Vorgeschichtliche Legenden aus dem «verborgenen Land» Sikkim

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VON B. C. OLSCHAK, ZÜRICH

Mit 1 Zeichnung und 2 Bildern ( 117/118 ) « An den südwestlichen Grenzen ( von Zentral-Tibet ) liegt das verborgene Land, ,Reistal' genannt », so heisst es in alten tibetischen Texten. Sikkim ist wirklich ein « verborgenes Land » und ein fruchtbares « Land der Schluchten », wie es auch treffend bezeichnet wird. Nur 7318 Quadratkilometer gross, liegt es eingebettet inmitten der südlichen Himalayahänge zwischen Nepal im Westen und dem tibetischen Chumbi-Tal im Osten, das sich - als heute chinesisch besetztes Gebiet - wie eine Zunge nach Süden - bis zur sikkimesisch-bhutanesischen Grenze - vorschiebt. Die Wasserscheide der bis über achttausend Meter hoch ragenden Berge ist im Westen, Norden und Osten die politische und natürliche Grenze Sikkims. An dieser Scheidewand der Himalayaketten bricht sich die Gewalt des von Süden kommenden Monsunregens, der das Land so fruchtbar macht, dass es mit Recht auch « Glückliches Land » genannt wird. Es hat einen höheren Lebensstandard als die Nachbargebiete und zog deswegen auch zahlreiche Einwanderer aus Ost-Nepal an. Heute leben an die 170000 Menschen in diesem verschlossenen Himalayaparadies: die neu zugewanderten Nepali, die alten Stämme der Bhutia, die seit dem 15. und 16. Jahrhundert vom « Dach der Welt » kamen und dem Lande den kulturellen Stempel aufgedrückt haben, und schliesslich die Lepcha, die ursprünglichen « Schluch- tenbewohner », deren Überlieferung noch in vorgeschichtliche Zeiten zurückreicht. Sie nennen sich selbst Rong, was « Horn » bedeutet, also eigentlich « Hornleute », ein Name, der mit der Lepcha-Sintflutsage in Zusammenhang gebracht wird, nach der das Lepcha-Ahnenpaar auf dem Berge Tendong, d.h.« Erhobenes Horn » ( Tun-rong ), vor den steigenden Fluten Zuflucht gefunden haben soll. Diese Lepcha beschreiben auch Sikkim, ihre Heimat, treffend: « Das Land der Quellen ( wo die Flüsse entspringen ) ist voll der Schneeberge, das Tiefland ( im Süden ) ist ein dichter, dunkler Wald, das Mittelland besteht aus steilen Abgründen... » In einem tibetischen Blockdruck, einem « Führer zu den heiligen Stätten des verborgenen Reis-landes », heisst es: « In längst vergangenen Zeiten wurde dieses Verborgene Land nicht einmal von den heiligen Füssen Buddhas betreten. Die Höhlen waren unbegehbar und umgeben von dichten, tiefen Wäldern. Im allgemeinen war das ganze Land nur von schwarzgesichtigen Affen bewohnt. Die tiefen Schluchten, die felsigen Abgründe, die kahlen wasserüberströmten Ufer und Tausende von Grotten, nur durch unpassierbare Hohlwege verbunden, sind die fremdartigen und furchterregenden Wohnstätten von Dämonen und Kobolden gewesen. Deswegen konnte auch kein menschliches Wesen dort Land halten. » Dass man Ureinwohner, die anders aussehen, eine andere Sprache sprechen und fremde Götter und Geister verehren, als Affen und Dämonen bezeichnet, entspricht einer weltweiten Tradition der meisten alten Texte. « Aller Fortschritt, der das Land bewohnbar machte, wurde von jenen vollbracht, die - nachdem sie vom Grossen Guru ( Padmasambhava, um 800 n.Chr .) gesegnet worden waren - die Lehre des Buddha verbreitet hatten. » Zu dieser Zeit sollen - der Legende nach - Padmasambhava mit seiner tibetischen Gattin Karchen, Prinzen, indischen Weisen und tibetischen Übersetzern der buddhistischen Sanskrittexte « ihre heiligen Füsse auf den roten Felsen von Tashiding gesetzt haben »: dorthin wo -Jahrhunderte später - das grosse Gömpa Tashiding, das « Kloster höchsten Glücks », im Westen Sikkims, erbaut werden konnte. « Mit wunderbarer Kraft und religiöser Versenkung zähmten sie ( die ersten aus Tibet kommenden Buddhisten ) die heidnischen Götter und Dämonen, die ihre eigene Kraft verloren und durch strengen Befehl gebunden wurden. » In unzähligen Legenden wird überliefert, wie die bedrohlichen heidnischen Geister von den buddhistischen Bekehrern bezwungen und durch Eid verpflichtet wurden, nunmehr nur noch als « Verteidiger der Religion » und « Wächter der Lehre » zu wirken: « Auf diese Art wurde die heilige Lehre beschützt und die verborgenen Schätze ( der buddhistischen Schriften ) konnten in Sikkim standhaft bewahrt werden. » - So heisst es im Ta-she-sung, den in die Lepcha-Sprache übersetzten Legenden von Padmasambhava: « Was für einen Halt hast du im Zeitpunkt des Todes, ausgenommen dein heisses Verlangen und deinen Wunsch nach Tugend und Re-ligionUnter den Bewohnern der Oberfläche dieser Erde gibt es keinen, der nicht dem Tode verfallen wäre. » « Wenn ein Mensch stirbt, wird sein Atem zu Wind, sein Blut zu Wasser, sein Fleisch zu Erde, seine Knochen zu Stein und Holz und sein Geist zu einem Schatten. » Hier schimmert noch altes schamanistisches Gedankengut durch. Die Legenden von der ersten Berührung mit dem Buddhismus haben jedoch einen geschichtlichen Kern. Es wird angenommen, dass Padmasambhava, der Vertreter des Diamantfahrzeuges aus Uddyana, der nach Tibet berufen worden war, um dort die antibuddhistischen heidnischen Widerstände zu bekämpfen, bei seiner Rückreise auch sikkimesischen Boden betreten hat. Die eigentliche Bekehrung fand aber erst unter den Bhutia-Königen des Geschlechtes der Namgyal - ab dem 17. Jahrhundert - statt. Die buddhistischen Priester richteten sich nach dem legendären Vorbild des « Grossen Guru ». Padmasambhavas « Fussspuren » werden heute noch an Pilgerorten gezeigt und die Legenden von dem Sieg über böse Dämonen und ihrer Verpflichtung als « Beschützer der Religion » erzählt. Religionsgeschichtlich betrachtet zeigt sich dabei der « Lotusgeborene », der als zweiter Buddha in Sikkim verehrt wird, als kluger Religionspolitiker, der die - seit urdenklichen Zeiten - im Volksglauben lebendigen Götter zwar besiegte, aber gleichzeitig als Verteidiger der neuen Lehre verpflichtete und damit dem populären Volksglauben erhielt. Es sind jene für den fremden Betrachter oft so erschreckend wirkenden grimmigen Göttergestalten mit gefletschten Zähnen, Totenkopf kronen und Schlangenschmuck; in ihrer Funktion als treue Kämpfer für die friedliche Lehre haben sie jedoch für den frommen Betrachter etwas Beruhigendes, richtet sich ihr schrecklicher Aspekt doch nur gegen die Feinde der Religion.

