Vom Lucendro nach Engelberg: eine Innerschweizer Haute Route

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Von Willy Furter

Mit 3 Bildern ( 116—118 ) ( Zürich ) Lucendro-Rotondohütte Schon senkt sich die Sonne gegen die höchsten Spitzen der Galenstock-kette. Drunten auf Oberstaffel pirschen sich die Schatten aus den Westhängen näher und näher an die Baracken heran. Noch einmal drehen wir uns auf dem sonnenumfluteten Gipfel des Piz Lucendro nach allen Richtungen, schauen von den Kämmen und Graten der Spitzberge und des Winterstocks bis zu den weiten Firnfeldern des Basodino hinüber, dann wenden wir uns zur ersten Fahrt talwärts. Die Bretter klirren über den harten, verwehten Hang gegen die Iwerber Lücke, und wir schwingen uns dann am abendlichen Sonnenhang zurück nach Oberstaffel.

Wohl kostet der Weiteraufstieg zur Rotondohütte noch einige Mühen; denn es war schon ein weiter Weg von Realp durchs Wyttenwassertal hinauf nach Oberstaffel und zum Gipfel des Lucendro, und die schweren Rucksäcke taten noch das Ihre! Es mögen wohl die Kobolde gewesen sein, die uns heute mittag kurz oberhalb Realp mit ihren Tritten auf eine angebliche Abkürzung in die steilen, mit Stauden bewachsenen Hänge unter dem Orsirora verleiteten und so mit allerhand Liebenswürdigkeiten bedachten. Wie wir nun nach der letzten Kehre der nahen Hütte zustreben, umhaucht drüben am Lucendro ein letztes Leuchten den stolzen Scheitel.

Leckihorn-Blauberg-Bielenlücke-Albert-Heim-Hütte Ein neuer goldener Bergmorgen geleitet uns über die weiten Firnhänge hinauf zum Leckipass. Nach einem kurzen Schneebuckel liegen bald auch die wenigen Felsstufen zum Gipfel des Leckihorns unter uns. In wilder Schönheit wuchtet drüben der verzackte Piz Rotondo empor, den die abschüssigen Schneeflanken und die zerrissenen Schatten noch unnahbarer erscheinen lassen. Über dem Tessin liegt eine Nebelschicht, vor der sich die Pyramide des Lucendro prächtig im Gegenlicht abhebt.

Unbeschreiblich herrlich ist die Abfahrt vom Leckipass auf dem gefrorenen Muttengletscher. Wie im Traum gleiten wir dahin, und jeder kostet die weiten Hänge auf seine Art. Doch bald steigen wir wieder im Gleichschritt unter der brennenden Sonne talein- und -aufwärts gegen den Blauberg, ziehen vorsichtig unsere Spur an der linken Flanke des grossen Kessels durch den schweren Schnee. In einigem Abstand umgehen wir die aufragenden Gipfelfelsen nach rechts. Kaum sind wir alle drei glücklich aus der Fallinie der Felsköpfe, so poltert hinter uns ein mächtiger Block über unsere Spur, so dass der nasse Schnee hoch aufspritzt.

Auf den apern Felsen am Gipfel des Blauberges machen wir Rast. Es ist Mittag geworden. Diese köstliche Ruhe und Einsamkeit! Man möchte liegen bleiben und in den blauen Himmel hinaufträumen. Es ist, als ob die verkrampften Nerven sich lösten und entspannten und neue Kraft sie durchpulse. Ein Kristallpalast — ein Meer funkelnder Diamanten — weit bis ins Unendliche ein Gleissen, ein Glitzern und Glänzen — ein Märchen-paradies... Nur zu bald ist auch dieses Träumen vorbei; denn auch hier ist des Bleibens nicht lange.Vorsichtig umfahren wir die Felsen und wenden uns den grossen Hängen entlang hinüber zum Furkapass. Die Hotels sind noch geschlossen, und auch die Baracken haben ihren Winterschlaf noch nicht ausgeträumt.

Über weite Flächen, über Hügel und durch Mulden zieht unsere einsame Spur unter dem Galengrat gegen den Siedeingletscher hinauf. Gedankenverloren bummeln wir dahin, als plötzlich — einem grossen Schneeball gleich — vor uns ein Schneehase aufschreckt und in wilden Sprüngen, sich fast über-rollend, das Weite sucht. Der Osterhase! Denn morgen ist Ostern!

