Verselbstständigte Dinge Ein Blick in die Fundsachenrubrik der ALPEN

Die Autoren Johanna Rolshoven und Justinus Winkler haben in den ALPEN-Ausgaben die «Gefunden»- und «Verloren»-Anzeigen unter die Lupe genommen und sich darüber Gedanken gemacht. Die nachfolgende Kurzfassung ihrer Arbeit1 zeigt, zu welchen Gedankengängen an und für sich banale Kurzmeldungen führen können.

Wir haben die in der Zeitschrift annoncierten «verselbstständigten», das heisst gefundenen oder verlorenen, aber auch geliehenen oder verwechselten, Objekte nach Art und Häufigkeit ihres Auftretens zusammengefasst. Die Fundmeldungen verhalten sich zu den Verlustmeldungen (inkl. vermisste, verwechselte oder als entwendet vermutete Dinge) annähernd im Verhältnis 2:1 (63:37).

Bei den - gemäss Anwendung in Gruppen zusammengefassten-ver-selbstständigten Dinge ( vgl. Grafik ) fällt auf, dass nahezu die Hälfte der Meldungen ( Gruppen 4 und 5 ) Wertsachen betreffen, die für die Besteigung technisch entbehrlich sind: Fotoapparate und Ferngläser erscheinen uns klar als Leitfossilien eines visuell orientierten Alpinismus; Armbanduhren sind eine wichtige Stütze der alpinistischen Zeitdisziplin. Der zahlenmässig starke Auftritt von Wertsachen kann nicht aus einer stärkeren Nachfrage z.B. von der Verliererseite her erklärt werden.

Bergtechnisches Material wird überdurchschnittlich als «Gefunden» gemeldet; die Sorge der Verlierer scheint gering zu sein. Wie viele persönliche Effekten auf den Berghütten liegen bleiben -wir haben keine Hüttenwarte befragt -, kann auf Grund der Nennung von Kleidungsstücken nur erahnt werden. Wichtige und individualisierte Ausrüstungsstücke wie Bergschuhe kommen nur infolge Verwechslung abhanden - wer könnte schon sein Paar Schuhe unterwegs verlieren?

Schätzungsweise die Hälfte der beschriebenen Orte der Verselbst-ständigung von Dingen befindet sich in der Gipfelregion, ein Drittel auf Wegen zu und von ihnen, der Rest in Klettergebieten oder-gärten. Die Wege zu und vom Hochgebirge sind in den Anzeigen eine ausgeprägte Fundregion, während die oft zivilisa-tionsnahen Klettergärten in ihnen eher als Verlustregion erscheinen.

Verlieren und Finden psychologisch interpretiert Was lässt sich aus einer solchen Aufstellung der verselbstständigten Dinge im Gebirge herauslesen? Ganz grundsätzlich geht es zunächst um Verlieren und Finden an sich. Sigmund Freud hat vorgeschlagen, diese zusammen mit Vergessen, Versprechen und Vergreifen als Verwirklichung unbewusster Neigungen zu betrachten: als verdeckten Ausdruck der Geringschätzung eines Gegenstands oder als «Opferhandlung». Letzteres, obwohl kaum belegbar, könnte nach ihm angesichts der vielen wertvollen Gegenstände, die sich in den Bergen verselbstständigen, als irrationale, die Gefahr bannende Geste gedeutet werden: Der «Tod» des Dinges durch Verlust verringert das eigene Risiko. Ein solcher Gegenstand dürfte gemäss der Logik des verursachenden Unbewussten nicht mehr gesucht oder wieder angeeignet werden.

Der Volkskundler Utz Jeggle meint, dass Verlieren und Finden existenzielle Lebensbezirke bestimmen, dass aber heute die Dinge nur noch teilweise die Kraft - wie von Freud angenommen - haben, unbewussten Wünschen Ausdruck zu verleihen. Er sieht Verlieren und Finden als eine Doppelbewegung, die soziale Seiten menschlicher Kooperation festhält, Solidarität auch mit Unbekannten entwickelt, Respekt vor fremdem Eigentum lehrt und damit zugleich einen Beitrag zum Zivilisierungsprozess leistet.

