Wenn die Berge den Glanz verlieren Belastende Ereignisse lassen sich bewältigen

Unfälle und Katastrophen schleudern Menschen aus ihrem vertrauten Leben. Das kann starke psychische Reaktionen auslösen. Sie gehen meist vorbei – und werden auf immer Teil unserer Biografie.

Ein Pfarrer spricht ein paar Worte, ein Alphorn erklingt. Sonst herrscht stille Andacht unter den fünfzig Menschen, die sich am 11. September 2011 auf dem Chummli treffen. Ein Unglück hat sie hierher geführt. Passiert ist es am 3. Januar 2010. Es hat sieben Menschen das Leben gekostet und einen wenig bekannten Bergnamen berühmt gemacht: den Drümännler im Diemtigtal.

Silvia Rubi hat den Gedenkanlass mitorganisiert. Sie hatte an jenem schwarzen Sonntag die Tour des Skiclubs Rubigen aufs benachbarte Bodezehore geleitet. 27 Clubmitglieder waren dabei gewesen. Nur 25 kehrten zurück.

Das Hirn schaltet ab

Das Unglück hatte für Silvia Rubi mit einem Schrei begonnen. Eine Frau aus einer andern Skitourengruppe stiess ihn aus, als sie sah, wie ihr Partner von einem Schneebrett mitgerissen wurde, das ins Chummli hinabdonnerte. Drei Leute aus Rubis Gruppe eilten zu Hilfe, während sie per Funk alarmierte. Bald war der Verschüttete geborgen und die Rega mit Helikopter und Notarzt da.

Ein Bild hat sich Silvia Rubi, die etwas erhöht stand, eingeprägt: Die Helfer, die wie farbige Punkte auf dem Lawinenkegel verstreut waren. Eine halbe Stunde nach der ersten Lawine folgten gleichzeitig zwei weitere. Eine radierte die farbigen Punkte aus, drei davon waren ihre Kameraden! Dann war sie für lange Zeit nur noch Funktion. Geübt in der Lawinenrettung, fand sie rasch ein LVS-Signal und schaufelte, schaufelte, schaufelte. Rund um sie herum arbeiteten die anderen ebenso fieberhaft. Zweieinhalb Meter hoch lag der Schnee. Nach über einer Stunde waren sie zum Erstverschütteten, seiner Frau und dem Notarzt vorgedrungen, zu spät für den Rega-Arzt.

«Ich spürte in dieser Zeit keine Emotionen, ich merkte kaum, was um mich herum vor sich ging», erinnert sich Rubi. Erst am Abend, nach einem Telefongespräch mit ihrem Bruder, sei sie zu sich gekommen und habe realisiert: «All das ist wirklich passiert.»

«Typische Reaktionen», sagt die Notfallpsychologin Barbara Fehlbaum von der Stiftung CareLink. «Ein Gehirn, das mit einer extremen, unbekannten Situation konfrontiert wird, macht eine Notabschaltung.» Die eine Aufgabe, die man dann habe – hier das Retten – werde zum Wichtigsten auf der Welt, alles andere werde ausgeblendet. Dass Rubi die Lawinenrettung beherrsche, sei dabei ein Riesenvorteil: «Die Überzeugung etwas Nützliches tun zu können, hilft in dieser Situation sehr.»

Schlaflos

Die nächsten Wochen waren für Silvia Rubi bitter und hart. Tagsüber war Silvia Rubi beschäftigt: Die Polizei, Freunde und Angehörige wollten Auskunft. Der Clubvorstand traf sich regelmässig, die administrative Abwicklung des Unglücks war aufwendig, es mussten Kränze organisiert werden, Beerdigungen fanden statt. Nachts fand sie wochenlang keine Ruhe, trotz Medikamenten. Als sie nach zehn Tagen wieder zu arbeiten begann, hatte sie das Gefühl, «von sehr weit her zu kommen» und nicht effizient zu sein.

«Das sind normale Reaktionen, die durch biologische Abläufe ausgelöst werden», sagt Barbara Fehlbaum. Und zählt weitere mögliche Folgen auf: Bilder des Ereignisses, die sich im Wachen oder im Träumen ungewollt aufdrängen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Traurigkeit, Ohnmacht, Ängste. Nicht selten sei, dass man alles zu vermeiden suche, was einen mit dem Ereignis wieder in Verbindung setzen könnte: Gedanken, Gefühle oder Gespräche über das Erlebte; Orte oder Menschen, die einen daran erinnern. Häufig fehlten in der Erinnerung Teile des belastenden Vorfalls. «Bis einen Monat nach dem Ereignis deuten diese Reaktionen keineswegs auf eine psychische Störung hin», erklärt Fehlbaum. Man ist nicht verrückt, sondern erschüttert. «Dauert es länger, sollte man professionelle Hilfe holen.» Sonst könne aus einer normalen Reaktion eine chronische Störung werden, die schwieriger zu behandeln sei.

