Untertalstock

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ulrich Isler

( Südgrat: eine neue Bergfahrt im Fünffingerstockgebiet ) Mit 1 Bild ( 27Zürich ) Färnigen ist die höchstgelegene Ortschaft im Meiental. Wenn an Sommertagen der Sustenpass die Menschen in riesiger Zahl aus den Städten lockt, so findet sich doch selten einer, der dieses Dörfchen eines Blickes würdigt. Denn hoch über den Siedelungen des Talbodens werden dis schnellen, modernen Alpenstrassen in den Berg geschnitten. Früher kam, wer über den Sustenpass wanderte - so erzählen die Bauern -, von selbst durchs Dorf. Heute sind Gäste selten geworden.

Anfang September 1953. Fredy und ich verabschieden uns eines Morgens von unsern Gastgebern in Färnigen und steuern beim Tagesgrauen der Passhöhe entgegen. Unser Ziel: die Westkante des Rosenlauistockes, in der Meinung, wir hätten das hiesige Gebiet genügend durchstreift. Dichter Nebel, und die Strasse wie ausgestorben. Da plötzlich, im Lichtkegel der Scheinwerfer, etwas Grosses, eine Kuh mitten auf die Strasse gebettet. Der Asphalt als Kachelofen!

Die Passhöhe in der Frühe: ein leerer Parkplatz, bunte Tafeln mit allerhand Aufschriften, in der taufrischen Wiese Papierknäuel und Büchsen als Zeugen der Kultur. Alle Bergspitzen in klarster Silhouette, darüber ein wolkenloser Himmel.

Nach der Brücke über den Obertalbach halten wir an. In der Lichtflut der aufgehenden Sonne schimmern die Firnfelder desGwächtenhornes und Tierberges. Aus glatten, schattigen Wänden wachsen plötzlich Rippen und Klüfte, Bänder und Risse, hundertfach. Unser Blick bleibt hängen an den vielgestaltigen Granittürmen des Fünffingerstockgebietes, welche das Obertal im Osten und im Norden umsäumen. Dann der Gedanke, hier zu bleiben, dieses Tal zu durchwandern, trotz des Programms. Programm? Ein Übel auf Reisen und Bergfahrten!

Der fussbreite Pfad führt uns erst dem glitzernden Bach entlang, dann steil auf die hohe Moräne. Hinter einem Felsblock, gross wie ein Haus, drängt sich eine Herde Schafe. Ab und zu schreckt unser Tritt eine Alpenbraunelle aus ihrem steinigen Schlupfwinkel. Weiter über blassrote, ausgedehnte Granitmassen, geschliffen und zerkratzt vom einstigen Gletscher. Während wir so aufwärtsstreben, gibt der Horizont allmählich eine kühne, schlanke Felspyramide frei, die ihren scharfen Südgrat uns verlockend entgegenstreckt. Höhe: etwas niedriger als der im Nordosten benachbarte Fünffingerstock IV. Etwa 150 Meter unter dem Gipfel bricht dieser Südgrat unvermittelt ab und neigt sich in zwei abschüssigen Pfeilern zum Gletscher hinunter. Untertalstock P. 2800 m. Warum weitersuchen? Abweisend zwar die Steilheit, aber einladend die Wärme dieser wahrscheinlich nie berührten Südfelsen. Über das obere Stück sind wir uns einig, zur Begehbarkeit des untern setzen wir ein Fragezeichen.

Der Einstieg erfolgt am tiefsten Punkt des hellen Pfeilers, zehn Meter westlich einer mächtigen Verschneidung. Fredy arbeitet sich sorgfältig gerade empor und verschwindet in der Höhe. Ab und zu die summende Tonleiter eines in den Berg getriebenen Mauerhakens oder eine Weisung in bezug auf die Seile. Längst wärmt uns die Herbstsonne, und dort unten in steinernen, vom Gletscher gemeisselten Wasserbecken spiegelt sich ein klares Blau. Nachkommen! Stück für Stück überwinde ich den blendenden Fels, ihn von den Eisenstiften befreiend. Endlich, einen Meter über mir und neben einem grösseren Überhang, entdecke ich Fredy auf bequemer Felskanzel ( x ). Sie bietet uns beiden Platz. Der Weiterweg: ein Rätsel. Links der abweisende Überhang, über uns eine unfreundliche senkrechte Mauer, kaum Griffe bietend und den Blick versperrend. Unten im grünen Gadmental bewegen sich auf dünner Linie winzige AutoSi wie Spiezeug von unsichtbarer Hand geschoben. Schliesslich entdeckt Fredy in vier Meter Höhe eine kleine abstehende Felszacke: den Schlüssel zur Fortsetzung.

