Vom Bildschirm an den Fels Videos beschleunigen Wiederholungen

Dank Youtube und Vimeo kann sich heute jeder an­schauen, wie man ein schwieriges Boulderproblem knackt. Das Resultat: Noch nie wurden so viele Probleme so schnell wiederholt wie heute.

«From Dirt Grows The Flowers, Chironico» – vor seinem Computer sitzend, tippt Samuel Ometz diese wenigen Wörter in der Suchmaske von Google ein. «Dann klicke ich auf die Option Videos, und schon habe ich alle veröffentlichten Filme von den Kletterern, die diese Linie geklettert haben», erklärt der 21-jährige Walliser. From Dirt Grows The Flowers ist nämlich der Name eines klassischen Boulders (Fb 8c) im Tessin, den Samuel angehen will, sobald er eine Verletzung an einem Finger auskuriert hat.

Zur Vorbereitung schaut er sich die Filme auf Plattformen wie Youtube oder Vimeo an. Genau beobachtet er die Methoden, die die Athleten anwenden, und lässt sich davon inspirieren, wenn er selber am Fuss des Boulders steht. Diese Vorbereitung wird von vielen Kletterern betrieben und könnte einer der Faktoren sein, die die Steigerung des Niveaus beim Bouldern in den letzten Jahren erklären.

Zeit gewinnen

Mit dem Aufkommen der Smartphones hat jeder die Möglichkeit, seine Begehungen zu filmen und ins Internet zu stellen – egal, welches Niveau sie haben. Wer auch einen Versuch starten will, braucht also nur diese Videos zu studieren, die verschiedenen angewandten Methoden zu beobachten und sie dann vor Ort teilweise oder vollständig selbst anzuwenden. «In der Regel probiere ich alle Methoden aus und wähle dann jene, die mir am besten passt. Manchmal mache ich auch eine Mischung», erzählt Samuel. Die Kletterer müssen also nicht mehr die Phase des Methodenstudiums durchlaufen, wenn sie am Fusse eines Boulders stehen. Eine Phase, die oft Stunden in Anspruch nimmt oder gar mehrere Ses­sions. Der Bergführer Jean-Pierre Besse ist ein Walliser Boulderer der ersten Stunde. Er erinnert sich: «Früher gab es keine Möglichkeit, im Voraus an die Lösungen anderer heranzukommen, es sei denn, jemand erklärte sie einem vor Ort. Man verbrachte manchmal einen ganzen Tag auf der Suche nach dem richtigen Zug, den man machen musste. Man schürfte sich die Haut auf, und die Muskeln brannten.»

Von dieser Phase des Ausprobierens befreit, kehren die Athleten heute mit zahlreichen Begehungen in der Tasche von einem Aufenthalt im Ausland zurück, darunter solche im achten Grad. «Für uns war ein Fb-8a-Boulder der Heilige Gral. Heute sind die Jungen nicht nur leistungsfähiger, sondern sie kennen die Lösung auch schon im Voraus. Sie wiederholen daher schnell viele Fb 8a und setzen sie dann im Schwierigkeitsgrad herab», fährt Jean-Pierre ein wenig nostalgisch fort. Er gibt zu, auch einmal der Erleichterung erlegen zu sein, die die Videos auf dem Netz bieten. «Vor zwei Jahren versuchte ich mich zusammen mit einem Freund an einem Boulder in Bishop (USA). Wir mühten uns ab, eine Lösung für die Schlüsselstelle zu finden, und blieben erfolglos. Also schauten wir uns die Begehung eines Kletterers auf dem Internet an. Danach sind wir die Linie sofort geklettert.»

Visualisieren ist lernen

Das Anschauen von Videos biete zwar die Möglichkeit, eine Linie sofort zu klettern, so Jean-Pierre Besse. Die Grenzen würden dadurch aber nicht verschoben. «Diese Kletterer machen die Boulder schneller, aber insgesamt bin ich nicht sicher, ob sich dadurch ihr Niveau verbessert.»

Der Waadtländer Thomas Brunner, Master in Sportmanagement und ebenfalls Kletterer, hat einen anderen Blick auf das Phänomen. Eine Methode in einem Video zur Kenntnis zu nehmen, bedeute zwar eine offensichtliche Abkürzung. Aber beim Beobachten würden viele wichtige Informationen aufgenommen. «Die Züge eines Athleten zu visualisieren und zu entziffern, ob auf Video oder live, ist Teil des Lernprozesses», erklärt Brunner. Als ehemaliger Snowboardprofi orientiere er sich ebenfalls an Videos von anderen Ridern, um besser zu werden.

«Wenn du beobachtest und Versuche machst, entwickelst du dein eigenes Feeling, und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb macht man auch schneller Fortschritte, wenn man etwas mit Leuten unternimmt, die besser sind als man selbst.»

Der Charme des Nachdenkens

Das Anschauen von Videos hilft den Boulderfans also, mehr Linien in weniger Zeit zu klettern und ihre Technik weiterzuentwickeln. Allerdings nehme dieses Phänomen dem Bouldern auch einen Teil des Charmes, meint Jean-Pierre Besse. «Auch wenn ich es einmal gemacht habe, ziehe ich es vor, mich nicht daran zu gewöhnen, die Lösungen für eine Linie anzuschauen, bevor ich sie nicht einmal selbst probiert habe. Ich finde es schöner, wenn man die Lösungen selbst findet.» Dieser Ansicht ist auch Samuel Ometz. Er schätze es, wenn er vor einem wenig begangenen Boulder stehe und die Lösung nicht kenne. Deshalb wird das Nachdenken am Fuss eines Boulders noch lange nicht von der Bildfläche verschwinden.

Rotpunkt, Flash und Onsight

Beim Klettern unterscheidet man drei Arten, wie eine Route oder ein Boulder gemeistert werden kann. Die Schwierigkeit hängt von der Art der Herangehensweise ab.

Rotpunkt: Der Kletterer erreicht das Ziel nach mehreren Versuchen. Er hatte also Gelegenheit, die Schlüsselstellen auszupro-bieren.

Flash: Der Kletterer klettert die Route in einem Zug im ersten ­Anlauf, allerdings nachdem er ­Videos gesehen oder Informationen eingeholt hat.

Onsight: Der Kletterer ist auf Anhieb im ersten Versuch erfolgreich; im Voraus kennt er nur die Schwierigkeitsbewertung.

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