Wenn der Horror nach dem Bergunfall nicht mehr nachlässt Posttraumatische Belastungsstörung

Opfer und Zeugen von Bergunfällen haben ein erhöhtes Risiko, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken. Auch Retter und Helfer können die Schreckenserlebnisse oft nicht alleine verarbeiten. Psychiater Christian Mikutta behandelt seit Jahren Traumapatienten und erklärt im Interview, wann es nötig ist, Hilfe zu holen.

Warum passiert es, dass der Horror nach einem Bergunfall nicht nachlässt, obwohl die Situation überstanden ist?

Das Trauma wird in diesen Fällen so verarbeitet, dass es auch in der Gegenwart eine ernste Bedrohung darstellt. Patienten können das schwere Erlebnis nicht als ein zeitlich abgeschlossenes Ereignis sehen. Unwillentlich werden durch Geräusche oder Gerüche immer wieder Inhalte im Traumagedächtnis abgerufen. Sie treten aber nicht in Form von Gedanken auf, sondern als echte Sinnesempfindungen mit den entsprechenden Symptomen. Ob eine Person nach einem Trauma eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Ausschlaggebend sein können vorangegangene psychische Erkrankungen, genetisch bedingte Krankheitsanfälligkeiten oder auch frühere traumatische Erlebnisse.

Gibt es im Bergsport besondere Risikosituationen?

Eine Schweizer Studie zeigt, dass 65% der Schweizer Bergführer mehr als ein traumatisches Ereignis selbst erfahren oder mitangesehen haben. Am häufigsten wurden Lawinenunfälle genannt, oft handelt es sich aber auch um Abstürze oder Steinschlag. All diese Ereignisse treten plötzlich und schnell auf, was das Risiko für eine PTBS steigert. Eine weitere Studie zeigt, dass bei Lawinenunfällen 40% aller Vollverschütteten und 20% aller Teilverschütteten eine PTBS entwickeln. Das sind sehr hohe Werte. Gemäss einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beträgt das Risiko, an einer PTBS zu erkranken, über alle Traumaarten hinweg lediglich 4%.

Es ist also auch möglich, eine PTBS zu erleiden, wenn ich lediglich Zeuge eines Bergunfalls werde?

Ja, dies ist sogar sehr häufig der Fall. In diesem Zusammenhang sind im Übrigen auch Bergretter, Notfallmediziner und Laienhelfer sehr oft betroffen. Eine Studie aus Norwegen konnte zeigen, dass nach einem Lawinenunglück 25% der Ersthelfer eine PTBS entwickelten, also fast so viele wie bei den eigentlichen Opfern.

Die PTBS ist eigentlich eine verzögerte, psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis. Was passiert genau?

Wenn sich eine PTBS entwickelt, kommt es im Hirn, im Nervensystem und sogar im Hormonhaushalt zu nachweisbaren neurophysiologischen Veränderungen. Im frontalen Bereich des Grosshirns findet eine veränderte emotionale Wahrnehmung statt, die mit gegensätzlichen Gefühlen und Denkstörungen verbunden ist. Auch treten verstärkte Angstreaktionen auf. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Patienten mit einer PTBS vermehrt zu Vorhersagefehlern neigen, also bestimmte Situationen weniger realistisch einschätzen können, weil neue äussere Einflüsse mit den Traumafragmenten vernetzt werden. Ein Trauma kann aber auch für eine Vielzahl von anderen psychischen oder körperlichen Beschwerden wie Depressionen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich sein.

Wie schnell tritt die Krankheit nach einer Extremsituation auf, und wie äussert sie sich?

Der Zeitpunkt der Erkrankung ist sehr individuell, in der Regel erfolgt sie jedoch innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Trauma. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas in sogenannten Flashbacks, in Träumen oder Albträumen. Ebenso können ein andauerndes Betäubtheitsgefühl oder emotionale Stumpfheit auftreten. Warnsignale sind Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit, Freudlosigkeit sowie die Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten. Auch übermässige Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen kommen häufig vor.

Gibt es verschiedene Schweregrade, und wann ist eine sofortige Behandlung angezeigt?

Zunächst muss zwischen einer akuten Belastungsreaktion und einer PTBS unterschieden werden. Direkt nach dem Trauma folgt eine Art Schockreaktion. Sie zeigt sich unter anderem durch Verwirrung, Angst, Trauer, Ärger oder Erschöpfung. Vor allem beim Bergsport tritt diese Reaktion auch bei Unfallzeugen auf. Um die Risikopatienten für eine PTBS in dieser Gruppe zu identifizieren, sollte eine Überprüfung frühestens eine Woche nach dem Trauma erfolgen. Deshalb ergibt die Praxis der Schweizer Rettungsflugwacht REGA Sinn: Von einem Unfallort ausgeflogene Patienten und Zeugen werden nach der Evakuation nach Möglichkeit von Spezialisten besucht und beraten. Eine sofortige Behandlung ist bei Suizidgedanken angezeigt. Aber auch Schlafstörungen sind ein starkes Warnsignal: Guter Schlaf ist für eine psychische Genesung unabdingbar.

