnee benützen. Ein Aufstieg im Hochwinter stellt aber einige Hindernisse in den Weg: da ist einmal der lange, lawinengefährdete Weg zu den Fridolinshütten, ferner der grosse Höhenunter- Clariden-Nordwand, vom « Chümmerli » aus ( Normalan- 3 So sieht das Fruttstock-Couloir von unten aus stieg ) Tuschzeichnuns von Albert Schmidt, Engi 2 Am Ausgang des Fruttstock-Couloir s Photo Hans Marti schied von dort zum Gipfel, des weitern die zu erwartende langwierige Spurarbeit und die damit verbundene Anstrengung oder sogar Erschöpfung, obwohl man am Start zu einer Neuabfahrt nicht übermüdet sein sollte. Eine Helikopterlandung auf dem Gipfel hätte zwar diese Erschwernisse schlagartig beseitigt; da nun aber eine Landung dort nicht gestattet ist, kamen wir - glücklicherweise - gar nicht in Versuchung. Damit wurde nicht nur unser Freizeit-Budget geschont, sondern auch unsere Alpinistenehre vor einem Schadenfall bewahrt...

Schliesslich sagten wir uns, dass an diesem allen Winden ausgesetzten Eisrücken ohnehin kaum Aussicht bestand, Pulverschnee anzutreffen, wir vielmehr riskierten, mit einem zerfurchten, eisig-harten oder gläsern-brüchigen Skigelände kämpfen zu müssen.

Mittlerweile wurde es Frühling, und damit trat als Alternative die Aufstiegsmöglichkeit von der Pianura aus in den Bereich des Möglichen. Nicht dass eine Besteigung über die Westwand und mit aufgeschnallten Ski ein Morgenspaziergang sein würde, doch reduziert sich auf dieser Seite die Höhendifferenz von 1500 auf 900 Meter.

An Pfingsten konnte unser Vorhaben endlich in die Tat umgesetzt werden, nicht nur, weil das Wetter schön zu bleiben versprach, sondern auch, weil unsere Equipe endlich gemeinsam über die notwendige Zeit verfügte. Denn neben dem « alten » Kameraden Hans Marti waren diesmal Fritz und Pankraz Hauser dabei, zwei Männer und angehende Bergführer, die, mit Unerschrockenheit und Tatkraft ausgestattet, schon lange eine Seilschaft ohne Furcht und Tadel bildeten.

Pfingstsonntag, 18. Mai, morgens 8 Uhr:In der Jägerbalm hinter dem Urner Boden verliert sich die Strasse noch unter hohen Schneemassen. Wir schaufeln einen Parkplatz und rüsten uns für den Hüttenanstieg in die Pianura. Schon im Anmarsch zum Klausenpass brennt uns die Sonne mit sommerlicher Kraft auf den Pelz, und wir sind sogleich von der Richtigkeit des Wetterberichts Photo Albert Schmidt 4 In der Hausstock-Nordwand Photo Albert Schmidt überzeugt, der da lautete: « In einer südwestlichen Höhenströmung fliesst feuchte Warmluft von der iberischen Halbinsel gegen die Alpen... Nullgradgrenze auf 3500 Meter. » So quälen wir uns also buchstäblich in spanischer Hitze bergauf zum Chammlijoch, derweil die Skifahrer, vom Clariden kommend, bereits wieder an uns vorbei zu Tale sausen. Eisern steigen wir jeweils eine Stunde, um dann, nach Luft schnappend und nach Flüssigkeit lechzend, eine ausgedehnte Rast einzuschalten. Der weite Gletscherkessel des oberen Hüfifirns ist ein einziges Rund aus flirren-dem Sonnenglast und gleissenden Schneefeldern; selbst die Felsen flimmern in der heissen Luft, und kein Talgrund ist mehr einzusehen, der den brennenden Augen einen sattgrünen Ruhepunkt bieten könnte. Oben in der Pianura sind unsere Freunde schon zurück von ihrer Tour und haben sich ins kühle Halbdunkel des Schlafraumes gerettet. Pankraz und Fritz geben keinen grossen Kommentar ab, aber ich denke, dass sie in Gedanken wohl in einer schattigen, schneefreien Felswand klettern...

