Wenn die Skitour in die Tiefe führt Eine Lektion in Höhlenforschung

Wie wärs, für einmal die Berge in umgekehrter Richtung zu erforschen? Im Karstgebiet Folliu im Greyerzerland verwandelte sich unser Redaktor vom Skitourengänger in einen Höhlenforscher.

Schwarz. Es ist schwarz unter meinen Füssen. Der Boden – verschwunden. Aber ich weiss, dass er 10 Meter unter mir ist. Über meinem Kopf beleuchtet der Strahl der Stirnlampe das halbstatische Seil, das als einziges Mittel Sicherheit bietet. Es verschwindet weitere 10 Meter über mir in einem Riss im Höhlendach. Wie eine ungeschickte Raupe krieche ich mühsam aufwärts und bin mir bewusst, dass mein Leben an einem Faden hängt. Eine Hand an der Seilbremse, steige ich mithilfe der Trittschlinge auf. Und hopp, bin ich ein paar Zentimeter weiter oben, nicht ohne dass es mich um die eigene Achse gedreht hätte. Keuchend sitze ich in meinem Sitzgurt und lasse meine übersäuerten Arme baumeln, um mich auszuruhen. Man hatte mir zwar gesagt: «Alles mit den Beinen, wie beim Klettern.» Aber hier, im «Puits des superlatifs», rund 130 Meter unterhalb der eingeschneiten Kuhweiden in der Dunkelheit hängend, bin ich unter Stress, weil ich mich an nichts orientieren und halten kann. Da ist es schwer, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Besessen vom Erdinnern

Schon seit drei Stunden dringen wir ins Höhlensystem Folliu ein, das irgendwo in den Tiefen des Folliu Borna zwischen den Greyerzer Gipfeln Dent de Lys und Vanil des Artses liegt. Drei Stunden, in denen wir dem Lauf des Wassers folgen. Es versickert im karstigen Boden und tritt im Grund des ­Intyamon-Tals nach einer langen unterirdischen Reise wieder zu­tage, während der es mit all seiner Kraft ein wahres Labyrinth in den Fels gräbt. Sozusagen Emmentalerkäse im Greyerzerland!

Von diesem Gewirr aus Rissen und Höhlen ist eine Handvoll Höhlenforscher aus der Romandie seit 15 Jahren geradezu besessen. Die «Folliu Bornés», so nennen sie sich selber, haben dieses kilometerlange Labyrinth erforscht und bis jetzt eine maximale Tiefe von mehr als 500 Metern unter der Oberfläche erreicht. Bei Michel und Jacques Demierre, den Führern meines Schnuppertags, löst die Höhlenforschung Euphorie aus: «Du bewegst dich in unbekanntem Gelände.» Man wisse nie, was man unter Tage entdecke, wie schwierig die Tour werde: «Wenn du zum ersten Mal in einen Schacht hinabsteigst, weisst du nicht, ob du den Moléson besteigst oder den Mount Everest.» Sicher sind sich die Höhlenforscher nur in einem: Dass sie eines Tages den unterirdischen Fluss erreichen werden, der das Wasser aus dem ganzen immensen System sammelt. Und dank ihnen wird der Untergrund einen Teil seines Geheimnisses preisgeben, das er immer noch birgt. Doch heute steht nicht Forschung auf dem Programm, sondern vielmehr ein Frühlingsspaziergang. Eine ideale Zeit, weil noch keine Gewitter und somit Wasser­einbrüche drohen.

Ein unterirdischer Hindernisparcours

In den Gängen, die die «Folliu Bornés» bis in die letzten Winkel erforscht haben, kennen sie jede Stelle mit Namen. Im Unterschied zu den langen Forschungsunternehmungen bewegen sie sich hier auf vertrautem Terrain. Zuvor montierte Fixseile erleichtern das Vorankommen. Wir besuchen Saal um Saal, Schacht um Schacht. Hier und da erfordert ein Hindernis ein wenig Kraxeln oder leichtes Hinabklettern. Neben dem leisen Geräusch des tropfenden Wassers ist einzig das Klirren der Karabiner und des übrigen Materials zu hören.

Beim Abseilen verliere ich die Begleiter aus den Augen, bevor ich an der nächsten Kante wieder ein paar Worte mit ihnen wechseln kann. Ich hänge am Seil und warte darauf, dass es freigegeben wird. «Frei!» Bei diesem Ruf, der die Finsternis durchschneidet, steigt die Spannung um eine Stufe an. Ich drücke auf die Abseilbremse, gleite am Seil abwärts und komme in einen weiteren Saal. Der Schein meiner Stirnlampe streicht über den Fels. Hier tauchen Silexadern auf, dort glitzert es kristallin. Und plötzlich eine Überraschung: Vor mir scheint eine Fledermaus zu schlafen, unbeweglich an den Füssen aufgehängt. «Sie macht Winterschlaf», erklärt mir Jacques Demierre. «Schon bald wacht sie wieder auf und holt sich Futter ausserhalb der Höhle.»

Klaustrophobie

Manchmal macht das Staunen der Beklemmung Platz, dann nämlich, wenn mein Körper, eingeklemmt in einer Engstelle, endgültig im Erdinnern steckenzubleiben droht. Ich versuche, den Kopf zu drehen. Unmöglich. Sich mit den Füssen abzustossen ist nur sinnlose Energieverschwendung. Und wenn der Körper schliesslich doch durchzuschlüpfen scheint, bleibe ich mit dem Klettergurt hängen. «In diesem Fall heisst es, erst einmal entspannen und sich lang machen», hatte mich Michel Demierre belehrt, bevor wir den ersten Engpass angingen. «In den Gängen zirkuliert Luft, es besteht also keine Gefahr zu ersticken.» Deshalb denke ich: «Die anderen sind durchgekommen, weshalb also sollte ausgerechnet ich steckenbleiben, so schmal wie ich bin? Und überhaupt: Wer ausser du selber könnte dich hier wieder herausholen?» Ich verliere mich in Mutmassungen. Als ich schon denke, der Kampf sei vergeblich, bin ich draussen; ein kleiner Schub mit der Ferse oder eine Verlegung des Arms um wenige Zentimeter reichen, um mich aus diesem schwierigen Durchgang zu befreien.

Aus der Finsternis zum Sternenhimmel

Der «Puits des superlatifs» ist bezwungen, und es bleiben noch 100 Meter Schächte und Gänge zu bewältigen. Langsam drückt die Erschöpfung auf die Motivation. Während meine Forscherkameraden wohl schon dem nächsten Ausflug in die Tiefe entgegenfiebern, träume ich von frischer Luft. Wie zur Bestätigung tauchen Eiszapfen auf, während ich in einem schmalen Gang aufsteige. Das Zeichen trügt nicht. Die Luft, deren Temperatur in der Tiefe nie unter 5 °C sinkt, wird merkbar kühler, je näher man der Oberfläche kommt. Mein nasser Overall gefriert. Bald pflüge ich durch den Pulverschnee. Sieg! Überraschung auch: Über meinem Kopf prangt statt des blauen Himmelszelts ein Sternenhimmel. Das heisst, dass sechs Stunden vergangen sind, seit wir beim Eingang «Gouffre de la voie lactée» (Milchstrassenhöhle), etwa 200 Meter von hier, eingestiegen sind.

Mehr Infos ...

Verein Folliu Bornés: http://afb.speleologie.ch/

Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung: www.speleo.ch

Weitere Artikel in «Die Alpen»: Alexandre Vermeille,

«Höhlenforscher auf dem Gipfel», 3/2014; Rémy Wenger, «Erforschung der unterirdischen Schweiz», 5/1997

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