In den Alpen ist die Rückkehr eines verlorenen oder gefundenen Objektes zu seinem Besitzer ebenso wenig garantiert wie in der Stadt. Allerdings hat das Verlieren in der Gipfelregion eine andere Qualität als in der städtischen Alltagsumgebung. Die Beziehungen sowohl des Verlierers als auch des Finders zum Gegenstand sind in den Bergen andere als in der Stadt: Man nimmt so wenig als möglich mit, was heisst, dass die Auswahl dessen, was mitgetragen wird, die Dinge bewertet, die mitkommen müssen und dürfen. Es gibt im Gebirge ausserdem keine klar definierte Institution, die sich der herrenlosen Objekte als Vermittlerin annimmt; es gibt keinen konventionellen Aufbewahrungsort wie ein Fundbüro. Die Verlust- und Fundanzeigen bezeichnen somit einen virtuellen Ort mit einer Sammlung von in der Wirklichkeit grösstmöglich verstreuten Dingen.

Anders zu gewichten als im städtischen Zusammenhang ist in den Bergen zudem das Verhältnis zwischen Finder und Verlierer: Der Finder muss wesentlich weiter als bis zur nächsten Amtsstelle gehen, um den Verlierer ausfindig zu machen. Solange er dies nicht aktiv unternimmt, bleibt die Grenze zwischen Finden und Aneignen, zwischen legitimem und uner-laubtem Besitz, zu seinen Ungunsten gezogen. Wo Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und gegenseitige Hilfe die mehr oder weniger unausgesprochene Ethik des Alpinismus begründen, werden besonders hohe Erwartungen an den Umgang mit verselbstständig-tem Eigentum gestellt. Vielleicht darf man die Zweidrittelsmehrheit der Fundanzeigen als Ausdruck dieser Norm lesen.

Die Finder und Verlierer lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen, wie dies zwei Beispiele verdeutlichen sollen. Der «geduldige Finder» fand auf dem Gipfel des Strahlhorns eine Sehbrille. Die Brille ist ein für die eigene Sicherheit wichtiges Instrument. Gleichzeitig werden über drei Viertel von ihnen als «Gefunden» gemeldet - sie sind, da auf ihren Träger zugeschliffen, für den Finder wertloser als beispielsweise ein Fotoapparat. Besagte Brille hat ihren Eigentümer nicht wieder gefunden. Ein halbes Jahr nach der Anzeige ging der Finder nicht mehr davon aus, dass sich der Verlierer noch melden würde. Darf er sich berechtigt fühlen, dieses für ihn nutzlose Ding zu behalten oder zu vernichten? In dieser Frage äussert sich in dem für ihn nutzlosen Objekt doch noch eine verbindende Kraft zwischen Finder und unbekanntem Verlierer.

Der «verzweifelte Verlierer» auf der aussichtslosen Suche nach dem Finder bildet die Gegenposition. Sein Glaube an die besondere Ethik und Solidarität der Alpinisten ist erschüttert. Ein junger Alpinist hat im Klettergebiet Üschinental einen Fotoapparat einer renommierten Marke liegen gelassen. Er vertraute dem Bericht anderer Kletterer, die dabei waren, als drei Personen den Apparat aufgehoben und gesagt hätten, sie würden den Fund in den ALPEN ausschreiben. Die erwartete Fundausschreibung erfolgte nicht und die im Abstand von drei Monaten in der Zeitschrift platzierte Verlustanzeige änderte nichts daran. In den Augen dieses Enttäuschten wird nun jeder Finder zu einem Dieb, vor allem aber verliert das Gebirge seine Aura des die Sitten läuternden und die Ethik stärkenden Raumes.

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