Unsichtbare Beobachter

Es war an einem schönen Tag im unglaublich warmen Sommer 2003. Ich war auf der Sefinafurgga und hatte mich gerade auf einen Stein gesetzt, da klingelte es im Rucksack. Das Natel, wie es damals noch hiess. Am ­anderen Ende ein Informant, den ich dringend für eine Geschichte für die Zeitung brauchte. Schnell Papier aus der Deckeltasche gekramt, und schon führte ich auf meinem Stein ein Interview. Zehn Minuten später hatte ich die Geschichte im Kasten. Und fühlte mich wahnsinnig modern. Meine Freundin fand es nicht ganz so ­lustig. Da sei man einmal in den Bergen, meinte sie, und überhaupt, ob es denn keine freie Zeit mehr gebe.

Zwölf Jahre später mutet die Geschichte fast nostalgisch an. Das iPhone hat das Natel ersetzt, und es kann einfach alles. So scheint es mir wenigstens, seit ich im Selbstversuch die verschiedenen Tracking-Apps teste. Der Computer in der Jackentasche weiss nun alles über mich. Wie viel Kohlenhydrate und wie viel Wasser ich zu mir nehme. Wie viele Schritte ich an einem Tag gehe. Wie schnell meine Abfahrt war. Wie viel Geld ich ausgegeben und wie gut ich nach der Tour geschlafen habe. Auf dem Gipfel checke ich mich mit «Peakfinder» ein, das geht auch offline, später kann man den digitalen Gipfelbeweis auf Facebook posten. So wie die ­Insta­gram­-Fotos – die alle verraten, wo ich wann war.

Für die Wissenschaft ist die Selbstvermessung am Berg ein Segen. So hat sich ein amerikanisches Forscherteam daran gemacht, GPS-Daten von Skitourengängern auszuwerten, um dann mit einem Fragebogen herauszufinden, wie sie ihre (oft falschen) Entscheide im Gelände getroffen haben (S. 45). Der «Faktor Mensch», lange Zeit die grosse Unbekannte in der Lawinenprävention, wird zum ersten Mal berechenbar. Das kann Leben retten.

So wie Facebook und Instagram, wie eine Wissenschaftlerin in Norwegen herausgefunden hat. Das ständige Teilen von Bildern und Videos motiviert die Leute, mehr Sport zu treiben und öfters an die frische Luft zu gehen, fand sie in einer grossen Befragung heraus (S. 58).

Fortschritt überall also. Ich bin trotzdem froh, ist mein kleiner Selbstversuch mit all den Apps vorbei und ich wieder ohne unsichtbare Beobachter unterwegs. Aber bin ich das wirklich? Eben habe ich wieder meine Schritt­zahl gecheckt. Nur schnell mal schauen …

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