Walliser Wanderung

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

M.R. Glaus, Den Haag ( Holland )

Es ist so weit: Wir lassen die Ebenen Hollands hinter uns und rollen den heimatlichen Gefilden zu und damit auch der Verwirklichung des langgehegten Planes einer längeren Passwanderung in den Walliser Alpen.

Drei Tage später sitzen meine Frau Ellen und ich im Zug nach Brig. Der strahlende Spätjuli-morgen lässt die herbe Schönheit des Rhonetals zur vollen Geltung kommen. Schnell sind wir in Brig, und weiter geht 's im viele Extrawagen führenden und doch von bunten Feriengästen voll besetzten Glacier-Express bis Fiesch, von wo uns schliesslich der Autocar nach Binn bringt.

Wenig hat sich geändert im kleinen Dorf seit unserem letzten Ferienaufenthalt, abgesehen von der Gemischtwarenhandlung, die sich zum Selbstbedienungsladen erweitert hat, und dem grossen, vollbesetzten Parkplatz beim Bach. Bald ist Proviant eingekauft; das grosse Walliser Brot, welches uns während einer Woche Gesellschaft leisten soll, findet zuoberst im getürmten Sack noch eben Platz — und es kann losgehen. Langsam entschwindet Binn hinter uns, während wir in der heissen Mittagssonne talaufwärts streben. Nach einem genussvollen Aufstieg ( 3 Marschstunden ) durch das liebliche Binntal erreichen wir am späteren Nachmittag die Binntalhütte im Oxefeld, aus der eben eine Gruppe der Sektion Uto auszieht, reichlich Platz hinterlassend. Gegen Abend, während wir vor der Hütte bei Suppe und einer Flasche Dôle sitzen, im Blick die im Gegenlicht verschwimmenden Berner Alpen, gibt 's allerdings noch etliche Ankünfte, und bei Lichterlöschen sind wir unser 26, die sich brüderlich in die vorhandenen 16 Schlafplätze teilen.

2. tag Trotz der stark eingeschränkten Bewegungsfreiheit brachte die Nacht einigen Schlaf, und wir begeben uns ausgeruht auf den kurzen Aufstieg zum Albrunpass ( 2409 m ). Nur die Schultern schmerzen unter der ungewohnten Last des Sackes, dessen schmale Lederriemen nicht den Komfort der heutigen breiten und gepolsterten Tragbänder bieten. Der kühle Wind vertreibt uns bald von der Passhöhe auf den Abstieg gegen Süden, ins Valle Dèvero. Die Alpenflora, in voller Blüte, ist reichhaltig, und immer wieder verlangsamen wir unseren Gang, um diesen oder jenen alten « Bekannten » zu bewundern.

Vom hintersten Talgrund verfolgt die knapp sichtbare Wegspur zuerst die gegliederten Höhen und Mulden der linken Talseite und erreicht dann, nach einem kurzen Abstieg, den das linke Ufer des Lago di Dèvero säumenden Hang. Die Landschaft ist äusserst reizvoll, lichter Lärchenwald in einem ungebrochenen Teppich südlich hoher, von Blüten übersäten Alpenrosen. Rechts unter uns der kleine See, der von der blocküber-streuten rechten Talseite abgeschlossen ist durch karge, steile Hänge, die sich gegen oben rasch verlieren in die Felsabstürze des Grates zwischen Albrunpass und Geisspfad. In mühelosem Wandern erreichen wir zuerst den urtümlichen und architektonisch sehr geschlossenen Weiler Crampiolo ( 1767 m ) und dann Ai Ponti in der weiten Ebene am Fusse des Aufstieges zum Geisspfad. Eine Luftseilbahn verbindet Ai Ponti mit dem 600 Meter tiefer gelegenen Goglio - unzweifelhaft die bequemste Art, die Steilstufe, welche die zwei Dörfer trennt, zu überwinden. Ellen stimmt meinem Vorschlag, auf mechanische Hilfsmittel zu verzichten, zu, und weiter geht 's. Der anfänglich be- quem dem Hang entlang führende Waldweg geht allerdings bald in einen steilen, mit groben Pflastersteinen besetzten Weg über - die alte Römerstrasse, die in zahllosen Serpentinen die Höhendifferenz überwindet. Mit schlotternden Knien setzen wir uns schliesslich in Goglio ( 5 Marschstunden ) zur Mittagsrast nieder. Sieben Kilometer Asphaltstrasse trennen uns noch von Baceno im Valle Antigorio, am Ausgang des Valle Dèvero, wo sich die Haltstelle des Busses nach Domodossola befindet. Etwa auf halbem Weg nach Baceno erfüllt sich dann der in Gedanken gehegte Wunsch meiner Frau: Unaufgefordert wird uns der Komfort eines alten Renaults angeboten, dessen Fahrer uns freundlicherweise bis zum Bahnhof von Domodossola bringt. Dort wird mir auch bewusst, dass Italiens Uhren den unsrigen eine Stunde voraus sind und dass wir demzufolge den Bus in Baceno sicherlich verpasst hätten. Immerhin bleibt uns nun reichlich Zeit, in der Hitze des gewittrigen Sommertages zu schwitzen und den regen Ferienverkehr zu betrachten, bevor uns am frühen Abend der Bus durch das Valle Anzasca Macugnaga und einem weichen Hotelbett zuführt.

