Vom Kosmos des Bergsteigers

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VON HERMANN KORNACHER, MÜNCHEN

Es mag vielleicht mancher als vergebliche Liebesmüh ansehen, in einer Zeit, in der sich die Extreme auch auf bergsteigerischem Gebiet nicht nur nicht mehr zu berühren, sondern geradezu auseinanderzustreben scheinen, in einer Zeit also der zunehmenden Spezialisierung, die Einheit im Bergsteigen zu beschwören. Sie droht auseinanderzubrechen. Und zwar nicht erst seit gestern. ( Wer das nicht wahrhaben will, verschliesst seine Augen vor den Zeichen der Zeit. ) Bergwanderer, sogenannte Extreme, alpiner Mittelstand, Skibergsteiger, gehören sie noch, wie die blutsverwandten Mitglieder einer Familie, zusammen oder sind sie als Kinder einer modern sein wollenden Zeit schon auf dem besten Wege, sich zu verselbständigen? Gibt es denn überhaupt noch ein Band, das alle diese Richtungen eint und auch zusammenhalten könnte?

Da wäre einmal der Berg selber. Denn was wären alle die Bergsteiger ohne ihre Berge? Und Berg ist Berg, ob er nun 8888 Meter hoch ist oder nur 888. Klettereien sechsten Grades gibt es am einen wie am andern. Aber darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf das, was wir von diesem Berg mit heimbringen: « Es ist nicht die Hauptsache, wieviele schwierige und schwierigste Bergfahrten wir nach Hause bringen, sondern wieviele schöne und erfüllte Stunden wir in den Bergen erleben. » Diese Worte fand ich als Eingangsmotto im Tourenbuch eines der erfolgreichsten jungen Bergsteiger der letzten Jahre, der sich nicht nur im Bereich des sechsten Grades zu Hause fühlte, sondern - es war der gleiche Menschdann und wann auch auf harmloseren Vorbergen anzutreffen war. Dieser eine Satz bringt klar genug zum Ausdruck, was die Bergsteiger aller Richtungen und Schattierungen eint. Oder was sie wenigstens einigen könnte, wenn, ja wenn sie nur nicht immer nach den andern schielten und ihr eigenes Tun nach dem ausrichteten, was die anderen treiben.

Bergsteigen aber, in welcher Form es auch zutage treten mag, ist doch immer eine ganz persönliche Angelegenheit. Ein Tun, das ausschliesslich das eigene Ich angeht und im Grunde keinerlei Beziehung zum andern hat, auch wenn es beispielsweise der Seilzweite sein sollte, mit dem man doch durch das Seil auf Gedeih und Verderb verbunden ist. Darum kann es auch nie der ruhm-sichernde Rekord sein, der Bergsteiger veranlasst, Schwierigstes zu vollbringen; eher noch ist es doch die Freude an der persönlichen Höchstleistung. Die innere Einstellung entscheidet. Nicht was wir erleben, macht unser Schicksal - auch das Schicksal am Berg - aus, sondern wie wir empfinden, was wir erleben. Die Stärke des Eindrucks aber hängt keineswegs von den Schwierigkeiten und Gefahren des Aufstiegs ab; sie steht vielmehr in engem Zusammenhang mit der seelischen Empfänglichkeit des Betreffenden.

Der « Weg nach innen » - wie man ihn genannt hat - ist ein durchaus gangbarer Weg, und alle könnten ihn gehen, die Bergwanderer, die Angehörigen des alpinen Mittelstandes und die Vertreter der schärferen Richtung im Bergsteigen. Es könnte sogar sein, dass eines Tages diejenigen Unrecht behalten, die behauptet haben, der Kampf gegen die Radikalisierung der alpinen Strömungen sei ein von vorneherein vergebliches Beginnen. Auf der anderen Seite braucht ja der seit der Jahrhundertwende einsetzende Prozess der Auflösung der Einheit im Bergsteigen - falls sie in diesem Sinne überhaupt einmal vorhanden war - nicht als schlechthin negativ hingestellt zu werden. Man kann diesen Vorgang ebensogut als « Lockerung » oder « Lösung von alten, über-kommenden Bindungen » bezeichnen. Und das wäre etwas, was man sogar begrüssen könnte. So gesehen ist der Alpinismus zu einem Abbild unserer Zeit und ihrer Gesellschaft geworden. Wer wollte leugnen, dass eben diese moderne Gesellschaft durchaus noch Werte kennt, die einen Zusammenhalt gewährleisten, wie etwa Familie, Staat, Religionsgemeinschaft, Sprache und Kunst?