Zugegeben: die Bielenlücke hat es uns nicht leicht gemacht! Nasser, schwerer Schnee und eine hochsommerliche Bruthitze. Aber wie wir nun alle drei oben in der Lücke stehen, sind wir uns auf einmal wieder vollkommen einig — dass auch hier herauf der direkte Weg der steilste ist!

Wer ahnte den Tiefblick von dem südlich der Lücke gelegenen Kleinen Bielenhorn ins Urserental! Steil steigen die Granitblöcke im Süden von der Stellialp auf.

Die Schatten haben die Firnmulde gegen den Tiefengletscher hinunter schon wieder erstarren lassen. Aber unten in der Gletschermulde liegt noch abendliches Sonnengold, durch welches wir in weiten Bogen die Albert-Heim-Hütte erreichen.

Alpligenlücke-Lochberg-Göscheneralp-Kehlenalphütte Schon liegt die Hütte in der Morgensonne. Nach kurzer Abfahrt zwischen den Hüttenfelsen und den südlichen Ausläufern des Winterstocks ziehen wir über die schillernde, wellige Fläche steil hinauf zum Schneecouloir, das sich noch im Schattenhang durch die Felsen emporzwängt bis zum sonnigen Plateau der Alpligenlücke. Im Treppenschritt schieben wir uns noch ein kurzes Stück auf dem harten Schnee in die steiler und steiler werdende Runse hinein. Wir schultern die Bretter, und Hans übernimmt es, bis zur Lücke eine Stufenleiter zu schlagen...

Nur zu schnell stehen wir dann wieder in der weiten Mulde zwischen Blaubergstock und Lochberg. Dem Lochberg gilt unser ostersonntäglicher Besuch. Sonntag — Sonnentag, im wahrsten Sinne des Wortes! In langen, steilen Kehren steigen wir auf dem Alpligengletscher bergwärts. Vom Gipfel des Lochberges fällt der Westgrat steil hinunter zur Winterlücke, und majestätisch hebt sich hinter Winterstock und Tiefenstock der Nordostgrat und die mächtige Firnhaube des Galenstockes vom Blau des Himmels ab. Gleich einem Hauch umwebt eine kleine Wolke den Gipfel. Wo lässt sich das Wunder der Auferstehung wohl tiefer erahnen als in der Stille und Einsamkeit dieses Bergmorgens? Die Abfahrt geht im gleissenden Weiss der Göscheneralp entgegen. Der ideale Schnee in den oberen Hängen wird jedoch mit zunehmender Tiefe schwerer und schwerer, und die Tücken verdeckter Löcher und Steine machen uns zu schaffen.

Irgendwo musste hier auf der Göscheneralp ein Steg über die junge Reuss zur Kirche und den paar Häusern führen. Doch auch der direkte Weg — samt den Ski an den Füssen — führt zum Ziel. Die warme Sonne hat dann auf der kleinen Terrasse vor der Wirtschaft unsere Strümpfe wieder getrocknet...

Gegen Abend suchen wir den Weg durch den Schneemorast gegen das Hotel Dammagletscher. Der Frühling hat dem harten Regiment des Winters schon arg zugesetzt. Wir erfahren von neuem, dass auch die besten Schuhe nur bis ans obere Ende des Schaftes gegen Schneewasser schützen...

Sprudelnd suchen weiter hinten im Tal die Wasser der Reuss ihren Weg durch Schnee, Gestrüpp und Gestein. Bald umhaucht die abendliche Sonne nur noch die höchsten Zacken und Zinnen. Der Hang, an dem jetzt der Weg steil hinaufzickzackt, ist schon schneefrei. Ein kühler Wind bewegt die dürren Grashalme, die unter Schnee und Eis den rauhen Winter überdauerten.

Noch vor Einbruch der Nacht nimmt uns die gastliche Kehlenalphütte auf. Und einmal mehr lässt uns einen Augenblick über seinen Sinn nachdenken, was in grossern Lettern an einem Balken des grossen Hüttenraumes sich hinzieht: « Gott gab die Zeit — Von Eile hat er nichts gesagt. » Gwächtcnhorn-Sustenhorn-Sustenpass-Sustlihütte Der Morgen sieht uns erst mit geschulterten Ski und dann gleitend bergwärts ziehen. Der rauhe, hartgefrorene Firn bildet selbst an den steilsten Hängen ideale Bedingungen für die Steigfelle.

Wir sind gut im Zug, und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen finden uns schon in der obersten Mulde unterhalb der Sustenlimmi. Weit dehnt sich das Hochplateau vom Sustenhorn zum Gwächtenhorn, von der Limmi bis hinüber, wo es allmählich gegen den Steingletscher sich senkt.