3. TAG Wir beschliessen, heute ausnahmsweise die moderne Technik nicht zu verschmähen, und verzichten auf den 5stündigen Aufstieg zum Monte Moropass - ein vernünftiger Entschluss, wie wir später feststellen sollten. So schweben wir denn im ersten Bähnli rasch in die Höhe, zusammen mit einer Schar Skifahrer, die unter dem Pass den unteren Teil eines kurzen Skiliftes benützen, um anschliessend über die wenigen Quadratmeter des kümmerlichen Altschnees einige Schwünge zu ziehen. Das Wetter ist leider zweifelhaft, die Passhöhe im Nebel, der die Sicht südwärts und gegen den Monte Rosa verwehrt und uns auch den geplanten Abstecher aufs Joderhorn aufgeben lässt. Bald geht es so auf den verfrühten Abstieg und dann dem See entlang gegen Mattmark.

Nach einem Verpflegungshalt treibt uns das aufziehende und kurz vor Saas Almagell wirklich ausbrechende Gewitter zur Eile an; doch wir erreichen Saas Fee am frühen Nachmittag trockenen Fusses ( 5 Marschstunden ).

Das fehlende Training, verbunden mit dem rapiden Übergang vom Flachland Nordwesteuro-pas in unsere gegenwärtige alpine Umgebung, haben ihre nicht unerwarteten Folgen: In der Apotheke finden sich Salbe und Pflaster für die Behandlung schmerzender Muskeln und wunder Füsse. Ein Stapel zu beschreibender Postkarten -ein ausgezeichnetes Nachtessen - und dann die willkommene lange, traumlose Nacht, die die müden Glieder zu frischem Leben erweckt.

4. tag Der ausgiebige nächtliche Regen hat den Himmel blau gefegt; es ist eine Lust, dem langsam ansteigenden Höhenweg zu folgen, durch den lockeren Lärchenwald, in den die Sonne ein kontrastreiches Gewebe von Licht und Schatten legt. Bald bilden sich leider Wolken um Weissmies und Fletschhorn; aber der stets wechselnde Tiefblick ins Saastal entschädigt für die beeinträchtigte Hö-hensicht. Der Weg führt durch eine weite Mulde auf die Stafelalp und dann durch unwegsames Gelände auf eine Kanzel, von welcher sich plötzlich die Sicht talauswärts öffnet, über Stalden und Visp gegen die Berner Alpen. Der Platz lädt zum Verweilen ein, zum Träumen in dieser Einsamkeit, hoch über den unhörbar der Talstrasse entlang kraxelnden Autos. Doch die Zeit vergeht; wir müssen weiter, gemächlich abwärts jetzt, dem tief eingeschnittenen, schattigen Balfrintal zu. Nördlich des Baches folgt zuerst eine kräftige Gegensteigung und dann die luftige Querung einer Reihe von wilden, steil abfallenden Runsen und felsigen Wänden. Nach dem letzten Wegstück durch wiederum flacheres Gelände sind wir nicht unglücklich, endlich auf der Hannigalp anzukommen. In Musse studieren wir den für morgen geplanten Augstbordpass, bevor wir den kurzen Abstieg nach Grächen antreten ( 6,5 Marschstunden ), um dort mit steifen Beinen ins Postauto nach St. Niklaus, dem heutigen Etappenziel, zu klettern.

