Über die Aiguille Blanche-Nordwand auf den Peuterey-Grat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON PETER DIENER, LICHTENSTEIG ( SG )

Mit 1 Bild ( 35 ) Wenn man die Biwakschachtel auf dem Col de la Fourche betrachtet, kommt man in Versuchung, sie mit einer halben Heringstonne zu vergleichen. Liegt man aber dann am Abend wohlver-keilt und gegen Absturz bestens gesichert hochkant zwischen seinen « Schlafgefährten », so hat dieser Vergleich an Vollkommenheit nur noch zugenommen - man wähnt sich in einer ganzen Heringstonne! Aber trotzdem ist uns dieses kleine Blechgehäuse, das wie ein Adlerhorst hoch über dem Brenva-Gletscher thront, in freundlicher Erinnerung, und das gegenseitige « Auf die Zehen treten » wurde mit Humor und Heiterkeit in Kauf genommen. Ausserdem war für uns die Nacht kurz, und 4 Die Alpen - 1961 - Les Alpes49 die letzten Ankömmlinge mochten kaum zwei Stunden geruht haben, als uns der Wecker bereits zum Aufstehen ermunterte: 24.00 Uhr zeigte das Zifferblatt, selbst für die Westalpen eine respektable Zeit. Aber wir hatten uns ein grosses Ziel gesetzt, und ein weiter Weg war bis dorthin. So hiess es wohl oder übel aufstehen! Dabei mussten wir den prominentesten Gast dieser bescheidenen Behausung, Walter Bonatti, in seinem Schlummer stören, da er sich auf dem Holzboden bei der Türe niedergelassen hatte. Ich glaube jedoch, dass er nicht ungern seinen Platz vertauschte.

Kurz nach 1.00 Uhr verlassen wir das gastliche Asyl, und im blinzelnden Licht der Stirnlampen seilen wir zum Brenva-Gletscher ab. Nur schemenhaft erkennen wir die Bergflanken unter dem Gefunkel eines herrlichen Sternenhimmels. Bald trennen sich unsere Kameraden Ernst und Ueli von uns; sie wollen den Mont Blanc über die Brenva-Flanke ersteigen. Unser Weg aber führt zur Aiguille Blanche, die wir über ihre Nordwand zu erreichen versuchen wollen, um dann über den Peuterey-Grat dem Monarchen unseren Besuch abzustatten. Hermann Buhl und Martin Schiessler führten diese Kombination anlässlich ihrer zweiten Begehung der Blanche-Nordwand das erste Mal aus, und seither wurde diese Tour von nur wenigen Seilschaften wiederholt. Mein Freund, Ernst Forrer, und ich sind daher in gespannter Erwartung, als wir uns dem Einstieg dieser steilen, an die 1000 Meter hohen Eisflanke nähern. Wie werden die Verhältnisse sein? Eine Woche Schlechtwetter liegt hinter uns; wird sich der Neuschnee schon mit der Unterlage verbunden haben?

Bald überschreiten wir das erste Hindernis, den Aufschwung am Beginn des Moore-Grates, und steigen zum hinteren Brenva-Gletscher hinunter. Metertiefe Furchen haben hier die Lawinen hinterlassen - in ihrem Grunde tasten wir uns abwärts. Fünf Stunden später dürften wir uns hier kaum mehr so unbekümmert bewegen.

Dann stehen wir am Einstieg. Es ist Viertel vor drei, als wir uns durch den ersten Lawinenkegel am Wandfuss hinaufwühlen. Wenn das so weiter geht, dann « prost Nägeli »! Aber bald wird es anders! Die Wand wird steil, sehr steil sogar; senkrecht, überhängend. In einer Schleife nach rechts müssen wir den ersten Abbruch umgehen. Dann folgt der zweite Absatz, und schliesslich umgibt uns ein ganzes Labyrinth von Spalten und Klüften, welche gähnend ihre Mäuler aufsperren. Was tun? Es ist noch stockdunkel, und im Schein der Lampen sehen wir nicht sehr weit. Links drüben vermuten wir den Eishang, der zum Hängegletscher in der Wandmitte hinaufleitet. Aber wie dorthin kommen? Während wir noch beratschlagen, fliegt uns ein Jodelruf zu: « Ja duli-duli-duu! », und weit oben in der Brenva-Flanke wird ein Lichtlein geschwenkt. Unsere Kameraden haben den ersten Aufschwung erreicht. Ein freudiges Gefühl der Verbundenheit überkommt uns; wir sind nicht ganz so verlassen in dieser Wildnis, wo alles nur in überdimensionierten Verhältnissen existiert.

