Val Plavna

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Ruedi Fatssler, Walchwil

Bilder 3 und 4 Keuchend stampfen wir an einem heissen Julitag mit schweren Säcken auf den Schultern das prächtige Val Mingèr hinauf. Es hiesse Wasser in den Inn tragen, wollte man die Gegend, in der wir uns befinden, näher beschreiben. Jeder kennt sie.

Der zünftige Bergsteiger natürlich nur von einer um Jahrzehnte zurückliegenden Schulreise her. Was wollte er denn heute hier suchen?

Wir aber stehen im Begriff, für einige Tage ins Val Plavna zu ziehen, um auf den Spuren Paul Schucans und Gefährten einige Touren in den Plavnabergen zu unternehmen. Wir, das sind zwei Urner, ein Zürcher, ein Berner und meine Wenigkeit. Die Vorstellung wäre unvollständig, wollte man nicht ein paar Worte « zur Person » verlieren.

Schon bei der Mingerbrücke - heute eine Wasserfassung der Aua da Clemgia -, wo unser Marsch beginnt, schleicht Sepp, auch Kloten-Meier genannt, auffallend lang um die bereitstehenden Rucksäcke herum. Grund dieser Zeremonie: Sein Sack sei wieder einmal der schwerste -aber man werde trotzdem für die nächsten Stunden nichts zu lachen haben. Dann sehen wir, wie er die Staumauer überquert und mit langen Giraffenschritten in den Weg ins Val Mingèr ein-spurt. Ein alpines Rennen scheint sich anzubahnen...

Während wir im Begriff sind, unsere Säcke aufzunehmen, sagt Haldiberger Geni so beiläufig, indem er auf einen schönen rundgeschliffenen Stein deutet, es sei schade, dass « der Ch..b » keinen Platz mehr gehabt habe. Gemeint ist, in Sepps Rucksack. Es darf also irgendwann doch gelacht werden!

Dann nehmen auch wir den Weg ins Tal hinein unter die Fusse. « Du hättest eben den Leuten von der Sektion in Schuls das Retourporto beilegen sollen », sagt Seffi aus Schattdorf, der die Gruppe anführt, nach einer Weile, indem er einen Moment anhält und sich den Schweiss von der Stirn wischt, « dann wäre uns das Mitschleppen dieser gewichtigen Zelte erspart geblieben. » Vor längerer Zeit habe ich mich nämlich bei der einheimischen Sektion erkundigt, ob im Val Plavna eine einfache Unterkunftsmöglichkeit bestehe, wobei lediglich an ein Dach über dem Kopf gedacht war. Bis zu unserer Abreise traf jedoch kein Bescheid ein, und wir hatten uns für alle Eventua- litäten vorzusehen. Zwar sei er auch nicht gerade scharf darauf, fährt Seffi fort, in irgendeinem dreckigen Stall zu logieren und dabei Flöhe und Wanzen aufzulesen. Er könne davon ein Lied singen und möchte es nicht noch einmal riskieren, in einem solchen Zustand heimzukommen. Damit ist ein Thema aufgegriffen, über das jeder ein Musterehen zu erzählen weiss, bis schliesslich Hans dem Gespräch eine abschliessende Wendung gibt und der ausserordentlichen Verschnaufpause ein Ende setzt: « Gielenwas soll 's, von Wanzen und Flöhen zu reden? Lasst uns unsere Blicke erheben zu den stolzen Gipfeln unserer Bergwelt und im Schweisse unseres Angesichtes frohen Mutes weiterziehen! Tod und ewige Verdammnis jedem, der da glaubt, den Inbegriff alles Schönen und Herrlichen in einer einzigen Flasche Bier vereint zu sehen. » - Es wäre nachzutragen, dass der Sprecher trotz seiner Höhe nahe der 2-Meter-Grenze ein alpines Greenhorn ist und daheim in Thun « Nelson der Seefahrer » genannt wird.

