Vulkane des südchilenischen Seengebiets

600 Kilometer südlich von Santiago de Chile sind wir nahe beim südlichen Ende der beinahe 6000 Kilometer langen Kette von Vulkanen, die sich von Kolumbien (Nevado del Ruiz – Vulkankatastrophe 1985 mit 25 000 Todesopfern – vgl. Lit. [1]) über Ecuador, Peru und Bolivien bis nach Südchile erstreckt. Manche von ihnen erreichen mehr als 6000 m Höhe, der Ojos del Salado an der nördlichen chilenisch-argentinischen Grenze ist mit 6880 m sogar der höchste Vulkan der Erde. Hier im Süden Chiles erreichen die Gipfel nur noch Höhen von unter 4000 Metern, einige gehören aber zu den aktivsten der Erde. Der südlichste aktive Vulkan dieser Kette ist der Hudson, der 1991 riesige Mengen von Asche ausschleu-derte, die in weiten Teilen Südargentiniens und sogar auf den Falklandinseln niedergingen. Im Folgenden beschränken wir uns auf den gut erschlossenen Andenabschnitt zwischen den Vulkanen Llaima und Calbuco.

Wie ein Bilderbuch liegt die gewalttätige Vergangenheit des Llaima am Ufer des Rio Truful-Truful beim Eingang zum Parque Nacional Conguillio vor uns: Verschieden-farbige Asche- und Lapillischichten1 wurden bei zahllosen Eruptionen nacheinander abgelagert. Durch die Erosion des Flusses bildete sich eine Schlucht, an deren Wänden die Schichten prächtig aufgeschlossen sind. Die vulkanischen Ablagerungen am Rio Truful-Truful sind alle im Holozän entstanden, also nicht älter als 14000 Jahre, und bezeugen verheerende explosive Ausbrüche. Manche von ihnen wurden durch Glutlawinen2 gebildet. Die unterste besteht aus basaltisch-andesitischen Ignimbriten (durch Hitze verschweisste Aschemassen). Auf der Welt gibt es nur wenige Vulkane, die solches Material hervorgebracht haben, und es dürfte wohl im Zusammenhang mit dem Kollaps einer Caldera vor rund 13200 Jahren (Unsicherheit ±200 Jahre) stehen bei einem Gesamtvolumen von unglaublichen 24 Kubikkilometern! Das äusserste Ende dieser Glutlawine reichte bis kurz vor die heutige Stadt Temuco, die immerhin 75 km vom Vulkangipfel entfernt liegt.

Millionen von Tonnen Asche und Lapilli gingen bei den letzten Ausbrüchen des Llaima an seiner Ostflanke auch auf die wunderschönen Araukarienwälder nieder. Die widerstandsfähigen, immergrünen Koniferen scheinen aber allerhand überstehen zu können: Während gebietsweise das Unterholz, Kräuter und Gräser fehlen, wachsen die urtümlich anmutenden, prachtvollen Bäume unbeirrt weiter. Obwohl echte Überlebenskünstlerin-nen, stossen auch Araukarien an ihre Grenzen: Lavaströme haben sich vomVulkan in breiten Fronten talwärts ergossen und alles niedergewalzt, was ihnen in den Weg kam. An manchen Stellen stauten sie im Talgrund fliessende Gewässer auf. So entstanden die Laguna Verde («grüner See»), die grosse Laguna Conguillio und die winzige, aber wunderschöne Laguna Arco Iris («Regenbogensee»). Wie Denkmäler vergangener Zeiten stehen darin blanke Baumstämme, Reste ehemaliger Araukarienwälder, die von den neuen Seen überflutet wurden. Bei der aussergewöhnlichen Dürre, die zur Zeit unserer Reise herrschtzum Leidwesen der Bauern und der gleichzeitigen Freude der Touristen –, können beim extrem tiefenWasserstand in den Seen die Geisterwälder besonders gut beobachtet werden. Durch die Wechsellagerungen von widerstandsfähigen, basaltischen Lavaströmen und weicherer Asche entstanden auch Wasserfälle. Der Salto del Rio Truful-Truful ist zwar nur einer der klei-neren,sicher aber einer der schönsten im südchilenischen Seengebiet.