Die Hütte füllt sich bis zum letzten Platz; doch Hüttenwart Sepp Bissig organisiert den Grossbetrieb mit Souveränität. Wir sind ihm dankbar, dass er uns einen guten Platz zugewiesen hat. Abends halten wir bei einer Flasche Wein Lagebesprechung, da wir nun eine Gruppe von acht Leuten sind, aber nur zu viert in die Ostflanke wollen. Freund Werner, seines Zeichens SAC-Tourenleiter und deshalb Garant für vernünftige Entscheidungen, erleichtert uns den Beschluss, indem er sich zum weisen alten Mann erklärt, der längstens über solch ehrgeizige Pläne hinweg ist. Wohl wissend um die Strapazen, die unser morgen harren, teilt er uns seinen Tagesablauf mit: gemütliche Rückkehr über den Clariden zu Bier und Most auf dem Urner Boden, alsdann zum Heimchen am Herd und seinen Fleischtöpfen! Dabei möchte ersieh von Sybille begleiten lassen, nicht weil er sich etwa bei einem Alleingang durchs Gebirge fürchtete, sondern weil er dabei lieber etwas Unterhaltung geniesst... Erika und 5 Ankunft morgens um y Uhr auf dem Piz Russein. Über der Seilschaft die Felsen der Pianura. Links: Scherhorn; rechts: Clariden, davor Hüfi- und Claridenfirn Photo Alben Schmid!

Unsere Abfahrtsroute in der Glarner-Tödi-0'stwand P. R.: Piz Russein G. T.: Glarner Tödi B. Gl.: Bifertenfirn Flugphoto F. Zwicky G: Grünhorn H. R.: Hint. Rötißrn __: Abjahrtsroute Hans aber werden mit uns zum Gipfel aufsteigen und dann über die Normalroute zu den Fridolinshütten abfahren, wo wir uns wieder treffen können. So haben wir den Ablauf des morgigen Tages zur Zufriedenheit aller aufgeteilt; die Gläser sind leer geworden... Auf, in den oberen Stock, Kameraden!

Nachts um 2 Uhr geht mit ohrenbetäubendem Lärm Sepps Wecker, Marke Steinbrecher, los. Leise stehen wir auf, um die stöhnenden Schläfer-reihen nicht am erneuten Einschlafen zu hindern. Wir sind beim Morgenessen, als Werni zu einem kleinen Nachtspaziergang erscheint; sogleich werden noch einige erheiternde Sprüche hin und her gewechselt, dann verschwindet er wieder treppauf, nicht ohne den Glücksrittern noch « gute Fahrt » zu wünschen.

