Wie ein Land sich seine Berge vorstellt Der Schweizer Bergfilm im ALPS

Als begehbaren Bergfilm konzipiert das Alpine Museum seine Schau «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge»: 100 Jahre Schweizer Bergfilm werden in einem temporeichen, höchst ­unterhaltsamen Mon­tage­film in 60 Minuten zusammengefasst.

Der Bergfilm ist ein Hauptgenre des Schweizer Kinos. Er ist der Western der Schweiz. Und wie der Western des amerikanischen Kinos ist der Schweizer Bergfilm immer auch Heimatfilm. Er handelt von den eigenen Dingen und Angelegenheiten, er blendet zurück in die eigene Geschichte, pflegt nationale Mythen und zelebriert die Schönheit der Landschaft.

Grosse Dramen

Ist vom Schweizer Bergfilm die Rede, bedarf es allerdings einer Differenzierung: Die meisten in den letzten gut 100 Jahren gedrehten Schweizer Bergfilme sind keine Genrefilme im eigentlichen Sinn – es sind keine Dramen um den Kampf am Berg. Selbstverständlich gab es sie auch, die grossen Bergdramen. Eines davon ist La croix du Cervin von Jacques Béranger aus den 1920er-Jahren, ein erster, allerdings gescheiterter Versuch, in der Westschweiz industrielle Produkti­onsstrukturen zu eta-blieren. In den 1930er-Jahren drehte August Kern Die Herrgottsgrenadiere und Die weisse Majestät, Victor Vicas in den späten 1950er-Jahren in den Walliser Alpen SOS – Gletscherpilot, in dem Gletscherpilot Hermann Geiger zum Retter einer Gruppe exzentrischer Bergsteiger wird.

In den Rahmen des Bergfilms passen auch die Heidi- und die Tell-Verfilmungen. Und – wenngleich mit anderem ideellen Hintergrund – das Historiendrama Landammann Stauffacher, 1941 von Leopold Lindtberg realisiert, ein pathetisches Heldenepos mit Heinrich Gretler in der Titelrolle – moralische Aufrüstung in schwierigen Zeiten.

Gegen die Berge andrehen

Vier Jahre später drehte Lindtberg Die letzte Chance, die Geschichte einer Flüchtlingsgruppe, die sich im Winter auf den Weg über die Alpen zur Schweizer Grenze macht. Auch dies ein Bergfilm, aber kein Heimatfilm, sondern einer über Heimatlose. Die letzte Chance steht programmatisch für jene Art von Bergfilmen, die in der Schweiz meistens gedreht wird: keine «Bergfilme», sondern in den Bergen gedrehte Filme. Im Bergland Schweiz kommt ein Filmer oder eine Filmerin gar nicht darum herum, in den Bergen zu drehen. Wie Endo Anaconda von der Berner Gruppe Stiller Has gegen die Berge ansingt, drehen die Filmer gegen sie an. Bergfilme sind in der Schweiz oft nicht Genre­filme, sondern Alltagsgeschichten, soziale Dramen, Komödien. Sie handeln in den Bergen, weil die Menschen, von denen die Autorinnen und Autoren erzählen wollen, dort leben. Oder vielleicht leben sie in der Stadt und sehnen sich nach den Bergen. Oder sie kommen aus den Tälern und wollen nie mehr zurück. Oder sie wollen überhaupt auf und davon und über alle Berge. Der Schweizer Film der vergangenen 50 Jahre lebt vom Verhältnis seiner Protagonisten zu den Bergen – in ­Daniel Schmids Violanta (1977) und Xavier Kollers Der schwarze Tanner (1985) ebenso wie in Alain Tanners Messidor (1979), Christian Schochers Reisender Krieger (1981) oder Fredi M. Murers Höhenfeuer (1985).

Bergtour durch Kitsch und Kunst

Unter dem Titel «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge» lädt das Alpine Museum zur Weltpremiere des ersten begehbaren Bergfilms. Mit Ausschnitten aus rund 100 Spiel-, Animations- und Kurzfilmen aus gut 100 Jahren nehmen die Ausstellungsmacher und ihre Partner aus der Filmbranche die Besucherinnen und Besucher nicht nur mit auf einen Gang durch die Geschichte des Schweizer Films, sondern überhaupt auf eine Reise durch unser Land. Oder, besser gesagt, durch die Vielzahl von Bildern, die sich dieses Land vom Leben in den Bergen im Lauf eines Jahrhunderts gemacht hat.

Der Montagefilm ist nach einem Skript von Drehbuchautor und Theatermacher Antoine Jaccoud entstanden. Er schrieb auch das Buch zu Home, dem mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichneten Spielfilm-Erstling der Regisseurin Ursula Meier. Die Pupillen erweitern sich tatsächlich rasch: Temporeich werden Genres und Zeiten durcheinandergeschüttelt, ohne Respekt gegenüber grossen Namen, ohne Scham gegenüber Kitsch und Peinlichkeit. Aber mit einem ironisch-vergnüglichen Unterton und ­einem wohltuend unbekümmerten Umgang mit der Schweizer Filmgeschichte.Vorgeführt wird der Montagefilm auf einem rund einstündigen Rundgang durchs Museum, aufgeteilt in zehn Kapitel, die mit dem Ruf der Berge und dem zweifelnden Aufbruch beginnen. Danach folgen der Aufstieg und die Idylle der Zwischenstation in der heilen Alpwelt. Die Tour führt schliesslich – wie der klassische Bergfilm es vorschreibt – in die Katastrophe und die Gipfel-Leere. Sie endet mit dem Abstieg und der Heimkehr. Eine (fiktive) Bergtour.

Die Ausstellung

3. Oktober bis 7. August 2016, www.alpinesmuseum.ch

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