Beim ersten Stundenhalt treffen wir auf unseren Rucksackschwergewichtler, der uns mit der zweifelhaften Feststellung empfängt, er warte hier schon eine halbe Ewigkeit. Der weitere Verlauf des Marsches wird diktiert von den drückenden Lasten und der nachmittäglichen Hitze. Später machen wir beim Rastplatz unterhalb des Passes Il Foss halt. Die beiden Urner gehen unverzüglich mit ihren Feldstechern in Stellung, und man hat den Eindruck, mitten in das Manöver einer Mi-trailleurkompanie hineingeraten zu sein. Es dauert dann auch nicht lange, bis alle Standplätze der Hirsche und Gemsen ausgemacht sind und jeder genau Bescheid weiss über Zahl, Grosse, Alter und andere Merkmale der Tiere. Der eigentliche Zweck unseres Hierseins scheint langsam, aber sicher in Vergessenheit zu geraten.

Dieser Umstand lässt erahnen, dass die Vorfahren unserer Urner Freunde einmal professionelle Wilderer gewesen sein müssen. Diese Tradition ist im Lande Teils inzwischen fast ausgestorben; man beschränkt sich heute auf eine zweiwöchige Hochwildjagd mit Patent. Ich habe die Jagd, die nicht durch einen gesunden Selbsterhaltungstrieb bedingt ist, immer als eine hinterhältige Angelegenheit betrachtet. Auch wir hier sind uns in dieser Beziehung einig, wie im übrigen die meisten Bergsteiger keine Freude an der Jagd haben. Irgendwo habe ich einmal etwas über das Verhältnis des Jägers zum Wild und zum Bergsteiger gelesen, wobei es zwar bei letzterem nicht um Tod oder Leben geht - höchstens, dass ihm im Extremfall gelegentlich eine Ladung Schrot in die verlängerte Rückenpartie verpasst wird. Es ist hier von der Gemsjagd die Rede, könnte aber ebensogut die Hirschjagd betreffen. « ...Der sportliche Gemsjäger tötet die Gemse, um sie zu besitzen, nicht um sie zu morden. Das ist ein feiner, aber doch wichtiger Unterschied, der auch durch den ewigen Einwand einiger Humanitätsapostel nicht verwischt werden kann, die da sagen, ein derartiger Unterschied sei den Gemsen ziemlich gleichgültig. Stellen wir uns auf den Standpunkt der Gemse: sie wird gejagt - sie lässt sich aber auch jagen. Man sage also nicht, sie müsse sich jagen lassen. Dazu besteht kein Grund - sie könnte sich auch kampflos ergeben... » Für den Umgang mit Leuten unseres Schlages und im besonderen mit SAC-Mitgliedern werden dann folgende Empfehlungen abgegeben: « Weil wir uns schon hin und wieder mit Bergsteigern auseinandersetzen müssen, geben wir für den sportgerechten Gemsjäger einige Verhaltensmassregeln. Man wird uns fragen, ob wir auch dann jagten, wenn die Gemsen ebenfalls mit Flinten ausgerüstet wären. Darauf antwortet man wahrheitsgemäss, das sei eine Frage des Kalibers. Alpinisten von Intelligenz weise man auf den akademischen Charakter ihrer Frage hin. » Eine Stunde später stehen wir auf der Alp Plavna, die etwas unterhalb von Il Foss liegt. Schon von weitem kündet sich unter Geläute die Anwesenheit einer grösseren Kuhherde an, was uns eigentlich nicht so recht ins Konzept passt. Diese Gattung ist bekanntlich sehr neugierig, und aus Berichten der Verhaltensforschung betreffend das Rindvieh weiss man, dass sie eine besondere Vorliebe für Zelte kampierender Berggänger hat. Es handle sich hier keineswegs um Kühe, sondern um sogenannte « Gusti », klärt uns Hans auf. Ein « Gusti » sei weder ein Kalb noch ein Rind - sozusagen. Diese Definition wird von allen Anwesenden ohne Widerrede akzeptiert, und wir begeben uns auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz.