Um 3 Uhr sind wir unter der Hütte bereit zur Abfahrt zum Sandpass hinunter. Die Nacht ist warm, und trotzdem ist der Firn hart gefroren, und die Ski rattern über den rauhen Schnee in die Dunkelheit. Unten im Sattel schnallen wir sie im Schein der Stirnlampen auf die Säcke und beginnen über den zerklüfteten Grat aufzusteigen. Bald bestätigen sich unsere Befürchtungen: Auf den schneebedeckten Stellen brechen wir ein. Verständlich, denn das Gestein hat sich tagsüber mit Wärme aufgeladen und gibt sie nun nachts langsam wieder ab. Mühsam und zeitraubend ist die Querung hinüber zum Couloir neben dem Chli Tödi. Pankraz müht sich lange, bis zu den Hüften einsinkend, an einer Schneewand ab. Warten, bis vorne gespurt ist... alle schweigen - und wissen: Wenn oben in der Westwand der Schnee auch so ist, können wir als Geschlagene abziehen. Um die Gefährten aufzumuntern, wage ich eine Prognose: « In der Westwand sind wir einen Stock höher, dort ist es kälter und der Schnee wahrscheinlich hart. » Im Couloir drüben ist es etwas besser; es geht wieder vorwärts. Oben auf dem kleinen Firnplateau ist die Dämmerung gewichen; der junge Tag beginnt mit einer Palette zartester Farben in allen Blautöncn. Kurze Rast auf einem Schuttband am 7Abfahrt über die Steilrampe unter dem Grünhorn Photo Alberi Schmidt 8Auf dem Hinteren Rötifirn. Bifertenstock mit NW-Wand Photo Alben Schmidt 9Hausstock am Vorabßrn, Pt. 2621; über dem Nebelmeer die Nordwand Aquarellierte Tu5chzeichiiunK von Alben Schmidt Einstieg. Wir seilen uns in drei Zweierseilschaften an. Ich gehe voraus, hinein in eine lange, abschüssige Traverse ohne Höhengewinn, ungeduldig zu erfahren, wie die Verhältnisse sind... wechselhaft, einmal brüchig, dann wieder eine Länge, in der die Schneekruste knapp trägt. Endlich können wir in der Fallirne aufsteigen. Steil zieht sich eine enge Rinne durch eine Felszone hinauf; doch zu unserer Erleichterung weist sie harten Schnee auf, und ohne zu sichern, stürmen wir hinauf, immer gewärtig, wieder enttäuscht zu werden. Aber der Firn wird immer besser, hart und griffig, ideal für einen kräftesparenden Gang auf den Steigeisen. Eine kurze Verschnaufpause - die Kameraden kommen nach, und auch sie freuen sich. Glück gehabt!

Nun brauchen wir mit den skibeladenen Säcken nicht im Fels herumzuklettern und können in grosszügiger Linienführung hinaufziehen gegen den Westgrat. Zwischen glattgescheuerten Felsrippen steigen wir über die Schneeschilder hinauf, alle sechs im gleichen Rhythmus; wir kommen schnell voran, und die Zeit eilt uns nicht mehr davon. Gleichzeitig wird der Tag heller und freundlicher, die weissschimmernde Dunstigkeit des frühen Morgens weicht goldenem Licht, das sich über die immer noch tief verschneite Gletscherwelt ausbreitet, die klaren Linien der Grate und Bergspitzen treten hervor, und die Weite des Himmels wird zum durchsichtigen Blau eines Frühlingstages.

Bald sind wir oben in einer Gratschulter. Fritz und Erika klettern in die Felsen, aber Hans geht mir voran in die sich aufstellende Firnrampe rechter Hand, auf den Frontzacken senkrecht zur Kuppe am Horizont aufsteigend. Aus der schat-tig-dunklen, sich in der Tiefe des Val Gronda da Russein verlierenden Wandflucht treten wir plötzlich auf einen schmalen, eisigen Dachfirst, der uns hoch über dem Abgrund zum Gipfelkreuz und der Sonne entgegenleitet. Ihre Strahlen treffen zuerst unsere Gesichter, und Schritt um Schritt treten wir höher ins Licht, das die Schneekristalle des Firngrates in tausendfachem Glitzern aufleuchten lässt und dessen blendender Glanz die Nacht endgültig besiegt. Wir spüren unsere Last nicht mehr; die Anspannung lässt nach, und ein Gefühl des Losgelöstseins von aller Erdenschwere trägt uns wie auf Schwingen hinauf zur höchsten Spitze, wo sich die Weite der Unendlichkeit mit dem Hochgebirge vereinigt...

Es ist 7 Uhr, und bei Wärme und Windstille geniessen wir auf dem höchsten Glarner Gipfel eine kurze Rast in dieser ruhigen, beglückenden Atmosphäre.Vom Bifertenfirn, der sich schatten-blau zwischen Bergflanken hinabkrümmt, kommen in Scharen die Besteiger von den Fridolinshütten. Den weiten Sattel erreichend, wo sie in die strahlende Helligkeit treten, nähern sie sich über den letzten Aufschwung dem Gipfel, schnell die einen, langsam die andern, schweigend oder fröhlich plaudernd, alle aber mit glücklichen Gesichtern. Sie freuen sich auf eine erholsame Gipfelrast, haben ihr Tagesziel erreicht, und für manchen geht wohl ein langgehegter Wunsch in Erfüllung.