Einmal einen Vulkan besteigen! Da sich schon so viele diesen Wunsch mit schlechtem Schuhwerk und in Unkenntnis der Gefahren von Gletscherspalten und Ausbrüchen erfüllten, hat die Nationalparkverwaltung reagiert: Der Zutritt ist gewöhnlich Sterblichen untersagt, ausser sie können sich mittels eines amtlichen Dokuments über die Mitgliedschaft bei einem nationalen Alpenclub ausweisen.

In Ermangelung von Pickel und Steigeisen schliesse ich mich einer geführten Exkursion auf den Villarrica an,was sich in der Folge als vielschichtiges Erlebnis erweist. Die beiden alpintechnisch offensichtlich ausgezeichnet ausgebildeten Führer schaffen es, alle 17 Schutzbefohlenen auf den Gipfel zu hieven, trotz mangelnder Kenntnisse, Kondition und Ausrüstung bei drei Viertel der Gruppe! Unsägliche Qualen müssen jene Teilnehmer ausgestanden haben, die den Aufstieg in geborgten Plastikschuhen machten. Nachmittags um 15 Uhr erreichen wir als erstevon etwa einem Dutzend geführter Gruppen den Kraterrand.

Das Wetter meint es trotz vorgerückter Tageszeit gut mit uns: Bei klarer Sicht geniessen wir den Blick sowohl in den prächtigen Krater als auch auf den fernen Vulkan Lanin. Wie erwartet – und trotzdem enttäuschend – befindet sich der Magmaspiegel so tief im Schlot, dass das Entgasen und Herumschwappen der Gesteinsschmelze nur zu hören, nicht aber zu sehen ist.

Interessant ist dann die Problemlösung des steilen Abstiegs für die ans Flachland gewohnten Villarrica-Bezwinger: Oben am Steilhang wird man in einen tiefen Kanal gesetzt und rutscht auf dem Hosenboden zu Tal,wo man trotz Sturmhose nass ankommt. Da täglich rund 200 bis 400 Personen diese «Abstiegsart» wählen, bleibt die glaziale Rutschbahn bestens erhalten und entwickelt sogar wie ein Gletscherbach schön ausgebildete Mäander. Letztere sind zur Regulierung des Tempos der Rutschenden durchaus erwünscht.

Seit Jahrhunderten beobachten Einheimische und Reisende die Ausbrüche des Villarrica, des zweifelsohne aktivsten Vulkans Chiles. Typisch ist das Wechselspiel von kurzen Ruhephasen ( während denen sich die Tätigkeit auf ruhiges Entgasen beschränkt ), Perioden mittelstarker magmatischer Tätigkeit (mit einem Lavasee und kleineren strombolianischen Ausbrüchen im Gipfelkrater) und grösseren Ausbrüchen (wie 1948/49, 1963/64, 1971/72 und letztmals 1984/85). Als basaltisch-andesitischer Vulkan hat der Villarrica in historischer Zeit keine gewaltigen Explosionen verursacht, die – im Stil des Mount St. Helens oder weitaus schlimmer des Pinatubo – alles in ihrer Umgebung zerstört hätten. Schäden und auch Todesopfer gab es vor allem als Folge von Laharen. 3

Der Villarrica ist ein Paradebeispiel eines Vulkans im Spannungsfeld von Nutzung und Gefährdung: Der « Andinismus » bringt Devisen nach Villarrica und Pucón – wenn der Krater nachts rötlich glüht, wollen die Besucher erst recht auf den Berg hinaufsteigen – und sichert Dutzende von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig spielt man aber fast buchstäblich mit dem Feuer, da die Aktivität nur mit sehr bescheidenen Mitteln überwacht wird,sodass das Risiko von Unfällen mit zunehmender Besucherzahl wächst.