Es lockt und drängt uns gipfelwärts, dem Gwächtenhorn entgegen. Schon legt eine Gruppe, die von der nahen Tierberglihütte aufgestiegen war, ihre Schwünge in die weiten Hänge. Hauchgleich verliert sich hinter den Fahrern eine schillernde Schneefahne im Blau des Himmels.

Wir bummeln über den Gipfelkamm und staunen und staunen zu all den verschneiten Gipfeln und Kämmen und Graten hinüber, zu den tausend Spitzen der Berner Alpen und der Walliser Viertausender. Doch nur zu bald stehen wir wieder unten im weiten Kessel und wenden uns gegen das Sustenhorn, dessen Flanke gegen uns unheimlich steil abzufeilen scheint.

Das Herz jauchzt, während wir fast übermütig direkt zum Sattel ansteigen. Kurz unterhalb des Gipfels begegnen wir einem Abfahrenden, dem ein kleiner Hund in wilden, lustigen Sprüngen bellend das Geleite gibt!

Auf einmal wird der Blick frei zum Fleckistock im Osten und zu den Türmen des Salbitschyns über dem Voralptal. Schon grüsst der Lucendro weit aus dem Süden. Noch einmal winken wir hinüber, suchen mit den Augen unserer Fahrt zu folgen, durch das Labyrinth des Gipfelmeers bis hier herauf zum Gipfel des Sustenhorns.

Herrlich das Gleiten und Schwingen in den steilen Hängen und weit hinaus über die Fläche zur Sustenlimmi!

Unsere Weiterfahrt geht gegen den Steingletscher. In weiten Schwüngen ziehen wir hinunter zum ersten Plateau, folgen dann ein kurzes Stück einer Spur gegen die nahe Tierberglihütte und drehen dann nach rechts, wo sich der Gletscher der Westflanke des Sustenhorns entlang hinunterzieht.

Gern hätten wir auch den Tierbergen noch einen Besuch abgestattet, deren Hänge so verlockend zu uns herübergrüssen; doch reicht dazu unsere Zeit nicht mehr.

Überwältigend ist auch diese Bergrunde. Und schon furchen die Bretter tief durch den schweren Schnee; denn die Mittagsonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Und jeder hat wohl mehr oder weniger mit den Tücken des feuchten Elements Bekanntschaft gemacht. Im letzten Stück fängt der Schnee gar noch zu kleben an! Doch bald ist die Fahrt zu Ende und es bleibt uns ein heisser Aufstieg vom Steingletscher hinauf zur Passhöhe des Susten! Kein Windhauch weht, und uns dünkt, wir schritten durch hochsommerliche Hitze bergan.

Noch ist die Strasse meterhoch mit Schnee bedeckt. Nur der oberste Rand des Tunnelbogens ist schneefrei. Auf dem apern Gestein ganz oben am Pass beim kleinen Seelein aus Schmelzwasser halten wir Siesta. Über den Berner Alpen steht eine dunkle Wolkenwand, während wir noch im Sonnenleuchten liegen.

Eine Strecke weit geht unsere Fahrt ins Meiental hinein, bis wir den Steilhang gegen die Strasse hinunter queren. Tückische Schneerutsche lösen sich unter unseren Ski, als wir zum letzten kleinen Schuss gegen die Strassen-terrasse ansetzen.

Über Buckel und durch kleine Mulden folgen wir der Spur in leichtem Gefälle, machen getreulich die Windungen der Strasse mit, die sich an der steilen Flanke unter Felswänden und über kleine Tobel hinzieht.

Draussen bei Meien, so dünkt es uns von weitem, hat schon der Frühling Einzug gehalten. Doch unsere Abfahrt wird bei der Wegerhütte unterbrochen, und wieder furchen wir durch den tiefen nassen Schnee bergwärts in das kleine Seitental und Zickzacken vorsichtig über den Felskopf hinauf.

Von der Strasse her folgt ein Einzelgänger gemächlich unserer Spur. Es ist der Meiringer, dessen Bekanntschaft wir am Sustenhorn drüben gemacht haben und der nun, nachdem er seine Kameradin ein Stück talaus begleitet hat, mit uns die Tour fortsetzen wird. Auch ihm hat dieser Aufstieg zur Sustlihütte zu schaffen gemacht. Aber er hat den Humor nicht verloren; denn wie er nun als letzter ankommt, kriecht er auf allen vieren, die Ski an den Händen, zur Türe herein...

