UNO-Jahr der Berge 2002. Schweiz und Nepal – Entwicklungszusammenarbeit

SCHWEIZ UND NEPAL –

ENTWICKLUNGS ZUS

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ihren Grenzen verschiedene Sprachen und kulturelle Strömungen vereinen. Touristisch verfügen sie über ähn-licheVoraussetzungen: landschaftliche Schönheit und erhabene Bergkulissen, die Alpinisten und Wanderer anlocken, und ein beeindruckendes Kulturerbe. Und erstaunlicherweise ist die Bevölkerungsdichte in beiden Ländern fast identisch.

Die Unterschiede

Nepal befindet sich im hinduistischen Kulturraum. Seine Bevölkerung besteht in der Mehrheit aus Angehörigen der höchsten Hindukasten, deren Verhaltensmuster sehr stark von einer viertausend Jahre alten vedisch-hinduis-tischen Tradition geprägt wird. An der Nordgrenze leben buddhistische Minderheiten, tibetischstämmige Bauern und Halbnomaden. Das Volk besteht aus fröhlichen, im-provisationsfreudigen Individualisten, die gewohnt sind, von einer starken – meist von einer einzigen Familie beherrschten – Zentralmacht zusammengehalten zu werden. Das Königreich ist keine Willensnation in unserem Sinn. Ein Nationalgefühl existiert in Nepal nur bei der Verehrung des Königs und in der Igelstellung gegenüber dem mächtigen Nachbarn Indien.

Die neuen Hängebrücken haben teilweise eindrückliche Spannweiten ( Shyange, Marsyangdi ). Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit bildet der Bau von Infrastrukturanlagen, insbesondere von Brücken, einen der Schwerpunkte. Zugleich symbolisiert die Hängebrücke auch den Spannungsbogen Schweiz–Nepal.

Fo to :B er nh ar d Ru dolf Ba nz ha f

S ZUSAMMENARBEIT

Nepal befindet sich auf demselben Breitengrad wie Florida oder die Kanarischen Inseln. Das durch den Himalaya gemässigte Subtropenklima bringt in den Sommermonaten den Monsun. In den Monaten Juli und August allein fallen etwa 80% der Jahresniederschläge. In den meisten Gebieten kann zwei oder sogar drei Mal im Jahr geerntet werden. Die Subsistenzwirtschaft ist die Regel, d.h., die Bauern produzieren jene Produkte, die sie selbst benötigen, Überschüsse gehen auf die Märkte, wo noch getauscht wird. Auch heute können noch 90% der Nepali als Landwirte bezeichnet werden, die mit äusserst archaischen Methoden ihre Terrassenfelder bewirtschaften. Reis, Weizen, Mais, Hirse und Gemüse bilden die Hauptsaaten. Der Anbau geschieht im Hügelland auf biologischer Basis. Die Wald- und Siedlungsgrenze liegt zwischen 4000 und 4500 Metern Höhe. In diesen Höhenzonen werden noch Kartoffeln und Gerste angebaut,. " " .Yaks, Pferde, Ziegen und Schafe gezüchtet und auf Weiden getrieben, die bis zur Vegetationsgrenze auf etwa 5500 Meter reichen können. Die klimatischen Stufen in Nepal zeigen die Extreme dieser Welt: vom tropischen Sumpf bis zur arktischen Eiswüste. Und überall wohnen Menschen.. " " .Wildnisgebiete gibt es im Hindu-Königreich eigentlich keine. Selbst die zahlreichen Nationalparks sind bewohnt. Nepal verdoppelt derzeit seine Bevölkerung alle 30 Jahre. Gut zwei Drittel der heute 23 Millionen Nepali sind Analphabeten. Das Wissen in der breiten Bevölkerung über die absolut fundamentalen täglichen Bedürfnisse hinaus ist verschwindend gering. Enorme Defizite bestehen zudem bei den Pro-blemkreisenAbholzung und Erosion,. " " .Trinkwasser,. " " .Trans-port und Kommunikation, landwirtschaftliche Erträge, medizinische Versorgung und Verwaltungstechnik. Als weiterer negativer Punkt muss die verbreitete Korruption genannt werden.

