Über einige Bergnamen

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( Kilchberg-Zürich ) Wer ein Gehör hat für den Klang von Worten und schweizerische Berge kennt, sieht bei bestimmten Namen ganz deutlich eng begrenzte Landschaften vor sich. Dieser Klang erinnert an eine gewisse Gegend, ist ein Andenken an sie wie der Duft dort einst auf unvergesslicher Wanderung gepflückter, nun getrocknet aufbewahrter Pflanzen. « Name ist Schall und Rauch », heisst es zwar im « Faust », doch dort handelt es sich um die sprachlich kaum mögliche Kennzeichnung tiefster Gefühle. Anderseits durften die Brüder Grimm ihrem gewaltigen Wörterbuch der deutschen Sprache als Leitspruch den biblischen Satz voranstellen: Im Anfang war das Wort. Der Namenforscher Salverte aus Genf hat in seinem 1824 erschienenen Werk den Satz geprägt: « Tous les noms propres ont été originairement significatifs. » Aus Eigennamen lässt sich oft ein Schluss auf Religion, Kultur, Lebensweise, Anschauungen, Geschichte eines Volkes gewinnen, auch in Fällen, da andere Anhaltspunkte fehlen. Aus Orts-, Flur-, Personennamen ergibt sich z.B. die frühere rätoromanische Besiedelung in jetzt deutschsprachigen Gebieten; aus ihnen lässt sich ablesen, wie weit im Norden sich Römer niedergelassen hatten, wohin in der heutigen Westschweiz Alamannen gelangten. Allerdings hat der Wandel der Sprachen seine eigenen Gesetze; die Wortverände-rungen im Laufe der Zeiten sind of t so stark, dass sie den Ursprung verwischen, was zu zahllosen volkstümlichen Irrtümern Anlass gibt. Wie fromm klingt etwa der am Flumserberg vorkommende Flurname « Gafrieden »! Aber Sprachforscher belehren uns, dass ihm das Wort « cavridar » zugrundeliege, was Bäume ringeln, entrinden, schälen, von Ziegen befressen heisse. Solche Stellen forstlichen Unfriedens gäbe es nur zu viele an jeder Waldgrenze. « Gantenbein » lässt an Schinken und Wädli denken, es soll aber « chanta bain », den Schön-singer, bedeuten. Ein heftiger wissenschaftlicher Streit, der seit 1880 immer wieder aufloderte und kaum einwandfrei abgeklärt wurde, war durch die Behauptung entfacht worden, zahlreiche Berg- und Ortsnamen im Saastal seien sarazenischen Ursprungs: Almagell, Allalin, Balfrin, Mischabel, Melig, Fee, Baien, Marigal, Morghen, Cacit, Bil, Galkerne... Während einige Forscher z.B. Almagell vom arabischen al manali = Wachtposten herleiten, behaupten andere erbittert, es stamme vom lateinischen manicula=Griff am Pflug; es sei ein bildlicher Ausdruck für « an der Gabelung », nämlich des Monte-Moro- und des Antrona-Passes. Die ältest bekannte Benennung von Almagell lautet übrigens Armenzello vom Jahr 1291, was unseres laienhaften Erachtens weder arabisch noch lateinisch zu sein brauchte, sondern auch bloss deutsch gewesen sein könnte, « Mischabel » werfen andere ein, sei gar nicht sarazenisch, sondern nur die volkstümliche Benennung « Mistgabeln » für die dortigen Viertausender Zinken und Hörner. Wobei uns immerhin verwundert, dass dieses Wort in deutschsprachigem Gebiet romanisiert und dann in verwelschter Form wieder ins Saastal zurückgelangt wäre. Auch « Moro » darf nicht etwa auf das doch naheliegende Wort « Berg der Mohren ( Mauren ) » zurückgeführt werden; ein Waadtländer Linguist will, dass es « Mont des mûres » heisse. Wir warnen aber davor, auf jener Passhöhe von 2868 m Brombeeren zu suchen. Sprachforschung in allen Ehren! Aber die Kenntnis etwa des Keltischen darf nicht zur Scheuklappe werden, die den Blick auf landschaftliche, botanische, forstliche Gegebenheiten eines Gebietes verschliesst. Wir lasen z.B. « Moléson » und « Malsen » gingen etymologisch auf ein Wort zurück, das mélèze ( Lärche ) bedeute; doch ist der Moléson gewiss kein Lärchen-standort, und auf der Malsen ( ob Welschenrohr im Solothurner Jura ) ist spontanes Vorkommen des Baumes fast undenkbar.