Es ist aber in diesem Zusammenhang immer gerne der bergsteigerischen Jugend der Vorwurf gemacht worden - und wird auch heute wieder erhoben -, dass sie es sei, die das Gemeinsame im Bergsteigen in zunehmendem Masse vernachlässige, ja ignoriere. Sie allein trage die Schuld daran, dass die grosse Gemeinschaft der Bergsteiger heutzutage aufgespalten sei in Sekten mit und ohne Haken, mit und ohne Gefahr, sportlich und unsportlich. Warum aber wird es gerade der Jugend zum Vorwurf gemacht, wenn sie ihre eigenen Wege geht, wie sie ja schon immer ihre eigenen Wege gegangen ist? Diejenigen, die heute über die Jungen und ihr ( ihnen offensichtlich unbegreifliches ) Tun schimpfen, waren aber doch selber einmal jung, sind selber einmal eigene und neue Wege gegangen. Warum also die Aufregung? Ist es der Neid über die sprunghafte Leistungssteigerung der jungen Kletterer? oder der geheime Groll darüber, dass sie heute in einem Anlauf « Sachen » fertigbringen, die sie damals noch vergeblich versucht haben? Dass heute, was die Kletterfertigkeit anbelangt, die Jungen in einem Jahr so weit sind wie sie früher vielleicht in zehn und mehr langen, erfahrungsreichen Jahren? Die Zeiten sind nun einmal vorbei, in denen ein Bergsteiger ohne systematischen, jahrelangen Werdegang unter Anleitung grosser « alpiner Lehrmeister » undenkbar war. Es liegt im Wesen unserer Zeit, dass die Jugend grösstenteils auf dem Wege über den um seiner selbst willen betriebenen Klettersport in das Bergsteigerische hineinwächst. Sie kommt weithin erst über das Leistungserlebnis zum Bergerlebnis. Und wenn dabei manchmal über das Ziel hinausgeschossen wird, so ist das nicht allzu tragisch zu nehmen. Es hat nur den Anschein, als habe diese Jugend offenbar die Freiheit verloren, etwas Beschauliches zu unternehmen, als fühle sie sich gezwungen, schwierige Wände zu durchklettern. Dabei ist es ja nur die Flucht vor dem bohrenden Intellekt in ein Reich echten Lebens und Erlebens. Die Folge ist natürlich, dass die jungen Bergsteiger von heute bewusst Abstand halten von einem allzu literarisch angehauchten Alpinismus und daher auch mit Verachtung, ja Spott belegen, was zum Teil nur noch krampfhaft hochgehaltene Tradition ist. Die Jugend von heute - und nicht nur siemöchte in Spannung leben. Nicht wenige unter den jungen Bergsteigern « leiden am zahmgewordenen Dasein » ( Lammer ). Da ist es kaum zu vermeiden, dass manches von dieser ursprünglichen, reinen Erlebnisfreude überlagert, ja getrübt wird vom Wettbewerbsstreben, vom Zwang, einen einmal erworbenen kletter-sportlichen Ruf zumindest ein paar Jahre lang erfolgreich verteidigen zu müssen. Indem die Tat in den Vordergrund rückt, muss die blumige Alpwiese zurücktreten, über die man schreitet, ohne dass damit gesagt wäre, dass man sie übersehen hätte, dass man ihr überhaupt nichts mehr abgewinnen könne. Unbewusst jedoch hört selbst der extreme Kletterer, auch wenn er nicht davon spricht, die feineren, zarten Stimmen der Natur. Im Laufe der Jahre gewinnen sie womöglich sogar die Oberhand, so dass sich unmerklich eine Art Metamorphose vollzieht vom Nurkletterer zum reiferen Bergsteiger, für den die Einheit im Bergsteigen eine Wirklichkeit ist. Andere, die diese Metamorphose, diesen Reifeprozess nicht durchmachen, stumpfen nach wenigen Jahren ab. Denn « der Geschmack an den Bergen wird durch ständige schwerste Klettereien gründlich verdorben » ( Nieberl ). Die meisten unter den Jungen werden jedenfalls bald von selber darauf kommen, dass es sich nicht darum handelt, etwa bis zum Ende des dritten Jahrzehnts maximale Leistungen zu vollbringen, sondern bis ins hohe Alter hinein bergfreudig und vor allem auch noch einigermassen leistungsfähig zu bleiben.

Es wäre also ungerecht, die junge Bergsteigergeneration zu verurteilen, ohne den ehrlichen Versuch gemacht zu haben, ihre Beweggründe zu verstehen. Es liegt an den Älteren, die notwendige Geduld aufzubringen oder gar den ersten Schritt auf diese Jugend hin zu tun. Wer Zeit hat von ihnen, abzuwarten, der wird in den meisten diese unmerkliche Wandlung sich vollziehen sehen. Einer der Jungen - freilich nicht mehr ganz jungen - hat es für alle Kameraden von der « schärferen Fakultät » vor noch nicht allzu langer Zeit ausgesprochen: « Was verkrampft war an sportlichem Geltungsdrang löst sich, und unser Denken kommt aus dem engen Bannkreis der Nur-Wände, Griffe und Haken heraus, in den man sich oft unbewusst hineinsuggeriert. Immer stärker empfinden wir dafür das Bild der verlassenen Alpen. Andere Werte als nur der VI. Grad bekommen wieder Gewicht für uns, andere Lebensziele - reifere - schieben sich vor » ( Hias Rebitsch ).