Am Abend, retabliert und leiblich gestärkt, wohnen wir im Kreis der Dorfbevölkerung der 1 .August-Feier bei - es gibt Musik, Gesang und eine Ansprache, da und dort auch ein Höhenfeuer, die aber bald verlöschen in der warmen Nacht.

5. tag Der Posthalter weist uns den Weg gegen Jungen und den Augstbordpass, aber seine Bemerkung, acht bis zehn Stunden müssten wir schon rechnen bis Meiden im Turtmanntal, lässt Ellens Stimmungsbarometer bedenklich sinken. Meine Versicherung, dies sei entschieden zuviel, sechs bis acht Stunden wären genügend, vermag die aufkommenden Bedenken gegen den geplanten Übergang wieder zu zerstreuen, und wir nehmen den Aufstieg in Angriff.

Der Tag ist heiss, und das erste steile Stück auf die Alp Jungu zeigt, wie leicht der menschliche Körper Quantitäten scheinbar unnötiger Flüssigkeit in Form von Schweiss verlieren kann. Im dürftigen Schatten einiger Lärchen schalten wir oberhalb Jungen einen ersten Erholungshalt ein und geniessen die Aussicht, in der die Mischabelgruppe eine klare Dominante bildet. Nach weiteren schweisstreibenden Serpentinen erreichen wir dann auf flacherem Weg das Augstbordtälli, auf dessen linker Seite wir eiskalte, der Moräne entspringende Quellen finden, die einen erlabenden Ersatz für die verlorene Körperflüssigkeit bieten.

Die Passscharte rückt näher, und nach einem letzten Aufschwung ist der Blick frei ins Turtmanntal und zum gezackten Grat, der Turtmanntal und Val d' Anniviers trennt und zugleich die Sprachgrenze bildet. Das Wetter hat sich verschlechtert, und es ist kühl, aber weiter unten finden wir doch einen sonnigen Platz, um das lang- sam hart werdende Walliser Brot auszupacken, bevor es Meiden und dem Hotel Schwarzhorn zugeht ( 7 Marschstunden ).

6. tag Nach dem prasselnden Regen von gestern abend ist der heutige, strahlende Tag eine angenehme und unerwartete Überraschung, und frohgemut steigen wir zum Meidpass auf. Unsere Kondition hat sich seit Saas Fee merklich verbessert; wohl sind in den Schuhen noch einige Blasen und wunde Stellen spürbar, aber der Rucksack trägt sich leichter, und die Beinmuskeln schmerzen kaum mehr.

Der schöne Blick in die Runde der das Turtmanntal abschliessenden Berge gebietet einen Feldstecherhalt; leicht neidisch beobachten wir die absteigenden Seilschaften am Bishorn, hinter dem sich der Nordgrat des Weisshorns jäh, in unserem Blickwinkel praktisch senkrecht aufschwingt. Da begnügen wir uns doch lieber mit dem guten Pfad, der am Meidsee vorbei in kurzem Aufstieg auf den Pass führt. Nach einer weiteren ausgiebigen Ausschau, nun hauptsächlich gegen Westen, geht 's durch blumenreiche Alpweiden und bei weiterhin strahlendem, aber zunehmend heissem Wetter nach St.Luc und schliesslich im kurzen und steilen Abstieg nach Vissoie ( 5,5 Marschstunden ), wo unseren staubigen und durstigen Kehlen das kühle Bier zur Wohltat wird.

7. tag Es ist Sonntag, der einzige Tag der Woche, an dem die PTT einen frühen Kurs nach Grimentz führt, der zudem bis an den Lac de Moiry durchfährt, was den vorgesehenen Übergang von Grimentz über den Col de Torrent nach Les Haudères spürbar verkürzt. Vom Stausee führt der angenehme Pfad durch den weiten Kessel der Mon- tagne de Torrent in relativ kurzem Aufstieg zum Pass. Die Sicht gegen Dent Blanche und die Weisshorn-Ober-Gabelhorn-Kette ist noch frei, aber das Wetter verschlechtert sich rapid, und, auf dem Grat angekommen, sind wir erstaunt über die dunklen Wolken, die tief über den Ketten westlich des Val d' Hérens hängen. Im unteren Teil des steilen Abstieges ins Tal fallen die ersten Tropfen, doch das schützende Dach eines Cafés in Villa ist erreicht, bevor der Gewitterregen richtig losbricht. Die Flut ist aber von kurzer Dauer und wird von einer sonnigen Aufhellung abgelöst, die uns Gelegenheit gibt, von Villa über La Sage dem Fussweg nach La Forclaz zu folgen und nach Les Haudères abzusteigen. Der Blick auf die geschlossene Gruppe brauner, gegen das Tal gerichteter Häuser La Forclaz ', die alle im lokalen Stil drei bis vier Stockwerke hoch gebaut sind lohnt den kleinen Umweg. Wir ziehen im Laufschritt in Les Haudères ein ( 4,^ Marschstunden ) und entgehen knapp einem neuen Regenguss, der, wenn auch nur von kurzer Dauer, uns aufden geplanten Aufstieg nach Arolla verzichten lässt; angesichts der dunklen, abermals Regen versprechenden Wolken erscheint es doch sicherer, das Postauto zu benützen.