Etwas vom Wichtigsten in den Bergen ist das Essen. Es darf darum auch in keinem Tourenbericht fehlen. Will man sich nicht ausschliesslich von Landjägern und trockenem Brot ernähren, muss von Zeit zu Zeit etwas Warmes auf den « Tisch ». Für uns war es ein seltener Glücksfall, dass Sepp sich im Verlaufe unserer Gespräche als sogenannter Gourmet-Amateurkoch entpuppte. Dass der Akzent zwar eher auf « Amateur » lag, merkten wir erst später. Eigenartig - so auf- und anregend diese durch die Unsicherheit in der Materie bedingten « Essgespräche » stets waren, so einig war man sich später im Urteil über die Qualität eines Menüs. Auf jeden Fall müht sich an diesem Abend jeder auf seine Weise damit ab, mit den - einer Art Mehlauflauf ähnelnden - Spaghetti napolitains fertig zu werden. Fadenschei-nige Erklärungen, dass das am kalkhaltigen Wasser liegen müsse, gehen im allgemeinen Murren rund um die Feuerstelle unter. Es macht den Anschein, als seien hier die Leute eines Warentestin-stitutes an der Arbeit.

Doch zur Sache! Eigentlich wollte ich über eine Gipfelbesteigung berichten. Wen interessiert heutzutage schon, was sich aufgebahnten Wegen und Alpweiden abspielt?

Schon im vergangenen Winter, als unsere gemeinsame Tourenwoche im Val Plavna feststand, habe ich mich eingehend mit Führer und Karte dieses Gebietes befasst. Zwar ging es mir hauptsächlich darum, ein paar « handgreifliche » Touren ausfindig zu machen. Wenn einer im Kreise passionierter Alpinisten von den Unterengadiner Dolomiten redet, wird er als nicht « recht bei Trost » eingestuft. Wer hat schon Namen gehört wie « Laschadurella », « Tavrü », « Pisoc » oder « Mingèr »? Diese Berge haben zwar mit den richtigen Dolomiten eines gemeinsam: das Geröll. Sie sind umgeben von riesigen Schutthalden, und das Erreichen der Gratfelsen gestaltet sich oft mühsam. Ihre wilden Türme und Zacken geben dem Gebiet nördlich des Ofenpasses ihr besonderes Gepräge. Hier gibt es keinen erkennbaren Routenverlauf, keine speckigen Griffe und keine geschlagenen Haken. Die Berge sind eher zum Anschauen als zum Besteigen geeignet, was nicht als Abwertung gemeint ist. Vom Tale aus besehen, machen sie einen durchaus « seriösen » Eindruck. Das kommt daher, dass bei dem steilen Blickwinkel das wahre Gesicht meistens vom Vorgelände verdeckt wird. Auch der 1946 erschienene Bündner Führer Band IX ist wohl zu einem guten Teil vom Tal aus verfasst worden. Aber — wer merkt das schon? Auch wir gingen im Jahr zuvor dem « Führer » auf den Leim und haben in den baufälligen Starlex-Bergen böse Überraschungen erlebt. Wie auf Eiern haben wir uns damals über den Murtera-Nordostgrat geschwindelt, über brüchige, schuttbeladene Türme, deren Zustand sich einfach nicht in Worte fassen liess. Grund, diese Tour überhaupt in Erwägung zu ziehen, war der Name des Erstbegehers ( 1909 ) und die Routenbeschreibung im Salbitstil. Unterdessen haben auch wir gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und das Vokabular des kleinen Büchleins in den richtigen Proportionen zu sehen. Eine Parallele - im übertragenen Sinne - zum Wetterfrosch im Radio drängt sich hier auf.