Für jeden Bergsteiger kommt einmal die Zeit, in der die Ernte jener mehr klettersportlich ausgerichteten Jahre anhebt, in der ihn auch der Zauber der Waldregion in ihren Bann zu schlagen vermag, Blumen, Gemsen, Vogelruf mit Bewusstsein aufgenommen werden. Dann werden Pflanzen und Steine zu reden anheben, er wird die Sprache des Windes und den Zug der Wolken, die Zeichen der Sterne, die Stimmen und Fährten der Tiere verstehen lernen. Und die Harmonie des unendlich Kleinen mit dem unendlich Grossen in der Bergnatur wird ihm ( überstrahlt von einer kraftvollen Ruhe ) zum inneren Erlebnis werden. Jetzt wird für ihn auch der geheimnisvolle Kosmos des Bergsteigers durchschaubar, er wird für ihn Wirklichkeit werden. Denn der - aus dem Griechischen kommende - Begriff « Kosmos » umfasst alles, was im Horizont des Menschen liegt. Kosmos bedeutet also Weltbild, Zusammenwirken der sinnlichen und der übersinnlichen Welt, persönliche Lebensart, Dichtung, Kunst, Wissenschaft, Naturerleben, Glauben. Der Kosmos des Bergsteigers umfasst dies alles im Bezug auf den Berg, auf die Berge in ihrer Gesamtheit, in all ihren mannigfachen Erscheinungsformen. Kosmos heisst zugleich aber auch: Ordnung, schönes Gefüge. Der Ton liegt hier also auf dem, was die sonst in ihrer Vielzahl unübersehbaren Erscheinungen in einen sinnvollen Zusammenhang bringt, weil doch jedes Glied mit jedem zusammenhängt und doch nur am Einzelnen das Ganze gezeigt werden kann, am Mikrokosmos der Makrokosmos.

So gesehen ist das Bergsteigen jeden Schwierigkeitsgrades durchaus ein Weg, die zerrissen scheinende Einheit der Natur wieder zu entdecken, eine Möglichkeit über unsere Gespaltenheit und innere Zerrissenheit hinwegzukommen. Überhaupt ist ja das Ziel allen Bergsteigens der bessere, der harmonische, der in sich selbst ausgeglichene Mensch. Und dieses Ziel lässt sich nicht gleich in den ersten Jahren erreichen. Es ist an den Älteren, Erfahreneren, Gereifteren, der Jugend den richtigen Weg zu zeigen. Nicht durch viel Worte, durch Nörgeln und Schimpfen, sondern durch Vorbild, dadurch, dass sie es selber besser machen, dass sie Geduld haben und - das Wichtigste! -Toleranz üben. Damit, dass sie sich grollend auf ihren Altenteil zurückziehen und im übrigen die Jugend eben so weiterwursteln lassen, ist es nicht getan. Und mimosenhafte Empfindlichkeit ist hier auch nicht am Platze.Vergessen wir doch nicht: eine der feinsten Blüten des Alpinismus ist die Kameradschaft. Um eine Stufe höher steht die Gemeinschaft. Damit ist nun nicht herden-mässiges Bergwandern gemeint, sondern im Ziel gleich, im Weg vielleicht verschieden: schöpferische Zusammenarbeit von Menschen, die sich achten und verstehen lernten.

Das bergsteigerische Ideal freilich, die Verkörperung des Bergsteigerkosmos in einem einzigen Menschen wird sich nie ganz erreichen lassen. Den Bergsteiger, der den sechsten Grad einwandfrei beherrscht, nicht nur im Klettergarten, sondern auch an den Bergen der Welt, der in der Lage ist, an Himalaya-Expeditionen teilzunehmen und an naturkundlichen Wanderungen im Vorgebirge, der Blumen kennt, Steine und Tiere, der auch in den winterlich verschneiten Bergen zu Hause ist und gleicherweise auf der glatten Rennstrecke, der zu erzählen weiss und zu schreiben, der die Literatur kennt und in der Geschichte Bescheid weiss, der in der alpinen Kunst einigermassen beschlagen ist und in der Volkskunde, dieses Ideal gibt es nicht. Aber anzustreben wäre es doch. Die alpine Geschichte, auch der jüngsten Vergangenheit, kennt Bergsteigerpersönlichkeiten, die diesem Ideal in mancher Hinsicht doch nahe gekommen sind. Ihnen gelang und gelingt es immer noch, das Gegensätzliche zusammenzubinden, Dissonanzen auch wieder aufzulösen zur Schönheit innerer Harmonie. In ihnen verträgt sich durchaus die Freude am Wagen, am schweren Vollbringen mit dem Behagen am kontemplativen Sichversenken in die Schönheit, in den Kosmos der sie umgebenden Bergwelt. Sie beweisen durch ihr Tun, ja schon durch ihr Dasein und Sosein, dass das Problem « extrem » einerseits und « gemässigt » andererseits wahrscheinlich nur an den Schreibtischen sich zum unlösbaren Problem ausgewachsen hat.

Der Alpinismus, besser gesagt: das Bergsteigen ist wie ein fruchtbarer Boden, auf dem die verschiedensten Pflanzen wachsen und gedeihen. Auch neue werden sich hier ansiedeln, alte sich weiterentwickeln oder verändern. Wer weiss, was uns in diesem Kosmos noch alles « blüht », denn am Ende sind wir noch lange nicht!

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