Vogelzug in den Alpen: Opportunistische Routenwahl

Jetzt ist Reisezeit. Gegen zwei Milliarden Vögel kehren aus Afrika nach Europa zurück. Und mitten im Weg stehen die Alpen. Die gefiederten Frühlingsboten meistern das Hindernis auf verschiedenen Routen. Das Wichtigste vorweg: Das Klischee des kleinen Singvogels, der sich tapfer über einen Viertausender kämpft, trifft nicht zu. Die meisten Vögel fliegen nicht direkt über die Alpen, sie weichen nach Osten und Westen aus. Die Hauptroute der westeuropäischen Zugvögel führt über die Iberische Halbinsel, diejenige der osteuropäischen eher über Griechenland und die Türkei. Die meisten fliegen im Frühling auf derselben Route zurück, auf der sie im Herbst gekommen sind. Der Frühjahrszug verläuft jedoch bei vielen Vogelarten schneller und tendenziell in einer direkteren Linie. Manche Vögel wählen auch eine ganz andere Route und umfliegen beispielsweise die Alpen auf der anderen Seite. Zu den bekanntesten dieser sogenannten Schleifenzieher gehören der Wiedehopf und der Schwarzmilan. Die veränderte Routenwahl macht sich vor allem im Mittelland bemerkbar. Dieses liegt auf der Reise in Richtung Norden im sogenannten Zugschatten der Alpen. Das führt dazu, dass hier im Frühling viel weniger Vögel durchziehen. Im Herbst überqueren jedoch die meisten Vögel das Mittelland. Kanalisiert durch den Jura und die Alpen fliegen sie in Richtung Südwest vom Bodensee nach Genf. Nur rund 20% der Tiere lassen sich von den Alpen nicht aufhalten und wählen die Direttissima über die Berge. Aber auch sie passen sich dem Verlauf des Alpenbogens an und halten wenn möglich an der Südwest-Flugrichtung fest. Sie lassen sich durch den Verlauf der Täler leiten, bevorzugen Pässe und vermeiden es in der Regel, steil aufragende Gebirgskämme zu überfliegen. Ob Grasmücke oder Drossel – je effizienter ein Vogel sein Ziel erreicht, desto grösser ist seine Überlebenschance. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Zugvögel Pässe und Routen mit guten Windverhältnissen bevorzugen. Ein Konzentrationspunkt für den Vogelzug ist etwa der Gurnigel, eine sogenannte « Important Bird Area » ( vgl. Karte rechts ) im Gantrischgebiet.

In der Region des Monte Generoso lohnt es sich ebenfalls, den Feldstecher dabeizuhaben, denn hier ziehen überdurchschnittlich viele Greifvögel vorbei. So lassen sich dort Langstreckenzieher wie der Wespenbussard (Reiselänge 7000 km) und der Schwarzmilan (Reiselänge 5000 km) beobachten, aber auch eher standorttreue Raubvögel wie der Uhu. Auch der Hahnenmoospass bei Adelboden wird im Herbst zum Eldorado für Ornithologen. In den Walliser Alpen liegt eine weitere wichtige Schlüsselstelle für die Vogelforschung. Auf dem Col de Bretolet befindet sich die Beringungsstation1 der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, die dort seit 1958 Studien über den Vogelzug durchführt. Jährlich werden 10000 bis 20000 Vögel von mehr als 100 Arten eingefangen und beringt. Datum und Tageszeit der Fänge geben Aufschluss über das jahres- und tageszeitliche Auftreten der einzelnen Arten. Dank Messungen von Grösse, Gewicht, Fettpolster und Muskulatur lässt sich der Zustand der Tiere beurteilen. Da die Zugvögel Luftschichten mit günstigen Rückenwinden aufsuchen, kann ihre Flughöhe stark variieren. Wenn ein Vogel die Alpen überquert, fliegt er bei Gegenwind manchmal nur wenige Meter über dem Boden. Meistens bevorzugen die Tiere jedoch höhere Luftschichten, steigen aber selten höher als 5000 Meter über Meer. Auf der Reise im Frühling fliegen sie in Höhen von 2000 bis 4000 Metern, weil hier die Passatwinde nach Norden zurückströmen. Im Herbst überqueren sie die Sahara mit Unterstützung des Passatwindes meist unterhalb von 500 Metern nach Süden. Das konnte Felix Liechti von der Vogelwarte Sempach, der das Phänomen des Vogelzugs seit über 20 Jahren untersucht, feststellen.

Der Flügelschlag hilft auch bei der Beobachtung von Vögeln mit Radargeräten. Herzstück des Radarmaschinenparks der Schweizerischen Vogelwarte ist die sogenannte Superfledermaus. Es handelt sich dabei um ein Radarsystem aus ausgemusterten Beständen der Schweizer Armee. Ebenfalls zum Einsatz kommen Infrarotgeräte und die Telemetrietechnik, bei der grössere Vögel mit einem kleinen Radiosender ausgerüstet und über Satellit verfolgt werden können. Bekanntestes Beispiel ist die Störchin Max, die diesen Winter in Südspanien ver brachte. Seit einigen Jahren zeigen sich beim Vogelzug neue Phänomene.Viele Forscher, so auch Felix Liechti, schreiben diese dem Klimawandel zu. Manche Vogelarten, die früher zu den typischen Wandervögeln gehörten, ziehen immer später weg oder werden standorttreu. Manche ziehen im Winter gar in die grossen Städte, wo es für sie ein gutes Nahrungsangebot gibt, wie beispielsweise der Star. Die schweizerischen Stare ziehen immer weniger in den Süden, und die holländischen, die früher im durch den Golfstrom erwärmten Südengland den Winter verbrachten, bleiben nun plötzlich in Amsterdam oder Utrecht, wo sich Anwohner teilweise mit zentimeterdicken Kotablagerungen in ihrem Hinterhof konfrontiert sehen. Diese Veränderungen scheinen sehr schnell vor sich zu gehen, und Felix Liechti beobachtet sie mit wachsender Beunruhigung. «Vögel spielen für das ökologische Gleichgewicht eine wichtige Rolle. So vertilgen alleine die Zugvögel für die Vorbereitung auf die Saharaüberquerung im Herbst im Mittelmeerraum rund 35000 Tonnen an Insekten. Mit unserem bruchstückhaften Wissen können wir nur erahnen, wie sich das weltweite Netzwerk der Zugvögel verändern wird, und es ist noch vollständig offen, wie sich das auf unsere Lebensräume auswirkt. »

Feedback