Training gegen Schwindelgefühle

Ich beantworte die Frage in meiner Eigenschaft als Verhaltensforscher.

Wahrscheinlich leidet der Kollege von A. Oggenfuss nicht an Schwindel im eigentlichen Sinn, sondern an Angstgefühlen als Folge der plötzlichen Begegnung mit einer sehr viel grösseren Gefahr als gewöhnlich. Man sollte ausserdem zwei sehr verschiedene Ereignisse gut unterscheiden: den völligen Verlust des Gleichgewichts und die auf einen Sturz folgenden Schäden. Aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit dieser beiden Ereignisse ergibt sich das Schadensri-siko. So beträgt also bei einer Sturz-wahrscheinlichkeit von 1 % und einer Wahrscheinlichkeit ernsthafter persönlicher Schäden von 90 % das objektive Risiko nur 0,9dieser Wert wird im Gebirge häufig akzeptiert.

Aufgrund seiner Angst unterschätzt unser Kollege die Sicherheit seiner Position im Gelände und passt sich nur sehr schlecht seiner Situation, so wie er sie wahrnimmt, an. Er wird seine Fähigkeit einer richtigen Einschätzung nur nach einer fortschreitend aufgebauten Desensibilisierung gegen ausgesetzte Situationen wie-dererlangen.

Ich schlage vor, mit dieser Desensibilisierung in einem zehngeschossi-gen Haus zu beginnen. Er sollte Schwindelgefühle können auch auf nicht einmal besonders exponiert wirkenden Bergwegen zu einer vollständigen Blockierung führen ( Gemmiweg ), zunächst aus einem geschlossenen Fenster der ersten Etage horizontal blicken, dann schräg, schliesslich nach unten. Wenn er dabei keine Angst empfindet, wird er die Übung - in allen drei Richtungen - am offenen Fenster wiederholen. Steigt Angst auf, so schliesst er das Fenster und beginnt geduldig von neuem. Erst nach einem vollständigen Erfolg vor dem geöffneten Fenster der ersten Etage wird er diesen ersten Schritt abschliessen. Ein oder zwei Wochen später, nachdem er von Stockwerk zu Stockwerk aufgestiegen ist, wird er seinen Blick aus der zehnten Etage ohne Zögern oder Angstschweiss direkt nach unten richten können. Er sollte diese Desensibilisierung im Gelände fortsetzen, dabei schneller, aber mit stets steigender Anforderung vorgehen und sich die Zeit und das Vergnügen gönnen, völlig entspannt die Sicherheit seiner Position und seiner Bewegungen einzuschät-zen.1 André Gonthier-Werren, Neuchätel ( üc Q.

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