Von der Halle an den Fels «Sportklettern draussen ist anders»

Früher gab es keine Kletterhallen, man lernte am Fels alles aufs Mal. Heute lernen viele in der Halle klettern. Wer von dort den Schritt nach draussen wagen will, braucht zusätzliches Rüstzeug. Genau das vermittelt eine Westschweizer Bergführerin mit viel Charme.

Die Borgne gurgelt in ihrem felsigen Bachbett durch die Schlucht und versprüht eine angenehme Kühle. Nicht weit vom Ufer entfernt spricht Bergführerin Nicole Grange Berthod mit einer jungen Frau, die mit Klettergurt und Seil neben einem Baum steht. «Die Schlinge um den Baumstamm wäre jetzt dein Stand», erklärt Nicole. «Was machst du als Erstes, wenn du zum Stand kommst?» Mia, die Kletterin, weiss Bescheid. Sie hat im Kurs gut aufgepasst und zeigt der Bergführerin, wie sie sich als Erstes selbst sichert, dann das Seil ausfädelt und sich wieder einbindet. Seilhandhabung ist ein wichtiger Bestandteil des dreitägigen Kletterkurses «Sportklettern draussen ist anders». Früher seien die meisten Menschen, die sich fürs Klettern interessierten, in erster Linie draussen unterwegs gewesen und hätten die Kletterhallen daneben oft eher für Trainingszwecke genutzt, sagt Nicole. Heute gebe es immer mehr Leute, die indoor mit dem Klettern beginnen würden und sich erst später ins Gelände wagten. «Das ist natürlich nicht ganz dasselbe», sagt sie. Der SAC-Kurs vermittelt deshalb das nötige Rüstzeug, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den Sprung nach draussen fit zu machen.

Draussen eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten

Mia muss bei den verschiedenen Handgriffen immer mal wieder überlegen, insgesamt ist sie aber mit dem, was sie gelernt hat, zufrieden. «Das braucht ja auch alles Übung», sagt sie, die bisher mit ihrem Partner Marco nur in der Halle geklettert ist. Beide finden, der Weg nach draussen eröffne ihnen völlig neue Möglichkeiten. Irgendwann, so hoffen sie, seien sie technisch genug versiert, um eine richtige Klettertour im Fels unternehmen zu können. Auch Roger und Christian, die sich seit 32 Jahren kennen und bereits länger klettern, halten es für wichtig, Seilhandhabung und Technik stets zu wiederholen. «Es ist toll, Neues zu lernen, und obendrein trifft man auch mal wieder andere Menschen», sagt Christian. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – alle aus der Deutschschweiz – ist der dreitägige Kurs nicht nur ein technisches Fresh-up, sondern auch ein willkommener Kulturaustausch. Nicole und ihre Kollegin, die Kletterlehrerin Virginie Crettenand, geben den Kurs zwar auf Deutsch, sie sind aber beide in der Umgebung von Sion aufgewachsen, nicht weit vom Klettergebiet Bramois an der Borgne entfernt. Wer gerne sein Französisch auspackt, holt sich bei Nicole und Virginie deshalb zusätzliche Sympathie. Die zwei Frauen lieben es, ihren Schülern die Umgebung näherzubringen und vermitteln neben der Kletterlehre gerne Tipps zu lohnenden Kletterzielen in der Romandie.

«Wenn es schön aussieht, ist es richtig!»

Unterdessen ist die Gruppe in einen anderen Sektor des Klettergartens gewandert. Hier steht bei Virginie eine Lektion zur Klettertechnik an. Auch dafür sind anderes Know-how und grössere Kreativität als in der Halle gefragt, weil eine Route nicht einfach mit farbigen Griffen vorgegeben ist. Die Felsneulinge sind angehalten, sich wie ein Wolf zu bewegen, will heissen, sich mit den Augen einen Weg durch die Felswand zu suchen und die Füsse ergonomisch einzusetzen. «Versucht», erklärt Virginie, «die Füsse in einer Linie zu bewegen, in kleinen Schritten und nicht breitbeinig.» Sie zeigt, wie das am Fels aussieht. «Macht einen Plan, wo es hingehen soll», fordert sie, «und wenn alles in einem stabilen Viereck steht, macht ihr Pause – und atmet durch!» Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versuchen, die neuen Inputs umzusetzen, bewegen sich langsam aufwärts, probieren, mal nur mit einem oder zwei Fingern zu klettern, oder fliegen am Seil mit weit geöffneten Armen abwärts. Zwischendurch gibt es Feedback von Virginie, die geduldig und charmant auf Verbesserungsmöglichkeiten hinweist und immer wieder lachend ihr Credo verbreitet: «Wenn es schön aussieht, ist es richtig!»

Techniken lernen, um am Fels vorwärtszukommen

Virginie und Nicole unterrichten nach der Caruso-Methode. Diese Klettertechnik ist nach dem italienischen Bergführer Paolo Caruso benannt. Das Wichtigste dabei ist, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Plan und Techniken zu vermitteln, mit denen sie am Fels vorwärtskommen. «Früher hiess es immer, man sei fürs Klettern gemacht oder eben nicht, das Einzige, was zähle, sei viel zu trainieren», sagt Nicole. «Ich habe nie verstanden, weshalb man in anderen Sportarten verschiedene Techniken lernt, beim Klettern jedoch nicht, als ob Technik nicht wichtig wäre und nur die Muskelkraft zählen würde», fügt sie an. In der Caruso-Methode fanden die Bergführerin und die Kletterlehrerin die nötigen systematischen Hilfsmittel, um einen guten Kletterstil zu fördern. Beide betonen, wie toll es sei, die Dinge endlich erklären zu können und nicht einfach unten zu stehen und zu rufen: «Rauf!» Freude am neu erlangten Rüstzeug haben auch Fränzi und Barbara, zwei Seilpartnerinnen aus Lenzburg, die regelmässig zusammen klettern. Den beiden Frauen hat draussen am Fels bisher das Vertrauen gefehlt. Im Kurs gelingt es Barbara mit jeder Route besser, der Höhenangst etwas entgegenzusetzen. Und Fränzi sagt: «Ich habe vieles bereits umsetzen können: einen Plan machen, richtig aufstehen, pausieren, Energie sparen … Das ist grossartig! Früher hatte ich immer Angst zu stürzen, jetzt kann ich viel besser die Ruhe bewahren und habe auch keine Wadenkrämpfe mehr.»

«Sportklettern draussen ist anders»

Neben der Klettertechnik am Fels wird im Kurs «Sportklettern draussen ist anders» auch ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur gelehrt sowie Wissen über Vogelarten, typische Felsvegetationen oder Felstypen vermittelt. Wenn es die Situation im Zusammenhang mit der Coronapandemie erlaubt, finden diesen Sommer noch je ein Kurs auf Französisch und Deutsch statt:

– 11. bis 14. Juni 2020, Wallis, fr

– 25. bis 28. Juni 2020, Wallis, de

Der Kurs im Mai musste abgesagt werden. Alle Infos zu den Kursen und Anmeldung:

www.sac-cas.ch/de/ausbildung-und-wissen/kurse/

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