Terrassenlandschaften der Schweiz. Ein schützenswertes Kulturerbe

Terrassenlandschaften der Schweiz

Terrassenlandschaften sind rund um den Globus anzutreffen. Dank der Terrassierung von Steillagen haben die Menschen misslichen Anbau-bedingungen entgegengewirkt. Verschiedene Projekte in der Schweiz sollen die jahrtausendealten Kulturlandschaften vor dem Verschwinden retten.

Die Ackerbauterrassen in den Anden und die Reisterrassen in Asien sind beliebte Fotosujets. Dass es in Europa, insbesondere in den Mittelmeerländern, aber auch in der Schweiz, Terrassenlandschaften gibt, sind sich viele Menschen nicht bewusst. Im Unterengadin, im Wallis, Tessin oder Bergell finden sich noch ehemalige Getreideäcker, Wiesland, Rebkulturen oder Kastanienselven auf Terrassen. Diese Landschaften sind in ihren Dimensionen wohl bescheidener als jene in fernen Ländern, aber deswegen nicht minder eindrücklich. Über Jahrhunderte haben die Menschen Steintreppen, Wasserleitungen, Trockenmauern und allerlei Bauten geschaffen, um in Steillagen Land bewirtschaften zu können. Daraus ist ein Mosaik von Klein-strukturen und vielfältigen Nutzflächen entstanden, die Fauna und Flora wertvolle Lebensräume bieten. In ökonomischer Hinsicht ist die Terrassierung eine ursprüngliche Form von Urbarmachung durch den Menschen, womit Bodenerosion und Wasserarmut überwunden und gleichzeitig Arbeitserleichterung geschaffen werden konnten.

Terrassenlandschaft Ramosch

Das auf 1236 m gelegene Dorf Ramosch, die einstige Kornkammer des Unterengadins, zeichnet sich aus durch seine jahrtausendealte Terrassenlandschaft. Die weit herum sichtbaren, unterschied- lich ausgeprägten Terrassen, die heute vor allem als Wiesland genutzt werden, sind kulturhistorisch bedeutend. Bis in die Bronzezeit lassen sich die Spuren des Ackerbaus, der bis auf 1700 m hinaufreichte, zurückverfolgen. Aufschluss über die Entstehung der Terrassen geben Bodenaufbau, datierte Holzkohle und Pollenanalysen. 1 Auf vormals als Sommerweiden genutzten Flächen bauten die ersten sesshaften Menschen kleinflächig Getreide zur Selbstversorgung an. Dabei rechten sie das Bodenmaterial immer wieder ab und wandelten diese vor allem in höheren Lagen ab 1500 m sich befindenden Anbauflächen in erste Ackerterrassen um. Sie sind jedoch nicht mit Böschungen und Trockenmauern klar abgegrenzt wie jene in der Nähe des heutigen Dorfes. Diese Terrassen wurden ab dem Mittelalter ebenfalls als Getreideäcker genutzt, auf denen die Bevölkerung damals vor allem Gerste und Winterroggen anpflanzte – bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Seither ist der Ackerbau schrittweise von den Terrassen verschwunden. Heute werden die Flächen allenfalls noch als Wiesen genutzt.

Monotonie oder Einwaldung

Die kulturhistorisch bedeutenden Terrassenlandschaften zählen heute zu den am meisten gefährdeten Landschaftsformen Europas – eine Folge intensivierter Bewirtschaftung sowie der Nutzungs-aufgabe. Die durch die Agrarpolitik geförderten Gesamtmeliorationen führen Die naturnahe Bewirtschaftung von Terrassenlandschaften hilft mit, diese gefährdete Landschaftsform vor ihrem Verschwinden zu schützen. Terrassen bei Salgesch/VS Fotos: Ar chiv SL Typisch für Terrassen sind landschaftsprä-gende Strukturen wie Trockenmauern. Salgesch Mit der Terrassierung wurde früher nicht nur der Bodenerosion und Wasserarmut entgegengewirkt, sondern auch die Arbeit des Menschen erleichtert. Terrassen im Valle Maggia/TI 1 Raba, A.: Historische und landschaftsökolo-gische Aspekte einer inneralpinen Terrassenlandschaft am Beispiel Ramosch, 1996.

