Wandern und Fliegen: Ein Traum wird wahr Geschichte des Gleitschirmfliegens (Teil 3)

Mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken losmarschieren auf eine erfüllende Bergwanderung und zum Dessert gemütlich zu Tal gleiten, so weit der Flügel trägt: Das ist heute dank extrem leichten Gleitschirmausrüstungen möglich. « Back to the Roots » könnte man den neusten Trend in der Gleitschirmszene nennen, erweist er doch den Pionieren die Reverenz.

Ausgelöst wurde die Bewegung durch einen Wettkampf, der 2003 erstmals durchgeführt wurde und seither alle zwei Jahre stattfindet. Teilnehmen können 30 der weltbesten Piloten mit je einem Supporter. Die Rede ist vom Red Bull XAlps. 2009 startete dieses Rennen der Superlative in Salzburg. Ziel: Monte Carlo. Dazwischen lagen fünf Wegpunkte und 818 Kilometer Luftlinie. Die einzigen erlaubten Fortbewegungsmittel sind ein Gleitschirm und die eigenen Füsse. Sieger ist, wer zuerst in Monte Carlo einfliegt. Freunde des freien Fliegens fiebern diesem Anlass in etwa so entgegen, wie ein Fan des runden Leders einer Fussball-WM. Im Vergleich zu unserer Fussballnati schneiden die Schweizer Piloten aber deutlich besser ab. Bei allen vier Ausgaben stand einer von ihnen zuoberst auf dem Podest. 2009 hiess der Sieger Christian « Chrigel » Maurer. Bei seiner ersten Teilnahme verwies er den ebenfalls aus der Schweiz stammenden Alex Hofer, Sieger der letzten beiden Ausgaben, auf den zweiten Platz. Da die Athleten, wenn immer sie nicht fliegen oder gerade mal kurz ruhen, die gesamte Ausrüstung selber tragen müssen, begannen die Hersteller, superleichte Prototypen von Schirmen, Gurtzeugen und Accessoires zu entwickeln. Die Idee, mit einer Leichtausrüstung die beiden beglückenden Tätigkeiten Wandern und Fliegen miteinander zu verbinden, fand bald auch bei einer kleinen Gruppe von Freizeitpiloten Anklang. Einige Hersteller erkannten das Potenzial und brachten unter dem Namen « Hike and Fly » leichte Flugausrüstungen zur Serienreife.

