Totes Eis Wenn ein Gletscher zerfällt

Ein Rückzug von 1300 Metern in einem Jahr! Die Nachrichten über solch drastische Längeänderungen wie jene des Vadret da Roseg erschrecken. Und auch für die Wissenschaft und ihre Modelle kommen sie höchst ungelegen.

Ein Gletschertor, ein rauschender Gletscherbach. Weiter unten saftige Wiesen, in der Ferne Äcker und Obstplantagen – ein altbekanntes Bild aus den Alpen. Selten verfolgen unsere Gedanken bei einem solch atemberaubenden Panorama den Weg des Wassers bis in die Ozeane. Bis zu jenen Menschen, denen in Bangladesch oder in Polynesien der steigende Meeresspiegel die Heimat zu ertränken droht. Doch die Gletscher sind Teile des globalen Wasserkreislaufs. Ihr Abschmelzen trägt unweigerlich zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Sie sind der Spiegel der globalen Klimaänderung. Ein Phänomen, das Forscher weltweit zu verstehen und vorherzusagen versuchen, indem sie Messungen durchführen. Die Aufzeichnungen langer Datenreihen von Gletscherschwankungen können beispielsweise dabei helfen, den Beitrag der Gletscherschmelze zum Meeresspiegelanstieg seit 1850 zu berechnen. Die Messungen der Vergangenheit sind damit auch ein Schlüssel zur Zukunft.Der Rückzug des Eises ist weltweit sichtbar. Doch wie haben die Gletscher früher ausgesehen? Für die letzten 100 Jahre liefern alte Karten ziemlich genaue Hinweise. Geht es um die letzten Jahrhunderte, lassen sich die Gletscherausdehnungen aus alten Beobachtungen, frühen Malereien und historischen Moränenständen rekonstruieren. Indirekt berechnen die Forscher daraus auch das ungefähre Eisvolumen, das in der Zwischenzeit abgeschmolzen ist. Auf genau solche, weit zurückreichende Datenreihen, sind die Wissenschaftler für moderne Klimarekonstruktionen angewiesen.

 

Wenn der Gletscher die Zunge verliert

Die 1300 Meter Rückzug des Vadret da Roseg im vergangenen Jahr schockieren auf den ersten Blick. Doch dieses Zurückschnellen darf nicht mit dem «normalen» Abschmelzen verglichen werden. Vielmehr ist es auf den kontinuierlichen Dickenverlust der vergangenen Jahrzehnte zurückzuführen. Wer viel in den Bergen unterwegs ist, dem scheint die Annahme, dass Gletscher in flachen Partien dick und in steilen dünn sind, intuitiv richtig. Bei kontinuierlichem Dickenverlust trennt sich an Steilstufen irgendwann der obere Teil des Gletschers von seiner Zunge (vgl. Grafik S. 37). Der Vadret da Roseg ist dafür ein sehr aktuelles Beispiel, aber auch der Paradies- oder der Dammagletscher haben dieses Schicksal erlitten. Was bleibt, ist ein grosser Eisblock in der Landschaft: «Toteis» nennen es Fachleute, weil es vom Gletscher nicht mehr genährt wird und bloss noch langsam dahinschmilzt. An vielen Stellen in den Alpen zeugen solche ehemaligen Gletscherzungen von diesem zerreissenden Schicksal. Denn die Eisblöcke können noch Jahre bis Jahrzehnte erhalten bleiben, insbesondere wenn sie von dicken Schuttmassen vor der Hitze geschützt werden. So ist auch der untere Katzensee in Regensdorf bei Zürich nichts anderes, als eine Senke mit einst geschmolzenem Gletscherwasser eines solchen Toteisblocks.

 

Die Zukunft aus der Vergangenheit

Um die Auswirkungen der gegenwärtigen Klimaveränderungen besser verstehen und einordnen zu können, schauen Wissenschaftler gerne in die Vergangenheit. Zusammenhänge, die in der Vergangenheit nachgewiesen wurden, können auch in Zukunft angenommen werden. Dabei gelten Gletscherschwankungen als die Klimaindikatoren schlechthin. Die aus den verschiedenen Spuren rekonstruierten Gletscherstände geben wiederum Aufschluss über das Klima von früher. Hervorragend also, dass die Datenreihen der Alpengletscher über 400 Jahre in die Vergangenheit reichen. Was aber nun, wenn diese Datenreihen Sprünge aufweisen wie jetzt am Vadret da Roseg?

Modelle, zum Beispiel von Gletscherschwankungen und Klima, funktionieren eigentlich nur dann vernünftig, wenn die Veränderungen für jeden Zeitschritt klein und gleichmässig sind. Modelle mögen es nicht, wenn es Sprünge in den Daten hat. Wenn der Vadret da Roseg also im letzten Jahr 1300 Meter zurückgegangen ist, dann ist eine Klimarekonstruktion mit diesen Daten kaum mehr möglich. Der sprunghafte Rückzug des Vadret da Roseg ist eine Reaktion auf die Erwärmung der letzten 20 bis 30 Jahre. So gesehen könnte man die Längenänderung zwar auf diese Jahre «verteilen». Für eine gute Rekonstruktion ist dies aber zu ungenau. Zu wenig bekannt ist der Zeitraum, auf den der Rückzug effektiv zutrifft. Und so verlor nicht nur der Vadret da Roseg im letzten Jahr seine Zunge. Mit ihr verlor auch die Klimaforschung eine lange Datenreihe.

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