Wenn die Allergie in den Bergen zuschlägt

Eine allergische Reaktion kann sich schnell von einer einfachen ­Rötung auf der Haut zu ­einem lebensbedrohlichen Anfall ent­wickeln. In den Bergen, ­weitab von allem, ist es besonders wichtig, richtig zu reagieren.

Selten passte der Ausdruck «sauer­töpfisch dreinschauen» besser als diesmal: Fünf Minuten nachdem die auf Erbsen allergische Besucherin der Berg­hütte die ersten Löffel der ihr servierten Suppe eingenommen hat, beginnt ihr Rachen zu jucken. Trotz der Einnahme eines Antihistaminikums verschlechtert sich ihr Zustand rapid. Sie hat Mühe zu atmen. Da keine anderen Medikamente vorhanden sind, muss die Frau mit dem Helikopter ins Spital geflogen werden.

«In der Schweiz sind rund 2 bis 3% ­der Erwachsenen und 8% der Kinder von Lebensmittelallergien betroffen», sagt Fabrice Coppex, Rettungsarzt der Air-Glaciers. Die Krankheit ist im ­Vormarsch und darf neben anderen Formen der Allergie, zum Beispiel derjenigen auf Wespenstiche, nicht auf ­­die leichte Schulter genommen werden. «Bei jedem Nachtessen in einer Hütte können Personen Opfer einer Allergie werden, die ernsthafte Reaktionen hervorrufen kann.»

Eine Allergie, die nicht mit einer Le­bensmittel­unverträglichkeit verwechselt werden darf, «löst eine ­übertriebene Kettenreaktion unseres Immunsystems auf eigentlich unproblematische Substanzen aus», erklärt Fabrice Coppex. Er präzisiert, dass eine Reaktion manchmal erst ausbricht, wenn der Patient schon viele Jahre lang dem fraglichen Allergen ausgesetzt war.

Lebensbedrohende Anaphylaxie

Das erste Stadium des Symptoms ist unangenehm und zeigt sich als diffuse Hautrötung mit Juckreiz. Die Reak­-tion kann sich allerdings zu ernsthaften Verdauungsbeschwerden, Asthma, Anschwellen des Halses und Ver­engung der Atemwege mit Blutdruckabfall und Bewusstlosigkeit ausweiten. «Es handelt sich dann um die gefürchtete Anaphylaxie, die lebensbedrohend ist.» Der Arzt ergänzt, dass die Schwere des Symptoms nicht mit der Menge des zu sich genommenen Allergens zu tun hat. Im Fall unseres Opfers, das bei der Ankunft in der Hütte den Hüttenwart von seiner Allergie unterrichtet hatte, hätte zum Beispiel ein Rest von Erbsen an einem Koch­utensil bereits die Reaktion auslösen können.

Richtiges Handeln rettet Leben

Die Höhe über Meer hat keine direkten Auswirkungen auf Allergien, sagt Alain Brönnimann, Kursleiter bei der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin (SGGM). «Allerdings hat sie einige indirekten Konsequenzen. Diese können positiv sein, indem gewisse Allergieauslöser wie Pollen oder Wespen mit grösserer Höhe anzahl­mässig abnehmen.» Aber es gibt auch negative Folgen: stärkere Exposition von lichtallergischen Personen wegen des höheren UV-Indexes und auch schwierigerer Zugang zu ärztlicher Pflege.

Angesichts der potenziellen Schwere der allergischen Reaktionen sind sich die beiden Mediziner einig, dass es in den Bergen wichtig ist, die Hüttenwarte, Tourenleiter und Seil­kameraden auf eine allfällige Allergie aufmerksam zu machen und sie darauf hinzuweisen, «wie sie im Notfall reagieren sollen und wo allenfalls Medikamente zu finden sind». Der für den medizinischen Teil bei der Hüttenwartsausbildung zuständige Daniel Walter bestätigt, dass Allergien bei der Ausbildung ein Thema sind. «Bei einem schweren Allergieanfall kann schnelles und richtiges Handeln Leben retten.»

Aber was tun, wenn ein Allergieanfall in der Hütte oder draussen im Gelände vorkommt und keinerlei Medikamente zur Hand sind? «Logischerweise muss man damit beginnen, zu vermeiden, dass die Person dem Allergen länger ausgesetzt ist», meint Alain Brönnimann.

Keinesfalls zögern!

«Wenn sich die allergische Reaktion schnell entwickelt und vor allem wenn die Symptome über eine Rötung der Haut hinausgehen, muss Hilfe angefordert werden, denn die Situation kann sich sehr schnell verschlechtern.»

Der Arzt bekräftigt: «Viele Leute wagen es nicht, wegen einer ‹simplen› Allergie Hilfe anzufordern. Man darf aber keinesfalls zögern! Schliesslich heisst ein Telefonanruf noch nicht, dass automatisch gleich eine Rettungsaktion erfolgt.»

«Allergie-Kit» in den Hütten?

Daniel Walter, der Verantwortliche für das Thema Medizin bei der Ausbildung der Hüttenwarte, plädiert dafür, dass in jeder Hütte ein «Allergie-Kit» vorhanden ist, das zumindest ein Antihistami­nikum vom Typ Cerzin-Mepha 10 mg und ein Kortikoid wie Prednison 50 mg enthält. Idealerweise sollten Hütten­warte ihren Medikamentenvorrat mit einem EpiPen ergän­zen, einer Fertigspritze zur Verabreichung von Adrenalin, dem «einzigen wirklich wirksamen Medikament» im Fall einer schweren Allergie. Der Nachteil: «Dieses Medikament ist ziemlich teuer und nicht sehr lange haltbar», erklärt der Spezialist.

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