Uebergang von Val Gliems auf den Puntaiglas-Gletscher und Ersteigung der Lücke zwischen Bifertenstock und Bündner Tödi.

Gletscher und Ersteigung der Lücke zwischen

Bifertenstock und Bündner Tödi.

Von Albert Heim.

Bei der zerfallenen Alphütte im Val Gliems überraschen wir einen eifrigen Bergzeichner, unseren jugendlichen Herrn Heim, wie er eben mit flinkem Griffel die beiden Säulen des Einganges zum Val Gliems, den Piz Avat nördlich und den Piz Gliems südlich, skizzirt. Oestlich sehen wir das Thal abgeschlossen von steilen Geröllhalden und einem kleinen unbenannten Gletscher, welcher seine südöstlich ansteigenden Hänge an die fein gegliederte Bergform des Piz Ner anlehnt, Piz Ner fällt nördlich in felsigem Ausläufer gegen das Firnjoch ab, welches die Verbindung dieses Gipfels mit dem Piz Urlaun herstellt. Von dieser Furkel möchte nach Herr » Hauser der Urlaun am leichtesten zu ersteigen sein.

Schweizer Alpen-Club.

Das weite unbekannte Gebiet jenseits dieser Kehle, welche man am ehesten Puntaiglas-Kehle nennen dürfte, lockte unseren Künstler von der Porta da Gliems ab und diesem Uebergange zu. Nach ziemlich ermüdendem Marsche über GeröHhalden wurde links der Ilems-Gletsclier gewonnen und quer über denselben dem Fusse des gewaltigen südlichen Ausläufers des Piz Urlaun zugesteuert. Von diesen Felsen wurde auf den das Ilems-Thal abschliessenden Gletscher übergesetzt und, begierig, in das Geheimniss der anderen Seite zu blicken, rasch über den Gletscher und den höher gelegenen Firn emporgestiegen. Noch musste über eine schmale Firnkante, die durch eine tiefe und breite Kluft vom nächsten Felsen getrennt war, geschritten werden und die Furkel selbst war erreicht. Sie liegt 2817 M. hoch, nördlich und südlich ist sie von Felsen, nach West und Ost von Schnee und Eis eingefasst. Gewaltige Dioritblöcke liegen zerstreut herum, welche vom PizNer herstammen mögen, dessen unterer Theil aus diesem Gestein besteht.

In seiner grossen Pracht liegt jenseits des Kammes zu Fussen des Wanderers ein grosses flaches Gletscherbecken ausgebreitet, der Puntaiglas-Gletscher ( sprich: Pontelljes ), in viereckigem Rahmen eingeschlossen gegen Osten vom Piz Tumbif, diesen wilden, grauen Hörnern und Zacken, im nordöstlichen Winkel von der breiten mächtigen Kuppe des Piz Frisai und vom firngekrönten Bifertenstock. An diese Grundpfeiler lehnt sich mit dem bescheidenen Bündner Tödi die nördliche, zum Piz Urlaun hinüber führende Wand an, von diesem beinahe südlich sich ziehend, schliesst die Westseite im Piz Ner ab. In senkrechten Wänden und in den merkwürdigsten Felsschichtungen steigt diese Reihe eigenthümlicher, von einander verschiedener Felsformen vom Gletscher in die blauen Lüfte; viele dieser Gipfel sind Puntaiglas- Gletscher.

noch unbenannt und wohl auch unerstiegen und fordern daher zu weiteren lohnenden Thaten auf.

Den Blick das Val Gliems abwärts gerichtet, thürmen sich prächtige Felsköpfe und Schneekuppen hoch in die Lüfte, und wundervoll glänzen im Hintergrunde der dunkeln Cavar-dirasalp der Brunnigletscher und der Oberalpstock.

Ein Geierpäärchen — so erzählt nun Hr. Heim selber — kam lustig vom Puntaiglas-Gletscher herauf, umkreiste die Felsenspitze in der Mitte der Kehle und flog dann dem Val Rusein zu.

Das Thermometer zeigte 33 Grade Celsius. Meine Hände, Hals und Gesicht waren ganz verbrannt, so dass ich mich während des Zeichnens mit umgehängten Taschentüchern vor den Sonnenstrahlen schützen musste.