Nach kurzem Absteigen finden wir schliesslich eine Schnee-Brücke, die uns - nach links - den Eishang gewinnen lässt. Zunächst noch sehr steil, dann in einer Neigung von 55 Grad zieht sich der Hang hinauf. Die Verhältnisse bessern sich. Wunderbar greifen die Zwölfzacker, so dass wir auf jegliche Sicherung verzichten und gleichzeitig steigen. Die Tiefe wächst. Dumpf krachen einige Seraks. Eine Weile knisterndes, berstendes Mahlen, dann wieder Stille. Der Tag erwacht. Ein feines Eisgrätchen führt uns an den Hängegletscher, der den mittleren Wandteil abriegelt, heran. Träge steht der Koloss vor uns; die ersten Sonnenstrahlen umflirten ihn, aber noch verharrt er wie in Schlaftrunkenheit. Leise, als hiesse es, ihn nicht zu wecken, pirschen wir uns an ihn heran, und in den Falten seines blauweissen Nachtgewandes klimmen wir höher. Ein überhängendes Stück gibt einige Arbeit, dann stehe ich in einem schrägen Eiskamin. Die linke Wand ist überhängend, rechts jedoch kann ich auf angepresstem Neuschnee ganz gut hinaufstufen, bis unter ein Dach.

Und weil im Führer steht: « je nach Verhältnissen kann diese Stelle enorme Schwierigkeiten bieten », machen wir uns auf allerhand gefasst. Umso überraschter bin ich, als ich unter der Baniere eine schmale Rampe angewehten Neuschnees entdecke, die nach rechts auf die Kante leitet. Vorsichtig steige ich auf das « Schwalbennest » hinüber, aufmerksam sichert der Freund. Das Schneegebilde trägt mein Gewicht, und bald bin ich den Blicken des Kameraden entschwunden.

Oberhalb des Hängegletschers treffen wir mitunter Blankeis an. Überschlagen führend gewinnen wir, einigen Eiswülsten ausweichend, den oberen Wandteil und stehen bereits 8.15 Uhr auf dem Gipfel der Aiguille Blanche, 4109 Meter. Es ist überwältigend schön. Weit schweift der Blick in die Runde, überall verfängt er sich an Spitzen, Zinnen, Nadeln und Zacken. Imponierend dieser wilde Erdenwinkel! Gedankenverloren trinke ich dieses Bild in mich hinein. Ernst ist mehr für das Praktische, und das Fauchen des Kochers bringt mich in die Wirklichkeit zurück. Bald schlürfen wir köstlichen Tee, essen Spargeln mit Mayonnaise und sind mit uns und der Welt zufrieden.

Die Rucksäcke sind ein Stück leichter geworden, aber die Beine ein Stück schwerer, als wir an den Weiterweg denken. Doch vorerst geht 's ja hinab! Viermal müssen wir abseilen über den brüchigen und nur durch Eis zusammengeleimten Fels der Westflanke. Dass dabei ein kopfgrosser Stein sich ausgerechnet mein Grilon-Seil zum Ziel setzt, freut uns nicht sonderlich.

Im Col de Peuterey meint man, hier sei das Ende der Welt. Einsam kommt man sich vor, einsam und verlassen inmitten hochaufstehender Wände und ins Bodenlose abfallender Klüfte. Nur unsere feine Stufenleiter drüben in der Nordwand führt aus der Welt der Menschen in diese Welt der Giganten, und wenn es vielleicht mancher nicht wahrhaben möchte, aber hier oben wird es jedem sicher klar, dass wir in diesem Reich nur Gäste sind; Gäste eines Gastgebers, der es in der Hand hat, uns unbändig zu beglücken oder zu stürzen...