Heute stehen wir im weiten Sattel der Fuorcla Val dal Botsch, der als Übergang nach S-charl und Schuls von den Besuchern des Nationalparks oft begangen wird. Wir sind unvermittelt in eine singende Schulklasse hineingeraten und freuen uns an den hellen Stimmen. Für Geni und mich steht an diesem Tag der Ostgrat des Piz Murtèrs auf dem Programm. Unsere Kameraden wollen eine Exkursion in den Nationalpark unternehmen und erst am Abend wieder zu den Zelten zurückkehren. Über die Landkarte gebeugt, versucht Seffi unter Aufbietung seiner ganzen Überredungskunst, unserem Hobbykoch Sepp klarzumachen, dass er sich den Plan vom Coiffeur in Zernez vorläufig aus dem Kopf schlagen müsse. Zudem seien die Coiffeurläden dort am Mittwoch geschlossen und wegen dieses lächerlichen, dreitägigen Bartes lohne sich der weite Weg sowieso nicht. Ein Bier könne er allenfalls auch drunten in Il Fuorn bekommen.

Voller Erwartung und Freude, endlich wieder Fels in den Händen zu spüren, steigen Geni und ich alsbald auf einem Gemswechsel gegen die zackigen Türme des Grates empor. Der Ostgrat des Piz Murtèrs setzt etwas westlich der Fuorcla Val dal Botsch mit einem abweisenden Bollwerk an und besteht aus fünf markanten Turmgruppen, die zum Teil durch enge Scharten voneinander getrennt sind. Die Türme sind ihrerseits in Zacken und Gendarme gegliedert, von denen viele ohne besondere Mühe überklettert werden können.

« Murtèr » und « Murtera » sind im Engadin weit verbreitete Namen für Alpweiden. Darum haben auch einige in ihrer Nachbarschaft liegende Berge diese Bezeichnung erhalten. « Murtèr » stammt aus dem lateinischen « mortarium », was wir als « Mordinstrument » oder, noch zutreffender, als « Mörder » auslegen. Auch « Mörser », womit man früher eine Kanone bezeichnet hat -wie A. Schorta im Bündner Führer angibt - findet unsere Zustimmung. Mit diesen Hinweisen möchte ich aber keineswegs seitenlange Kontroversen über die richtige Schreibweise von Bergnamen vom Zaune brechen. Viel wichtiger ist, dass unser Berg — laut Bündner Führer — hübsche und zum Teil exponierte Kletterei bietet. Der Ostgrat sei der längste Anstieg und verlange « ziemliche » Kletterei. Wir haben unseren Grat heute morgen beim Aufstieg zur Fuorcla Val dal Botsch genau betrachtet und dabei den Eindruck gewonnen, dass die Definition « ziemlich » bestimmt nicht überall auf « leicht » gemünzt sein kann.

Vom Gratfuss queren wir auf der Südseite über eine steile Schutthalde in die Scharte nach dem ersten Bollwerk. Von hier aus hat man wieder einen prächtigen Blick ins Val Plavna hinunter. Neue Perspektiven! Die ursprünglich für den morgigen Tag geplante Minger-Überschreitung vom Piz Cotschens zum Piz Zuort fällt schon hier einer genauen Betrachtung der Route zum Opfer. Was man von unten nicht sieht und was in keiner Routenbeschreibung zu lesen ist, sind unendlich lange Schuttgrate, die nur ein Lebensmüder zielstrebig begehen könnte. Etwas weiter nördlich reckt sich der stolze Plavna Dadora gegen den blauen Himmel - genau nach unserem Geschmack und ein würdiger Ersatz für die abgeblasene Mingèr-Tour. Vorerst aber die General-probe!

Den Einstieg vermittelt ein Kamin, in dem aber jede Menge Schutt liegt. Geni macht sich darum bereits an der linksseitigen Begrenzungsplatte zu schaffen, räumt hie und da einen losen Stein weg und verschwindet dann hinter den oberen Felspartien. Diese Seillänge hinterlässt einen noch relativ guten Eindruck, so dass optimistisch weiter vorgerückt wird. Die folgende Steilstufe vermittelt den Aufstieg zum zweiten Gratturm und bereitet wiederum wenig Mühe. Dann geht 's steil in die folgende Scharte hinunter und ausgesetzt zum dritten Turm hinauf. Die Kletterei bietet auch hier keine ausgesprochenen Schwierigkeiten, und doch hat man keine rechte Freude daran: Sie ist zu gefährlich! Sind wir vom sauberen Granit der Urner Berge zu sehr verwöhnt?

