Uhu und Steinadler

Wo Menschen hinkommen, leidet die Natur. Sie wird erbarmungslos verdorben, verschmutzt, mit Lärm gemartert, vergewaltigt und abgetötet. Leider.

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Uhu und Steinadler, der König der Nacht und der König aller Vögel, längstens vom Menschen unerbittlich verfolgt, sind bei uns nur noch in spärlichen Resten vorhanden. Sie werden bald nur noch sagenhafte Vögel sein in Zöogehegen, in Büchern, im Film und in Museen. Der Uhu ist noch mehr in Gefahr als der Steinadler. Eine tragische Entwicklung!

Möge es durch sinnvolle Anstrengungen des Naturschutzes gelingen, beide Arten doch noch irgendwie zu erhalten, zu retten vor der geheimen Verfolgungsjagd, nur weil sie dem Jäger etwa ein Wild vor der Flinte wegschnappen. Dank gebührt allen Ornithologen, die versuchen, Uhus aufzuziehen, um sie dann in Freiheit zu setzen. Erste kleine Erfolge im Tösstal und am Albis ermutigen.

Auch das Gebirge, beliebter Aufenthalt von Uhu und Steinadler, selbst seine entlegensten, stillsten Täler werden morgen oder übermorgen voller Lärm und Unruhe sein durch massenhaft einströmende Menschen, durch militärische Schiessübungen, Überschallknalle, Fluglinien-brummen bei Tag und Nacht, durch Seilbahnen, Autos, Helikopter, im Sommer wie im Winter, durch Lärm und Betrieb, den diese sehr scheuen Vögel fliehen. Wie lange wird ihre beglückende Lebensfreude, ihre ungestörte Aufzucht von Jungvögeln noch dauern? Kaum mehr lange.

Unbegreiflich! Schon seit undenklicher Zeit führt der Mensch Krieg gegen das Tier; er rottet es auf unsinnige Art und Weise aus. Das kommt vermutlich von der falschen Einteilung in nützliche und schädliche Tiere. Im weisen Haushalt der Natur gehört alles an seinen wohl zugemessenen Platz. Die Natur bleibt unteilbar; eines lebt vom andern, eines lebt durchs andere.

Der Uhu ist Weltbürger; er horstet überall, liebt aber vor allem bewaldete, felsig zerklüftete Gegenden des Mittel- und Hochgebirges. Hat er sich einmal und endlich niedergelassen, bleibt er seinem Revier sein ganzes Leben lang treu, zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre.

Die Eulen, unter ihnen vor allem der Uhu, sind köstliche und meisterhafte Grimassenschneider. Ein Uhu kann viele Gesichter aufsetzen, viele sich fortwährend ändernde Gesichter. Wechselnd rätselvolle Vexierbilder! Er schneidet Gesichter aus Gewohnheit, als Lebensausdruck, als Leidenschaft. Immer ist er gespannt und auf der Hut; nur wenn der Uhu eingenickt ist, hat er Frieden mit seiner Umwelt.

Er kann sich mürrisch, sehr oft gar griesgrämig geben, böse, mit fauchendem Schnabel, gnappend und angriffsbereit. Schliesslich aber und vor allem zeigt er sich überlegen, philosophisch abgeklärt: ein Grossvater mit der Brille auf der Nase. Es fehlt nur noch der Federkiel hinterm Ohr. Er mimt unerschütterliche Ruhe und Weltverachtung. Darum wohl gilt er als Sinnbild der Weisheit. So oder so, immer präsentiert er uns ein anziehend schönes Vogelge-sicht.

Der fast kugelrunde Kopf - vorn abgeflacht, als hätte man ihn mit dem Schnabel böswillig oder gewalttätig eingedrückt - ist überhöht mit Federohren. Federohren? Blosser Name. Diese lustigen Federbüschelchen haben mit den wirklichen übergrossen und ausgezeichneten Ohren des Uhus nichts zu tun. Kokette Garnitur.

Der Schnabel - er scheint aus Stahl von nächtlichem Grau - ist zahnlos. In Weichheit gebettet, ragt er kaum aus den Federn hervor und sieht recht harmlos aus. In Wirklichkeit ist er eine unvergleichliche Wildschere, die jede Beute spielend köpft, auftrennt, zerfleischt und schliesslich mit Haut und Haar und Federn verschlingt. Er kann damit, wenn gefährdet oder gereizt, « gnappen » und fauchen und sich gehörig Achtung verschaffen gegenüber jedem Feind.