Heute sind praktisch alle Hersteller auf den Zug aufgesprungen und bieten Leicht- und Ultraleichtausrüstungen an. Im Vergleich zu normalen Flugausrüstungen ist das Gewicht so klein, dass damit sogar das Hochwandern Spass macht. Bei den leichtesten Modellen wiegt der Schirm inklusive des als Wendegurtzeug konzipierten Rucksacks gerade mal zwischen fünf und sechs Kilogramm! Vor allem im Spätsommer und im Herbst sieht man viele Gleitschirmpilotinnen und -piloten mit einer solchen Ausrüstung Berge besteigen und ruhige Flüge geniessen. Aber auch im Winter lassen sich die leichten Geräte bestens einsetzen. Denn: Was gibt es Schöneres, als eine Schneeschuhtour abseits übervölkerter Pisten mit einem erholsamen Flug abzuschliessen? Mit dem Schirm in die Steilwände Während sich für die breite Masse neue Dimensionen aufgetan haben, tüftelten die Extremen bereits an neuen Spielarten herum und entwickelten das Base-Jumpen. Base-Jumper springen mit einem nur noch zwei bis drei Kilo schweren Fallschirm von Felsvorsprüngen ab und öffnen den Schirm erst kurz vor dem Bodenkontakt. Daraus wiederum resultierte eine Extremvariante, die man « Climb and Jump » nennen könnte. Sie ist allerdings Ausnahmekönnern vorbehalten. Es sind Spitzenkletterer, die sich physisch und psychisch auf ausserirdisch hohem Niveau und haarscharf an der Grenze des Machbaren bewegen und denen das Restrisiko auf Schritt und Tritt folgt, als wäre es ihr eigener Schatten. Da war zum Beispiel Xavier Bongard, ein lebensfroher junger Mann aus Fribourg, der in der alpinen Szene für seine Big-Wall-Solobegehungen am El Capitan und für sein herausragendes Eiskletterkönnen grosse Anerkennung genoss. Wie Jean-Marc Boivin(2) erlernte auch der knapp 30-jährige Xavier Bongard das Fallschirmspringen und begann sofort nach der Ausbildung mit dem Base-Jumpen, wo er sich bald mit spektakulären Sprüngen einen Namen machte. Und so wie Jean-Marc und einige andere Pioniere, die sich die Grenzen des Machbaren im Alpinismus, in der Fliegerei und im Abenteuer Leben generell nie von anderen definieren liessen, sondern sie immer selber ausloteten, starb Xavier beim Ausüben seiner Leidenschaft. Er kam am 15.April 1994 bei einem Sprung in Lauterbrunnen ums Leben. Man darf vermuten, dass keiner der beiden das Base-Jumpen ausschliesslich erlernte, um seinem sonst schon aufregenden Leben einen weiteren Kick beizufügen. Zieht man die Vielseitigkeit und die Kreativität der beiden Ausnahmeabenteurer in Betracht, so muss man eher davon ausgehen, dass sie einen in die Zukunft weisenden Plan in ihren Köpfen mit sich herumtrugen: die Krönung von Klettertouren in höchsten Schwierigkeitsgraden mit einem Base-Jump. Zwei Tage hinauf, drei Minuten hinunter Eine solche Kombination einer Klettertour in hohem Schwierigkeitsgrad mit einem Base-Jump gelang dem bekannten Schweizer Bergsteiger Stephan Siegrist, einem engen Freund von Xavier Bongard. Am 16.Juni 2009 stieg er mit seinem Partner Ralph Weber in die Route Magic Mushroom ein und durchkletterte die 21 Seillängen mit Schwierigkeiten von bis 7 c+ in der Eiger-Nordwand im Rotpunktstil. Sie endet auf dem « Pilz », einem bekannten Base-Absprungort, der normalerweise von der Westflanke des Eigers aus per Tyrolienne erreicht wird. Hatte der Aufstieg, inklusive einer Übernachtung in der Senkrechten, volle zwei Tage in Anspruch genommen, so dauerte der Abstieg keine drei Minuten. Knapp 60 Sekunden davon legte Siegrist im freien Fall zurück. Auch der bayrische Speedkletterspezialist Thomas Huber, der ältere der beiden Huberbuam, hat sich dem Base-Jumpen verschrieben. Im August 2008 gelang ihm im dritten Anlauf ein Enchaînement der Superlative an den Drei Zinnen, bei dem er die Abstiegszeiten durch Base-Jumps massiv verkürzte. Zusammen mit Stephan Siegrist hatte er Ende 2008 einen weiteren Sprung geplant. Er hätte ihre Besteigung des 2931 Meter hohen Ulvetanna in Queen Maud Land inmitten der Antarktis mit einem rasanten Finale abschliessen sollen. Schlussendlich verzichteten die beiden auf den Sprung vom Ulvetanna, nicht wegen der frostigen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad, sondern wegen zu vielen Winds. Noch scheint die Grenze des Machbaren aber nicht erreicht. Wie wäre es mit einem Free-Solo in der Eiger-Nordwand, ausgerüstet mit nichts als ein paar Kletterfinken, einer abgewetzten Hose und – für den Fall des Falles – einem Fallschirm am Rücken? Auch das ist keine Utopie mehr: Der US-Amerikaner Dean Potter hat im August 2008 in der rechten Seite der Eiger-Nordwand die Route Deep Blue Sea ( 7b+ ) genau so geklettert.(3) Als Sicherung trug er einen Base-Jump-Schirm auf sich. Am Ende schaffte er die Route und sprang vom Pilz ab wie später Stefan Siegrist. Damit hat es Dean Potter seiner damaligen Partnerin Steph Davis fast gleichgetan. Sie war Anfang Mai 2008 « free solo » auf den Castleton Tower im US-Bundesstaat Utah geklettert und per Base-Jump « abgestiegen ». Allerdings hatte sie den Schirm vorher auf dem Turm deponiert. Das Wandern wiederentdeckt Vor gut 30 Jahren waren es vor allem die Alpinisten, die – anfänglich nur zum Zweck eines bequemeren und schnelleren Abstiegs – den Gleitschirm für sich entdeckten. Doch waren die Schirme damals um einiges schwerer, und längst nicht jeder Startpunkt war für einen Abflug geeignet. Die Kombination Bergsteigen und Fliegen blieb daher lange Zeit der Ausnahmefall. Als die Geräte leistungsfähiger wurden, verlagerte der eine oder andere Berggänger seine Priorität vom Bergsteigen auf das Fliegen. Beste Beispiele dafür sind der Deutsche Sepp Gschwendtner, der Brite John Silvester und der heutige Chef der Schweizer Gleitschirmliga Martin Scheel; alles ehemalige Spitzenkletterer, die zum Teil immer noch auf höchstem Niveau fliegen und sich mit einigem Erfolg auch an Gleitschirmwettkämpfen beteiligten. Heute zeigt sich die Situation fast umgekehrt. Viele Gleitschirmpiloten, vor allem auch die reiferen Semester, die schon seit Jahren dabei sind, entdecken neu die Kombination von Bergwandern und Fliegen. Geweckt wurde die Lust durch Schirme, die durch einfachstes Start- und sicheres Flugverhalten perfekt auf alpine Anforderungen zugeschnitten und obendrein, inklusive Gurtzeug und Rucksack, so leicht sind, dass sie auch über längere Strecken problemlos getragen werden können. Wegen ihres geringen Gewichts und des kleinen Packmasses eignen sich diese Ausrüstungen auch optimal für fernere Reiseziele, die mit einem Flugzeug erreicht werden müssen. « Hike and Fly » ist vom Trend zur festen Grösse aufgestiegen. Die Materialien werden immer leichter, stärker und flexibler oder – je nach Einsatzbestimmung – steifer. Ihre Verarbeitung zu technischen Geräten wird laufend perfektioniert. Gleichzeitig schrauben die Athleten ihre Leistungsfähigkeit durch professionelle Trainingsmethoden, spezielle Ernährung, mentale Praktiken und Meditation nach oben. Dank der Zusammenarbeit dieser Athleten mit innovativen Herstellern gelingt es Letzteren immer wieder, Prototypen zu entwickeln, die leistungsfähiger, leichter und zugleich sicherer sind. Einmal zur Serienreife gebracht, eröffnen diese Geräte den « normalen » Bergsteigern und Wanderern die Möglichkeit, den Genuss eines Aufstiegs mit dem eines sicheren Rückflugs zu kombinieren. Mit diesen Ausrüstungen ist heute vielen möglich, was noch vor Kurzem einigen wenigen vorbehalten war.

Feedback