Auch Opferzeremonien, die sich gegen Abwendung von Übel richteten, wurden übernommen, dabei aber die einst blutigen Opfer in unblutige verwandelt und durch Attrappen - aus Teig oder Holz - ersetzt. Auf diese Weise schrumpfte das berühmte Opfer eines « Schwarzen Yak mit weisser Ferse » in ein Yakherz aus Teig zusammen Zu einer der ältesten überlebenden Zeremonien dürfte das Hirschopfer bzw. der Hirschtanz ( Sa-ving kup zuk-lung ) gehören. In einem Lepcha-Ritus, der manchmal durchgeführt wurde, wenn es galt, böse Geister aus einem kranken Menschen auszutreiben, wurde - wenn man dazu eine Figur eines Hirsches anfertigte - auch getanzt. Wie sehr Hirsch-zeremonien einst unter der vorbuddhistischen, dem Bon-Glauben anhängenden Bevölkerung in den Himalayaländern und in Tibet verbreitet gewesen sein müssen, geht aus tibetischen Texten hervor, die den endgültigen Sieg des Buddhismus und die Verbannung der Bon-po-Priester aus Zentral-Tibet schildern. Auch damals wurden alte Riten in gewandelter Form mit Ersatzopfern aufrechterhalten. In der tibetischen Biographie des Padmasambhava heisst es: « Für Bon-Riten, soweit sie sich mit der Abwendung unmittelbar bevorstehenden Übels befassten, liess man sie hölzerne Köpfe von Hirschen mit breitem Geweih ( sha-va-rva-rgyas ) und Abbilder von Yaks und Schafen aus Ge-treidebrei herstellen. » Die Zeremonie des « Hirsches mit dem breiten Geweih » gehörte in Tibet -mit hölzernen Nachbildungen - zu den überlebenden Bräuchen. Es wurden auch mit Hirschgeweih gekrönte Fadenkreuze gemacht. « Wenn man das Auftreten von bösen Unglücksfällen befürchtet... soll man Fadenkreuze mit Hirschgeweih anfertigen. » Die im ganzen ehemals schamanistischen Gebiet verbreiteten Fadenkreuze sind auch in Sikkim als « Geisterfallen », in deren Netzen sich die Unglücksbringer verfangen sollen, ein Symbol der Vorzeit.