Zum Hinabsteigen fand mein Führer Thomas Thut gerathen, das Seil zur Hand zu nehmen. So rückten wir ein gutes Stück abwärts, bis das glatte Eis sehr steil abfallend zum Vorschein kam. Hier wandten wir uns ganz links, einer kleinen Felswand von gelbem Kalkstein zu, wo es ein Leichtes war, über Geröll und Felsen noch etwa 300 Fuss hinunter in die ungeheuere Fläche des Puntaiglas-Gletschers zu steigen. Die Oberfläche war rauh und von einer Menge Bächen, doch von keinen Spalten durchzogen. Um ein Uhr hatten wir einen grossen Felsblock in einer der Mittelmoränen, deren der Puntaiglas-Gletscher zwei deutlich ausgebildete besitzt, erreicht. Wir waren inmitten einer ein bis zwei Stunden breiten und zwei Stunden langen Gletscherfläche, rings umstarrt von himmelhohen Stein- und Eiswänden. Der Himmel schien aus dem blendenden Weiss heraus ganz dunkelblau, stellenweise wie schwarz. Die firnbedeckten Höhen senden nicht weniger als sechs Gletscher durch enge Schluchten dem grossen Puntaiglas-Gletscherbecken zu. In dem Firnlabyrinth

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da droben ist ein Chaos von Eiszacken, Kuppen, Würfeln, Spalten und Rissen, in ganz phantastischen Formen, oft überhängend, so dass fast unaufhörlich eine Masse fein zermalm-ter Schnee und Eis wie ein Wasserfall auf den kalten Firn stürzt. Dann dröhnen wieder plötzlich alle Felsmauern von herunterstürzenden Steinblöcken. Eingeschlossen in diese prächtige Gotteswelt, standen wir Beide lautlos da und staunteu diese mächtigen Formen an.

Die hintere Seite des sogenannten Bündner Tödi, jener weissen Kuppe, die vom Stachelberger Bade aus gesehen gerade rechts am Bifertenstock liegt, ist eine ziemlich gegliederte, nach-auswärts gewölbte Felswand. Der Scheitel ist eine Firnkante. Rechts führt ein kleiner Gletscher bis fast hinauf in die Lücke zwischen Bifertenstock und Bündner Tödi. Dort sieht man gewiss wundervoll „ änne-n-abe ", war unser gemeinsamer Gedanke. Es war erst zwei Uhr. So liessen wir denn das Gepäck liegen und unternahmen, Seil und Beil nicht vergessend, einen Streifzug dort hinauf. Bis an den Felsen des Bifertenstockes hatten wir eine Stunde streng bergan anfangs auf Gletscher, dann auf Firn zu marschiren, dabei einige ungeheuere Firnschründe zu umgehen. Nachdem das obere Ende des Firnes unten an der Wand des Bifertenstockes erreicht war, mussten wir suchen, links in die Lücke zu kommen. Mit einiger Mühe wurde auf der schmalen, steilen Kante des in einen tiefen Schrund abfallenden Firnhanges emporgeklettert, dann ein schlüpfrig nasses Felsenstück gewonnen, wohin mich Thut am Seile nachzog, und so wurde, nachdem dieses Experiment noch zweimal wiederholt worden war, die Lücke zum ersten Mal vom menschlichen Fusse betreten. Anfangs musste ich mich setzen, es kitzelte mich den ganzen Leib herauf, als sich der gewaltige Abgrund in den Bifertengletscher hinab meinen Blicken öifnete. Erst

Puntaiglas- Gletscher.

nach einigem Angewöhnen konnte ich freier umherblicken. Oestlich, hart neben uns, thürmte sich in gegen uns fast überhängenden gelben Kalkmassen der Bifertenstock, nördlich liegt tief unten in einem vollständig senkrechten Abgrunde von 2500 Fuss der Bifertengletscher mit der interessanten Schneerunse, die Grünhornhütte, der Tödi von seiner begletscherten Seite; er zeigte deutlich auf seinem Rücken die Spuren einiger Ersteiger. Noch viele bekannte Formen, wie Stockgron, Piz Meilen, Bleisasverdas, der Ortstock und Glärnisch thürmten sich gewaltig auf, oder lagen tief uns zu Füssen. Am meisten fesselte mich der Anblick des Bündner Tödi: eine blendende Firnwand von etwa 75 Grad Neigung begrenzt ihn, von unserem Standpunkte aus gesehen, bis hinab auf die nördliche Seite.Von uns weg führte eine ganz scharfe Firnkante in ungetrübtem blendendem Weiss, vielleicht ein Stück Arbeit von nicht ganz einer Stunde zum Gipfel hinauf, links südlich hing der Gipfelgrat in „ G'weehten ". drohend heraus. Gegen Süden übersahen wir das ganze Gebiet des Puntaiglas-Gletschers und durch die Lücken noch weit hinaus in den Canton Graubünden, in ein violettes Chaos von Kuppen.