Mit Hilfe des geworfenen Seiles stehe ich bald über dem Hindernis und kann den Weiterweg mustern: erst Platten, dann allmählich Griffe und hoch oben so etwas wie ein kleines Felsgesimse als nächsten Sicherungsplatz. Aber keinen Schritt weiter ohne zwei sichere Haken! Erfolglose Hammerschläge - wachsende Ungeduld. Da, endlich fährt hier, dann dort ein Eisenstift in die allzu feinen Ritzen. Nun strebe ich auf einigen Rauhigkeiten behutsam aufwärts. Oben winkt buckliger, griffiger Fels. Zwei weitere Nägel dringen willig ins Gestein, und immer näher rückt der Sicherungsplatz, die Route bestimmend. Über leichtere Felsen wird das Gesimse erreicht. Hakensicherung für die ganze Seilschaft. Dann folgt Fredy nach, während ich wechselweise Hanf und Nylon durch die separaten Karabiner gleiten lasse. Neben mir spielen die treuen Begleiter des Alpinisten, die Bergdohlen, tollkühne Akrobatik in der aufwärts-strömenden Warmluft. Ein Klingeln von Eisen, Fredy kündigt sich an, und schon erklimmt er unsere luftige Kanzel. Abermals Spannung über den Weiterweg. Wieder ist es eine Mauer, schwarz, voller Flechten, oben rund begrenzt, die uns entgegensteht. Mit Schulterstand schiebt sich Fredy über das Hindernis, vertraut sich dann dem rauhen Fels an und hat im Handumdrehen die Seillänge ausgeklettert. Allmählich neigt sich unser Pfeiler etwas zurück und verliert sich in gestuftem Granit.

Jetzt nach rechts aufwärts strebend, erreichen wir die Schneide des eigentlichen Südgrates in einer kleinen Scharte. Auch hier keine Spuren einer früheren Begehung. Das Erlebnis des Suchens und Findens einer neuen Felsroute gleicht der Skifahrt über unberührte Firnfelder. Was jetzt folgt, ist eine abwechslungsreiche, freie Gratkletterei, die uns zum doppelten Vergnügen wird, nachdem wir uns den Hilfsmitteln haben anvertrauen müssen. Über einen kleinen Vorgipfel erreichen wir schliesslich unser heutiges Ziel. Lange, warme Rast auf stolzer Warte.

In greifbarer Nähe der Fünffingerstock IV und die überhängenden Türme seines Westgrates. Drüben die unbezwungene Südostkante des Titlis. Im Nordgrat des Sustenlochspitzes seltsame versteinerte Märchenfiguren. Dann, vom Firn des Gwächtenhornes geblendet, senkt sich der Blick einmal mehr auf das Grün des Gadmentales. Wieder die winzigen Fahrzeuge, oft in dichter Kolonne sich folgend.

Der Durst treibt uns zum Rückweg. Wir verfolgen eine Weile den Westgrat und steigen dann über verschiedene Rinnen der Südflanke ab.

Wieder in Färnigen. Niemand wundert sich ob unserer unerwarteten Rückkehr. Denn die Bewohner des höchsten Dörfchens im Meiental wissen, dass uns dieser vergessene Winkel, ihre Heimat, lieb ist.

/. Begehung durch Alfred Amstad und Ulrich Isler am 6. September 1953 ( in der « Alpinen Chronik » vom November 1953 fälschlicherweise als Unteralpstock publiziert ).

Charakteristik der Route: Steile, schwierige Kletterei in solidem Granit. Hakensicherung empfehlenswert.

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