Vor uns aber liegt noch das neue Abenteuer! Über das von eisigen Windgangeln zerfurchte Joch des Simlergrates gleiten wir hinüber zum Glarner Tödi, nähern uns in gespannter Erwartung dem Rand der Gletscherkuppe, aus der sich zwei Gratausläufer formen, die in mächtigem Halbrund den obersten Steilhang der Ostflanke umschliessen. Da - unter uns liegt der langgezogene Gletscherhang, schiesst wie die Anlaufbahn einer riesigen Sprungschanze in die Tiefe, über den Schanzentisch der unsichtbaren Eisabbrüche hinaus ins Leere... Auch der Sicht entzogen seine Gliederung, die Bruchzonen, Rinnen und Felswände, die Prüfsteine dieser Abfahrt, die mit täuschender Freundlichkeit lockt und auffordert zu sorglosem Hinabschwingen. Darunter der dunkle Kessel des Bifertenfirns, in dem der Blick aber nicht hängenbleibt, sondern gleich wieder dem Aufschwung zur Höhe folgt zur gegenüberliegenden Nordwestwand des Bifertenstocks, deren Grate zur Rechten und Linken in himmelanstrebender Architektur gebaut sind, geschmückt mit einer sonnenglänzenden Korona aus Schnee und Eis. Dieses unberührte Skigelände in wilder Szenerie erfüllt uns mit Begeisterung und Zuversicht, die weder Unruhe noch Besorgnis aufkommen lassen. Heute wird es gelingen!

Ruhig treffen wir vier unsere Vorbereitungen. Um 8 Uhr sind wir bereit, und Hans und Erika verabschieden uns mit den Worten: « Also dann, bis zu den Fridolinshütten, und macht 's gut! » Ich stosse mich mit kräftigem Stockstoss ab und fahre in raschen Schwüngen dem Gratrücken entlang, der sich über seinem verborgenen Absturz hinauszieht ins Freie. Griffiger, noch harter und schneller Schnee. Stopp! Ich winke hinauf: « Mir nach! » Einer nach dem andern folgen die Kameraden, und ein weiteres Stück bleiben wir noch in der Nähe des Grates, der immer abschüssiger wird. Dann geht es in den Steilhang hinein, in dem der Schnee sogleich ideal wird, ein wenig « aufgefirnt » durch die Sonne, so dass uns die Neigung nicht sehr beeindruckt. Der Bergschrund ist gut überdeckt; in voller Fahrt geht 's darüber weg und weiter. Bei einer verschneiten Spalte halten wir an, schauen zurück zum Gipfel; doch die zwei dort oben sind nur noch winzige Gestalten vor dunkelblauem Himmel. Der Schnee rauscht unter den sausenden, wendigen Ski, mit denen wir die Schwünge voll durchziehen, begeistert, denn der herrliche Sulzschnee ist die letzte Voraussetzung dazu, die Schönheit dieser erstmaligen Fahrt so richtig zu gemessen.

Sogleiten wir hintereinander über die vollkommene Fläche, jeder in seinem besten Stil, und nur der Wunsch, hie und da zu photographieren, hindert uns daran, in einem Zug hinabzustürmen. Dennoch fahren wir nicht kopflos der Tiefe zu; wir nützen die Geländeform aus, umfahren schmale Spalten, weichen blanken Eiswülsten aus, die oft plötzlich auftauchen. Jetzt verflacht sich ein langes Steilstück, wölbt sich der Gletscher zu einem breiten Buckel; darunter liegt der grosse Abbruch.

In rutschigem Schnee, unter welchem blaues Eis schimmert, queren wir ausgesetzt in ein Couloir. Nun wird 's ernster. Das Couloir verengt sich, der Schnee wird weicher und zugleich rutschiger. Kurzschwünge - Abrutschen - einer nach dem andern, langsam, konzentriert. Ich bin der letzte; wenn ich abgleite, reisse ich alle mit...