Reden ist Gold

Auch die ganz normalen Reaktionen sind schon eine Belastung. Sie lässt sich mildern. «Vielen hilft es, über das Erlebte zu sprechen. Gespräche mit der Familie oder Menschen, die einem nahe stehen, sind etwas vom Wichtigsten», sagt Fehlbaum. Für Silvia Rubi wurden Freunde und die Kameraden aus dem Skiclub die wichtigsten Gesprächspartner. Der Club habe einwandfrei funktioniert: «Wir sind wie eine Familie.» Fünf Wochen nach dem Unglück leitete Silvia Rubi wieder eine Tour. «Ich habe mich dazu gezwungen», sagt sie. Und musste feststellen, dass es nicht mehr war wie sonst: «Wo ist der Glanz geblieben?», fragte sie sich während der folgenden Touren beim Blick auf die Berge. Die durchtrainierte Frau hatte über Wochen kaum mehr Energie zu ihrer Verfügung und – sonst kälteresistent – fröstelte sie nun so ziemlich immer.

«Wir empfehlen, so rasch wie möglich wieder in den gewohnten Alltag zurückzukehren, auch wenn er einen zu Beginn weniger interessiert als vor dem Ereignis», sagt Barbara Fehlbaum. Wann der richtige Zeitpunkt sei, lasse sich jedoch nur individuell beantworten. Es sei von Vorteil, sanft einzusteigen. «Und man muss wissen, dass es Reaktionen geben kann.» Auf den Touren «danach» seien immer wieder mal Tränen geflossen, erzählt Rubi. Nicht nur bei ihr.

Schuldgefühle

Alle ihre Clubkameraden, auch der überlebende Verschüttete, gehen wieder auf Skitour. Für Silvia Rubi ist das eine enorme Erleichterung. Denn es gibt etwas, das sie bis heute umtreibt: die Verantwortung. Sie war die Tourenleiterin, sie hat ihre Kolleginnen und Kollegen auf den Berg und zur Lawine geführt. Rational betrachtet, scheint alles klar: Sie hatte das Risiko nach allen Regeln der Kunst eingeschätzt und entsprechend gehandelt. Sie wollte die Tour auf dem Chummli sogar abbrechen. Und doch: Gänzlich verscheuchen lässt sich das Schuldgefühl nicht. «Die Schuld hat zwei Gesichter», sagt Fehlmann. «In der Akutphase ist sie eine Hilfe.» Wenn man sich schuldig fühle, sei man handlungsfähig, sie minimiere das Gefühl der Hilflosigkeit. Dafür bekomme man es später mit Schuldgefühlen zu tun. «Wenn sie nach einer gewissen Zeit nicht abklingen, sollte man es seriös mit einer Traumatherapie angehen», rät die Notfallpsychologin.

Es geht vorbei

Die Freunde, mit denen Silvia Rubi so viele Stunden, Tage und Wochen verbracht hatte, fehlen. Sie haben eine Lücke hinterlassen. Eine Lücke, die ihr bewusst wird, wenn sie alte Fotos anschaut, wenn sie sich an gemeinsame Erlebnisse erinnert, wenn sie spürt, wie sich das Gefüge im Skiclub verändert hat. «Das schmerzt.»

«Irgendwann tut die Erinnerung nicht mehr so weh», sagt Barbara Fehlbaum. Je nach Menschentyp und je nachdem, wie man das Ereignis verarbeite, könne es mehr oder weniger lange dauern: «Aber der Schmerz geht vorbei.» Was nicht verschwindet, ist die Erinnerung. «Das Unglück wird ein Teil der Biografie.» Das weiss Silvia Rubi: «Das nehmen wir ein Leben lang mit.»

Hier gibt es Unterstützung

Wer nach einem traumatischen Ereignis Hilfe braucht, kann sich an eine ganze Reihe von Institutionen und Personen wenden:

– Hausärzte, Hausärztinnen

– Seelsorger und Seelsorgerinnen der Gemeinde

– Psychiater, Psychologen, psychiatrische Kliniken

Notfallseelsorge: Unter der Website www.notfall-seelsorge.ch finden sich für die meisten Kantone Kontaktadressen von Notfallseelsorgern und den kantonalen Care Teams. In einigen Kantonen sind Notfallseesorge und Care Team über die Telefon-nummer 144 zu erreichen.

Die Dargebotene Hand: Telefonnummer 143, www.dargebotene-hand.ch

CareLink (www.carelink.ch, 044 803 31 50) gibt Adressen von geeigneten Stellen und Personen in der ganzen Schweiz ab.

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