Doch unsere drei, vier Leser mögen keine philologische Untersuchung befürchten oder erhoffen. Wir wären zu einer solchen nicht befugt. Schon mehrmals haben ja Fachgelehrte hier Herkunft und Bedeutung alpiner Worte behandelt. Uns kommt es heute nur auf ein Hinhorchen auf einige Wortklänge an, die für oft eng beschränkte Gebiete charakteristisch sind.

Wer durch das Goms hinabwandert, wendet sich oft um, um noch einmal und immer noch einmal das weithin leuchtende hohe Firnfeld des Galenstockes zu sehen. Nun fanden wir in alten Gomser Urkunden stets wieder den Wald- und Weidenamen « Galen » und erkannten, dass er ursprünglich immer die Bedeutung einer weithin sichtbaren Hochebene oder Lichtung besass. Das ergibt sich klar, wenn diese Orte erwandert werden. Das sich besonders bei Münster, Geschinen, Ulrichen häufende Wort weist zweifellos auf durch Zurückdrängung der einstigen Waldgrenze erhaltene Weiden hin, wie andernorts der Alpenrosengürtel. Zinsli sagt in seinem Prachtwerk « Grund und Grat » u.a.: « Noch fast als Gattungsname lebt im Wallis der Ausdruck Gale für eine meistens für Kühe nutzbare, nicht steile, sondern sanft geneigte Weide, hochgelegen, im allgemeinen von der Waldgrenze sich aufwärts ziehend. » Er vergleicht das Wort mit « Wildmad », das im Glarnerland grasige Höhenzüge bezeichne. Heute zeigen einige Galen Lawinenverbauungen. Wie ein ferner Traum und eine Sage von zu ewigem Eis erstarrter Blümlisalp schaut die blendende Schneehalde des Galenstocks weit ins Wallis hinunter, dem Vrenelisgärtli der Ostschweiz ähnlich.

Wandern wir aus der Gegend der vielen Galen hinab, begegnet uns zwischen Brig und Leuk eine Häufung des für das Mittelwallis typischen Wortes Chi ( Ki, Kinn, Kühn ). Es bezeichnet meistens, ursprünglich wohl immer, den canonartigen Ausgang einer Schlucht. Das erste grosse Ki bildet ob Naters die aus dem Aletschgletscher herabbrausende Massa. Weshalb mag wohl bei der gegenüber vom Simplon herabströmenden Saltina nicht von Ki gesprochen werden? Das Wort häuft sich nun auf dem rechten Rotten-Ufer, fehlt aber auch auf dem linken durchaus nicht; man denke nur an das Gamse-Ki, in dessen Schlucht man ja vom Eisenbahnzug an der Lötschbergrampe aus hineinschauen kann. In der Gegend von Visp gibt es auch Ki heissende Waldorte. Zuunterst im Turtmanntal stürzen sich die beiden Wildwasser Mühle- und Laubbach nahe beieinander in engen, ausgewaschenen Endschluchten zum Rotten hinab, hier in den Akten Laubbach- und Millacher-Kühn genannt. Das Wort Ki gibt noch manche Rätsel auf, besonders wenn wir auch noch sein Mitwandern mit Waisern nach Graubünden und Vorarlberg betrachten oder gar noch der von Zinsli geäusserten Vermutung nachgehen würden, das Wort « Tien » im Trient-Tal ( Trétien usw. ) entspreche dem Ki.

Wir erwähnten oben das so harmlos klingende Wort « Gafrieden ». Auch die Walliser besitzen ein sehr hübsches Wort für reuten, roden, Wald in Weide und Acker umwandeln, nämlich « zieren ». Es ist gerade auch in der Landschaft der Ki sehr viel geziert worden. Ge-zierte Güter, das sind dem Wald abgewonnene Äcker.

Der sonnigen Landschaft oberhalb des Rilke-Schlosses Muzot zwischen Siders und Montana verleihen viele Flurnamen-Endungen auf « ona » oder « y » einen seltsam südlichen Klang; es gibt dort die Fluren und Höhen Bernona, Aminona, Planigy, Aprily, Raviry usw.