Die Uhr zeigte drei Uhr Nachmittags, es war daher zu spät, um noch an die Besteigung des Bündner Tödi zu ragen, welche für einen schwindelfreien Kopf keine Schwierigkeiten geboten hätte. Wird eine solche beabsichtigt, so möchte es gerathen sein, auf dem Wege sich nicht mit Zeichnen zu versäumen, welcher Arbeit ich drei Stunden opferte.

An diesem Standpunkte, über solchen Abgründen, inmitten solcher Kolosse fühlte ich Neuling in dieser Welt, obgleich erster Besieger dieses Gebietes, recht mächtig die Schwachheit und Kleinheit des Menschen. Ich war vollständig von diesem Anblick überwältigt; zu zeichnen wäre

\ ich um allen Preis nicht im Stande gewesen.

Als ich aber gut drunten angelangt, wo ich Herr über die Materie und nicht mehr die Materie über mich Herr war, reuete es mich, dass ich nicht doch noch den Bündner Tödi ganz besiegt hatte, und meine Gedanken prahlten wieder über den Abgründen. So ist oft der Mensch, „ der Herr der Erde !"

Der Grat ist von dem gleichen schiefrigen Gesteine gebildet wie der Sandgrat, und Thut ermangelte nicht, denselben mit einem Steinmannli zu krönen.

Nach einigen stillen Augenblicken, in denen ich Muth und Kraft zusammengenommen hatte, raffte ich mich auf und machte mich mit meinem immer kaltblütigen Thut an das Hinuntersteigen. Die schwierigsten Stellen wurden auf gleiche Weise wie im Hinwege gut passirt, aber es fielen immer grosse Steine von dem Bifertenstock herab, so dass wir uns so schnell wie möglich davon entfernen lnussten. Dann ging 's höchst fröhlich, bald trabend, bald sitzlings rutschend, bald aufrecht glitschend die Gletscherschlucht hinab. Vier Uhr Abends hatten wir wieder unseren Felsblock erreicht und marschirten nun, fröhlich über Alles, was uns gelungen war, und was uns nicht gelungen ,'s war ja nicht viel, aus den Gedanken so gut als möglich verbannend, den Gletscher abwärts. Es ist rathsam, ihn auf der linken Thalseite zu verlassen. Ein weiterer Marsch von drei Stunden, welche für ein vor einem Jahr gebrochenes Bein zu wahren Diplom-examenstunden wurden, führte durch das romantische Thal dem Rheine zu.

Durch verschiedene kritische Bemerkungen in dem Berichte des Hrn. Hauser auf einige Widersprüche in den Höhenangaben der betreffenden Karten aufmerksam geworden, suchte Referent sich auf dem eidgenössischen topo- Tödi- Gehet,

graphischen Bureau die nöthige Aufklärung zu verschaffen, welche ihm auch in sehr verdankenswerther Weise geboten wurde.

Der gefälligen Mittheilung des Chefs des eidgenössischen topographischen Bureaus zufolge sind die Zahlen des Grenz- kammes zwischen Glarus und Graubünden im eidgenössischen Atlas meistens der Bündner Vermessung entnommen und es dürfen diese auf allen Copien der Aufnahmskarte wie der Simler'schen und der Excursionskarte des Schweizer Alpen-Clubs als richtig betrachtet werden, bis auf einige Schreibfehler. Von Norden wurden die Glarner Seite und ebenfalls der Grenzkamm von einem anderen Ingenieur vermessen und es stimmen nun allerdings die Bündner und die Glarner Vermessung in den Höhen des Grenzkammes nicht vollkommen zusammen, daher denn auch für Blatt XIV eine Revision der Höhenzahlen von Seiten des topographischen Bureaus in Aussicht genommen wird.

Auf die einzelnen Punkte übergehend, ist in Betreff des Stockgron zu bemerken, *dass, wie längst bekannt, der Stecher der Karte zwei Zahlen, nämlich 3478 nördlich vom Tödi und 3418 südlich desselben, verwechselte. Für den Sandgipfel gilt 3478, für Stockgron 3418, und es ist diese durch drei gute Beobachtungen festgesetzte Zahl auf dem Correcturblatt des topographischen Bureaus eingetragen. Der gleiche Druckfehler hat sich auf unserer Excursionskarte wiederholt und ist demnach zu verbessern.