Stetiger Fortschritt

Vor 200 Jahren haben die Schweizer ähnlich einfach, ja ärmlich gelebt wie heute die Nepali. Die Entwicklung vom Bauernstaat über die Industrialisierung zur Dienst-leistungsgesellschaft, vom Feudalismus über das Man-chestertum 1 zur ökologischen und sozialen Marktwirtschaft hat unser Land wirtschaftlich weltweit in die vordersten Ränge gebracht. Voraussetzungen für den stetigen Fortschritt waren und sind ein solides Bildungssys-tem, Entdeckerlust und Forscherdrang, ein ausgeprägtes Vorsorge- und Sicherheitsdenken – bedingt durch die klimatische Unbill unproduktiver, langer und harter Winterund die tief verankerten christlich-calvinisti-schen Grundwerte. Die Schweiz nutzte die Errungenschaften der Aufklärung, grenzte an dynamische Staats-

1 Richtung des extremen wirtschaftspolitischen Liberalismus mit der Forderung nach völliger Freiheit der Wirtschaft Fo to s:

Be rnh ar d Ru dolf Ba nz ha f Heimindustrie: Sie steht am Anfang einer Industrialisierung ( Bhaktapur ).

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gebilde, profitierte kontinuierlich vom westlichen Wissen und den technischen Entwicklungen, die zunächst in homöopathischen Dosen in das Land getragen wurden, einen wirtschaftlichen Aufschwung und zunehmend Ei-genentwicklungen auslösten. Die Schweiz von heute ist das Produkt von Lernfähigkeit und Kreativität, Glück und Tüchtigkeit – in einem Zeitraum von 200 Jahren.

Entwicklungshilfe – eine Illusion?

Nepal blieb auf Grund seiner selbst gewählten Isolation in feudalen, mittelalterlichen Strukturen verhaftet. Es erbte auch nie Infrastrukturen und Lösungskonzepte einer Ko-lonialmacht. Im Gegenteil: Vor bald 50 Jahren zogen die ersten Entwicklungshelfer auf Gesuch der dortigen Regierung in den Himalaya, um – teilweise mit einem mis-sionarischen Sendungsbewusstsein – den « armen Menschen » zu helfen. Mit dem Selbstbewusstsein des « Wissenden » übernahmen viele Entwicklungshelfer oft Verantwortung, die ihnen nicht zustand. Menschen und Re-gierungsmitglieder, die eigentlich selbst hätten Verantwortung übernehmen müssen, wurden teilweise bevor-

Eigene Initiative: Die Wege einiger Ortschaften im Buri Gandaki sind dank lokaler Initiativen mit schönen Steinplatten gedeckt ( Salleri ).

Entwicklung? Ein Spielzeug-fahrrad ( Tintale, Bhojpur ) Ein Schneider und seine Frau hinter ihrer alten Nähmaschine. Elektrizität ist noch ein Fremdwort ( Jiri ).

Der Entwicklungsunterschied zwischen Stadt und Land ist teilweise beträchtlich. Niyma Lhamu telefoniert ( Kathmandu ).

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mundet. Grossprojekte wurden ins Auge gefasst, oft völlig an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeplant. 2

Die Schweizer Entwicklungshilfe konzentrierte sich auf an lokalen Bedürfnissen orientierte Projekte: Käsereien und Milchwirtschaft, Hängebrücken, Hilfe für tibetische Flüchtlinge, mechanische Werkstätten, Parasitenbe-kämpfung. Später wuchs die Erkenntnis, dass ganze Regionen mit Mehrzweckprojekten entwickelt werden können. Ein Modellfall sind die Bemühungen in Jiri, wo mehrere Aktivitäten verknüpft wurden: Hebung des Milchertrages durch Futterbau, Eindämmung der Übernutzung der Wälder, Aufforstung, Entwässerung des Talbodens, landwirtschaftliche Versuchsstation, Kurse für Bauern, Kampf gegen die Erosion, Schule, Kleinspital, Zimmerei, Schmiede, Flugfeld, Strasse usw. Diese Projekte waren das Produkt staatlicher Zusammenarbeit: Die Eidgenossenschaft als « Urbild » für Basisdemokratie half dem Königreich Nepal.

