Welches Gerät für Mehrseillängen? Vor- und Nachteile neuer Sicherungsgeräte

Lange Routen sichert man meist mit Doppel- oder Zwillingsseilen. Dazu braucht es andere Sicherungsgeräte als für den Klettergarten. Ein Überblick.

Neulich am Standplatz eines Mehrseillängenklassikers im Berner Oberland. Die Kletterpartnerin ist vier Meter nach rechts und gute zehn Meter gerade hinauf geklettert. Links unterhalb ihren Füssen glänzt ein Bohrhaken und drei Meter weiter unten unterbricht ein gut schulterbreites Band die Vertikale. Ich denke noch: «Hmm, gebe ich Seil, oder mach ich zu?» Einige Sekunden später fliegt sie ab.

 

Erfahrung, Übung und das richtige Gerät

Solche und ähnliche Momente sind auf Mehrseillängentouren keine Seltenheit. Die Anforderungen an den Sichernden sind dabei kaum geringer als an die Vorsteigende, denn damit dieser Sturz ohne schmerzliche Folgen bleibt, braucht es Erfahrung, Übung, etwas Glück und passendes Material. Wer sich mit dem Gedanken trägt, in Mehrseillängenrouten einzusteigen, tut gut daran, das Geld für einen Kurs in die Hand zu nehmen. Dort lernt man die elementaren Techniken und kann die verschiedenen Geräte ausprobieren. Denn wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual.

 

Kriterien sind eine persönliche Sache

Der Umgang mit dem Sicherungsgerät ist in jedem Fall eine sehr persönliche Angelegenheit. Alle sind frei, ihre wichtigsten Kriterien selbst zu bestimmen. Dass neu zwei halbautomatische Geräte – das Smart Alpine von Mammut und das Alpine Up von Climbing Technology – für Doppelseile erhältlich sind, ist im Sinne der Vielfalt erfreulich. Damit stellt sich aber erneut die Frage, was «passendes Material» in Bezug auf das Sicherungsgerät heisst.

Für mich persönlich ist das wichtigste Kriterium, dass die Länge (und damit die Dynamik) eines Sturzes übers Gerät beeinflusst werden kann. Damit habe ich die Wahl zwischen Halbmastwurf, Tuber oder Alpine Up (nur im dynamischen Modus). Das nächste Kriterium ist, dass bei Vorstiegs- wie auch Nachstiegssicherung komfortabel beide Seilstränge gemeinsam oder getrennt bedient werden können. Es bleiben also Tuber und Alpine Up. Meine persönliche Wahl wird dabei weiterhin auf einen alpinen Tuber fallen, weil das System mit allen Karabinern funktioniert und äusserst leicht und einfach ist.

Der Flug dauerte übrigens nicht besonders lange, aber die Stürzende vor dem Band zu stoppen, schien mir dennoch unmöglich. Ich habe darum einiges an Seil durchlaufen lassen und schon hängt sie eineinhalb Meter unter dem Band. Die Entscheidung für mein Sicherungsgerät und dafür, viel Seil laufen zu lassen, war diesmal richtig.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Die Geräte im Detail

Halbmastwurfsicherung

Vorteile

+ Solange das Bremsseil gehalten wird, bremst die HMS immer.

+ Dynamisches und statisches Sichern möglich.

+ Es wird einzig ein HMS-Schraubkarabiner benötigt, deshalb sehr unabhängiges und leichtes System.

Nachteile

– Halbseiltechnik (abwechslungsweises Einhängen eines einzelnen Halbseilstrangs) umständlich und mühsam zum Sichern, wenn die Seile einzeln ausgegeben werden müssen. Ähnlich das Nachsichern von zwei Personen.

– Beim Nachsichern muss das Bremsseil ständig gehalten werden, da sonst keine Bremswirkung.

– Zum Abseilen braucht es ein zusätzliches Gerät.