Ein Uhugesicht prägen vor allem die wunderbaren Augen. Grosse Augen; viel grössere Augen sind 's als Menschenaugen. Herrliche Geschmeide! Zwei schwarz spiegelnde Topase, in leuchtend warmes Gold gefasst, mit einem hellen Daunenschleier ringsum. Sie sind freilich nicht geschaffen für strahlende Sonnentage, mehr aber für die geheimnisvoll durchwitterte Dunkelheit.

Eigenartige Augen, völlig unabhängig voneinander. Trifft eines die Helle, vielleicht gar ein Sonnenstrahl, zieht sich die Pupille auf Steckna-delkopfkleinheit zusammen; die andere Pupille, im Schatten, bleibt gross. Wie phantastisch wäre es zu schreiben: Der Uhu rollt furchterregend seine grossen Augen und schleudert Blitze. Das kann er nicht; beides nicht.

Seine Augen schauen geradeaus, immer geradeaus. Sie sind in ihren Grübchen festgewachsen und stecken unbeweglich im Kopf. Wissenschafter — vermutlich Augenärzte - stellten fest, der Uhu müsse farbenblind sein. In seinen Augen sind fast nur Sehstäbchen zu finden; Stäbchen massenhaft, die wohl Gestalt, aber keine Farbe wahrnehmen können. Farbzäpfchen hingegen sind nur äusserst bescheiden vorhanden. Somit muss dem Uhu die Welt grau in grau erscheinen. Augen der Nacht!

Der Uhukopf, gefasst in einen kostbaren und sehr schmeichelnden Federkragen, kann sich mühelos nach allen Seiten drehen. Er sitzt auf einem Kugelgelenk, das ihm eine ungewöhnliche Drehfähigkeit gibt. Er kann seinen Kopf fast rundum drehen. Und das muss dieser Nachtvogel können!

Diese dunkelgeflammten grossen Eulen sind dicht und weich befiedert. Dem Uhu hat die sagenhaft und immer rätselvoll bleibende Schöpfung ein Wunder an Gefieder geschenkt. Die Jungen erhalten für die ersten Lebenstage ein rahmighelles oder silbergraues, leicht ins Violette spielendes, warmes Daunenkleid. Sie ertrinken geradezu in üppigster und weichster Federwolle. Dann spriesst als zweites, ein ebenso schützendes, sorglich hüllendes Jugendgefieder und schliesslich das Grossgefieder des ausgewachsenen Uhus. Ein Traum von einem Federkleid!

Greift einem Uhu unter die Flügel, sofern er 's geschehen lässt und sich nicht brüsk wehrt, gar die Krallen wetzt und kratzt! Daunen, Daunen, weichste Daunen! Seine elegant geschwungenen Flügelfedern sind in Gestalt und Färbung wahre Kunstwerke. Am Rande sind sie feinst gezähnt; das gibt dem Nachtvogel den lautlosen Flug. Über Rücken und Flügel schimmert ein feiner Glanz, durchwoben von ineinanderflies-senden Pinselzügen. Feinste chinesische oder japanische Aquarelle auf Seide!

Die lustigen Federohren sind, wie erwähnt, nichts anderes als ein imponierender Schmuck; sie machen alle inneren Regungen des Vogels mit. Geben wir zu: im Sonnenlicht gesehen — das er zwar nicht unbedingt liebt -, ist der Uhu ein Prachtsvogel, in seinen reichen, wunderbar abgestimmten Farben eine wahre Augenweide!

Der Uhu, die Eule überhaupt, hat ein ausgezeichnetes Gehör. Er ist fast eher ein Ohren- als Augentier. Die Ohrmuscheln sind ungewöhnlich gross und nur leicht mit Federn überdeckt.

Svend Fleuron schreibt über das Gehör: « Oben auf dem Kopf, rings um die Gehöröffnungen, die ungeheuer sind im Verhältnis zu denen anderer Vögel, sind die Federn sinnvoll angeordnet, so dass sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die Schallwellen anschlagen können.