Es wird heiss; blendende Helle ringsum. Die Sonne sticht mit ihren Strahlen in einem Winkel von go Grad in die Flanke. Hinaufblickend sehen wir hoch oben einen Gletschervorsprung drohend über uns, genau in der Fallirne! Halte dich schön still, guter Freund, warte bis morgen!

Die Rinne endet auf einem Felsriegel, der hier an den angrenzenden Eiswulst stösst. Vorsichtig entledigen wir uns der Ski an exponierter Stelle. Fritz haut schon mit kräftigen Hieben eine « Birne » aus dem blanken Eis. Wieder blicke ich hinauf — da kommt ein Stein, lautlos wie ein Geschoss die Rinne herunter: « Achtung, Frigg! » Er duckt sich, der Stein springt über ihn weg. Ohne Hast, aber rasch und zuverlässig handelt jeder. Schon hängt das Seil im Kamin, ich gleite hinunter, Hans folgt; Pankraz und Fritz, anstatt untätig zu warten, binden gleich alle Ski auf ihre Säcke. Wir legen unterdessen eine Spur in die nächste Mulde, setzen vorsichtig Schritt vor Schritt in dem weichen Firn, unter dem eine harte, glitschige Schicht liegt. Ich klettere hinaus auf abwärtsgeschichtete, nasse Felsen, um den nächsten Abseilplatz zu suchen. Fritz aber, der etwas tiefer steigt, findet im Fels eine Stelle, die sich mit Klettern überwinden lässt. Bald angeseilt, das Gewicht der skibeladenen Säcke ausbalancierend, steigen wir schräg durch wasserüberronnenen, jedoch griffigen Fels abwärts und in tiefem Schnee anschliessend hinauf in die Scharte hinter dem Grünhorn. Hier wäre ein prächtiger Rastplatz, ein eigentlicher Adlerhorst, im Hintergrund der Piz Urlaun mit dem gezackten Grat und dem Hängegletscher, oben am Horizont der senkrechte Gletscherbruch über einer zerklüfteten Felsflanke und zuunterst der wild zerrissene Bifertenfirn. Dort, zwischen zwei Spalten, bemerken wir eine Menschenansammlung, offenbar hat sich ein Unfall ereignet.

Wenige Minuten nur bleiben wir in der'55 Scharte; der Zustand des Schnees erlaubt kein Verweilen. Die Ausfahrt von hier zum Hinteren Rötifirn hinunter ist uns vom Sommer her als sehr steil bekannt, als eine Art abschüssiges Schrägband, das sich unmittelbar unter einer hohen, grauschwarzen Felswand befindet und ohne Übergang seitwärts in felsdurchsetzte Steilhänge ausmündet. Nordseits hinter dem Turm, im Schatten, steigen wir wieder in die Skibindung. Hans ist die Testperson und fährt ohne Zögern los, von unsern aufmerksamen Blicken verfolgt, hinein in das tief zugeschneite Band. Unter seinen Ski rutscht der nasse Schnee weg, doch er wagt sich weiter, äusserst steil hinüber auf eine Schneerippe. Wir fahren ihm nach, gespannt zu sehen, wie es dahinter aussieht. In unverminderter Steilheit geht es weiter, jedoch mehr in der Fallirne. Wir fahren noch einige Umsprünge direkt der Rippe entlang, unter welcher Felsstufen aus dem Schnee ragen, dann können wir in die Rampe hinein. Die Schneedecke ist zäh und schwer, mit Steinen durchsetzt; diese Zähigkeit verleiht ihr jedoch noch eine letzte Bindung und Haftung und hindert sie am Weggleiten. Dieses bisschen Sicherheit haben wir jetzt nötig, damit unsere Kräfte und Nerven nicht allzu sehr strapaziert werden. In dieser Masse lassen sich die Ski aber nicht mehr drehen; nach jeder Schrägfahrt müssen wir sie voller Kraft herausreissen und in die neue Richtung umspringen; dazu kommt das Bemühen, nicht zu stürzen und auf möglichen Steinschlag aufzupassen. So geht 's tiefer und damit aus dem Bereich der Wand hinaus. Nun stehen wir in der ausgedehnten Hangmulde des Hinteren Röti-firns, die sich immer noch steil bis ins Quertal hinabzieht und bei gutem Schnee eine grossartige Abfahrt böte.

