Trakta, eine Klettertour in den Lofoten

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON SIEGFRIED ANGERER, LUZERN

Mit 4 Bildern ( 11-14 ) Es macht Mühe, mit dem schweren Rucksack das schaukelnde Boot zu verlassen. Kaum an Land, heisst es, denselben schon die steilen Felsen am Ufer hinaufzuschleppen. Ein kurzes Abschiedswinken an unsern Bootsmann, und schon flitzt das kleine Boot quer über den Raftsund davon. In vier Tagen soll es uns wieder abholen. Was werden wir bis dahin alles erleben? Hoffentlich hält das Wetter. Wir sind begeistert von unserem Zeltplatz. Magnar Pettersen, ein führender Kletterer auf den Lofoten, hatte ihn uns bezeichnet. Nach zwei Seiten dehnt sich das Meer aus. Auf der dritten Seite fliesst ein Bach mit Trinkwasser, und hinten steigen die Berge an. Nur einen Nachteil stellen wir bald fest, einen sehr unangenehmen sogar: Mücken. Obwohl wir sie haufenweise totschlagen, sie auszurotten gelingt uns nicht!

Für morgen haben wir die Trakta aufs Programm gesetzt. Der Bootsmann hatte sie uns bei der Überfahrt gezeigt. Magnar Pettersen bezeichnete sie als seinen Lieblingsberg. Über die Routenführung sind wir uns allerdings noch nicht ganz im klaren. Die längste Zeit diskutieren wir schon über den besten Anstieg. Nach den dürftigen Angaben im englischsprachigen Führer, dem einzigen überhaupt, werden wir nicht ganz klar. Vor allem deshalb nicht, weil ich als einziger « Eng-lischkenner » nur die Hälfte übersetzen kann. Es ist schon abends 11 Uhr. Wir kriechen in die Schlafsäcke, ohne uns über den Weg von morgen einig zu sein.

Es ist bereits halb 9 Uhr, als wir aufbrechen. Im Führer habe ich etwas vom Lake Rörhop gelesen, demzufolge gehen wir zuerst an den Rörhopsee. Mannshohes Farnkraut und Gras behindert uns im raschen Vorwärtskommen. Ohne auch nur die geringste Spur von Weg mühen wir uns aufwärts. Die Sonne brennt schonungslos auf uns herab. Und erst die Bremsen und Mücken, sie überbieten sich gegenseitig in ihrem Blutdurst. Die steile Grasflanke wird nun durch verschieden hohe Plattengürtel unterbrochen. Keiner von uns dreien ist begeistert, in diesen moos- und flechtenbewachsenen Felsen zu klettern. Endlich kommen wir auf den Grat. Ein angenehmes Lüftchen erlöst uns von der Insektenplage. Auch die Vegetation nimmt rasch ab. Bald besteht sie zum grössten Teil nur noch aus Flechten. Andere Pflanzen treten nur noch als kleine grüne Oasen auf.

Die andere Gratseite liegt zum grossen Teil noch im Schatten. « Das wäre der ideale Aufstieg », stellt Heinz fest. Auch mir leuchtet das ein. Ist diese Seite doch lange nicht so steil und, weil Nordseite, weniger bewachsen. Sollte ich falsch übersetzt haben? Es lässt mir keine Ruhe. Bei der näch- sten Rast schaue ich nochmals im Führer nach. Es kommt wie erwartet. Die richtige Übersetzung hätte gelautet: « Man lässt den Lake Rörhop links liegen... » Ein kaltes Bächlein fliesst neben unserem Rastplatz. Die grossartige Aussicht lässt uns den mühsamen Aufstieg vergessen. Blau leuchtet das Wasser des Raftsund zu uns herauf. Weit dahinter, zwischen den Hügeln von Digermulen, sehen wir sogar zum Festland hinüber. Ein besonders kühner Felszahn lenkt unsere Blicke auf sich. Ist es wohl der Stetind, das Matterhorn des Nordens? Wir können es nicht mit Sicherheit feststellen. Jedenfalls wäre dieser Berg einen Besuch wert.