Das Gehör der grossen Eule ist so fein, dass sie vernehmen kann, wie die Maus kaut und das Gras trinkt; ja selbst jedes Rascheln, jeden Flügelschlag der Nachtmotten hört sie! » Es bleibt durchaus nicht schwierig, den Uhu als einen nicht übermässig grossen Schädling zu verteidigen. Auf seinem Speisezettel stehen weitaus an erster Stelle die Mäuse, viele Mäuse. Er ist ein gewiegter Mäusejäger und Mäusever-tilger. Sie sind sein alltägliches Brot.

Anhand von Überresten und Gewöllen in zwei Horsten im Wallis - auf 2000 Meter und 650 Meter Höhe - wurden im Laufe von Jahren folgende Beutetiere festgestellt: 20 Schneehasen, 17 Schneehühner, 9 Feldhasen, 3 Kaninchen, 2 Murmelkätzchen, 5 Füchse, 2 Jungfüchse, 1 Hermelin, 1 Marder, 12 Wiesel, 3 Schlangen, 65 Frösche, 29 Igel, meistens junge, 9 Wald-käuze, dazu Siebenschläfer, Maulwürfe, Krähen, Eichelhäher, Dohlen und Enten. Weiter fängt und verschlingt der Uhu allerart Insekten: Libellen, Zikaden, Skorpione und Käfer. Es liessen sich keine Funde feststellen von Rebhühnern, Fasanen oder gar Auerwild.

Der Uhu lebt als ein ganz und gar verschwommenes Wesen in der Phantasie der Menschen, als ein ungewöhnlich gefährlicher Nachtmahr, dem niemand zu nahe kommen möchte. Kaum ein anderer Vogel beschäftigte die Menschen seelisch so wie die Eule. Sie sehen im Uhu einen Unglücksbringer oder einen weisen Vogel. Er galt schon im Altertum, in Ägypten und Indien, als Totenvogel; ebenso im alten Rom.

Plinius berichtet: « Lässt sich eine Eule auf einem Haus nieder, so zeigt sie damit den bevorstehenden Tod eines seiner Bewohner an. Als einmal ein Uhu in einen Tempel auf dem Kapitol flog, musste die ganze Stadt gereinigt werden. Unter dem Konsulat von Marius flog ebenfalls ein Uhu in die Stadt ein. Das bedeutete Böses; darum wurden Sühneopfer veranstaltet. » In Sizilien nageln die Bauern gerne tote Eulen an Haus und Stall. Sie glauben, das werde die Gebäude vor Blitzschlag und Feuer schützen. Das Christentum deutete den lichtscheuen Vogel als ein Symbol für diejenigen, die das Licht scheuen, nämlich die Ungläubigen, die Weltverbesserer und Ketzer. Maximus von Turin schrieb: « Sie sind scharfsinnig im Unglauben, stumpfsinnig, und während sie im Schwung der Rede zu fliegen glauben, werden sie wie Eulen vom Glanz des wahren Lichts geblendet. » In andern Ländern wiederum, etwa in Griechenland, waren Uhu und Steinkauz die Vögel der Pallas Athene. Ihr Blitz zündete durch die Gewitterwolken wie das Auge der Eule. Auf allen Münzen waren Eulenbilder geprägt, und die Athener liebten und hegten die Eulen als göttliche Vögel. « Eulen nach Athen zu tragen », war demnach völlig überflüssig.

Auch die alten Peruaner verehrten die Eulen und beteten sie an wegen ihrer schönen, grossen und glänzenden Augen. Pontoppidan erzählte, dass zu seiner Zeit ( etwa 1755 ) die norwegischen Bauern es gerne sähen, wenn Uhus in ihren Gehöften lebten, nisteten und brüteten.

Und schliesslich glauben Menschen an die Eule als an einen sehr weisen und erfahrenen Vogel. Zugegeben, ihr oft rätselhaftes Gebaren lässt solche Auffassungen entstehen. Hübsch ist der englische Spruch über eine alte Eule; er fasst zusammen, was es an solchen Meinungen gibt:

A wise old owl lived in an oak; the more he saw the less he spoke; the less he spoke the more he heard; why can't we be like that old bird?

Der Stein- oder Goldadler ist jetzt noch bei uns heimisch. Welch schönes Erlebnis, ein Adlerpaar zur Zeit der Paarung bei seinen Flugspielen zu beobachten!