Gibt es Symptome, die schlecht zu erkennen sind?

Es besteht die Gefahr, dass wegen des zeitlichen Abstands zwischen Trauma und Erstauftreten der Symptome diese übersehen oder falsch interpretiert werden. Zusätzlich kann es aufgrund der individuellen vorbestehenden Verletzlichkeit zu unterschiedlichen Symptomausprägungen kommen.

Viele Betroffene können auch mit solchen Leiden einigermassen normal weiterleben. Weshalb ist eine Behandlung trotzdem wichtig?

Ein Trauma alleine ist noch keine Behandlungsindikation, dazu braucht es auch die angesprochenen Symptome. Bei psychischen Erkrankungen ist es leider häufig so, dass Behandlungen verzögert begonnen werden und sich dadurch die Therapiedauer verlängert und die Prognosen schlechter werden. Natürlich kann man auch mit den Symptomen einer PTBS leben, jedoch kommt es zu unterschiedlich stark ausgeprägten Funktionseinschränkungen. Sie würden ein schmerzendes Knie auch behandeln lassen, obwohl Sie damit leben können, oder? Eine Behandlung bringt eine schnellere Reduktion der Symptome und damit eine raschere Normalisierung des Alltags. Kommt dazu, dass unter einer chronischen PTBS auch das Risiko für andere körperliche Erkrankungen wie Herz- oder Lungenkrankheiten höher ist.

Wie verbreitet ist die Tendenz, solche psychischen Verletzungen zu bagatellisieren oder eine psychiatrische Behandlung vor sich hin zu schieben?

Sehr verbreitet. Leider sind psychische Erkrankungen immer noch stark stigmatisiert. So auch die PTBS. Oft werden sie als persönliches Versagen wahrgenommen. Sich Hilfe zu holen, würde in diesem Moment bedeuten, sich seine eigene Schwäche einzugestehen. Wenn Betroffene erst bei sehr starken Symptomen in die Therapie eintreten, dauert diese länger, wird komplexer, und es braucht häufiger Psychopharmaka.

Welche Ziele verfolgt eine Therapie? Die Erinnerung ganz löschen ist ja nicht möglich.

Die Erinnerung sollte weder verdrängt noch gelöscht werden. Das Ziel ist es, die Erinnerung in die eigene Biografie zu integrieren. Hierzu ist es notwendig, sich mit der traumatischen Erinnerung zu konfrontieren. Dies fällt vielen Patienten am Anfang sehr schwer. Zunächst ist es auch wichtig, den Patienten zu vermitteln, dass ihre Reaktion auf ein Trauma nicht ungewöhnlich ist. Danach müssen sie die Konfrontation mit Entspannungsmethoden und anderen Verfahren vorbereiten. Interessanterweise konnte eine Studie der University of California, Berkeley, zeigen, dass sich zur Entspannung auch positive Erlebnisse in der Natur äusserst gut eignen. Ziel ist es, im Traumagedächtnis die Interpretation des Erlebten, die das Gefühl der aktuellen Bedrohung hervorruft, zu verändern.

Wie stehen die Chancen auf eine Heilung, und wie viel Zeit braucht es dafür?

Die Chancen auf eine Heilung stehen gut, bei einem einmaligen Trauma sogar sehr gut. Der zeitliche Rahmen der Therapie ist aber sehr unterschiedlich. Bei leichterer Symptomausprägung kann eine ambulante Therapie durchgeführt werden, sodass sich nach acht bis zwölf Monaten eine Abschwächung der Symptome erreichen lässt. Bei rund einem Drittel der Patienten zeigt sich jedoch ein chronischer Verlauf. In diesen Fällen kann eine Therapie bis zu drei Jahre dauern.

Zur Person

Dr. med. Christian Mikutta, geboren in Salzburg, hat in Wien Medizin studiert. Die Facharztausbildung zum Psychiater hat er bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD) absolviert. Er hat ein Postdoktorat an der University of California, Berkeley, gemacht. Seit 2018 arbeitet er als Oberarzt an der Privatklinik Meiringen. In seiner Freizeit ist er gerne – gemeinsam mit seiner Frau – wandernd, kletternd oder mit dem Mountainbike in den Bergen unterwegs.

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