Wir verlassen unsern Rastplatz. Steil und abweisend steht vor uns der Ostgipfel der Traktä. Unerwartet verhilft uns eine steile Rinne zu einem leichten Anstieg. Ähnlich einer Leiter lässt es sich hier steigen. Die festen Griffe und Tritte sind sogar wassergekühlt, was wir unter der heissen Sonne sehr zu schätzen wissen. Ohne das Seil aus dem Rucksack zu nehmen, erreichen wir den Ostgipfel. Dieser ist um rund 30 m niedriger als der Hauptgipfel. Ein mindestens 60 m tiefer Spalt trennt die beiden Spitzen. Um auf den Hauptgipfel zu gelangen, müssen wir erst abseilen. Eine luftige 40-m-Seillänge bringt uns rasch auf den Grund des Spaltes. Aber? wo geht 's nun weiter? Zu dritt suchen wir nach einem Weiterweg. Retour geht es nicht mehr. Ein einziger Überhang riegelt diesen Weg ab. Ich versuche es links von unserem Standplatz. Vier Meter Quergang, zwei Meter hinauf- fertig! Ich muss zurück. Erneut suchen wir. Irgendwo muss es gehen. Heinz deutet auf die steile, glatte Plattenkante direkt vor uns. « Die ist zu steil », behaupte ich. Hin und her überlegen wir, ob es mit Steigbaum geht. Wir wollen es versuchen. Heinz sichert, Adolf stellt sich an die Wand und bietet mir Steighilfe. An runden kleingriffigen Warzen ziehe ich mich höher. Es ist das letzte, was sich auf Reibung klettern lässt. Doch es geht. Auf einem knappen Standplatz sichere ich meine Kameraden, bis sie bei mir stehen. Begeistert schildert jeder seine Gefühle, die er auf dieser glatten Kante hat. Der Weiterweg ist nicht mehr schwierig, doch verlangen die vielen losen Steine Vorsicht. Noch zwei Seillängen, dann können wir uns auf dem Gipfel die Hände reichen. Nur 990 m Höhe besitzt dieser Berg. Seine Lage direkt am Meer wiegt aber die knappen Höhenmeter wieder reichlich auf. Wir erleben einen Tief- und Weitblick wie noch nie.Von Westen bis Osten ist die Sicht ungehemmt. Nur im Norden versperren uns die schroffen Wände des Trolltind die Fernsicht. Winzig klein sehen wir tief unter uns ein paar Fischkutter dahinfahren. Das Tuckern ihrer Motoren ist bis hier oben zu hören. Über die weite dunstige Fläche des Westfiords grüssen uns die Berge von Bodo. Selbst das mehr als 100 km entfernte Massiv des « Svartisen » können wir deutlich erkennen. Obwohl nur knapp 1600 m hoch, ist es doch mindestens so vergletschert wie hier in den Alpen der Oberalpstock. Durch die Erdkrümmung sieht es aus, als flössen die Gletscher direkt ins Meer. Doch nur noch ein Glestcher in ganz Norwegen reicht bis auf Meereshöhe hinab.

Nur ungern brechen wir wieder auf. Die Kletterstelle von vorhin wird mittels 40-m-Abseilen gemeistert. Auf dem Grund des Spaltes angekommen, stehen wir erneut vor einem Rätsel. Wohin? Der Führer ergibt keinerlei Anhaltspunkte. Endlich entdecken wir, etwas versteckt, eine Abseilschlinge und gewahren erst, wo wir stehen: herabgestürzte Felsen haben sich in dem etwa 3-4 m breiten Spalt verkeilt. Dadurch entstand eine Brücke 20 m über dem eigentlichen Grund des Spaltes. Unsere Vorgänger seilten sich nun durch ein Loch in dieser Brücke ab. Heinz versucht es als erster. Schon nach einem Meter steckt er fest. Er muss sich ordentlich plagen, um durchzukommen Nach dem anfänglichen Engpass weitet sich das Loch wieder auf volle Spaltbreite. Frei am Seil, sich einige Male drehend, erreicht er den Grund. Adolf und ich seilen zuerst unsere Rucksäcke hinunter. Ohne diese ist das Loch halb so eng. Adolf als letzter dient uns beiden als willkommenes Photo-objekt! Über die steile Nordflanke steigen wir gegen das Kjernadal ab. Es ist zwar mehr ein Schlei- chen als Klettern, denn die feuchten, moosigen Platten sind höchst unsympathisch. Weiter unten auf einem Schneeflecken wagen wir dann abzurutschen.

Unten im Tal wandert unser Blick rasch noch einmal zum Gipfel hinauf. Vollbefriedigt treten wir den Marsch durchs Kjernadal zum Zeltplatz an. Aber diese weglosen Täler des Nordens, sie rauben einem die letzten Energien. Die Flanken sind fast unbegehbar steil, und der Talgrund ist mit Sumpf und Gebüsch durchsetzt. Dazu brennt wieder die Sonne. Eine Wolke von blutdürstenden Insekten begleitet uns bis zum Zelt. Dort gibt es für uns nur eines, baden. Nackt steigen wir ins kühle Wasser des Nordmeeres. Welch ein Genuss ist es, anschliessend sich frierend auf die heissen Granitplatten des Ufers zu legen. Wohl keiner von uns hätte geglaubt, noch nördlich des Polarkreises Badefreuden zu erleben!

Strenges Klettern, faules Nichtstun an der Trakta erlebten wir, beides zur Genüge.

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