Die Adler kreisen unbehindert weit über Täler und Höhen, verfolgen einander, rufen, segeln hoch in den Himmel hinauf, lassen sich wie welke Blätter davonwirbeln, fangen sich mit breitgestrafften Schwingen wieder auf und spielen Fangmich. Sie necken sich, lassen sich immer wieder fallen, gewinnen im Gegenwind wieder spielend an Höhe, schlagen gar über- mutige Purzelbäume im Äther und fliegen sich nach Herzenslust aus.

Kreisende Adler gehören zur ewig unvergänglichen Schönheit unserer Alpen. Wunderbar, wie diese mächtigen Vögel sich in ihrer Bergfreiheit, in Sonnenglanz, Kühle und Himmelsweite tummeln! Könige der Lüfte!

Diese Flugakrobatik dauert off ganze Vormittage; unermüdlich spielen die zwei Adler hoch über Tälern und Gletschern. Ein Necken, ein sich Jagen, ein sich Suchen und Verfolgen. Erst gegen Mittag- beruhigen sich die Vögel. Dann gleiten sie noch eine Weile über dem Tal hin und her und beobachten. Das scharfe Adlerauge ist berühmt. Weniger ausgebildet ist das Gehör dieser Vögel.

Unvermittelt schiesst das Männchen gegen den Bergwald hinunter, als wollte es jagen. Es bäumt aber auf einer Arve auf, zwickt einen Zweig ab und gleitet damit gegen einen Horst in der gelben Wand hinunter, fällt ein und beflaggt mit dem Zweig das Adlernest.

Jedes Adlerpaar verfügt in seinem Tal gewöhnlich über mehrere Horste in Felswänden oder auf Bäumen. Baumhorste sind in gebirgigen Gegenden eher selten. Glückliche Vögel! Sie kennen keine Wohnungsnot; bald benützen sie den einen, bald den. andern Horst, je nach ihrer unerforschlichen Laune.

Vielleicht liegt ein Horst ungünstig und können ihn neugierige oder bösgesinnte Menschen - die gefährlichsten Feinde des Adlers - leicht erklettern, oder vielleicht ist er Sturm, Wetter und Sonne zu sehr ausgesetzt. Dann meiden ihn die sehr heiklen Vögel. Einen andern Horst lieben sie besonders und brüten da Jahr für Jahr. Warum? Wieso?

Fällt wohl dieses Jahr die Wahl wieder auf den Horst in der gelben Wand? Kann sein. Schon seit einiger Zeit hält sich das Adlerpaar Tag und Nacht in seiner Nähe auf und treibt da seine tollkühnen Flugspiele. Ein richtiges Adlernest! Es dürfte hundert oder gar mehr Jahre alt sein. Einige Adlergenerationen haben daran gebaut. Viele Vögel trugen Ast um Ast, Rute um Rute ein und legten dazwischen Grünzeug von Lärchen, Fichten, Arven und Tannen. Sie türmten alles kreuz und quer mehr als einen Meter hoch übereinander, scheinbar wahllos, aber doch sehr haltbar.

Sturm und Wetter vermochten diesem nach Südosten gerichteten Bau bis heute — vermutlich auch in aller Zukunft - nichts anzuhaben. Geschickt, breit und tief auf einer flachen Kanzel in eine Nische unter überhängenden Felsen gebaut, blieb dieser Horst seit eh und je gegen Regen, Hagel, Schnee und alle Stürme geschützt. Der Morgensonne hingegen steht er weit offen. Das Adlerpaar, das diesen Platz wählte, zuerst hier baute und den Grundrost zu diesem Nest legte, bewies einen ausgezeichneten Sinn für eine richtige und sichere Horstanlage.

Ein Horst darf nicht zu hoch gelegen sein, nicht über der Wald- und Baumgrenze; denn der Wald liefert den Vögeln die nötigen Prügel und Reiser zum Bau und ist gleichzeitig Jagdgebiet. Der Adler ist kein ausgesprochener Hoch-gebirgsvogel; er horstet überall, wo es Felsen, Wald und Alpweiden mit Nahrung gibt.

