Vom Erhalt der Heimat zum Klimaschutz

Mit der Gründung des Nationalparks vor 100 Jahren wurde der Schutz der unberührten Natur zum ersten Mal in einem Bundesgesetz verankert. Seither haben sich die Vorstellungen vom Naturschutz stark verändert.

«Möge über unserm Vaterlande ein hoher freier Sinn walten, der ihm seine Naturheiligthümer, das Schönste, was es neben seiner republikanischen Freiheit besitzt, bewahre.» Mit diesen Worten wandte sich das «Centralcomite» des SAC «an die hohen Regierungen der eidgenössischen Stände Schaffhausen und Zürich». Man schrieb das Jahr 1887, der Rheinfall drohte ein erstes Mal der Wasserkraftnutzung zum Opfer zu fallen. Das rief den eben erst gegründeten SAC auf den Plan – «ein Verein, den die Liebe zur Natur geschaffen hat», wie es im selben Schreiben heisst. Damit kein Zweifel an der richtigen Gesinnung der Alpinisten aufkam, betonte das Comité zugleich, dass man «eine große Anzahl Industrieller, Techniker, Kaufleute, Gelehrter» in seiner Mitte habe, welche «alle eine Hebung der schweizerischen Industrie gerne unterstützen». Allerdings sei ihnen die «Natur in ihrem Werthe für des Menschen Geist und Herz» in diesem Falle wichtiger.

Heimat bewahren

Romantische Begeisterung für die Natur, Patriotismus, Erhalt der Heimat – solche Werte waren typisch für den frühen Naturschutz. Getragen wurde er von einem durch und durch bürgerlichen Milieu. Nicht zufällig erfolgte die Gründung des Schweizerischen Nationalparks am 1. August 1914. Ähnliche Vorstellungen schwangen auch bei der Ausscheidung der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung mit, für die sich der SAC in den 1960er-Jahren massgeblich einsetzte.

Mit dem Fortschritt der Forschung und dem gesellschaftlichen Wandel veränderten sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Ziele des Naturschutzes. Es ging nicht mehr allein um spektakuläre Naturdenkmäler und bedrohte Tiere. Nun wollte man vernetzte Ökosysteme schützen und ihre natürliche Dynamik zulassen. Es entstanden neue Schutzgebiete: Auen, Trockenwiesen oder Moore wurden unter Schutz gestellt, Bäche renaturiert.

Mit der verstärkten globalen Erwärmung setzte sich die Umweltbewegung seit den 1990er-Jahren neue Ziele: Nun sollten nicht mehr nur lokale Ökosysteme, sondern das globale Klima gerettet werden. Die Forderung: weniger fossile Brennstoffe, mehr Energie aus Sonne, Wind und Wasser. Plötzlich machten sich Umweltschützer für den Bau von Staumauern stark – und das auch in eigentlich bereits als schützenswert eingestuften Landschaften.

Gleichzeitig zieht der Bergsportboom neue Konfliktlinien. So sieht sich etwa der SAC, der sich traditionell für den Naturschutz im Alpenraum stark macht, verstärkt mit Begehungsverboten konfrontiert – und wehrt sich gegen weitere Unterschutzstellungen, etwa bei Wildruhezonen.

Die verschiedenen Vorstellungen vom Schutz der Natur sind nicht leicht unter einen Hut zu bringen. Kein Wunder, ist 100 Jahre nach der Gründung des ersten und einzigen Na­tionalparks der Schweiz das Thema Naturschutz brisanter denn je.

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