Mit Pankraz benütze ich ein Stück weit die ruppige Gleitbahn eines neuen Schneerutsches. Allmählich lässt die Steilheit nach und geht in normales Skigelände über. Der Schnee ist nun so stumpf geworden, dass man das Gefühl hat, Steigwachs auf der Lauffläche zu haben; doch wir beginnen wieder, Schwünge zu ziehen. Mit überan- strengten Arm- und Beinmuskeln erreichen wir endlich die Skispur der Normalroute und stellen verwundert fest, dass es erst 10 Uhr ist. Schnell sind wir drüben bei den Fridolinshütten, wo wir von Hüttenwart Sidler und seiner Frau freudig begrüsst werden. Sie und andere Touristen haben uns während der Talfahrt vom Grünhorn beobachtet.

Niemand macht grosses Aufsehen; noch mehr erleichtert mich jedoch die Tatsache, dass auch von keiner Seite ein Wort des Vorwurfs fällt. Nicht dass ich auf Kritik nicht zu antworten wüsste, sondern weil ich diesen einmalig schönen Tag und diese langersehnte Tour so beenden möchte, wie sie begonnen haben: heiter, fröhlich, in guter Kameradschaft, ohne Zweifel am Sinn unseres Tuns und ohne unsere tiefe Befriedigung mit Nörgeleien überschatten zu lassen.

Draussen auf der Steinbank halten wir verdiente Mittagsrast. Vom Bifertenfirn kommen sie gruppenweise zur Hütte, sonnverbrannt, durstig, hungrig, auch sie mit leuchtenden Augen. Im Gewimmel von Bergsteigern, Ski und Rucksäcken taucht hie und da ein bekanntes Gesicht auf, Bergkollegen, die man begrüsst und befragt, denen man auch erzählt. Auch Hans und Erika tauchen auf. Sie wären schon lange da, hätten sie nicht beim Unfall, der glimpflich abgelaufen ist, mit ihrem Seil ausgeholfen. Nun scheint alles ausgelassen und fröhlich zu sein; Scherzworte fliegen hin und her, Bierdosen knallen. ProstSchön war 's auf dem Tödi. Er, der Tödi, scheint sich auch am kleinen Freudenfestchen zu seinen Füssen beteiligen zu wollen und schickt den Leutchen, die er heute gutmütig auf seinem Rücken herumkrabbeln liess, einen rauhen Gruss zu: In den Eisbrüchen über dem Röticouloir kracht es, und eine Lawine donnert in die Tiefe, stiebt hinaus ins helle Licht und rauscht wie ein Wasserfall über eine Felswand hinweg, um in die Mulde des Rötifirns zu tauchen. In die Landschaft voller Sonnenglut, mit leuchtendem Weiss, hellem Schattenblau und dunkelglänzendem Fels kehrt die Stille zurück.

Unverändert reckt sich der Berg in seiner wilden Schönheit hoch in den Himmel, eine in Fels und Eis erstarrte Festung, steinernes Symbol der Auflehnung und des Widerstands gegen die Kräfte des Zerfalls. Symbol auch der Freiheit des Menschen in der Welt der Berge? Grenzenlos ist zwar die Freiheit des Geistes, aber Grenzen gesetzt sind der Freiheit des Tuns, das nicht ohne Verantwortung sein darf.

Wieder war uns ein Tag vergönnt, einem Ziel zu leben, eine verwegene Idee in die Tat umzusetzen, ohne dabei ganz bestimmte Regeln und Gesetze zu missachten. Wir waren das Wagnis eingegangen, hatten einen hohen Einsatz geleistet, um am Berg Neuland betreten zu können, und all das geerntet, was der Alpinist unter « Abenteuer » versteht. Ein Abenteuer, welches sich für uns unvergesslich an die vorangegangenen fügt - und doch nicht mehr und nicht weniger ist als eine « Eroberung des Unnützen »...

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