Gewöhnlich anfangs April legt die Adlerfrau ihre Eier. Sie messen etwa sechs auf acht Zentimeter und wiegen gut hundert Gramm, sind also ansehnlich gross. Sind sie aber für einen so mächtigen Vogel nicht doch erstaunlich klein? Da liegen sie hübsch nebeneinander im frisch hergerichteten, weichen Nest mitten im grünen Horstgarten. Eines vielleicht ist gelblich-weiss, eines schmutzig-grau.

Gewöhnlich legt das Weibchen im Laufe von vier oder fünf Tagen seine zwei Eier, in seltensten Fällen gar drei. Die nun folgende, ungewöhnlich lange Brutzeit von sechs Wochen verlangt vom Adlerpaar viel Geduld.

Mit einer Ausdauer ohnegleichen hegt und pflegt das Weibchen seine Eier. Das Männchen zeigt sich in dieser Zeit ungewöhnlich besorgt.

Es beschafft Nahrung, sitzt stundenlang neben seinem brütenden Weibchen und löst es gar im Brüten ab. Adler unter sich sind von vorbildlicher und anhänglicher Friedfertigkeit. Sie führen eine gute Ehe und bleiben ihr ganzes Leben lang zusammen.

Oft ist 's ein langes Leben; denn Adler können alt werden. Die Kaukasier richten noch heute den Adler zur Falknerei ab; vor allem zur Jagd auf Füchse und Wölfe. Solche in jahrelangem Bemühen gezähmte und abgerichtete Adler stehen hoch im Preis; auf den Märkten tauscht sie der Falkner gegen Vollblutpferde oder gegen zwei Kamele. Ein solcher Adler entwischte während der Jagd in die Freiheit und wurde 1845 in Frankreich abgeschossen. Er trug ein goldenes Halskettchen mit der Inschrift: « Der Kaukasus ist meine Heimat, Blitz mein Name, Badinsky mein Meister, 1750 ». Bis zu diesem gewaltsamen Tode hatte der Adler somit mindestens 95 Jahre gelebt. In Wien starb ein Adler im verbürgten Alter von 104 Jahren.

Die ausgeschlüpften Jungen zittern vor Kälte. Die Adlermutter deckt sie mit ihrem warmen Leib und mit den Flügeln. Die zarten Lebens-funken dürfen nicht verlöschen; denn plötzlich schlägt das Wetter, mitten im Mai, zum schlechten um. Es schneit erneut wie im tiefsten Winter. Ein bissig kalter Wind streicht am Horst vorbei. Welch winziges Wesen, ein eben aus dem Ei geschlüpfter Adler! Das Vögelchen lässt sich in seiner Kleinheit und seinem Federgewicht spielend auf der Hand halten. Es wiegt fast nichts und hat doch Leben, spürbar an seinem pochenden Herzen. Die noch zugekniffenen Augen öffnen sich nur kurz und mit viel Anstrengung; sie leuchten braun auf, über-glänzt von einem grünlichen Schimmer.

Die ungewöhnlich grossen und schweren Greifer mit starken Zehen tragen schon die Ansätze zu scharfen Krallen. Nur ein wenig die Hand schliessen, leicht zudrücken - und das kleine Raubvogelwesen wäre nicht mehr.

Jetzt aber ist es warm und voll jungen, zaghaften Lebens. Der horndunkle Schnabel scheint zu mächtig und schwer; das Vögelchen kann ihn mit seinen schwachen Kräften kaum tragen. Am besten ist 's wohl, ihn hinzulegen und nur dann aufzusperren, wenn die Mutter Futter gibt.

Geduld! Bei bester und nahrhaftester Fütterung wachsen Jungadler erstaunlich rasch. Nach kaum einer Woche schon verlieren sie ihren ersten Flaum, und sofort spriesst den Ad-lerkindern, Brüderchen und Schwesterchen, ein zweites, ebenfalls recht molliges Flaumkleidchen. Auch das ist reinweiss, aber etwas dichter.

Gross an diesen kleinen Vögelchen ist der Hunger. Sie piepen durchdringend und ausdauernd. Die Eltern aber verwöhnen sie nicht. Bei gutem und warmem Wetter lassen sie ihre Zöglinge schon in den ersten Wochen stundenlang allein.