Der Felsaufschwung des Pilier d' Angle präsentiert sich « herrlich » weiss verzuckert. Doch die Schwierigkeiten beginnen schon, bevor wir Hand an den Felsen legen können. Ein steiles Eisfeld, meist blank, sperrt den Zugang. Von rechts nach links queren wir an seine obere Kante und können dort zwei Seillängen weiter nach links hangeln, bis der ungangbare Fels über uns von einer block-durchsetzten Verschneidung durchzogen wird, die uns auf die Pfeilerkante bringt. Eine anstrengende Turnerei über Blockwerk, Aufschwünge, durch kurze Risse und lose Felsscherben treibt uns den Schweiss aus allen Poren. Überall liegt der Neuschnee und ist durch die Sonne nass und glitschig geworden. Trotzdem steigen wir meist miteinander, und die einzige Sicherung ist das Vertrauen zueinander, das wir uns auf zahlreichen gemeinsamen Bergfahrten erwarben.

Die ersten Nebel lecken um die Bergflanken. Die Sonne versteckt sich hinter ihren Schleiern, und wir spüren den nasskalten Hauch dieses unangenehmen Tourenbegleiters. Mitunter reisst der Vorhang wieder auf, und dann können wir uns über unsern Weiterweg orientieren. Trotzdem wir ständig klettern, ohne Rast und Ruhe aufwärtsstreben, haben wir das Gefühl, nur am Fleck zu treten. Man ist jedes Jahr auf 's neue von den gewaltigen Entfernungen hier in der Mont Blanc-Gruppe beeindruckt und überrascht.

Endlich taucht der Beginn des ersten Schneegrates vor uns auf. Eine Rinne ist noch zu queren, dann leiten ein paar Blöcke zum Grat empor. Ich bin schon fast am andern Ufer dieser Steilrinne, als die dünne Neuschneeschicht auf dem Blankeis abrutscht. Ein Schreckensruf des Freundes lässt mich den Ernst der Lage bewusst werden, und bevor ich ganz das Gleichgewicht verliere, kann ich mich an einem Felsstück am anderen « Ufer » festklammern. Ich bin in Sicherheit. Aufatmend geht 's zum Grat hinauf. Doch der bietet nur wenig Komfort. Sehr spitz, ist er zum Teil nur rittlings zu überwinden. Schaurig geht es zu beiden Seiten in die Tiefe. Rechts zum Brenva-, links zum Freneygletscher. Es ist ein Gang zwischen Himmel und Erde, und wenn mich der berufliche Weg auch über viele spitze Dachfirste geführt hat, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Vorsichtig rutsche ich auf dem « Hosenboden » hinüber.

Immer wieder neue Aufschwünge, rechts und links im Nebel die Umrisse von Felsen, aber nichts deutet auf die Gipfelnähe hin. Es will und will nicht werden. Verstohlen blicke ich auf den Höhenmesser. Das ist doch nicht möglich: Erst 4 600 Meter. Enttäuscht krebsen wir weiter. Die Wadenmuskeln schmerzen furchtbar. Das Eis hat jetzt durchschnittlich eine Neigung von 50 Grad, und dankbar wird jede flache Stelle und jeder eingepackte Felsblock begrüsst, der die Füsse ausruhen lässt. Endlich erkennen wir oben im Nebel eine dunkle Kontur. Ob das die Gipfelwächte ist? Die Luftbewegung nimmt zu, und einige Sonnenstrahlen blitzen durch das Grau. Wir möchten am liebsten hinaufspringen, aber die dünne Luft schreibt uns das Tempo vor. Ein letztes Mal rammen wir dann den Pickel ein; der Gipfel ist erreicht! Heulend faucht uns der Sturm an. Es ist klar hier oben, aber furchtbar kalt. Die durchweichten Handschuhe, die nassen Schuhe und die Steigeisenberiemung gefrieren sofort beinhart. Unser Händedruck wird zu einer unbeholfenen Geste.

Für eine Gipfelfoto reicht unsere Überwindung schon nicht mehr. Erst in einer Baubaracke der Grands Mulets tauen wir wieder auf. Es erwacht auch die Freude über das Gelingen dieser Fahrt, dass wir droben waren und wieder glücklich unten sind.

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