Eine typische Dämonenzähmungslegende wird aus dem Norden Sikkims berichtet, aus Chungthang, wo sich die Flüsse Lachen und Lachung treffen. Auf einem Felsen, neben einem kleinen Kloster, wird die « Fussspur des Grossen Guru » an jener Stelle gezeigt, wo er die Einwohner von einer Dämonenplage befreit haben soll. Er schoss die Dämonin durch den Rücken und hängte sie auf eine Felsenklippe hoch über dem Fluss auf. Die Dämonenleiche verweste jedoch nicht, baumelte unheilverkündend und verwittert über dem Orte, und - so heisst es - jedesmal, wenn dem Lande ein Unheil droht, schüttelt sich die grauhaarige Gespenstergestalt und sprüht Staubregen in das Tal hinab. So soll es immer sein, wenn feindliche Kräfte das Land bedrohen... Die Lepcha kennen auch die Überlieferung des bei uns unter seinem Sherpa-Namen bekannten « Yeti ». In der Lepcha-Sprache heisst er einfach « Berggeist » ( Lo-mung ) oder « Schneegeist » ( Chung-mung ) und wird als Jagdgott und Herr des Rotwildes angesehen. Alle beschreiben ihn ungefähr gleich als übergrosse, affenartige Erscheinung, die - auf der Suche nach salzigen Moosen - Fussspuren auf den Schneefeldern hinterlässt. Die Lepcha behaupten, dass dieser harmlose und scheue Schneegeist nahezu ausgestorben sei, dass ihn aber noch einer ihrer - verstorbenen - Vorfahren gesehen habe.

Schamanistischer Glaube, in dem die ganze Natur durch Geister und Götter lebendig wird, schimmert durch alte Landschaftsnamen hindurch, die sich teilweise erhalten haben. Die Legende von der « Hochzeit der Flüsse », der beiden Hauptströme Sikkims, des Rangit und der Tista, erklingt heute noch bei Hochzeitsliedern im fröhlichen Zwiegesang, in der klangvollen Lepcha-Sprache Rong-ring. Der Abschlussvers des Mädchens lautet:

« Du, Junge, dem Flusse Rangit gleichend, und ich, die ich bin wie das Wasser der Tista, dass wir zusammentreffen, dies war der Wille des Schöpfers. » Und die Knabenstimme antwortet:

« Nun, da wir beide vereint sind, wollen wir gemeinsam eilen, um im tiefen Meere nach Türkisen und Perlen zu suchen. » Von wandernden Lepcha-Barden, den Mun-thyang, verbreitet, haben sich auch Legenden aus der « Zeit der Ahnen » erhalten, die uns bis jetzt leider nur in Andeutungen erhalten sind. Die Abstammung wird meist von den Berggöttern der Kangchenjunga-Gruppe abgeleitet und von lieblichen Regenbogenfeen. Es wird aber auch geheimnisvoll von Mu-yel erzählt, von einem Gletscherlande weit nördlich des Kangchenjunga, dessen höchster Gipfel Pyung-pang Song-chuk heisst und von wo aus die Lepchas nach Sikkim gekommen sein sollen. Rum-lyang ist das « Land der Götter » und Rum-zong Pa-no der « König der Götter », der den Menschen Waffen, den Ban ( das Lepcha-Messer ) und Bogen und Pfeil, gab, und sie lehrte, Fische zu schiessen. Na-li Pun-di, seine Gattin, zeigte den Frauen die Kunst des Webens und die häuslichen Pflichten, lehrte ihnen das Anpflanzen und gab ihnen denBan-hur, das sichelartige kleine Messer, das nur von Frauen getragen wird. Die berühmten Lepcha-Messer gibt es in verschiedensten Arten: Ban ist das lange Messer in offener Scheide und wird von den Männern an der Seite getragen; Ban-ka-lel ist ein kleiner, gebogener Ban; Ban-kup ist das « Junge vom Ban », ein kleines Messer; der Ban-pok hat eine eckige Spitze; und der Ban-a-gun ist scheidenlos. Der Sung-ban ist schliesslich der gefederte Pfeil.