Adler sind ausgezeichnete Jäger. Fast alle Lebewesen, denen ein erfahrener Adler auflauert, erwischt er. Ein Meister in allen Jagdar-ten! Begreiflich, wenn Naturfreunde geteilten Herzens, vor allem aber die geschädigten Jäger mit unserem totalen Adlerschutz nicht einverstanden sind. Seit aber unentwegte Verteidiger und Heger des Adlers durch jahrelange, gründliche und aufopfernde Forschung nachwiesen, dass Adler den Bergbauern und den sömmern-den Ziegen- und Schafherden herzlich wenig schaden, in den untersuchten Horsten sehr selten Überreste von Lämmern, Zicklein, Hunden und Katzen — geschweige von Kindern - zu finden sind, scheint die Einstellung der Bergbevölkerung und vorab der Sennen bedeutend besser und dem Adler gegenüber aufgeschlossener.

Dem Adler ist im freien Haushalt der Natur seine Aufgabe wohl zugewiesen. Er räumt mit manchem schwachen und kranken, mit manchem räudigen und blinden Tier auf und beseitigt auch Fallwild. Das Wild gehört schliesslich der Allgemeinheit, nicht nur den Jägern. Ihnen 1Uhu, König der Macht Photo Beringer & Pampaluchi, Zürich 2Junger Waldkauz, eine beliebte Jagdbeute des Uhus Photo M. Meerkämper, Davos Platz wird höchstens gestattet, bis zu einem bewilligten Grade in Feld, Wald und Gebirge weidgerecht zu jagen.

Adlerfamilien können ein Jahr oder noch länger beisammen bleiben. Es gibt junge Adler, die sich aus lauter Verwöhntheit das Jagen schwer aneignen und die monatelang noch regelrecht gefüttert sein wollen.

Andere Jungadler, kaum sind sie jagdtüchtig und können sich selbst ernähren, trennen sich nach zwei oder drei Monaten von den Eltern und fliegen eigene Wege, besonders dann, wenn Wandersehnsüchte in ihnen erwachen. Ein uraltes Adlererbe! Adler wanderten seit eh und je sehr weit. Das junge Adlermännchen scheint ein solcher Wanderer zu werden. Sehnsucht nach der Ferne, nach einer gänzlich unbekannten Ferne wächst in ihm. Adler wohnen in riesigen, fast unbegrenzten Gebieten.

Und so fliegt es los, ausgelassen vor Lebensfreude und jugendlichem Übermut. Ein Wunder an Leben, Kraft und Schönheit! Nahe beim Weissen Berg fliegt der Ausreisser nach Frankreich ein. Er weiss natürlich nicht, dass hier sein Leben gefährdet, dass sein Leben hier nicht geschützt ist und jeder Sonntagsjäger dem misslie-bigen Raubvogel nachstellen und ihn abschiessen darf. Und Jäger gibt 's mehr als genug.

Tag für Tag wiegt sich der Jungadler von Gipfel zu Gipfel; Tag für Tag fliegt er hoch über unbekannte Täler und Dörfer weg, über Flüsse und Strassen. Er sticht nur in die Tiefen, wenn ihn der Hunger zum Jagen treibt. Je mehr er südwärts fliegt, um so mehr lässt er die Hochalpen mit ihren saftigen Weiden, mit ihren weissen Hauben und Gletschern hinter sich. Die Berge werden kahl mit ausgewaschenen Talhängen, wenig grünen Alpweiden und noch weniger Wald. Die Berge scheinen hier müde und abgehärmt in ihrem schmucklosen Kleid.

Sohn der Sonne! König aller Tagvögel! Blau, blau, ewig blau ist hier im Süden der Himmel. Ein kühler Gegenwind trägt ihn federleicht hoch durch den Äther. Aber der Hunger ist ein sehr lästiger Reisebegleiter. Unablässig sucht der wandernde Jungadler nach Nahrung. Endlich entdeckt er einen einsamen, mitten in Alpwiesen gelegenen Bauernhof. Ringsum weiden Tiere, grosse und kleine. Hier holt er sich einige Hühner und wird in Südfrankreich von einem Bauern abgeschossen.

« Zugegeben, ein schöner und stolzer Vogel », meint der Bauer, als er ihn an einem Flügel aufhebt, « aber leider ein entsetzlicher Schädling, den wir nicht dulden. Zwei Meter Flügelspannweite! Allerhand! Scheint noch jung, nach den weissen Spiegeln im Gefieder zu schliessen ». Der Jäger entdeckt einen Ring unter den Federhosen an einem Ständer, öffnet ihn und liest die Herkunft des Adlers ab: Helvetia - Schweiz.

