Unermüdliche Maultierdamen | Schweizer Alpen-Club SAC

Unermüdliche Maultierdamen Luciano Ellena, Säumer und Maultierhalter

In den italienischen Seealpen versorgt der Säumer Luciano Ellena mehrere Hütten mit seinen Maultierdamen. Die klugen und starken Tiere erledigen ihre Arbeit sogar, ohne zu schwitzen.

In der herbstlichen Nachmittagssonne lehnt sich Luciano Ellena zurück und geniesst den Blick auf die Nordostwand des Monte Argentera, des höchsten Bergs der Seealpen. Sein Kopf schmiegt sich an Kettys Wange. Ihr riesiger Schädel ruht sanft auf seiner Schulter. Seine Hand krault dabei den Haarschopf zwischen den langen Ohren. «Ben fatto, ragazza!», sagt er zum Maultier und schiebt ihm ein Stück Apfel aus seinem Fruchtsalat zwischen die weichen Lippen.

Dieses «Dolce» ist der fruchtige Abschluss eines fünfgängigen Menüs. Luciano sitzt mit seiner Freundin aber nicht in einem Gault-Millau-Restaurant, sondern auf der Terrasse des Rifugio Morelli Buzzi, einer Schutzhütte des Club Alpino Italiano (CAI) auf 2344 Metern über Meer, und geniesst die gute Küche Piemonts. Ketty zieht sich wieder zu ihren Arbeitskolleginnen Dea und Kira neben der Hütte zurück. Die Maultierdame ist ein kräftiges Kaltblut und unter den fünf Artgenossinnen die stärkste in Lucianos Team, das an einem bemerkenswerten Hüttenversorgungsprojekt teilnimmt.

«Eine Welt hat sich aufgetan»

Marco Giraudo und sein Bruder Paolo sind die Pächter der Morelli-Buzzi-Hütte. 2019 haben sie Luciano gefragt, ob er nach der Erstbelieferung durch den Helikopter einmal wöchentlich mit seinen Mulis frische Lebensmittel zur Hütte bringen könne. Sie wollten die Versorgungsflüge reduzieren und damit einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Luciano Ellena, der schon in den Jahren davor gelegentlich Schutzhütten der Seealpen, der Cottischen Alpen und im Aostatal mit seinen Mulis versorgt hatte, war sofort dabei. «Das Schöne ist, dass die Maultiere 1000 und mehr Höhenmeter gehen und dabei kein bisschen schwitzen», sagt er. Später schrieb der Seealpen-Naturpark einen Wettbewerb nach dem Motto «Das Klima ändert sich, ändern wir uns doch auch!» aus. Das Hüttenversorgungsprojekt mit Luciano Ellena gewann ihn. Eine Bedingung war, mit der Gewinnsumme einen Dokumentarfilm zu drehen. So entstand das Werk A Dorso di Mulo der Filmemacherin Elena Gagliano.

Luciano Ellena führt im Gesso-Tal einen Demeterhof und erzählt im Film, wie alles begonnen hat: «Ich hatte diese Idee immer im Kopf: Ich wollte etwas tun, was mich mit den Tieren verbindet.» Eines Tages kaufte er drei Esel. «So hat sich mir eine Welt aufgetan.» Ein Maultier entsteht aus der Paarung eines Eselhengsts mit einer Pferdestute. «Für die Berge ist das Maultier geeignet. Es ist klug und stark. Es arbeitet 40 Jahre und isst während der Arbeit», so Luciano.

Der Naturpark finanzierte das Projekt der Tragtierbelieferung im letzten Sommer. Sieben Hütte machten mit. Unter den erschwerten Bedingungen der Coronamassnahmen erwies sich die Tragtierversorgung als besonders geeignet, da sie flexibler ist. Mit nur noch der Hälfte der Fördergelder ging das Projekt diesen Sommer weiter. Dank Idealisten wie Luciano Ellena.

Bis im nächsten Jahr!

Am Ende seiner Pause geniesst Luciano noch einen Espresso. Der Hüttenwart Paolo Giraudo bringt Säcke mit dem Abfall und legt sie in die Tragekörbe. «Ciao, al prossimo anno!» Ketty, Kira und Dea haben Energie getankt, heben ihre Köpfe aus den Bergkräutern und folgen Luciano Ellena langsam talwärts. Sie kennen ihren Weg und brauchen keinen Führstrick. «Al prossimo anno!» Ja, im nächsten Jahr wird er wieder seiner Passion nachkommen.

Dem SAC liegen aktuelle Umweltthemen am Herzen. Bereits 2019 hat er beschlossen, die Gletscher-Initiative zu unterstützen, die zum Ziel hat, dass die Schweiz bis 2050 netto null Treibhausgase mehr ausstösst. Einige von uns tragen bereits dazu bei, sei es in ihrer Freizeit oder beruflich. Ihnen ist diese Serie gewidmet.

Der Umwelt zuliebe

Bei abgelegenen Hütten wird fast die Hälfte des CO2-Ausstosses des gesamten Hüttenbetriebs durch die Hüttenbelieferung per Helikopter verursacht. Pro eingesparte Flugstunde lassen sich rund 700 Kilogramm CO2 einsparen.

Tragefester in der Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es Alternativen zu den umweltbelastenden Transportflügen mit Helikoptern. Dabei können Sektionsmitglieder und andere Hüttengäste freiwillig einen Beitrag leisten. Drei Beispiele:

→ Die «Hötteträgete» des SAC Toggenburg hat eine lange Tradition. Seit 1971 tragen die Mitglieder am letzten Samstag im Juni bis zu sieben Tonnen Material auf die Zwinglipasshütte.

→ Erstmals in diesem Herbst führt der SAC Blümlisalp einen Hüttentrageevent durch. Mitglieder sollen so viel Material in die Blüemlisalphütte SAC tragen, dass ein Helikopterflug eingespart werden kann.

→ Mit dem gleichen Ziel (700 Kilogramm) führte der Akademische Alpenclub Bern im Juli ein Tragefest in der Bietschhornhütte durch. Mit der Aktion wurde das Projekt TragBar lanciert.

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