Einige Namen von alten Königen sind erhalten. Tur-ve soll der erste gewesen sein. « Wenn ein Meteor ( Hang-la ) vom Himmel fällt, wird der König sterben », heisst es, und die Lepcha glauben, dass der führende Lebensgeist ( Mung-lung ) des Königs durch den Knall der Explosion eines Me-teors die Auflösung anzeigt: wenn die zugeteilte Lebensspanne, die Lebenskraft ( Ma-rum ) aufgebraucht ist, wird der Mensch sterben. Als der Stamm der Grosskönige ( Pa-no titn-bo ) der Lepcha ausstarb, da schlössen sie sich - in durch Jahrhunderte bewährter Treue und Blutsbrüderschaft -dem Bhutia-Fürsten an und wählten ihn zu ihrem König. Seine Nachkommen sind noch heute Könige von Sikkim.

Alte Lepcha-Sprichwörter geben Einblick in Lebensregeln, die unerbittlich sind, wie zum Beispiel: « Wir dürfen nur von uns selbst abhängig sein. Jeder Mensch ist verantwortlich für seine eigenen Handlungen. Niemand erfährt Parteilichkeit, jedermann erhält, entsprechend seinen Wünschen, Gutes für seine guten Eigenschaften, Schlechtes für Schlechtes. » - Es geht auch um Politik: « Wenn ein Minister und die Beamten nicht übereinstimmen, so ist das ( bildlich gesprochen ), wie wenn man die geteilten Haarsträhnen ( eines Zopfes, der zusammengeflochten werden soll ) anspannt. » Es gibt auch ein Sprichwort, das betont, dass man die Grossen niemals zur Verantwortung ziehen kann: « Wenn man im feuergleichen Wetter verbrennt oder untergeht in Regenwassern, wer ist dann da, den man verantwortlich machen kann? » - « Eine nicht begossene Pflanze wird selbstverständlich ein- gehen », heisst es bei den pflanzenkundigen Ureinwohnern, die ansonsten viel zur Massigkeit mahnen. Auch das sikkimesische Nationalgetränk wird nicht geschont: « Wenn du zuviel Hirsebier trinkst, verfällst du seinem Einfluss... » - Auch die Moral wird nicht vergessen: « Wenn ein Mann Ehebruch betreibt, wird das Kind unter dem Einfluss böser Geister leiden. » « Diese Welt ist ein Land der Sünde », heisst es, und böse Geister lauern überall, die Böses zufügen und zu Bösem verführen: « Höre daher auf deinen guten Schutzgeist, er wird dich warnen, bevor du eine Sünde be-gehst. » Und in der Anrede und in der Verabschiedung klingt immer wieder die Beziehung zu den alten Naturgeistern auf: « Möge dein Name so berühmt werden wie derjenige der Flüsse Rangit und Tista. » - « Möge dein Name so berühmt werden wie ein Gletscher! » G.B. Mainwaring: Dictionary of the Lepcha-Language ( Berlin 1898 ); weitere Literaturangaben in: C. Olschak: Sikkim - Himalajastaat zwischen Gletschern und Dschungeln ( Zürich 1965 ), Sikkim - Götterberge und Landschaftsnamen ( in: « Berge der Welt », Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung, Zürich 1965 ).

Text aus dem Tashesung, den aus dem Tibetischen in die Lepcha-Sprache übersetzten « Legenden des Padmasambhava », des « Grossen Guru », der die heidnischen Dämonen zähmte ( Skizze oben nach E. Schlagintweit « Le Bouddhisme », Paris 1881; Text nach G.B. Mainwaring s. u. Literaturangaben ).

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