« Der Bursche ist weit gewandert. Geboren im Mai; erst knapp ein halbes Jahr alt. Wäre für ihn besser gewesen, in der Heimat zu bleiben. Hätte dort alt werden können. » Der Bauer schickt den Ring, wie dringlich gewünscht wird, mit einigen Worten über den Abschuss an die Vogelwarte Sempach zurück. Dort wird der registrierte Adler mit Bedauern abgeschrieben. Hunderte von Kilometern hat er auf seiner Wanderung zurückgelegt; hunderte von Kilometern, um den Tod zu finden. Der Bauer lässt den Adler ausstopfen und stellt ihn stolz als dekorative Jagdbeute in seine Stube.

Adler sind sehr angriffig und fürchten selbst Flugzeuge nicht. Hier nur zwei Berichte aus der jüngsten Zeit. Ein AN-2-Verkehrsflugzeug flog auf seiner üblichen Route Aksu-Ajuly-Karagan-da, als über der öden Steppe ein grosser Adler mit zwei Meter breiten Schwingen einen Frontalangriff gegen die Maschine startete. Die Piloten blieben geistesgegenwärtig. Sie rissen das Flugzeug zur Seite, um dem Vogel auszuweichen. Der Adler verfolgte aber verbissen die AN-2 und versuchte, sie immer wieder zu rammen. Jedesmal verstanden es die Piloten, dem Zusammenstoss auszuweichen.

Als bis zu der Landepiste kaum mehr als zehn Meter blieben, setzte der Raubvogel zur letzten Attacke an. Er griff seitwärts an und schlug gegen eine Tragfläche. Das Flugzeug schwankte heftig, landete aber unversehrt. Alle Besatzungsmitglieder und Passagiere waren wohlauf. Nur an der rechten Tragfläche war eine Einbeulung. Die Passagiere mussten umsteigen, da das Flugzeug repariert werden musste. Der Adler aber stieg gegen den Himmel und verschwand. ( «Sowjetunion heute.» )

Bei einem Rettungseinsatz wurde ein Helikopter der Air Zermatt von einem grossen Adler angegriffen. Nur knapp gelang es dem Piloten, dem schweren Tier auszuweichen. Ein Zusammenstoss hätte verheerende Folgen haben können. Der aufregende Zwischenfall spielte sich auf dem Flug ins Spital Visp zwischen Grächen und Stalden ab, nachdem der Helikopter einen jungen Zürcher geborgen hatte, der in eine Gletscherspalte auf dem Monte-Rosa-Gletscher gestürzt war. Der Pilot sah plötzlich, wie der grosse Vogel auf ihn zusteuerte. Er wollte offensichtlich angreifen. Trotz aller Aufregung gelang es dem Piloten, mit einem raschen Manöver auszuweichen. Wäre der Adler in den Heckrotor geraten, wäre die Maschine ziemlich sicher abgestürzt. Ein ähnlicher Fall hat sich bei einem Einsatz der Rettungsflugwacht schon einmalzugetragen.

Über den dem Adler nachgesagten Kinderraub hat sich bereits Max Oechslin im Monatsbulletin des SAC vom August 1963 sehr deutlich ausgesprochen, und Carl Stemmler nimmt dazu wie folgt Stellung: «Nein, auch ich glaube den Berichten nicht, die kürzlich von unseren Zeitungen veröffentlicht wurden. Danach soll in Italien ein vierjähriger Bub von einem Adler gefasst und in den Adlerhorst getragen worden sein. Nach 36 Stunden habe man den völlig erschöpften Knaben dort aufgefunden. Die Geschichte vom Adler, der Kinder raubt, ist keineswegs neu. Sie wird von eifrigen Sensationsjournalisten immer wieder aufgetischt, obschon es längst wissenschaftlich erwiesen ist, dass Adler keine Kinder angreifen und forttragen.

Vor einiger Zeit ging eine Meldung durch die Sensationspresse, in welcher folgendes berichtet wurde: Im Wallis, wo man ein Kind vermisste, habe ein Bergführer in einem Adlerhorst Knochen gefunden und diese der Universität Genf eingeschickt. Dort habe man den Fund einwandfrei als Menschenknochen identifiziert. Soweit die Berichte. Als man der Sache nachging, stellte sich heraus, dass alles erfunden war. Es stimmte lediglich, dass ein Bergführer Knochen aus einem Adlerhorst an die Genfer Universität gesandt hatte, die dort jedoch als Hundeknochen bestimmt wurden.