2 Einige Erkenntnisse der folgenden Abschnitte verdanke ich Anna Guntli, Jenins, die zehn Jahre lang in Entwicklungsprojekten in Nepal tätig war.

Diversifizierung und Privatisierung

Der Nachteil der staatlichen Zusammenarbeit besteht im Einbezug von zahlreichen Stufen der Administration des Ziellandes. Diese sind allzu oft mit Leuten besetzt, die nicht auf Grund ihrer fachlichen Qualifikation, sondern eher wegen ihrer Beziehungen diese Posten bekleiden,

Unterhalt: Dieser von einer Hilfsorganisation angesichts des Lamjung Himal erstellte Brunnen funktioniert nicht mehr, aber das Wasser läuft trotzdem noch ( Ghalegaon, Ghanpokhara ).

Fo to s:

Be rnh ar d Ru dolf Ba nz ha f Traditionelles Leben: Der Grossteil der Menschen in Nepal betätigt sich als Subsistenzbauern und wohnt in traditionellen Häusern ( Lho ).

Agrarisch geprägtes, subtropisches Land: einsames Bauern-gut, umgeben von Reisfeldern ( Dingla, Bhojpur ) DIE ALPEN 9/2002 Die agrarischen Traditionen wurden über mehrere Jahrhunderte kaum verändert. Wie Ameisen steigen die Menschen mit dem Reisstroh ins Dorf hinauf ( Barang). mit dem Tourismus führt er zu einem gewissen Wohlstand, der sich an der Elektrifizierung des Dorfes ablesen lässt ( Thonje, Marsyangdi ).

Traditioneller Handel: Auch heute noch treiben vor allem die tibetischstämmigen Minderheiten im Norden einen lokalen Handel mit Tibet. Zusammen Archaische Methoden: Ein Bauer drischt mit einer grösseren Anzahl Ochsen seinen Reis ( Ghanpokhara Phedi, Marsyangdi ).

Defizite in Transport und Kommunikation: hier die Hauptver-kehrslinie für ein ganzes langes Tal ( Weg im Buri Gandaki ) DIE ALPEN 9/2002

was die Korruptionsanfälligkeit beträchtlich steigern kann. Dieses Phänomen lässt sich in den meisten Ent-wicklungsländern beobachten. Weitere Merkmale der staatlichen Hilfe sind der « Projekttourismus » und der Verbrauch von Kräften und finanziellen Ressourcen in Konferenzen und Meetings. Viele Projekte versandeten oder waren auf Grund ihrer Struktur von den Einheimischen nicht nachvollziehbar, weil sie nicht ihren Bedürfnissen entsprachen. Deshalb sieht man in Nepal viele « Projektruinen », begonnene oder auch fertig gestellte Installationen, die nicht gebraucht oder nicht unterhalten werden oder wegen Mangels an qualifiziertem Personal geschlossen werden mussten. Erst in den letzten 15 Jahren wurde eigentlich die wichtigste Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung, die gute Schulbildung, konsequent gefördert. In der Entwicklungszusammenarbeit engagierten sich zudem immer mehr NGO ( Non Government Organisations ), die in der Regel direkter mit den effektiv Bedürftigen zusammenarbeiten und die staatliche Hilfe wirkungsvoll ergänzen. In der Folge wurde denn auch die Zusammenarbeit mehr und mehr auf dörfliche Gemeinschaften reduziert, wo mit relativ wenig Mitteln und in einem zeitlich überschaubaren Rahmen Erfolge mit Signalwirkung erzielt werden konnten und können. Nach wie vor liegen die Schwerpunkte im Aufbau der Infrastruktur ( Brücken, Trinkwasser und Bewässerung ) und in der Vermittlung von praktischen Fähigkeiten ( Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Handwerk ).

