Wanderstöcke beim Bergabgehen - kritische Feststellungen

Wanderstöcke beim Bergabgehen - kritische Feststellungen

Ausgangslage

Als stolzer Besitzer einer beidseitigen, arthroskopisch verifizierten Kniescheibenarthrose bin auch ich während etwa zwei Jahren mit Skistöcken in den Bergen umhergerannt. Ich habe es mir wieder abgewöhnt und konsequent meine Bremsmusku-latur durch Bergabgehen trainiert. Nachstehende Überlegungen haben mich dazu veranlasst.

Zwei tödliche Bergunfälle In einem einzigen Sommer ( 1994 ) habe ich als Bergrettungsarzt zwei tote Bergwanderer bergen müssen, deren Sturz eindeutig auf den Gebrauch ( bzw. Missbrauch ) von Wanderstöcken zurückzuführen ist.

Der erste, ein 52jähriger, sehr erfahrener Bergsteiger, den ich persönlich gekannt hatte, stieg am frühen Nachmittag direkt vom Gipfel der Dent Blanche via Cabane Rossier ins Tal. Auf dem Eisdom direkt unterhalb der Hütte wich er einige Meter von der Spur ab, kam auf Blankeis, stolperte und rutschte auf dem zuerst nur wenig steilen Eisbuckel talwärts. Er versuchte, seinen Sturz mit den Steigeisen und den beiden Skistöcken abzubremsen, was ihm jedoch nicht gelang. Er kam im zunehmend steileren Gelände immer mehr in Fahrt und stürzte schliesslich kopfvoran in die Randkluft. Den Eispickel hatte er auf dem Rucksack befestigt.

Der zweite, ein angeblich noch sehr rüstiger 72jähriger Wanderer stieg im Karrengelände oberhalb des Walensees ab, wobei er sich zweier Teleskopstöcke bediente. Einer dieser Stöcke blieb plötzlich in einem Kar-renspalt stecken, der Wanderer verlor das Gleichgewicht und stürzte ca. 12 m über eine Steilstufe hinunter.

Problematische Folgen, fragwürdige Vorteile Das Absteigen im unwegsamen Gelände stellt hohe Anforderungen an das koordinative ( propriozeptive ) System. Dieses System verliert bei Nichtgebrauch sehr schnell an Wirksamkeit und ist ausserdem stark dem Alterungsprozess unterworfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen ( erwünschter ) Belastung und ( uner- wünschter ) Überbelastung des Mus-kel-Gelenksystems des Knies und der Hüfte schwierig zu definieren ist und stark von jedem Einzelnen und seiner Gehtechnik abhängt. Deswegen finde ich es sehr gewagt, dem systematischen Gebrauch von Wanderstöcken bei ungeschädigten Kniegelenken eine « sehr grosse präventive Wirkung » zuzuschreiben, wie das in einer kürzlich in Österreich publizierten Arbeit behauptet wird. Ich ziehe die mathematischen Resultate der Belastungsmessungen dieser Arbeit in keiner Weise in Zweifel. Ich frage mich nur, ob diese Entlastung für diesen komplexen Bewegungsablauf wirklich relevant ist. Ich stelle fest, dass diese ( wie auch schon frühere ) Arbeiten durch Firmen, die Ski- und Wanderstöcke herstellen, in Auftrag gegeben wurden.

Persönliche Beurteilung Auf Grund obiger Überlegungen bin ich der Meinung, dass der kritiklose Einsatz der Wanderstöcke bei jeder Bergwanderung gerade beim kniegeschädigten Wanderer das koordinative ( propriozeptive ) System noch weiter schwächt. Meiner Meinung nach wäre es besser, wenn dieser Wanderer seine Muskulatur durch geeignete Belastung auftrainiert und dazu sein Gleichgewichtssystem und seine Propriozeption durch progressiv längere Wanderungen im unwegsamen Gelände verbessert. Für die Muskulatur kann in den meisten Fällen ein technisch korrekt ( Sattelhöhe, Arbeitswinkel usw. ) eingestelltes Skistöcke können nicht als Ersatz für den Pickel dienen, im Hochgebirge ist bei der Verwendun von Skistöcken als Gehhilfen deshalb besondere Vorsicht geboten.

Fahrrad trainingswirksame Belastungen setzen, ohne vorgeschädigte Knorpelbeläge weiter zu schädigen.

Aus all dem Gesagten geht hervor, dass ich nach wie vor das Flugblatt der Medizinischen Kommission der UIAA unterstütze, die vor dem kritiklosen und systematischen Gebrauch von Wanderstöcken warnt. Dr. med. Urs Wiget, Bergrettungsarzt REGA/Air-Gla-ciers, Präsident der Kommission für alpine Notfallmedizin IKAR

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