Alles, was mit der Zeit hier losgesprengt wird, bleibt liegen, wo es hinfällt. Spuren menschlicher Begehung fehlen ganz, und so bleiben auch lose Tritte und Griffe unentdeckt, bis sie eines Tages von selbst herausfallen. Wir arbeiten wie die « Freiwillige Feuerwehr » nach einer Generalversammlung. Echte Sicherungsmöglichkeiten gibt es fast keine. Gelegentlich findet einer einen wirklich haltbaren Felszacken, um daran eine Selbstsicherung einzuhängen. Wir kommen entsprechend langsam voran. Hier ist kein Ort, wo man sich in « Ruck-Zuck-Seillängen » üben kann. Besonders unangenehm macht sich dieses heimtückische Gelände beim Abklettern in die Scharten bemerkbar. Für ein Abseilen fehlen meistens zuverlässige Verankerungspunkte.

Die nächste Erhebung ist durch eine enge Scharte in ihrer Längsachse gespalten. Auf der linksseitigen, messerscharfen Begrenzungskante lässt sie sich im « Piazstil » elegant überwinden. Man glaubt sich für einen Moment am « Petit Cervin » des Raimeux. Dann stehen wir unvermittelt vor einem Abgrund. Steile, morsche Felsen leiten zu einem engen Couloir hinunter. Diese Stelle ist in der Routenbeschreibung mit einer schönen Skizze illustriert, mit der wir zwar nichts anfangen können, weil « unsere » Route auf der Gratkante verläuft und diejenige des Führers in der Südflanke. Zum Abseilen gibt es auch hier nichts, was zuverlässig erscheint. So mache ich mich denn an die Arbeit und kann in der Mitte der Wand auf dürftigem Stand nach langem Suchen einen haltbaren Haken setzen. Mit Erleichterung bringen wir den restlichen Weg hinter uns und gelangen über einen im Couloir eingeklemmten Block an den Fuss des Aufschwunges, der zum Ostgipfel führt. Links neben einem schuttgefüllten Kamin vermittelt eine steile Platte einen objektiv sicheren Aufstieg. Weiter oben muss man wohl oder übel doch ein Stück weit mit dem Kamin vorliebnehmen. Ich komme mir vor wie ein Eidgenosse am Morgarten!

Später stehen wir auf dem Ostgipfel ( 2920 m ) bei einem kleinen Steinmann, den vermutlich die Erstbegeher H. Moser und O. Schuster vor 80 Jahren gebaut haben. Wir fühlen uns an die Ausgrabungsstätte aus der Römerzeit versetzt. Keine Konservenbüchsen, keine Glasscherben -nichts, was auf « alpinistische Zivilisation » hindeuten würde. Wahrlich, ein seltener Anblick! Zwar machen wir uns nichts vor und sind überzeugt, dass wir schon seit Stunden von den Argusaugen einiger Nationalparkwächter verfolgt werden. Hier ist Grenzgebiet - Niemandsland, sozusagen. Einen direkten und problemlosen Abstieg von hier hinunter ins Val dal Botsch haben wir uns darum schon von Anfang an aus dem Kopf geschlagen.

Der Weiterweg in die Lücke zwischen den beiden Murtèrsgipfeln ist steil und weist viel Gras auf. Gras und Schnee waren auf unseren gemeinsamen Touren schon immer verpönt. So lange noch irgendwo ein Stein aus dem Dreck hervorschaut, wird er als Retter in der Not betrachtet.

