Weg vom Herd auf den Berg Mit 70 Jahren im Schalijochbiwak

Alle Schweizer Viertausender zu besteigen, erregt kaum noch Aufmerksamkeit. Wer aber sämtliche SAC-Hütten und alle Biwaks besucht hat, darf sich ein Kränzlein winden. Die Alpinistin Romy Geiser hat beides erreicht.

«Sie werden mich am SAC-Abzeichen erkennen», sagte sie am Telefon. Auch ohne dieses Merkmal wäre sie erkannt worden. Sie steht am Bahnhof Thun; klein, robust, mit einem einnehmenden Lächeln.

Ihre Wohnung mitten in Steffisburg ist klein und riecht nach Bescheidenheit. An den Wänden hängen Bilder von Berghütten, Gipfeln und siegesgewissen Besteigern. Romy Geiser in jungen Jahren mit der Armeebrille – dem «Uhu » –, die ihr jemand gegen die Schneeblindheit geschenkt hat. Auf einem Grat im Schneetreiben steht sie da, nur in eine dünne Trainerjacke gepackt. Oder am Steilhang in flatternden Hosen, kurz vor der Abfahrt durch harschen Schnee. Die Schuhverkäuferin dementiert nicht, wenn die Rede von Sucht ist. Es habe sie weggetrieben, erklärt sie, weg vom Herd, hin zum nächsten Berg, und sie blickt zum Fenster hinaus Richtung Gantrisch.

Kaum sind ihre drei Kinder aus den Windeln, treibt es Romy Geiser in die Berge. 1973 fängt sie an, mit Kollegen aus dem Kreise der Naturfreunde hochalpin zu touren. 1975 steigt sie auf ihren ersten Viertausender, den Dom. Die Schwierigkeit ist es nicht, den Gipfel an sich zu erreichen, sondern in die Domhütte hineingelassen zu werden. Die junge Romy Geiser gehört noch keiner SAC-Sektion an. Die Hütte ist voll belegt, der Hüttenwart bleibt hart: ohne Ausweis, kein Eintritt. So nächtigt sie halt mit ihrem Bergfreud abseits der Hütte im Schlafsack, den sie glücklicherweise dabeihat. Es wird eine lange und kalte Nacht. Am andern Morgen bittet sie den Hüttenwart um einen Liter heisses Wasser. Er verrechnet zehn Franken dafür.

Seit 1980 gehört Romy Geiser der SAC-Sektion Stockhorn an. «Die Aufnahme war hart», erinnert sie sich. Ihre Angaben auf dem Antragsformular, die besagen, dass sie bereits etliche namhafte Gipfel erstiegen hat, reichen nicht. Sie ist eine Frau, und das genügt, um sie nur mit Argwohn aufzunehmen. «Die Männer meinten damals, die Frauen wollten Unruhe stiften», erklärt sie. Es sei eine konservative Gruppierung gewesen. «Die wenigen Frauen in der Sektion mussten sich anpassen und hatten sich den Männern unterzuordnen.» Vielleicht ist das der Grund, weshalb Romy Geiser am Berg nie vorausgeht und bei Kletterpassagen immer nachsteigt, auch heute noch.

Zu Zeiten, in denen Ärzte als Götter in Weiss betrachtet und des Theologen Gattin mit Frau Pfarrer angesprochen wurde, galt ein Hüttenwart als Herr der Berge. Das habe sich gottlob inzwischen geändert, versichert Romy Geiser. Die Hüttenwarte seien jünger, flexibler und unkonventioneller geworden; seien sozusagen vom «Militärgrind» zum Gastgeber mutiert. Die barschen Töne scheinen seltener geworden und die Frauen willkommener als damals. Und nicht zuletzt mehren sich die weiblichen Hüttenwarte.

In der alten Monte-Rosa-Hütte, erzählt die Bergsteigerin, sei sie einmal vom Hüttenwart gefragt worden, ob sie abends in der Küche helfen könne. Die Hütte sei voll belegt und das Personal rar. «Miteinander gehts besser» sei ihre Devise gewesen, und sie habe bis spät in der Nacht mit angepackt. Anderntags sei sie auf dem Gipfel der Nordendspitze gestanden.

Besonders angetan hat es Romy Geiser die Seetalhütte (vgl. «Die Alpen» 9/2011) ob Klosters. Bis zur Schneeschmelze bleibt sie geschlossen, um danach Gaststätte für die Bergler zu sein, die auf engstem Raum nah zusammenrücken müssen. Der mittlerweile pensionierte Seetal-Max war 50 Jahre lang Hüttenwart und ist eines der Urgesteine. Mit 80 Jahren kochte er immer noch selbst und sanierte sommers die Wege zur Hütte.