Ein Adler ist nämlich gar nicht imstande, ein Kind zu tragen; das ergaben exakte Messungen eines Basler Ingenieurs, der mit einem speziell dafür konstruierten Apparat die Tragfähigkeit von Vogelflügeln erprobte. Dabei stellte er fest, dass die Federn des Adlerflügels bei einer Belastung von über zehn Kilogramm brechen. Da nun ein Adler selber etwa fünf Kilo wiegt, könnte er allerhöchstens knapp fünf Kilo tragen.

Nun ist es ihm aber ganz und gar unmöglich, mit einer solchen Last Höhe zu gewinnen und zum Horste zu gelangen. Der vierjährige Italienerbub, den der Adler fortgetragen haben soll, wog bestimmt mehr als fünf Kilo. Ein amerikanischer Forscher überprüfte die Messergebnisse des Basler Ingenieurs in der Praxis. Er hängte einem zahmen Steinadler Gewichte an die Füsse und liess ihn alsdann von einem hohen Turme wegfliegen. Das Ergebnis war eindeutig: Schon bei einer Belastung mit vier Kilogramm musste der Vogel nach kurzer Zeit niedergehen. Halten wir also fest: Adler greifen keine Kinder an und können diese auch nicht forttragen.» («Beobachter», 15.8.67)

Der Adler - König der Vögel und Vogel der Könige und Götter — erregte seit jeher die Bewunderung des Menschen. Seine beneidenswerten Eigenschaften sollen den Menschen gegen böse Dämonen schützen. Er war zudem immer Sinnbild des Adels und der Wehrhaftigkeit.

Sowohl die Völker der Antike wie auch die Germanen glaubten an den Adler als an einen glückbringenden Orakelvogel. Im Mittelalter bezeichnete er die günstigsten und gottgewollten Stellen zum Bau von Kirchen und Burgen. Das Christentum übernahm die orientalische Symbolik für Sieg und Triumph seiner aufstrebenden Kirche. Ebenso wurde der Adler im Kampfe mit der Schlange übernommen und überall und oft dargestellt.

Adlerfedern gehörten zum Federschmuck der nordamerikanischen Indianerstämme; sie galten als Zeichen der Unerschrockenheit und Tapferkeit. Mit Karl dem Grossen, etwa ums Jahr 800, kam der Adler als Symbol nach Deutschland für Wappen, Szepter, Siegel und Münzen, zuerst golden, später schwarz auf Goldgrund. Auch Reichsfürsten und Beamte führten ihn in ihren Wappen.

Lübeck zeigte schon im 14. Jahrhundert einen Doppeladler im Stadtwappen. Den Doppeladler kannten bereits die Hethiter. Er wurde später zuerst von den Russen als goldener Doppeladler auf rotem Grund dargestellt. Eine stichhaltige Erklärung für die Entstehung des Doppeladlers wurde noch nicht gefunden. Eine Überlieferung sagenhafter Art deutet dies folgendermassen: « Als Zeus zwei Adler in entgegengesetzter Richtung die Welt umfliegen liess, trafen sie sich wieder in Delphi, nach griechischer Vorstellung in der Mitte der Erde, und sassen auf beiden Seiten des Omphalos auf dem Nabel der Welt. » Neben dem Reichswappen für Deutschland wurde er auch Reichswappen für Österreich sowie kaiserlicher gekrönter Doppeladler. Es gibt den deutschen Reichsadler, den österreichischen kaiserlichen Adler, den preussischen Adler, den Adler der Stadt Lübeck, alle immer ein wenig verschieden in Form, Ausführung und Farbe. Auch viele andere Städte und Gebiete, z.B. Tirol, kennen den Doppeladler.

Napoleon liess sich 1804 vom Künstler Antoine-Denis Chaudet einen kaiserlichen Adler entwerfen; nach diesem Entwurf wurden dann die Adler für Krone und Heer geschaffen. Und das Emblem der Vereinigten Staaten ist der Weisskopfadler.

Adler! König der Vögel und Vogel der Könige!

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