Auch der weitere Gratverlauf zum Hauptgipfel ist wenig einladend. Rechts zieht eine baufällige Felsrippe hinauf, links eine Graswand, die höchstens einen « Affengarten »-Begeher am Grossen Mythen in höchstes Entzücken versetzen könnte. Ihr Anblick setzt unserer Geduld ein Ende. Kurzentschlossen queren wir in die Nordwand hinaus und steigen durch die trügerische Fels- und Schuttflanke zum Schneecouloir hinab, das zwischen Piz Murtèrs und Piz Sampuoir herabzieht ( in normalen Sommern dürfte hier wohl kaum noch Schnee anzutreffen sein ).

Später sitzen wir einträchtig auf einer prächtigen Aussichtsloge über der Pischa Dadaint und geniessen eine ausgezeichnete Boullion aus Genis Rucksackküche. Über uns der widerspenstige Grat des Piz Murtèrs, der uns an diesem Tag -allen Unannehmlichkeiten zum Trotz — ein einzigartiges Erlebnis vermittelt hat.

Der gemütliche Abstieg hat sich bei uns schon bald zur Tradition entwickelt, die uns gelegentlich den schrägen Blick eines Hüttenwartes eingetragen hat. Heute ist derlei nicht zu befürchten, und wir liegen faul zwischen den Steinen, bis die Sonne nach und nach jenseits der Fuorcla Pedrus verschwindet. Bei der Rückkehr im « Camp » läuft Sepp bereits geschäftig in seiner Freilichtküche umher. Gespannt sehen wir also neuen kulinarischen Experimenten entgegen.

Am nächsten Morgen bin ich mit Geni unterwegs zum Piz Plavna Dadora ( 2981 m ). Erbarmungslos brennt die Sonne ins steile Schuttälchen Trigl da Plavna, und fluchend schinden wir uns über die endlosen Geröllhänge hinauf. In der Fuorcla da Trigl, wo der imposante Südostgrat -das Ziel dieses Tages - ansetzt, überfällt uns plötzlich ein heftiges Gewitter. Wir haben gerade noch Zeit, umherliegende Schuhe und andere Utensi- lien zusammenzuraffen, um schnellstens das Schuttcouloir hinunter ins Trigl da Plavna zu rennen. Der sachkundige Leser wird uns entgegenhalten, ein Gewitter künde sich in den Bergen mindestens eine Viertelstunde zum voraus an. Man habe also immer genügend Zeit, von exponierten Plätzen zu verschwinden. Zu unserer Schande muss ich aber gestehen, dass das besagte Unwetter zufolge eines zu Recht als unalpini-stisch zu bezeichnenden Schlafes unbemerkt aufziehen konnte. Wir wurden von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag aus unserem Schlaf der Gerechten geweckt und auf den Boden der Realität zurückgeholt. Natürlich ist es hierzulande nicht üblich, dass man sich auf einer Klettertour beim Einstieg zuerst eine Stunde lang aufs Ohr legt. Wir werden uns daher in den Augen der Experten wahrscheinlich kein schmeichelhaftes Attribut einhandeln, was aber als unwesentliches Detail zu betrachten ist. Im Val Plavna tut man manches, was anderswo keinem in den Sinn käme. Da gibt es keine Hütte, kein vorgeschriebe-nes Lichterlöschen um io Uhr und keine offizielle Zeit für die Tagwache. Man lebt sozusagen 24 Stunden im Tag — Freunde mehrtägiger Biwaks werden das bestätigen. Auch die Nachtruhe ist eine Art Auseinandersetzung mit den Steinen.

Als wir dann am Ende dieser Woche in Schuls bei einem Glas Veltliner beisammensassen, schien es, als würde man uns als entflohene Insassen einer Strafanstalt taxieren. Die verdächtige Eile mit dem Kassieren der Zeche liess jedenfalls auf derartiges schliessen. Erst als Hans sein Glas erhob, in ein Hoch auf das Unterengadin ausbrach, damit es die ganze Wirtschaft hören konnte, und eine weitere Flasche auffahren liess, war unsere Kreditwürdigkeit schlagartig gerettet.

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