Sturköpfe, Individualisten, Freunde

Wäre Warren Harding heute noch in den Wänden des Yosemite unterwegs, die Sponsoren hätten keine Freude an ihm. Mit seinem wilden Äusseren hätte er eher in einen Gangsterfilm gepasst als in einen Werbespot. Auch sonst taugte Harding kaum zum Vorbild: Hing er nicht in der Wand, war er meistens betrunken, die Weinflasche durfte selbst in den Hängemattenbiwaks in der rund 1000 Meter hohen Dawn Wall am El Capitan nicht fehlen, die er 1970 mit Dean Caldwell als Erster komplett durchstieg.

45 Jahre dauerte es, bis Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson die Riesenwand als Erste frei kletterten (S. 28). Als sie Ende Dezember 2014 einstiegen, waren sie ausser­halb der Kletterszene kaum jemandem bekannt. Als sie 19 Tage später auf dem Gipfel standen, hatte ein Millionenpublikum das Abenteuer verfolgt. Barack Obama grüsste mit einem Selfie aus dem weissen Haus.

Für einen Moment war vergessen, dass Kletterer im Yosemite Nationalpark sonst nicht eben den besten Ruf geniessen. Längst hat die Verwaltung strenge Regeln erlassen. Wer sich nicht daran hält, wird von den Rangern verfolgt. Es drohen Bussen und Gefängnis. Nicht wenige Kletterer sind mittlerweile illegal unterwegs – maskiert und im Schutze der Dämmerung. Nachdem der Film Valley Uprising 2014 den anarchischen Geist der dortigen Szene porträtierte, liess ein Sponsor Yosemite-Legende Alex Honnold umgehend fallen.

Wenn sie nicht gerade Geschichte schreiben, bleiben Leute wie Harding, Caldwell oder Honnold meist suspekt. Wenn sie es tun, ist es nicht nur die sportliche Leistung, die selbst Kritikern Bewunderung abringt, sondern mindestens ebenso der Starrsinn, mit dem ein Jorgeson zehn Tage lang an der selben Seillänge scheitert und nicht aufgibt. Oder die Freundschaft eines Caldwell, für den es schlicht nicht in Frage kommt, das Projekt alleine zu beenden und den Ruhm nur für sich zu holen.

Es sind solche Geschichten, die Berge von Sportarenen unterscheiden. Hier gelten Massstäbe, die über das Messen von Hundertstelsekunden hinausgehen. In einer Zeit, in der Sportler vor allem Werbeträger und Vorbilder sein sollen, stechen die Sturköpfe, Individualisten – und guten Freunde – hervor. Sie machen den Bergsport zu etwas ganz Besonderem.

Feedback