Weshalb gibt es in den Anden überhaupt so viele tätige Vulkane? Schon im letzten Jahrhundert beschäftigten sich die Erdwissenschaftler mit der Erkenntnis, dass die südamerikanische Ost- und die afrikanische Westküste wie Teile eines Puzzles zusammenpassen. 1912 formulierte der deutsche Meteorologe und Geophysiker Alfred Wegener die Theorie der Kontinentalverschiebung, nach der die beiden Kontinente ursprünglich Teile einer weitaus grösseren Landmasse ( Gondwanaland ) waren, auseinander brachen und langsam aber sicher in entgegengesetzte Richtungen davondrifteten. Obwohl Wegener verschiedene geologische Indizien für seine Theorie anführen konnte, dauerte es bis in die Sechzigerjahre – also lange über seinen Tod im Jahr 1930 hinaus –, bis seine revolutionären Ideen von der Fachwelt allgemein akzeptiert wurden.

Was zu Wegeners Zeit unvorstellbar war, ist heute bewiesen: Mitten im Atlantik entsteht neue Erdkruste (vgl. Fig. 1 und 2, S. 23). Entlang des mittelatlantischen Rückens, einer Nahtstelle zwischen der Südamerikani-schen und der Afrikanischen Platte 4, füllen Vulkane die durch das Auseinanderdriften der Platten entstehende Lücke immer wieder auf. Pro Jahr werden hier zwei bis vier Zentimeter Kruste gebildet, pro einer Million Jahre – eine geologisch kurze Zeit – 20 bis 40 Kilometer! Sogar noch schneller ist die Krustenspreizung entlang des so genannten Ostpazifischen Rückens: Hier entstehen jährlich sogar 9 bis 18 Zentimeter neue Kruste. Somit bewegt sich die Nasca-Platte zwangsläufig entgegengesetzt zur südamerikanischen, und es kommt zu einer gewaltigen Kollision, deren augenfälligste Konsequenz das junge Gebirge der Anden ist.

Erdbeben sind in den Andenländern an der Tagesordnung. Reisende in Chile oder Peru können fast mit Sicherheit damit rechnen, mindestens einmal ein Erdbeben zu verspüren. Am 22. Mai 1960 wurde Südchile von mehreren Erdbeben mit Stärken von bis 8,5 auf der Richterskala heimgesucht. Nach offiziellen Angaben wurden damals 660 Menschen getötet, 717 weitere blieben für immer vermisst.

Damals sanken Teile Südchiles durch die Erschütterung um bis zu zwei Meter ab, wie der berühmte französische Erdwissenschaftler Haround Tazieff vor Ort feststellen konnte (Quand la terre tremble, 1962). Die Erschütterung verursachte im Pazifik zudem einen Tsunami, eine Riesenwelle, die in Hawaii und sogar noch in Japan, auf der entgegengesetzten Seite des Pazifischen Ozeans, weitere 100 Tote, 85 Vermisste, 855 Verletzte und 1678 zerstörte Häuser zur Folge hatte.

Seismische Untersuchungen5 zeigen, dass die mittlere Tiefe von Erdbebenherden von der Pazifikküste aus landeinwärts absinkt. Daraus schliesst man, dass die Nasca-Platte gleichsam unter die südamerikanische abtaucht (so genannte «Subduktion»).Vom Ozean her werden marine Sedimentsgesteine sowie eingelagertes Wasser mitgeschleppt. Unter den Anden reiben sich die Platten aneinander. Das Gestein, das sich ohnehin nahe dem Druckschmelzpunkt 6 befindet, wird teilweise verflüssigt, es entsteht Magma. Dieses vermag dank etwas geringerer Dichte langsam hochzusteigen. Dabei schmilzt es auch umge-bendes kontinentales Krustenmaterial (so genannte Assimilation), die chemische Zusammensetzung der Gesteinsschmelze verändert sich.