Eine Anfrage auf dem Führerbüro in Arolla ergibt, dass der für morgen geplante Übergang über den Col Collon ins Valpelline und nach Aosta leider unmöglich ist, da uns ( wir haben weder Seil noch Pickel bei uns ) für die Gletscherpartie ein Führer unerlässlich schiene. Dies würde aber unverhältnismässig viel kosten, weil der Führer, ohne Seilgefährten, nicht auf dem gleichen Weg, sondern über den Grossen St. Bernhard von Aosta zurückkehren müsste. Über einer ausgezeichneten Raclette einigen Ellen und ich uns alsbald auf ein neues Programm: über den Col de Riedmatten ins Val des Dix und nach Le Chargeur am Fusse der Grande Dixence, von wo wir dann per Postauto nach Sitten herunterfahren können. Der anhaltende nächtliche Regen lässt uns momentan allerdings zweifeln, ob uns Petrus zum Abschluss nochmals seine Gunst erweisen werde.

8. TAG Der unerwartet prachtvolle Morgen und der völlig wolkenlose und warme Tag zeigen, dass unsere Zweifel glücklicherweise unbegründet waren. Wir steigen gegen die Montagne d' Arolla und den Col de Riedmatten auf, etwas wehmütig, ist dies doch unser letzter Wandertag. Schade, diese Berge schon wieder verlassen zu müssen, jetzt, in guter physischer Kondition, bei schönstem Wetter und inmitten des lockenden Kranzes der Gipfel um Aroila.

Am Fuss des Pas de Chèvres vorbei, erreichen wir nach cinigcnsteilen Schleifen den Col de Riedmatten. Das herrliche Wetter und die grandiose Sicht auf den Grenzkamm zwischen Zermatt und Arolla sowie die Berge des oberen Val des Dix halten uns lange auf dem stillen Pass fest, so dass es schliesslich zu spät ist für einen Abstecher über die Cabane des Dix. Wir rutschen die steile Runse gegen Westen ab und folgen dem Pfad durch das blockübersäte Gelände, zuerst über Moräne, dann Bergsturzmaterial, bis in die zum See abfallenden, felsdurchsetzten Hänge. Die Flora des offensichtlich wenig begangenen Gebietes ist wiederum sehr reichhaltig, und zur Freude Ellens entdecken wir kräftige Edelweisspflanzen, die so zahlreich sind, dass sie stellenweise im Blumenteppich eindeutig dominieren. Für die Mittagsrast finden wir einen Platz, wo wir von den weissen Sternen umgeben sind, im Blickfeld die in der Sonne gleissende Bergkette vom Mont Blanc de Cheilon zum Mont Fort. Nur ungern verlassen wir diesen wahrhaft himmlischen Logenplatz; doch wir müssen weiter, wollen wir das Postauto nicht verpassen.

Am Ende des Lac des Dix beeindrucken uns der stäubende Wasserstrahl, der mit Druck aus dem Zuleitungsstollen schiesst und in hohem Bogen ins tiefer gelegene Becken fällt, sowie die luftige, unter unseren Tritten federnde Hängebrücke, die gestattet, das westliche Seeufer zu erreichen. Während uns bisher niemand begegnet ist, kreuzen wir nun dem See entlang mehr und mehr Touristen, deren Schuhwerk um so leichter ist, je näher das See-Ende rückt. An der Grande Dixence angekommen ( 5,5 Marschstunden ), bestaunen wir das zyklopische Bauwerk und seine technischen Einrichtungen, die auf grossen Tafeln dargestellt sind, und finden noch Zeit für einen erfrischenden Trunk, bevor uns das Postauto wieder ins Flachland führt.

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