zudem zu grösseren Parzellen und zu einer monotonen Landschaft. Wegen der zunehmenden Mechanisierung verschwinden Hecken, Lesesteinhaufen und erratische Blöcke.. " " .Vielerorts verändern meist betonierte Zufahrtsstrassen, Betonmauern oder auch Ferienhäuser den Charakter dieser Gebiete. Aber auch die Bewirtschaftung wie etwa im Tessin, Unterengadin oder Wallis nimmt ab, und die Ackerterrassen walden ein. Die schleichende Zerstörung dieses landschaftlichen Kulturgutes wird von der Mehrheit der Bevölkerung nicht wahrgenommen.

Projekte im Tessin, Wallis und Unterengadin

Um diesem Verschwinden entgegenzuwirken, werden Unterhaltsarbeiten mit Freiwilligen, veränderte Nutzungsformen wie etwa der Kräuter- oder Bio-getreideanbau oder die Beweidung durch Kleinvieh gefördert und finanziert. Ein aktuelles Projekt der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL findet sich im Walliser Dorf Erschmatt, wo die Tradition des Roggenanbaus wieder auflebt. U.a. werden hier im Sortengarten alte Sorten angepflanzt. Deren Genreservoir und ihre unerschöpfliche Vielfalt mit teilweise noch unbekannten Eigenschaften soll später einmal eingesetzt werden, um neue, widerstandsfähige Sorten zu züchten. Im Maggiatal pflegen viele Einheimische wieder ihre Rebterrassen. Und in Ramosch wurden Terrassen mit Freiwilligen entbuscht, die Zufahrten saniert, Hecken gepflegt und Trockenmauern ausgebessert bzw. neu errichtet. Der Getreideanbau selber wird u.a. auch durch die Vermarktung eines Unterengadiner Bio-Brotes gefördert.

Kleine, aber wertvolle Schritte

Projektpartnerschaften von Einheimischen mit verschiedenen Institutionen, die mit Freiwilligen und Schulklassen zusammenarbeiten, sind zukunftsweisend. 2 In diese Richtung zielt auch die von der SL im Jahre 2003 lancierte Kampagne Proterra. 3 Die Sensibilisierung auf verschiedenen Ebenen ist ein Mehrwert sowohl für die vielen lokalen und auswärtigen Akteure als auch für Natur und Landschaften sowie für den Tourismus. 4 a Christine Neff, Geografin, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL 2 Beispielsweise Stiftung Bildungswerkstatt Bergwald ( Silviva ), Stiftung Umwelteinsatz Schweiz SUS 3 Diese umfasst die Erarbeitung eines Konzepts wie Übersicht und zukünftige Pflege der Terrassenlandschaften in der Schweiz, die Förderung konkreter Projekte sowie die Öffentlichkeitsarbeit mit Tagungen, Ausstellungen usw. Weitere Informationen bei Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL, Schwarzenburgstrasse 11, 3007 Bern, Tel. 031 377 00 77, E-Mail info(at)sl-fp.ch, www.sl-fp.ch 4 Vgl. Agenda S. 54 in diesem Heft Fotos: Ar chiv SL/C. Neff Auf den Terrassen von Ramosch/ GR kann der Getreideanbau bis in die Bronzezeit zurückverfolgt werden. Bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus wurden vor allem Gerste und Winterroggen angepflanzt.

Aus dem Getreide, das heute auf den Terrassen von Ramosch/GR wieder angebaut wird, stellt der Dorfbäcker spezielle biologische Brote her.

Jahrtausendealte Terrassen beim Unterengadiner Dorf Ramosch auf 1236 m

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