Früher habe ihr Vater sie oft auf Wanderungen mitgenommen und bei heiklen Stellen am Lederriemen hinter sich hergezogen, erzählt Romy Geiser. So sei sie zum «Naturgeissli» geworden, wie Vater und Mutter sie nannten. Kein Zweifel: Romy Geiser folgt einem Drang. Die Sehnsucht liegt immer auf der Lauer. Auch als ihre langjährige Bergfreundin auf einer gemeinsamen Tour am Aletschhorn zu Tode stürzt, denkt sie keinen Moment daran, mit dem Bergsteigen aufzuhören. «Ein solches Ereignis sitzt tief», sagt die Alpinistin, «aber es erhöht auch die Achtsamkeit und den Respekt vor der Natur.»

Anfangs habe sie weder Karten lesen können noch eine Ahnung davon gehabt, was es bei einer Tourenplanung zu beachten gelte, erinnert sich die Bergsteigerin. Über all die Jahre konnte sie Erfahrungen sammeln und in Kursen auf Gletschern und am Fels ihr Können festigen. Jahrelang und bis vor Kurzem hat sie als Tourenleiterin und im Vorstand ihrer Sektion gewirkt. Bei all den Steinen und Kristallen, die sich auf den Regalen im Wohnzimmer tummeln, kommt der Verdacht auf, dass die Bergfrau auch hohe Gipfel «sammelt». Sie sei nie darauf aus gewesen, alle Viertausender zu besteigen, beteuert sie. Aber die Gipfelküsse reihen sich im Laufe der Jahre aneinander: Weisshorn, Dent Blanche, Liskamm, Finsteraarhorn, Mönch, Dufourspitze und wie sie alle heissen. Wer so unbeirrt seinem Drang folgt, wie Romy Geiser es tut, hat irgendwann alle 48 Viertausender auf dem Konto. Das Strahlhorn war der letzte. Sie bestieg es im Jahr 2003 zusammen mit ihrer Tochter.

Weil die vielen Höhenmeter meist mit einem Hüttenstopp verbunden werden müssen, häufen sich bei Romy Geiser auch die Hüttenbesuche. Sie führt Buch. Die verbleibenden SAC-Hütten «sammelt» sie nun systematisch. Am 28. August 2010 erreicht sie mit Familienangehörigen die letzte der 153 SAC-Hütten. Es ist die Cabane Valsorey am Grossen St. Bernhard, auf 3037 Metern über Meer. Den Triumph feiert sie mit einer selbst gebackenen Torte, die sie heimlich im Rucksack verstaut und hinaufgetragen hat. Seit letztem Sommer sind auch die Biwaks komplett: mit 70 Jahren habe sie das Schalijochbiwak erreicht, meldet Romy Geiser freudig. Der Zustieg erfolgte in acht Stunden über die Schalihörner, beides fast Viertausender. «Ich bin richtig stolz», schreibt sie.

Ihre Passion fordert aber auch Opfer: Nach vier Jahrzehnten hat sich die Bergsteigerin von dem Mann verabschiedet, der ihre Leidenschaft in all den Jahren nie teilen mochte und ihre Sehnsucht nach den Bergen nie verstanden hat. Heute ist Romy Geisers langjähriger Bergkamerad ihr Lebenspartner. Da kennen die Berge kein Pardon: Entweder entzweien sie, oder sie vereinen.

Die Blicke zurück sind länger geworden. Fotoalben reihen sich in den Regalen, voll von abenteuerlichen Touren. Heute nehme sie es gemächlicher, meint Romy Geiser. Die Schritte ihres Partners seien langsamer geworden. «Aber ich bleibe hinter ihm, wie immer schon.» So habe sie mehr Zeit, um die Vielfalt der Natur zu bestaunen, sagt sie augenzwinkernd. Auch wenn sie keine Viertausender mehr plant: Einen Gipfel hat die Unersättliche noch im Visier. «Auf das Blüemlisalphorn will ich», sagt sie. Es wäre der letzte der Berner Oberländer Berggipfel. Schliesslich stehe es sozusagen vor ihrer Haustüre. Dreimal habe sie die Besteigung begonnen, doch jedes Mal wegen schlechten Wetters umkehren müssen. Berge sind geduldig. Das Blüemlisalphorn wird auf sie warten.

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