Die im Gebirgsstock der Dent du Midi herabstürzenden Wildbäche heissen meist « Nant » statt wie sonst gewohnt « Torrent ». Nur dort im kleinen Gebiet der einstigen keltischen Nantuaten hat sich seit Jahrtausenden ihr Wort Nant erhalten. Seine Erklärung müssen wir den Sprachforschern überlassen; wir hoffen, dass ihre Gelehrsamkeit sie nicht hindert, nach Gottfried Kellers Ausdruck « manchem verhallenden Naturlaut aus dem Rauschen der Völkerwanderung » nachzulauschen.

In jener Gegend zwischen Rhoneknie und Léman überraschen auch nur dort und in der savoyischen Nachbarschaft vorkommende oder sich nur dort häufende Ortsnamen wie Scex ( Saxum, Felsen ), Van, Salanfe ( die den einst so herrlichen Wasserfall hässlichen Namens bei Vernayaz bildet ), Cluzanfe, Sezanfe, Névé. Uns scheint von ihnen nicht nur ein sprachlicher, sondern auch ein landschaftlicher Reiz auszugehen. « Vanil » begegnet als Berg- und Fels-name nur im Freiburgischen; aber das Dialektwort « s' invanellâ » bei Martigny bedeutet noch: sich in Felsen verirren. Gerade in jener Gegend tritt auch seit dem 13. Jahrhundert in Urkunden das noch gebräuchliche Wort Râpe ( raspa ) häufig auf. Wir hoffen forstgeschichtlich nachgewiesen zu haben, dass es auf eine bestimmte, einst weitverbreitete Waldform hinweist, nämlich Laubholz-Ausschlagwald. Volle Gewissheit erhielten wir, als sich auffallenderweise das Wort auch noch in alten belgischen Urkunden fand, und zwar genau in der vermuteten Bedeutung.

Häufung bestimmter Berg- und Flurnamen ( an die Personennamen gar nicht einmal zu denken !) lässt sich auch in andern Gegenden und Sprachgebieten oft beobachten. Wir möchten den Leser anregen, solchen Naturlauten zu lauschen. Nur einer sei noch erwähnt. Hören wir das Wort Enzi, so taucht eine ganz bestimmte, eng begrenzte Landschaft vor uns auf: nur im Napfgebiet, dort aber gehäuft, findet sich diese Bezeichnung. Rings um den Napf, diesen Vorberg im Herzen unseres Landes, der eine weit schönere Aussicht bietet, als sein zu nüchterner Name vermuten liesse, wandern wir vom Höchenzi zum Niederenzi, zum Untern und zum Romooser Enzi; es gibt dort die Enzifluh, das Enziloch, Enziknübeli, Bodenenzi, Enzihüsli, die Enziegg, Enzischür und Enziwigger und auch Schatt- und Sonnseite eines grossen Enziwaldes. In dieser Form und Zahl auf eng beschränktem Gebiet kommen sonst nirgends « Enzi » vor. Deshalb gehört dort das Wort zur Landschaft, und man kann es nicht hören, ohne dass auch ihre Gräben und Krachen, Nagelfluhfelsen und Tannenwälder, Weiden und Matten vor uns erscheinen. Es gibt Gelehrte, die vermuten, « Enzi » stamme vom altgermanischen « anzo », was Riese bedeutet habe. Zur Erklärung ihrer Erklärung fügen sie etwa bei, es seien wohl die im Enziloch büssenden Verdammten als heidnische Riesen aufgefasst worden. Von altersher lässt der Volksglaube in jenen düsteren Felsen Wucherer und Volksbedrücker hausen; sie haben Felsblöcke emporzuwälzen, die ihnen oben stets wieder tückisch entgleiten und mit Donnergepolter hinunterrollen. In Sturmnächten hört man in den Enziflühen unheimliches Gestöhn.

Es war im waadtländisch-walliser Gebiet der Râpes und Nants, da Rousseau 1732 in seinen « Confessions » sich vorwarf, wie sehr er sich über den Charakter der Landschaft und ihrer Bewohner getäuscht habe: « Le pays et le peuple dont il est couvert, ne m' ont jamais

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