Fazit

Immer noch äusserst vielseitig. Wird die erste Zwischensicherung am Stand vergessen, bremst die HMS als einziges System. Ein Bravo für die traditionelle Sicherung!

2 Alpine Up

Vorteile

+ Zwei verschiedene Einhängemöglichkeiten. Damit halbautomatischer Sicherungsmodus (statisch) oder dynamischer Sicherungsmodus möglich.

+ Werden dünne Halbseile abwechslungsweise eingehängt, ist die sehr grosse Bremskraft im halbautomatischen Modus sinnvoll.

+ Abseilen im Blockiermodus möglich und ziemlich komfortabel.

Nachteile

– Im halbautomatischen Sicherungsmodus ist dynamisches Sichern über das Gerät nicht möglich. Werden Halbseile gleichzeitig eingehängt, drohen sehr harte Stürze.

– Abhängigkeit vom Karabinertyp. Es muss ein Karabiner desselben Herstellers benutzt werden, und zum Nachsichern braucht es einen zusätzlichen, grossen HMS-Karabiner.

– Grosses und schweres Gerät.

– Obwohl als selbstblockierend bezeichnet, muss beim Sichern der Nachsteigenden das Bremsseil immer gehalten werden.

Fazit

Kann alles, bringt aber Entscheidungsschwierigkeiten und Gewicht mit. Wird die erste Zwischensicherung vergessen, besteht Absturzgefahr.

3 Smart Alpine

Vorteile

+ Nachsichern läuft sehr leicht.

+ Werden dünne Halbseile abwechslungsweise eingehängt, ist die grosse Bremskraft im halbautomatischen Modus sinnvoll.

+ Angenehm beim Abseilen.

Nachteile

– Seil ausgeben am Stand sehr anstrengend, wenn das Seil nicht optimal zurechtgelegt wurde.

– Bei vielen Seiltypen wirkt das Gerät statisch. Dynamisches Sichern ist dann nur mittels Aufspringen (eine Herausforderung am Stand!) und nicht über das Gerät möglich. Werden Halbseile gleichzeitig eingehängt, drohen sehr harte Stürze.

– Obwohl als selbstblockierend bezeichnet, muss beim Sichern der Nachsteigenden das Bremsseil immer gehalten werden.

Fazit

Stark für Halbseiltechnik und Ausbouldern von Routen, Vorsicht vor harten Stürzen. Wird die erste Zwischensicherung nicht gleich neben dem Stand eingehängt, besteht akute Absturzgefahr.

4 Alpine Tuber (wie Mammut Bionic, Petzel Reverso 4, Black Diamond ATC-Guide, Grivel Master Pro)

Vorteile

+ Dynamisches und statisches Sichern möglich.

+ Passt mit jedem Schraubkarabiner.

+ Leicht und klein.

Nachteile

– Werden dünne Halbseile abwechslungsweise eingehängt, ist die Bremswirkung knapp. Äusserste Achtsamkeit ist notwendig!

– Obwohl als selbstblockierend bezeichnet, muss beim Sichern der Nachsteigenden das Bremsseil laut Hersteller immer gehalten werden. Ausnahme: Grivel Master Pro.

Fazit

Simple und dynamische Allrounder, die alles mitmachen. Beim Sturz in einen einzelnen Halbseilstrang muss man beherzt zupacken. Wird die erste Zwischensicherung nicht gleich neben dem Stand eingehängt, besteht akute Absturzgefahr.

Die erste Mehrseillängenroute

Wer sich ins alpine Gelände wagen will, besucht mit Vorteil einen Kurs. Denn da lernt man nicht nur die wichtigsten Unterschiede zum Klettergarten-Klettern. Man kann auch unter fachkundiger Leitung verschiedene Sicherungsgeräte testen. SAC-Sektionen und der Zentralverband bieten geeignete Kurse. Infos unter www.sac-cas.ch/ausbildungskurse.

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