Hilfe zur Selbsthilfe

Unser Land benötigte für den heute sichtbaren Fortschritt etwa 200 Jahre. Wir konnten mit dem Fortschritt wachsen und dabei lernen, ihn zu verstehen und zu nutzen. Ganz anders bei der Entwicklungszusammenarbeit: Viele Veränderungen können von den einfachen Menschen nicht nachvollzogen werden, weil sie zu schnell auf sie einstürzen. Und geht es zu langsam, macht sich Unmut breit, weil sich nichts oder nur wenig zu verändern scheint. Oft ist die Erwartungshaltung zu hoch und die Bereitschaft, selber etwas beizutragen, zu niedrig. Eine westlich-technische Entwicklung lässt sich nur mit west-

gewachsen, und durch die zunehmende Bildung realisieren viele Nepali die hoffnungslose Rückständigkeit ihres Landes ( Ghalegaon, Ghanpokhara ).

Oberflächlich betrachtet ist Nepal ein ausserordentlich malerisches, friedliches und glückliches Land. Doch die sozialen Spannungen sind enorm rnh ar d Ru dolf Ba nz ha f DIE ALPEN 9/2002

lichen Grundwerten realisieren: Ordnung, Disziplin, Kollektivismus. In den Tigerstaaten Ostasiens 3 konnten die wirtschaftlichen Erfolge auf der Basis dieser Werte entstehen, nicht aber in Nepal, wo beispielsweise der Ge-meinschaftssinn, einer der Grundpfeiler unseres Fortschritts, weitgehend fehlt. Die Solidarität hört dort an den Grenzen des eigenen Clans auf.

Grundsätzlich sollte man sich die Frage stellen, ob die eigenenWerte einem anderenVolk aufgezwungen werden dürfen. Die westliche Kultur und der westlich technisier-te Fortschritt, die sich rasant auf der Welt verbreitet haben, sind zu einem globalen Lösungsmodell erklärt worden. Wir, die wir damit vertraut sind, neigen leicht zur Annahme, dass auch die Menschen in den Entwick-lungsländern so sind oder so werden möchten. Diese etwas überhebliche, wenig sensible Art ist häufig der Grund für die oben angeführten « Projektruinen ». Die subtilere Methode ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Sie nimmt nicht nur Rücksicht auf die kulturellen Mechanismen im Zielland, sondern fördert auch Lernprozesse bei uns. 4

Allerdings ist sie relativ langsam und regional unterschiedlich erfolgreich. Sie ist nicht immer geeignet, die sozialen Ungerechtigkeiten, die Unzufriedenheit, die Verarmung, die Verelendung und die Abwanderung zu verhindern. Die derzeitigen prekären politischenVerhält-nisse in Nepal sind eine Manifestation dieses Problemkreises, wo Ursache und Wirkung nicht immer klar zu trennen sind. a

Devisenquelle Tourismus: Eine Trekkinggruppe geniesst das stabile Wetter ( Arughat ).

Enormes touristisches Potenzial: die grossartige Hochgebirgslandschaft des Manaslu ( Lho ) 3 Dazu gehören Hongkong, Taiwan ( Rep. China ), Philippinen, Malaysia, Thailand, Singapur, Indonesien und Südkorea. 4 Weiterführende Literatur: Bista: Fatalism and Development, Orient Longman, Delhi 1992; Dixit/Tüting: Bikas-Binas/Development-Destruction, Ratna Pustak Bhandar,. " " .Kathmandu 1994; Hagen: Brücken bauen zur DrittenWelt ( Building Bridges to the Third World ), Book Faith India, Delhi 1994; Hagen: Wege und Irrwege der Entwicklungshilfe, Luzern 1991; Högger: Wasserschlange und Sonnenvogel, Waldgut Frauenfeld, 1993; Högger: Die Schweiz in Nepal ( Schweiz. Ges. für Aussenpolitik ); Jha: Environment and Man in Nepal, Know Nepal No. 5, Tribhuvan University, Kathmandu, 1992; Kohler/Hurni et al: Mountains and People, Bern 2001; Shrestha: Bleeding Mountains of Nepal, Ekta Books, Kathmandu 1999. Nepal, Kohler, Banzhaf: Great Himalaya – Tourism and the Dynamics of Change in Nepal, Zürich 2002. Zu beziehen bei Schweiz. Stiftung für Alpine Forschung, Binzstrasse 23, 8045 Zürich DIE ALPEN 9/2002

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