Manche der aufsteigenden Magmamassen erreichen die Erdoberfläche nie, bleiben stecken und erstarren im Lauf der Jahrmillionen. Sie bilden Plutonite, also Tiefen-gesteinskörper, beispielsweise aus Granit, die im Lauf der Gebirgsbildung gehoben und durch Erosion freigelegt werden können. Im südchilenischen Seengebiet sind viele Felswände aus solidem, zum Klettern einladendem Granit. Schafft das Magma aber den Durchbruch bis zur Erdoberfläche, entstehen Vulkane. Da die Aufenthaltsdauer der Gesteinsschmelze innerhalb der Kruste stark variiert, treten sehr unterschiedliche Laven aus. 7 Je nach Quarz- und Wassergehalt sind sie mehr oder weniger explosiv.

Ende Januar neigt sich unser Aufenthalt im südchilenischen Seengebiet seinem Ende zu. Die letzten Tage verbringen wir am prachtvollen Lago Llanquihue, am grössten See dieser Region. Wie seine nördlichen Nachbarn, so der rundliche Lago Ranco oder der Lago Villarrica, verdankt er seine Existenz der eiszeitlichen Vergletscherung der Südanden.

Ähnlich wie die Alpen erlebten auch die Anden imVer-lauf der letzten beiden Jahrmillionen mehrere Kaltzeiten. Die Gebirgsgletscher stiessen vor, vereinigten sich zu gewaltigen Eisströmen und flossen sowohl west- als auch ostwärts ins Tiefland hinaus. Im Gegensatz zu noch südlicheren Breitenlagen 8 endeten die Gletscherzungen in der letzten Kaltzeit auf der chilenischen Seite allerdings vor der Pazifikküste. Dafür hinterliessen sie ausgedehnte Moränenwälle. Nach dem Rückzug der Gletscher blieben weite Zungenbecken zurück, von denen heute jedes mit einem der landschaftlich so reizvollen Seen gefüllt ist. Am Villarrica endeten noch vor 13 700 Jahren die Gletscherzungen auf 800 m über dem Meeresspiegel, und der Seespiegel des Lago Villarrica war rund 50 Meter höher als heute.

Der Lago Llanquihue ist für uns der schönste der grossen südchilenischen Seen, da sich in ihm der prachtvoll symmetrische, strahlend weiss vergletscherte Vulkan Osorno spiegelt. Zwar hatte der Osorno noch in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts Ausbrüche aus Seitenkratern, jene aus dem Gipfelkrater liegen weiter zurück. Deshalb ist der Gipfel von einer makellosen Eiskalotte bedeckt, was dem Vulkan sein elegantes Aussehen gibt.

Ein letzter Ausflug führt uns der südlichen Basis des Osorno entlang zum Lago Todos los Santos (an «Allerheiligen» von Einwanderern entdeckt). Seine Form erinnert an den Vierwaldstättersee. Im Gegensatz zum Lago Llanquihue ist er aber nicht von einer Endmoräne, sondern von Lavaströmen,die vom Osorno herunterflossen und einen natürlichen,soliden «Staudamm» bildeten, gestaut. Bei normalem Wasserstand tosen an einer besonders markanten Gefällstufe die Wasserfälle Saltos de Petrohue.

Wer nach Argentinien weiterreist, kommt bei gutem Wetter in den Genuss der Aussicht auf den Tronador (3460 m). Mit mehreren Gipfeln sieht dieser Prachtsberg überhaupt nicht wie ein Vulkan aus. Tatsächlich sind bereits seit Jahrtausenden keine Ausbrüche mehr erfolgt, und die Gletscher hatten somit genug Zeit, den Gipfelaufbau und die Flanken des Berges zu zertalen. Einmal mehr wird hier das Wechselspiel der Naturkräfte vor Augen geführt: Wasser und Eis tragen das Gebirge ab. Flüsse befördern den Erosionsschutt meerwärts, wo er zur Bildung neuer Sedimentsgesteine beiträgt. Die Plat-tenkollision führt gleichzeitig zu erneuter Gebirgsbildung und Vulkanismus, neue Berge entstehen. Dieser Kreislauf der Natur spielt sich in Jahrmillionen ab. Die Geschichte der Menschen ist, gemessen an diesen Massstäben, nichts weiter als ein Augenblick.

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