Bei diesem Anlass begründet der verehrte Chef des topographischen Bureaus das Festhalten an der für den Atlas gewählten Benennung dieser Höhe mit Piz Rusein und nicht Stockgron, welchen Namen der Club adoptirt hat. Da nämlich der höchste Berg im Rusein-Thal von den Bündnern Piz Rusein genannt, der Tödi-Gipfel vom Thal aus aber nicht gesehen werde und auch die denselben deckenden westlichen Felsen dem Auge vom Rusein-Thal aus unter einem kleineren Winkel, also niedriger als 3418, erscheinen, so dürfe man den von den Bewohnern des Thales gebrauchten Namen nicht auf den Tödi-Gipfel beziehen.

So logisch diese Auffassung ist, so könnte doch dagegen geltend gemacht werden, dass der Name des Thales nicht auf einen Seitengipfel, sondern auf die höchste, im Hintergrunde desselben emporragende Spitze passe, welche, wenn auch nicht vom Thalgrund aus, doch von umliegenden Höhen erblickt wird und als die eigentlich dominirende auffallen muss. Ob jetzt, nachdem alle Reisebeschreibungen und mehrere verbreitete Karten den Namen Stockgron für 3418, ob mit Recht oder Unrecht angenommen, eine abermalige Umtaufe rathsam sei, möchten wir bezweifeln und würden, soviel uns zusteht, den Namen Piz Rusein für die höchste Tödi-Kuppe zum Unterschied vom Glarner Tödi beizubehalten empfehlen.

Es lehrt aber dieser fatale Widerspruch, wie vorsichtig man bei neuen Benennungen zu Werke gehen sollte und dass solche nicht einseitig, sondern nur nach gründlicher Berathung mit Männern vom Fach und namentlich in Uebereinstimmung mit dem topographischen Bureau gewählt werden sollten.

Für die Höhe des Bifertenstocks resultirt, aus acht verschiedenen Standpunkten gemessen, ein Mittel von 3431 M., und zwar ausgehend von den Höhenzahlen der eidgenössischen Triangulation Graubünden's. In der ersten Ausgabe der Blätter Dufour's stand 3285, welche Zahl sich aber nicht auf den höchsten, sondern auf einen anderen Punkt der Triangulation bezieht, und merkwürdiger Weise wurde die Gipfelhöhe auf der Karte nicht notirt. Die Angabe von 3426

der eidgenössischen Karte endlich scheint auf weniger bestimmten Belegen zu beruhen.

Zur leichteren Orientirung diene ferner für den Piz Tumbif die Angabe, dass der höchste Gipfelpunkt sich nach der Aufnahme und nach der eidgenössischen Karte unter der Null der Zahl 3250 befindet und nicht links davon. In den ersten Ausgaben war diese Zahl nicht angegeben. Die Richtung von 3217 nach 3250 ist eine genau westliche, von hier zu 3196, einer Schneekuppe, hingegen eine nordwestliche. Ausser diesen drei Hauptgipfeln der Tumbifkette erheben sich nach Hauser's Bericht etwas mehr nordwestlich noch zwei niedrigere Gipfel ohne Namen und ohne Höhenangaben.

Die von Hrn. Hauser eingesandten Gesteins-Exemplare geben zu einigen Bemerkungen Anlass.

Vom Brigelser Horn, 3060 M., liegt ein dolomitischer Kalkstein vor, äusserlich gelb bestaubt, innerlich zart bläulich, welcher mit dem in der Geologie der Schweiz von B. Studer, Vol. I, pag. 316, beschriebenen identisch zu sein scheint. Es heisst an dieser Stelle, man könne jene Kalkmassen von Auge bis in die höhere Masse des Brigelser Horns verfolgen und es würde nun diese Grenze geradezu bis auf die Spitze von 3060 zu verlegen sein.

Der Gipfel 3217 M. dagegen besteht aus einem röthlichen in 's Violette spielenden Verrucano, welcher auffallende Aehnlichkeit hat mit dem von uns auf Piz Meilen getroffenen Gestein, während auf dem höchsten Punkte, 3250 M., glimmeriger Talkschiefer auftritt.

Der Gipfel des Stockgron ist vertreten durch ein Stück hellgrauen Kalkschiefers, welcher mit dem auf Tödi-Rusein auftretenden übereinzustimmen scheint.

Für genauere Einsicht in die geologischen Verhältnisse dieser Gegenden verweisen wir neben oben citirten! Werke Fininger.

auf den nachstehenden Aufsatz von Hrn. Prof. Theobald. Die ganze Südseite des Tödi soll übrigens in diesem Jahre einer gründlichen geologischen Untersuchung unterworfen werden, und wir dürfen wohl binnen Kurzem neue interessante Aufschlüsse von unserem gelehrten Forscher zu gewärtigen haben.

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