Steinschlag am Piz Lagrev
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Steinschlag am Piz Lagrev

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

M« 2 Bildern.Von Henry Hoek.

Am 27. Juni dieses Jahres, an einem sonnigen und schönen Sommertag mit blauem Himmel, der einige weisse Wölkchen trug, lag ich im Grase auf einem Hügel oberhalb Sils-Maria und schaute hinüber zum Piz Lagrev. Ich überlegte mir einen Aufstieg durch die Felsen der steilen Südwand des Südgipfels und hatte die Kamera gerichtet, um eine Aufnahme dieser Wände zu machen. Ein dumpfes Poltern kam plötzlich in den Frieden des ruhigen Mittags. Ein Staubwölkchen stieg auf aus den Felsen zwischen Südgipfel und Piz Mez... und dann war einige Minuten lang Inferno. Eine ganze Nische brach los aus der Mauer des Berges, und in tollen Sprüngen donnerten die Blöcke durch zwei Rinnen hinab, über das grosse Schuttfeld am Fusse des Berges, durch den frühlingsgrünen Lärchenwald, über die grosse Strasse und in den See. Die grössten von diesen Blöcken — wie ich später sah — massen mehrere Kubikmeter, und wie sie in das Wasser schössen, erhoben sich haushohe Fontänen. Viele schöne Bäume wurden zerschlagen und gebrochen...

Soll man dies einen Bergsturz oder einen Steinschlag nennen? Es ist Geschmacksache — die Natur kennt keine Unterscheidungen dieser Art. Und wäre ein Haus im Wege gestanden und wären Menschen getötet worden, dann hätten die Zeitungen sicherlich von « Bergsturz » berichtet.

Beleuchtung und Standort waren günstig und glückhaft, wie sie selten sind — so gelangen mir Aufnahmen, wie man sie nicht oft machen kann.

Der « Rauch » dieser Steinlawine stieg weit hinauf in den reinen Himmel — ganz anders geformt wie die Staubwolke einer Schneelawine. Letztere hat immer die Gestalt einer Haufenwolke, eines Kumulus, während die Wolke des Steinschlages ungeformt war und keine ausgesprochenen Ränder hatte. Die Einschläge der einzelnen Blöcke erinnerten mich an Granateinschläge, wie ich sie im Kriege mehr gesehen habe, als mir lieb war...

Dann trat wieder Ruhe ein. Ich legte mich wieder in das duftende Gras, wollte warten, ob weiteres sich ereignen sollte, und verfiel in ein leichtes Träumen. Und im halben Träumen erlebte ich einen anderen Tag, der viele, viele Jahre zurückliegt — einen Tag, der einen Umbruch meines Empfindens den Bergen gegenüber gebracht hat:

Jung war ich und liebte die Berge — mit einer sentimentalen, romantischen Liebe, die Erwiderung verlangte und als selbstverständlich ansah. Da wurde vor meinen Augen mein bester Freund vom Steinschlag in die Tiefe gerissen.

An jenem Tage voll Frieden und goldener Sonne, die aus einem sanft verschleierten Himmel schien, an jenem Tage voller Schönheit und Grauen fand meine kindliche Bergliebe ihr Ende — fand ich meine Einstellung zum Berge.

Die — menschlich geurteilt — zynische Gleichgültigkeit der Natur allem Gefühl und jedem Mut gegenüber wurde mir plötzlich offenbar; noch war ich so kindlich jung, dass sie mich empörte... Aber ich sah das doppelte Gesicht, das wir Menschen den Bergen beilegen, höhnisch grinsen.

Ohne mein Wollen, ohne meine Schuld und ohne mein Zutun war es geschehen: Die verehrende Liebe zu den Bergen war tot. Ich war so weit gekommen, dass ich sie klar sah als das, was sie sind — und nicht mehr als das, was wir in sie hineinlegen und aus ihnen machen. Alle kindlichen Illusionen waren plötzlich verflogen aber dennoch: Es blieb der Zauber der Berge, jenes Unsagbare und Unerklärliche, dem ich von Jugend auf verfallen war.

Es blieb das grosse « Glück der Berge » — auch ohne empfindsame Gefühle. Ich war ein Bergsteiger geworden...

Und ich erlebte — durch viele lange Jahre — das Glück des Bergsteigers, das mit keinen Worten anderen Menschen erklärt werden kann. Nein, es gibt keine Worte, die davon richtig erzählen, das zu tun ist unmöglich. Aber möglich ist es vielleicht, anderen begreiflich zu machen, dass dieses Glück für viele von uns tatsächlich vorhanden ist, dass es eine « Tatsache » ist... An jenem friedlichen Tage voll Schönheit und Sonnenschein war ich ein anderer geworden. Anders sah ich die Berge — meine Berge, die mich trotzdem nach wie vor im Banne hielten: Ich hatte erfahren, dass sie « unbeteiligte Natur » sind, dass sie das edle Feuer der Jugend verraten, genau so seelenlos, wie eie der modernen Habsucht, dem elendesten Buhmhunger oder dem höchsten Mute gegenüberstehen.

Mein gefühlsseliger Glauben an ihre gütige Grosse war dahin. Ich sah sie, wie sie sind: spielend mit dem Menschen, bis seine letzte Kraft verbraucht ist, bis der Tod den Schlusspunkt setzt. Allen geöffnet, aber keinem treu, werfen sie das schillernde Netz ihres Zaubers über uns, um die Besten zu verderben. Sie mit Vertrauen zu lieben ist nicht wohl getan. Denn sie sind nicht menschlich und kennen kein Band und kein Bündnis, keine Treue im Unglück und keine Kameradschaft — sie fragen nicht nach der hingebenden Verehrung eines Lebens.

Gross und gewaltig ist, was sie versprechen; gross und beglückend, was wir in ihnen finden.

Aber zu diesem Glück der Berge gibt es nur einen Weg: der heisst « Pfad der Stärke und der Vorsicht ». Grenzenloses Misstrauen ist erstes Gebot. Es ist eine einseitige Liebe zwischen Mensch und Berg...

Und dennoch: Ich preise den glücklich, der ihr verfallen ist!

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