Wir sind allein in der kleinen Hütte, die einer grösseren weichen musste.

Wasser holen, Feuer machen — und wieder einmal grosse Wäsche! Zum Nachtessen, das Hans nach allen Regeln der Kunst zusammengebraut, erscheinen wir jedenfalls wie neu geboren.

Draussen ist es Nacht geworden. Die Flasche, die Ernst hier heraufgebuckelt hat und deren Hals schon bei seinem Erscheinen verräterisch und verheissungsvoll zum Rucksack herausguckte, erscheint auf dem Plan.

Beim Schein der heimeligen Petrollampe lässt sich gemütlich plaudern, und mancher Gedanke, der den einen oder andern beschäftigt, macht sich frei. Von fernen Ländern erzählt Ernst, aus denen er nach acht Jahren für ein paar Monate wieder in die Schweiz gekommen ist. Erinnerungen von vielen längst vergangenen Fahrten durch Schattentäler hinauf zu den Sonnenbergen werden wieder wach, und auf der Karte, die vor uns ausgebreitet auf dem Tische liegt, zieht schon der Wunschtraum neue Spuren.

So sehr sind wir ins Gespräch vertieft, dass wir erst jetzt die tausend schwarzen Flocken Lampenruss bemerken, die umherfliegen und sich überall ablagern, wo nur irgendwie eine Möglichkeit besteht. Nach kurzem Reine-machen ziehen wir uns auf die « Etage » zurück.

Grassen-Engelberg Ein seltsames, nach Regen klingendes Geräusch weckt uns in der Morgenfrühe. Mit einem Mal scheint das Wetter umgeschlagen zu haben. Mit zunehmender Tageshelle hat es zu regnen aufgehört, doch an den Fünffingerstöcken droht graues Gewölk.

Im Gleichschritt steigen wir durch den regennassen Schnee. Noch einmal winkt die verschlossene Hütte zu uns herauf. Ein leiser Sonnenglanz liegt gar für eine Weile auf deren Dach. Wir queren schräg ansteigend den steilen, etwas unsicheren Hang und gelangen über Bänder groben Gesteins hinaus auf die Weite, die sich vom Sattel zwischen Grassen und den Wichelplanktürmen herabzieht.

Rauh fegt der Wind über den Grat, und kalt glotzen die Wichelplank-türme uns an, da wir nach anderthalb Stunden Aufstieg am Grassen die Ski für die Abfahrt rüsten.

Nochmals einen Gruss hinüber zu den Bergen, von denen wir gekommen sind, und dann gleiten wir gegen die dunkle, mit Eis und Schnee durchsetzte Wand des Titlis, wenden uns in weitem Bogen nach rechts, erst vorsichtig tastend im windgepressten Schnee, dann etwas kühner im weicher werdenden Hange. Wie nun gar der Himmel zu blauen beginnt und Sonne dieweiten steilen Halden überzieht, ist die Freude wieder vollkommen. Wir fahren und drehen und stemmen, und gelegentlich stolpert einer. Ist es die Tücke des Schnees, oder sind es vielleicht die Ski, oder gar die etwas müde gewordenen Beine?

Auf einem schneefreien weiten Buckel, einer kleinen Kanzel gleich, zwischen Alpenrosenstauden und Krokus, wo Winter und Frühling sich die Hände reichen, liegen wir in der Sonne und kommen uns wie Könige vor inmitten dieser Herrlichkeit.

Dann: ein Gewirr von Stauden und ein paar mit Steinen gespickte enge Schneerunsen — und auf einmal ist die Fahrt endgültig zu Ende.

Durch steilen Tannenbestand klettern wir über Moos, Wurzeln und morsche Baumstrünke über Felsbänder hinunter und steigen durch Schuttrunsen und Gestrüpp hinaus auf die grüne Sonnenwiese. Tausend Schnee-glöcklein recken sich dem Licht entgegen, das golden herniederfliesst. Das graue Gewölk, das ab und zu schattengleich über die Berge zog, ist verflogen. Wir bummeln in den Frühling! Ja, in diesen fünf wundersamen Tagen, die uns über die weissen Berge geleiteten, ist es im Tal Frühling geworden! Tausend und aber tausend Blüten sind aufgegangen und haben das Tal, das sich hinaus nach Stansstad zum blauen See zieht, festtäglich geschmückt. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus, lange, lange nicht.

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